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Fortuna Düsseldorf und der Erinnerungskoffer

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Im Gespräch mit Klaus Lindemann vom Caritasverband Düsseldorf über ein ganz besonderes „Fan-Projekt“

Hallo Herr Lindemann, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Klaus Lindemann, ich bin 52 Jahre alt. Seit 1992 arbeite ich in verschiedenen Zusammenhängen mit Menschen mit Demenz. Damals habe ich einen Studentenjob in einer gerontopsychiatrischen Einrichtung angetreten. Die Arbeit mit Menschen mit Demenz hat mich so begeistert, dass der „Studentenjob“ nach kurzer Zeit zu meinem Hauptberuf wurde und ich mich schließlich zu einer Ausbildung zum Krankenpfleger entschloss. Nach beruflichen Stationen in Deutschland und Griechenland habe ich mich dann nochmal zu einem Studium der Psychologie entschieden. Seit 2012 bin ich Standortverantwortlicher Demenz beim Caritasverband Düsseldorf. Meine Schwerpunkte liegen in den Bereichen Männer und Demenz, ich leite die Männergruppen „Anpfiff“ und „Halbzeit“, sowie Migration und Demenz, ich bin für den Caritasverband Mitglied im Interkulturellen Demenz-Netzwerk Düsseldorf. Außerdem bin ich Projektmanager eines Projekts auf Ebene des Demenznetzes Düsseldorf: „Prävention im Quartier – Aufmerksam Sorgen Stärken (PiQ-ASS)“, ein Projekt zur Konflikt- und Gewaltprävention in der Häuslichkeit von Menschen mit Demenz und betreuenden Angehörigen.

Vor ein paar Tagen bin ich auf ein tolles Projekt für Menschen mit Demenz gestoßen: Einen sogenannten Erinnerungskoffer vom Fußballverein Fortuna Düsseldorf. Sie begleiten dieses Projekt. Was beinhaltet der Koffer und wie ist es zu der Idee für dieses Projekt gekommen?

Bei der Beschreibung, wie es zu der Idee gekommen ist, muss ich etwas ausholen. Stefan Felix, der Behindertenbeauftragte von Fortuna Düsseldorf, ist in England auf Projekte gestoßen, bei denen sich Fußballvereine um Fans mit Demenz kümmern. Er hat dann überlegt, wie man das auf Deutschland übertragen und wie Fortuna Düsseldorf als Verein sich auf diesem Feld engagieren kann. Mit der Idee des Erinnerungskoffers ist er dann über das Demenz-Servicezentrum der Stadt Düsseldorf an das Demenznetz Düsseldorf herangetreten. So ist auch der Kontakt u. a. zum Caritasverband Düsseldorf entstanden. Wobei er mit dem Projekt natürlich gerade bei den Männergruppen offene Türen eingerannt hat. In der Folge entwickelte sich in der Zusammenarbeit zwischen Fortuna und den Akteuren des Demenznetz Düsseldorf schnell ein Konzept, bei dem es erstmal darum ging, was genau in diesen speziellen Erinnerungskoffer gehört. Außer Fußballbildern und Fotos von bekannten Spielern, Eintrittskarten und Plakaten vergangener Jahre enthält der Koffer auch Fanutensilien, wie Schals, Fahnen und Wimpel. Außerdem befinden sich darin Gegenstände, die direkt mit dem Spiel zu tun haben, z. B. Trikots, Fußballschuhe oder Bälle. Natürlich sind das alles keine originalen Gegenstände der 30er bis 80er Jahre, die musealen Wert haben, sondern Reproduktionen oder neuere Gegenstände, wie die original Fußballschuhe eines Aufstiegshelden von 2012. Einiges, wie Fahnen oder Schals, ist von Fans der Fortuna extra für den Erinnerungskoffer selbst hergestellt worden und mutet an wie vor 40 oder 50 Jahren, als es noch nicht alles zu kaufen gab. Wichtig ist bei der Auswahl der Gegenstände, dass sie geeignet sind Erinnerungen zu aktivieren.

Welcher Grundgedanke für die Begleitung von demenziell veränderten Menschen steckt dahinter?

Stefan Felix ging es zunächst darum, demenziell veränderte Fans von Fortuna Düsseldorf zu unterstützen. Das Projekt Erinnerungskoffer dient in diesem Sinne erst einmal dem Zweck, dass Fans mit Demenz nicht ausgegrenzt werden und aktiv am Vereinsleben teilhaben können. Aufgrund der biographischen Bedeutung, die Fußball haben kann – das Interesse für Fußball und die Anhängerschaft zu einem Verein beginnen meist im Kindesalter und halten dann oft ein Leben lang an – können wir Fußball und gerade lokale Fußballvereine natürlich als Ressource für Menschen mit Demenz nutzen. Das gilt vor allem, wenn man bedenkt, dass ein Verein wie Fortuna Düsseldorf in Düsseldorf einen ganz besonderen Stellenwert hat und viele Ältere sich beispielsweise noch an den Tabakladen von Erich Juskowiak (ehem. Spieler der Fortuna und Nationalspieler der 50er Jahre) erinnern.

Was können die Andenken aus dem Erinnerungskoffer bei den Betroffenen bewirken?

Aufgrund der nicht nur biographischen Bedeutung von Fußball und Fortuna können wir damit bei den Betroffen zunächst Interesse wecken und einen Kontakt zu ihnen herstellen. Darüber hinaus können wir mit den Andenken persönliche Erinnerungen erhalten, teilweise sogar länger verschüttete, z. B. an frühere Stadionbesuche, wieder freigelegen. Durch die Fokussierung auf das Thema Fortuna Düsseldorf können Gespräche und Stimmungen entstehen, in denen die besuchten Menschen mit Demenz sich als gleichwertige Gesprächspartner empfinden, evtl. sogar zu gefragten Experten in Sachen Fußball werden. Dadurch steigen Wohlbefinden und Selbstbewusstsein der Betroffenen, teilweise wird sogar der Erhalt der Persönlichkeit unterstützt.

Die Besuche mit dem Erinnerungskoffer werden von geschulten Ehrenamtlichen in Senioreneinrichtungen durchgeführt. Wie können wir uns diese Besuche vorstellen?

Konkret sieht das so aus, dass wir im Rahmen unserer Demenzcafes, also im Schutz des gewohnten Umfeldes, Besuch von der Fortuna, in Person von ein oder zwei Ehrenamtlern, bekommen. Dieser Besuch von „der Fortuna“ ist gerade in den Männergruppen für viele fast ein offizieller Anlass, auf den sich unsere Gäste sehr freuen. Nach einer kurzen „Schnupperphase“, meistens bei Kaffee und Kuchen, wird dann der Koffer geöffnet und die Erinnerungsgegenstände werden herumgereicht. Dabei können Ehrenamtler und Gäste in einen aktiven Austausch gehen, und wenn es die Kommunikationsfähigkeit zulässt, entsteht in lockerer Atmosphäre ein Gespräch auf Augenhöhe. Manchmal erinnert ein Besuch mit dem Erinnerungskoffer an die lebhaften Diskussionen, die früher montags in der Frühstückspause geführt wurden, wenn die Fußballergebnisse des Wochenendes durchgegangen worden sind. In solchen Momenten können wir die integrative Kraft, die der Fußball haben kann, spüren.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie, bzw. Ihre Mitarbeiter, aus der Praxis?

Aus den Männergruppen kann ich berichten, dass durch den Stellenwert, den Fortuna Düsseldorf als lokale Marke und Verein in Düsseldorf hat, die Besuche sehr positiv aufgenommen werden. Für viele Gäste ist ein Besuch mit dem „Fortunakoffer“ ein absolutes Highlight.

Ist Fortuna Düsseldorf der einzige Fußballverein, der ein solches Projekt umgesetzt hat?



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Es gibt noch Projekte in Gelsenkirchen und vor allem in Bielefeld, die das Thema Vereinsfußball als Ressource für Menschen mit Demenz nutzen. Die Kooperation von Fortuna Düsseldorf als Fußballverein und Demenznetz Düsseldorf ist allerdings ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Wobei Stefan Felix berichtet, dass das Projekt auf der letzten Fachtagung der Behindertenvertreter der Bundesligavereine mit viel Interesse aufgenommen wurde und auch andere Vereine darüber nachdenken, im Feld Demenz tätig zu werden.

An wen können sich interessierte Einrichtungen wenden? Muss man bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um an dem Projekt teilnehmen zu können?

Interessierte können sich direkt an Fortuna Düsseldorf wenden (erinnerungskoffer@f95.de), dort werden die Einsätze mit dem Erinnerungskoffer koordiniert. Weitere Informationen gibt es bei: https://www.f95.de/aktuell/news/jugend/detail/22696-der-erinnerungskoffer-von-fortuna-duesseldorf/5e2aaec1ac6c4726b46c880ee946ba5b/

Besuchen Sie auch demenziell veränderte Menschen, die noch zuhause leben?

Mittelfristig ist es beabsichtigt, dass geschulte ehrenamtliche Helferinnen und Helfer der Fortuna Menschen mit Demenz in ihrem eigenen zu Hause besuchen. Aktuell ist schon die erste Schulungsreihe des Demenznetzes Düsseldorf angelaufen, an der auch Ehrenamtliche von Fortuna Düsseldorf teilnehmen.

Können Sie vielleicht eine kleine Anekdote oder Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit dem Erinnerungskoffer erreichen können?

Eine interessante Anekdote aus der Männergruppe „Halbzeit“ war, als ein Gast von seinen Stadionbesuchen im alten Stadion am Flinger Broich erzählte. Das war zu einer Zeit, als das Rheinstadion bereits existierte. Was keiner der Anwesenden wusste: Beide Stadien sind in den 70ern einige Zeit parallel benutzt worden. Der Herr konnte sich in der Situation als Experte präsentieren, dessen Fachwissen sogar dem der „offiziellen“ Fortuna-Fans überlegen war. Ein anderes Ereignis aus der Gruppe „Anpfiff“ zeigt besonders gut, wie das Projekt wirken kann. Dort erinnerte sich bei dem Besuch mit dem Erinnerungskoffer einer noch an seine eigenen Spiele als Mittelstürmer in der damaligen vierten Liga. Bei einem Spiel ist er gegen den späteren Trainer von Fortuna Düsseldorf, einen gewissen Otto Rehhagel, angetreten. Er berichtete, dass „der Rehhagel bei TuS Helene eigentlich noch A-Jugend spielen durfte. Aber der war damals schon so gut, dass er in die Seniorenmannschaft hochzogen wurde.“ Jedenfalls war „der Rehhagel“ so gut, dass er keine Chance gegen ihn hatte, und erst eine taktische Umstellung, die er selbst angeregt hatte, sorgte noch für ein Unentschieden.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass das Beispiel von Fortuna Düsseldorf Schule macht und von anderen Vereinen, auch anderer Sportarten, aufgegriffen wird. So könnten weitere Projekte entstehen, bei denen „lokale Marken“ ihren gesellschaftlichen Stellenwert einbringen, damit einerseits Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen direkte Unterstützung erhalten und andererseits das Thema Demenz stärker in die öffentliche Wahrnehmung gebracht wird. Und zwar so, dass Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen sich ernstgenommen fühlen, ihnen Perspektiven aufzeigt werden und Verbindungen zu Unterstützungssystemen entstehen können.

Herzlichen Dank, Herr Lindemann!!!

Zur Internetseite: https://caritas.erzbistum-koeln.de/duesseldorf-cv/betreuung_pflege_senioren/demenz/



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memomix® Aus dem Nähkästchen plaudern

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Im Gespräch mit Anja Weitenberg über ihr Lege- und Erzählspiel für Senioren und Menschen mit Demenz

Hallo Frau Weitenberg, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Anja Weitenberg. Ich bin 48 Jahre alt und arbeite seit vielen Jahren als Sprachbildungskraft in einer Kindertageseinrichtung. Die Weiterbildung zur Fachwirtin im Erziehungswesen habe ich 2014 absolviert. Der Wunsch, viele große und kleine Menschen für die deutsche Sprache zu begeistern, ließ mich den Schritt in die Selbstständigkeit gehen und memomix zu gründen. Als Sprachbildungskraft bin ich mit einer halben Stelle in einer Sprach KiTa tätig. Lange war ich auf der Suche nach geeignetem Spiel- und Lernmaterial im Bereich der Sprachbildung, nicht nur für unsere KiTa-Kinder, sondern auch im Bereich der Erwachsenen Bildung. Da ich nicht fündig wurde, habe ich eine eigene Idee in die Tat umgesetzt.

Sie haben mit „memomix® Aus dem Nähkästchen plaudern“ ein Spiel für Senioren entwickelt, das die Konzentration und das Sprechen, bzw. das Erzählen anregen soll. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Meine Patentante erkrankte vor einigen Jahren an Demenz. Somit erreichte auch uns familiär dieses Thema. Wenn ein Mensch, so wie sie es ist, Zeit ihres Lebens ihre „Frau“ gestanden hat und einen elterlichen Betrieb geführt hat, war es mir ein Anliegen, ihr auch in fortgeschrittenem Alter, gerecht zu werden. Der Wunsch, mit ihr im Gespräch zu bleiben, sich noch lange an Dinge und Erlebnisse zu erinnern, hat mich animiert, das Spiel zu entwickeln.
In der Arbeit mit Kindern geht darum,den Wortschatz zu erweitern – im Bereich der Arbeit mit Menschen mit Demenz geht es darum, den Wortschatz zu erhalten. Das war die Herausforderung für das Spiel mit Senioren.

Welche Materialien gehören zu memomix® und welche Möglichkeiten gibt es, diese einzusetzen?

12 Platzkarten und 48 Foto-Legekarten sind in einem festen Spielkarton verpackt. Jeweils 4 Fotokarten werden je nach Themenbereich den Platzkarten zugeordnet. Eine Spielanleitung beinhaltet neben vielen Fragen zu den einzelnen Fotokarten auch auf jeder Seite einen TIPP mit Liedern, Gedichten oder Rätselfragen. Alle Anregungen sind eine wunderbare Ergänzung und können spontan ohne viel Vorbereitung vorgelesen oder gemeinsam gesungen werden.

Welche Ziele können mit dem Einsatz der memomix®- Karten verfolgt werden?

Zahlreiche Themen mit allen Sinnen zu erfahren, wahrzunehmen, wiederzuerkennen und dabei „zur Sprache zu kommen“ macht memomix-Spiele aus.
Die Bildkarten von memomix sind mit dem Nomen und dem dazugehörigen Artikel beschriftet und ermöglicht den Betreuten, denen es noch gelingt, die Beschriftung zu lesen ihre Fähigkeit des Lesens so lange wie möglich zu erhalten. Neben alltäglichen Gegenständen und Situationen, enthält dieses Spiel Erzählkarten mit damaligen Fotos, um zu Gesprächen anzuregen und sich zu erinnern. Das Gedächtnis wird aktiviert. Vergessene Wörter sind wieder gegenwärtig und geben den Senioren ein Stück Sicherheit zurück.
Schön ist es wenn Angehörige gemeinsam memomix spielen und mit den Senioren ins Gespräch kommen. Die Enkelkinder können so von Ihren Großeltern bereichert werden, indem sie den Geschichten der älteren Menschen lauschen und Zeit gemeinsam verbringen.

Warum eignet sich memomix® so gut für die Begleitung von Menschen mit Demenz?

memomix – Aus dem Nähkästchen plaudern umfasst Fotokarten, die von ihrer Materialbeschaffenheit besonders gut zu greifen und begreifen sind. Die Größe der Fotokarten von 9 x 9 cm und 3 mm Stärke kann gut vom Tisch aufgenommen und betrachtet werden. Übersichtliche Motive werden erkannt und beschrieben. Die Kaschierung der Karten mit Mattfolie sorgt für Langlebigkeit und eine gute Haptik. Alle Karten sind abwischbar. Das Besondere der 12 Platzkarten ist eine Softtouch-Folie, die von beiden Seiten aufgeklebt wurde. Diese lässt die abgelegten Fotokarten nicht verrutschen und bleibt dadurch gut auf dem Tisch liegen.
Mir war es wichtig, ein Spiel auf den Markt zu bringen, das das Betreuungspersonal in ihrer wertvollen Arbeit unterstützt, nicht zusätzlich Arbeit macht und man sofort mit dem Spielen beginnen kann.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von Pflege- und Betreuungskräften und den Angehörigen?

Die Pflege- und Betreuungskräfte setzen das Spiel gerne in den Beschäftigungsrunden ein. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass je nach Demenz-Stadium die Teilnahme unterschiedlich ist.
Positiv bewertet wird zum einen die Flexibilität der Spielvarianten, insbesondere die Möglichkeit der Teilnehmenden sowohl auch die Ansprache der unterschiedlichen Sinne, wenn die Tipps aus der Spielanleitung zum Einsatz kommen. Wir Menschen haben ja alle unterschiedlich ausgeprägte Sinneswahrnehmungen. So ist für jeden was dabei.
In geriatrischen Kliniken wird memomix auch zur Überprüfung des Demenzstadiums eingesetzt.
Ich habe Logopäden und auch Ergotherapeuten, die memomix in Ihrer Arbeit nutzen um mit den Patienten sprachliche Bereiche zu üben.

Hatten Sie selbst schon die Möglichkeit, das Spiel in einer Seniorenrunde auszuprobieren? Was waren Ihre Eindrücke?



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Ja, auch ich habe das Spiel natürlich ausprobiert! Und ich war wirklich ein bisschen aufgeregt. Hierbei ist mir noch einmal bewusst geworden, dass der Spielleiter eine wichtige Rolle einnimmt. Da sich das Krankheitsbild Demenz unterschiedlich äußert, ist jede erkrankte Person für sich auch im Spielverhalten sehr individuell. Und das macht es so Spannend! Einige hören nicht auf zu erzählen, andere sagen aber auch gar nichts. Dies gilt es wie bei der täglichen Arbeit gut im Blick zu halten. Darum finde ich es gut, dass einige Spieler sich nur mit einer Karte beschäftigen können. Alles kann und nichts muss, das hat mir gut gefallen.
Die erste Runde, in der wir gespielt haben, war mit 20 Teilnehmer/innen sehr groß. Darum würde ich die Teilnehmerzahl begrenzen oder die Gruppe teilen. Da nicht zwingend alle Karten ins Spiel genommen werden müssen, ist das Spiel variabel und eignet sich wunderbar auch in einer 1 zu 1 Situation oder in ambulanten Bereichen.
Außerdem sind die Spielregeln sehr unterstützend und wertschätzend!

Wenn sich nun jemand für memomix® interessiert, wie kann derjenige Kontakt zu Ihnen aufnehmen?

Ich freue mich sehr über Kontakt und auch weitere Ideen zur Erweiterung der Spiele. memomix® ist über einen eigenen Webshop (www.memomix-shop.de) zu erreichen.

Können Sie uns ein Buch zu dem Thema Kommunikation mit Menschen mit Demenz empfehlen?

Ein spezielles Buch möchte ich an dieser Stelle nicht empfehlen. Was mir jedoch sehr am Herzen liegt, ist das Projekt KIDZELN-Kindern Demenz erklären.
Mit Hilfe einer Konzeptförderung des „Deutschen Hilfswerks“ und der Unterstützung der Alzheimer Gesellschaft Warendorf e.V. haben wir eine aus 10 Modulen bestehende Spielmodulreihe für Kinder im Kindergartenalter entwickelt. Mit dieser Spielmodulreihe können Kinder auf spielerische Art und Weise an das Thema Demenz herangeführt werden.“ Das Projekt können Sie sich hier auf der Website des DEMENZ Service Zentrums Münsterland ansehen.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit den Spielkarten erreichen können?

Gerne erzähle ich hier einen besonderen Hinweis, auf den mich mein Onkel bei der ersten Betrachtung der Karten brachte.
Zur Vorbereitung gehört für mich ja immer das Fotografieren der Gegenstände. Ich hatte die Möglichkeit in unserem Stadtmuseum in Beckum einen alten Ofen abzulichten. Somit wurde auch die Spielkarte mit „der Ofen“ betitelt.
Mein Onkel wusste nun zu berichten, dass das Bild nicht den Ofen, sondern eine „Kochmaschine“ zeigen würde. Ich hatte den Namen noch nie gehört. Nun kam aber mein Onkel ins Plaudern und erzählte mir seine Geschichten aus dem Nähkästchen!
Das hat mich so gefreut!
Und bei der nächsten Auflage der Spiele wird aus „der Ofen“ –  „die Kochmaschine“.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Diese Frage ist die erste Frage, bei der es mir schwerfällt, spontan zu antworten. Nicht, dass ich keine Wünsche hätte…
Nun, in der Auseinandersetzung mit diesem Spiel und den Erfahrungen in den Seniorenwohnheimen ist mir immer wieder deutlich geworden, wie wichtig es ist, sich Zeit für unsere Mitmenschen zu nehmen.
Wertvolle Gespräche können so bereichernd sein und uns manchmal auch Hilfestellungen geben. Wie gerne habe ich schon mit meinen Großeltern und Eltern zusammengesessen und ihren Gesprächen gelauscht. Das habe ich auch meinen Kindern weitergegeben. Wir nehmen uns zum Beispiel bewusst vor, eine Mahlzeit am Tag gemeinsam einzunehmen und zusammen zu sein. Klappt natürlich nicht immer! Aber der Vorsatz ist da und wir profitieren von den Erzählungen und das Wissen um den Anderen.
Wenn ich das auf die Pflegeberufe und für mich auch Erziehenden-Berufe ausweite, kann das nur gelingen, wenn ein Ruck durch die Gesellschaft und die Politik geht. Wir brauchen bessere Arbeitsbedingungen und eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Auch wenn dieser Wunsch sehr global ist, setzt er für mich ein Zeichen, dass wir Hinblick auf unsere Wünsche und Ziele den Blick für das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren!

Herzlichen Dank, Frau Weitenberg!!!

Zur Internetseite: memomix.de



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Ohne Moral. Das Interview

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Im Gespräch mit Martina Rosenberg über einen Kriminalroman zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Hallo Frau Rosenberg, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Martina Rosenberg, geb. im Jahr 1963. Mein Leben ist so bunt, dass es nicht in 3 Zeilen passt. Ich war viele Jahre in Kreta in der Touristikbranche tätig und erst zur Geburt meiner Tochter nach Deutschland zurückgekommen. Wir wohnten im Haus meiner Eltern und ich bin völlig unvorbereitet zu einer pflegenden Tochter mit 24 h Betreuung geworden. 9 Jahre habe ich meine Eltern gepflegt und im Anschluss ein Buch mit dem Titel „Mutter, wann stirbst du endlich?“ geschrieben, das im Jahr 2013 zum SPIEGEL Bestseller wurde. Es folgten weitere Sachbücher und ich durfte in über 40 Medienauftritten und weit über 100 Lesungen und Vorträgen die Interessen der pflegenden Angehörigen vertreten. Gleichzeitig war ich über 10 Jahre als Pressereferentin und Leiterin der Unternehmenskommunikation für diverse Sozialverbände tätig. Heute bin ich Gründerin und Geschäftsführerin eines Portals mit dem Namen www.pflege.pro, das pflegende Angehörige bei der Pflege unterstützen soll

Anfang des Jahres ist ihr Kriminalroman „Ohne Moral“ erschienen. Bis dahin kannten wir Sie eher als Sachbuch-Autorin und Beraterin für pflegende Angehörige. Wann haben Sie sich entschieden, Ihr Debüt als Krimiautorin zu geben und warum?

Einen Krimi zu schreiben, war schon immer ein Traum von mir. Die Pflegeindustrie hat mir dafür eine steile Vorlage geliefert, indem es durch Investigativjournalisten der Welt und dem BR bekannt wurde, wie sehr hier gelogen und betrogen wird. Mir liegt das Thema Pflege sehr am Herzen und ich dachte, mit einem Krimi dazu, kann ich mehr Menschen erreichen und sie dafür sensibilisieren.

Sie begleiten jetzt schon seit vielen Jahren pflegende Angehörige in Lebens-, Rechts- und Finanzierungsfragen. In „Ohne Moral“ geht es um skrupellose Machenschaften, die auf dem Rücken Pflegebedürftiger ausgetragen werden – von Seiten der Ärzte, der Pflegedienste und auch Mitarbeitern stationärer Einrichtungen. Wie und wo haben Sie für das Buch recherchiert? Und wie sind Sie überhaupt auf dieses brisante Thema gekommen?

Um in die Welt der Pflege einzutauchen, musste ich nicht weit reisen. Zum einen war ich selbst viele Jahre bei Trägern von Senioreneinrichtungen beschäftigt und kenne den finanziellen Druck und zum anderen hatte ich Kontakt mit dem BR Journalisten, der den Betrugsskandal mit aufgedeckt hat. Die mafiösen Machenschaften gerade in der Intensivpflege waren ja ein großes Thema in der Presse und sind es im Übrigen immer noch.

Ich habe einige Rückmeldungen von Lesern zu dem Buch bekommen, die Angst vor derartigen Entwicklungen und Umständen haben. Wie wahrscheinlich ist es heutzutage bei uns in Deutschland, in so eine Art Betrugsszenario hineinzugeraten? Müssen wir uns wirklich Sorgen machen oder „spielen“ Sie in Ihrem Buch mit unseren Ängsten vor dem Älterwerden?

Sorgen müssen wir uns auf alle Fälle machen. Immer wieder tauchen Betrugsszenarien im Pflegeumfeld in den Medien auf. Besonders in der Intensivpflege, da dort viel Geld verdient werden kann. Aber auch in den Pflegeheimen haben wir ein erwähnenswertes Risiko, da viele von ihnen gewinnorientiert sind. Wer keine Angehörigen hat, die sich um einen kümmern, hat natürlich ein höheres Risiko, Opfer von kriminellen Machenschaften zu werden. Andererseits gibt es auch Betrugssysteme, in denen die Betroffenen Teil davon sind und genauso abkassieren.
Mein Rat dazu: Sich mit dem Thema beschäftigen und nicht die Augen davor verschließen. Die Gesellschaft und somit der Staat, stehen hier viel mehr in der Verantwortung, als derzeit wahrgenommen wird.

Hanna Baer, einer der Hauptcharaktere in „Ohne Moral“, ist eine Pflegedienstleiterin, wie man sie sich oft im Alltag wünscht – engagiert, menschlich, mit Moral und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Viele Mitarbeiter in den Betreuungs- und Pflegeberufen verlieren derzeit leider aus Überbelastung und schlechten Arbeitsbedingungen die Freude an ihrem Beruf und die Kraft für die Begleitung Schwerkranker.
Sie sind hauptsächlich in der Angehörigenberatung tätig, bekommen aber sicherlich auch aus dem praktischen Pflege- und Betreuungsalltag viele Details mit. Was müsste sich Ihrer Meinung nach in unserem Pflegesystem ändern, damit Pflegekräfte sich selbst und den Menschen, die sie pflegen, wieder gerecht werden können?

Der Hauptfaktor ist die Zeit! Die Pflegekräfte brauchen viel mehr Zeit für ihre Arbeit mit den alten Menschen. Und die bekommen sie dann, wenn die Anzahl der Fachkräfte erhöht wird und viel mehr Geld in das System gepumpt wird.
Aber so einfach ist nicht, denn mittlerweile ist durch die schlechte Bezahlung in den vergangenen Jahren und dem immensen Zeitdruck, der menschenwürdige Pflege oftmals schier unmöglich gemacht hat, und das damit verbundene schlechte Image, die Attraktivität des Berufes gleich NULL. Somit ist es auch kein Wunder, dass es immer weniger Auszubildende gibt und es immer schwerer für die Betreiber ist, gutes Fachpersonal zu finden.
Zwar hat sich die Bezahlung mittlerweile in vielen Bundesländern stark verbessert, aber der Zeitdruck durch den Personalmangel ist geblieben. Die Anerkennung in der Gesellschaft fehlt ebenso, was viele beklagen.
Wir sollten aber auch endlich mal mehr für die Pflege zuhause tun. Angehörige, die sich um die Pflegebedürftigen in ihrer Familie kümmern, müssen viel besser unterstützt werden. Nach wie vor bekommen pflegende Angehörige keine Entlohnung für ihre Arbeit. Ich verstehe nicht, dass wir Fachkräfte aus z.B. Asien holen, sie ausbilden und viel Geld reinstecken, aber die pflegenden Angehörigen zuhause überhaupt nicht entlohnen. Das ist totaler Irrsinn! Dabei würde sich das doch anbieten, in die Qualifizierung der Angehörigen zu investieren und sie für ihre Arbeit zu entlohnen.

Was sind die häufigsten Fragen und Sorgen, mit denen Angehörige an Sie herantreten?



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Meiner Meinung nach sind es sehr oft finanzielle Probleme, aber auch die Ohnmacht, die pflegende Angehörige befällt, nichts tun zu können, um den Zerfall ihrer Lieben zu stoppen.
Tatsächlich kämpfen viele Kinder auch mit der Sturheit ihrer Eltern, die keine Hilfe annehmen. Das ist auch nicht immer leicht auszuhalten.

Wir sind alle Angehörige. Und irgendwann kommen fast alle von uns in die Situation, dass Familienmitglieder oder Freunde pflegebedürftig werden.
Können Sie uns drei Tipps mit auf den Weg geben, die wir beachten sollten, und mit deren Hilfe wir unsere Angehörigen zuhause oder in Pflegeeinrichtungen gut begleiten können?

Ehrlich zu sich selbst sein und zu dem Rest der Familie. Können Sie die Belastung der Pflege alleine schaffen oder brauchen Sie Hilfe?
Besprechen Sie mögliche Wege zur Pflege mit allen Beteiligten und schließen Sie niemanden aus. Auch der Ehepartner muss damit einverstanden sein.
Verlieren Sie sich nicht aus dem Blick und schaffen Sie immer Freiräume für sich selbst. Sollten Ihnen das nicht gelingen, nehmen Sie unbedingt Hilfe an.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrem Engagement erreichen können?

Oh! Da gibt es viele 🙂 Gerade gestern hat mir eine junge Frau erzählt, dass aufgrund meines Vortrages, den sie in München gehört hat, sie gleich ein Gespräch mit der ganzen Großfamilie organisiert hat. Der Hintergrund: Die Familie wohnt in 3 Generationen zusammen und die Großmutter hat festgelegt, dass die auf keinen Fall ins Heim will. Durch meinen Vortrag wurde der Enkeltochter bewusst, welche Schwierigkeiten auftreten könnten und wie man dem begegnen kann. Die Großmutter war zwar nicht so begeistert von diesem Gespräch, hat aber eingesehen, dass man doch einiges im Vorfeld klären müsste.
Viele meiner Leser*innen finden auch einfach nur eine Bestätigung ihrer eigenen Gefühle in meinen Büchern und können dann viel besser damit umgehen. Wenn man plötzlich versteht, warum man dies oder jenes fühlt, dann kann das durchaus befreiend sein.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Krankheit Demenz besiegt wird und wir einfach nur alt und klapprig werden. Psychische Erkrankungen sind die größte Herausforderung für die Menschen selbst und für ihr Umfeld. Außerdem wünsche ich mir, dass ich selbstbestimmt sterben darf, wenn die Zeit dafür ist.

Herzlichen Dank, Frau Rosenberg!!!

Zu den Internetseiten von Martina Rosenberg:
martinarosenberg.com
www.pflege.pro

Zur Buchvorstellung von „Ohne Moral“



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Soziale Betreuung richtig Dokumentieren! Das Interview

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Im Gespräch mit Anna Kathrin Holtwiesche über das Dokumentationsinstrument DI-ABBA

Hallo Frau Holtwiesche, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Ja, auch ein Hallo von mir. Ich bin Sozialarbeiterin und lebe mit meinem Freund und Hund in Crailsheim.
Ein Faible habe ich für gute Fach- und Sachbücher und für umso schlechtere Filme. Außerdem bin ich natürlich gerne mit meinem Hund in der Natur unterwegs. Wenn dann noch Zeit bleibt, dann zeichne und male ich gerne.
Meine Leidenschaft fürs Malen und kreativ sein brachte mich auch zur Altenpflege.
So begann ich ehrenamtlich ein Projekt in einem Pflegeheim in meiner Heimat zu machen.

Die Dokumentation im Bereich der sozialen Betreuung in Pflegeeinrichtungen stellt viele im Alltag vor eine große Herausforderung. Wenn man sich in der Praxis umhört, gibt es viele Fragen und Unsicherheiten, zum Beispiel in Bezug auf richtige Formulierungen oder die Entscheidung, was überhaupt dokumentiert werden soll.
Warum wirft die Dokumentation immer noch so viele Fragen auf und verunsichert viele?

Ein alter Spruch lautet „Man kann Menschen nur vor den Kopf schauen“ und genau darin liegt eines der Probleme. Als Betreuungskraft steht man vor der Aufgabe zu beschreiben, wie man durch sein Angebot das Wohlbefinden positiv beeinflusst hat. Dies gilt insbesondere bei Personen mit Demenz. Aber wie erkennt man nun dieses Wohlbefinden und wie beschreibt man die kleinen Unterschiede? Woran macht man fest, dass das Angebot das Wohlbefinden positiv beeinflusst hat? Genau diese Dinge sind schwer zu erkennen, müssen aber dokumentiert werden. Gleichzeitig kann man das Wohlbefinden auch nicht so exakt messen, wie z.B. den Blutzuckerspiegel. Da es für das Wohlbefinden keine Messinstrumente gibt sondern nur die persönliche Einschätzung, wird man nie einen zu hundert Prozent richtigen Wert dokumentieren können. Daher ist es umso wichtiger zu beschreiben, wie man zu seiner Einschätzung gekommen ist. Nur so schafft man Transparenz.

Wie sollte in der Sozialen Betreuung generell dokumentiert werden? Worauf kommt es an, bzw. worauf sollte man achten?

Bevor man sich fragt, wie oder was man dokumentieren soll, muss klar sein, welche Aufgaben überhaupt Betreuungskräfte haben.
Betreuung hat nicht das Ziel zu beschäftigen, sondern durch Beschäftigungsangebote soll das Wohlbefinden der anvertrauten Pflegekunden verbessert werden. Damit sind die Beschäftigungsangebote das Mittel und nicht das Ziel. Genau das muss auch aus der Dokumentation hervorgehen. Das Betreuungsangebot und das was dieses beim Pflegekunden bewirkt hat. So wird deutlich, dass das Wohlbefinden die Folge einer erbrachten Leistung ist und genau darin liegt für mich der Schlüssel.
Da die Pflegekunden ihr Wohlbefinden auf sehr unterschiedliche Weise zeigen, sollte auch beschrieben werden, woran man ein bestimmtes Wohlbefinden festmacht.
Dokumentiert man: „Dem Bewohner geht es gut.“, dann weiß man weder, wann es dem Bewohner gut ging, noch wobei und auch nicht woran man meint erkannt zu haben, dass es dem Bewohner gut geht. Diese Aussage ist so pauschal, dass sie nicht verwerten werden kann.

Auch die allgemeinen Vorgaben, die es für die Dokumentation gibt, wie z.B. die vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen, sollten immer bekannt sein. Daher ist es wichtig, mit den Vorgaben vertraut zu sein und auch immer wieder zu schauen, welche Änderungen es gibt. Gleichzeitig muss aber ebenso klar sein, dass diese Vorgaben nur einen Rahmen festlegen, daher sollte jede Vorgabe kritisch betrachtet werden.

Sie haben das Dokumentationsinstrument DI-ABBA entwickelt, um die Dokumentation im Bereich der Sozialen Betreuung zu vereinfachen. Stellen Sie uns DI-ABBA doch bitte einmal vor.

DI-ABBA ist kurz und einfach erklärt.
ABBA steht für:
Angebot
Beobachtung
Bewertung
Aktion
Genau in dieser Reihenfolge und mit den Inhalten baut man seine Dokumentation für die Betreuung auf. Durch die festen Vorgaben erhält die Dokumentation Struktur und ist systemisch. Daher handelt es sich um ein Dokumentationsinstrument.

Ein kleines Beispiel:
Malen: Frau M. malte beim Angebot mit, lachte oft und erzählte Geschichten aus ihrem Leben. Sie zeigte Freude am Angebot. Frau M. wird wieder zu Malangeboten eingeladen.

Aus dieser Dokumentation lässt sich jetzt genau entnehmen, welches Angebot (in diesem Fall das Malangebot) welche Reaktion bewirkte (Die Teilnehmerin lachte und erzählte). Aus der Beobachtung wird das Befinden (Freude am Angebot) hergeleitet. Im nächsten Schritt beschreibt man, was man mit der Erkenntnis macht. Man lädt die Person wieder zum Angebot ein.

Welche Art Formulierungen sollte man auf jeden Fall vermeiden?



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Das sind moralische Wertungen und Pauschalisierungen. Keiner sieht die Pflegekunden zu jedem Zeitpunkt und in jeder Situation. Daher sollten Pauschalaussagen wie „immer“ nur mit sehr großer Vorsicht verwendet werden. „Der ist aber immer so“ sind keine fachlichen Aussagen und sie helfen einem nicht. Natürlich gibt es Gewohnheiten und man erkennt, ob das Verhalten vom Gewohnten abweicht. Es ist aber ein großer Unterschied ob man schreibt „wie immer“ oder „wie gewohnt“.
Noch viel wichtiger ist es allerdings auf moralische Wertungen zu verzichten. Es ist ein Unterschied, ob man schreibt „war böse“ oder „war aggressiv“. Ein Mensch, der gerade wütend oder unbeherrscht ist, ist ja nicht per se „böse“. Dokumentation hat nicht die Aufgabe zu beschreiben, was man gut und was schlecht findet – und noch viel weniger: „wen“!
Ich habe daher auch länger überlegt, ob ich einen anderen Begriff für „Bewertung“ verwenden soll als ich DI-ABBA entwickelt habe, damit niemand denkt, er soll eine Person bewerten. Bei DI-ABBA geht es nur darum, seine Beobachtung zu bewerten und dann zu schreiben, zu welchem Ergebnis man dabei gekommen ist.

Vor kurzem ist Ihr Buch erschienen, in dem Sie DI-ABBA ausführlich vorstellen und den Lesern zahlreiche Tipps für den Alltag an die Hand geben. Besonders gut fand ich die Erläuterungen zu den Veränderungen, die das Dokumentieren nach dem Strukturmodell mit sich gebracht hat, und die direkten Vergleiche zu den Vorgänger-Modellen. Würden Sie hier noch einmal kurz erklären was sich eigentlich wie verändert hat?

Geändert hat sich durch das neue Strukturmodell sehr viel und es ist schwierig das mal eben kurz und knapp zu erläutern. Was sich vor allem verändert hat ist der Blick auf die Person bzw. den Pflegekunden. Zum einen gibt es jetzt Module in denen die Angaben frei verfasst werden. Die Bedürfnisse des Pflegekunden bekommen mehr Gewicht in der Dokumentation. Aber das Wichtigste und Beste aus meiner Sicht ist, dass jetzt auf die Ressourcen eines Menschen geschaut wird, und nicht auf seine Defizite. Dadurch gewinnt man eine positivere Haltung auf den Menschen und seine Lebenswirklichkeit. Wenn man nur auf das schaut was nicht funktioniert, dann erkennt man natürlich wo Pflegebedarf herrscht, aber man sieht das Potential nicht.
Wenn man hingegen auf die Ressourcen – also auf die Fähigkeiten des Menschen schaut, dann weiß man welche Leistungen man anerkennen kann. Trotzdem erkennt man, welche Pflegemaßnahmen notwendig sind aus dem, was eben nicht als Ressource aufgeführt wurde.
Es ist doch traurig, wenn die Akte eines Menschen nur zeigt, was er alles nicht mehr kann. Heute steht in der Akte, was ein Mensch kann und was er braucht und diese Perspektive lässt einen positiver auf den Menschen schauen.

Sie sind seit mehreren Jahren in der Altenarbeit tätig. Wann und warum haben Sie sich entschieden, ein Buch zum Thema Dokumentation in der sozialen Betreuung zu schreiben? Und wie ist DI-ABBA entstanden?

Um die Wartezeit zu überbrücken, begann ich 2008 kurz vor meinem Studium ehrenamtlich in der Altenarbeit tätig zu werden und habe angefangen kreative Angebote anzubieten. Auch im Studium habe ich mein Ehrenamt fortgeführt.
In dieser Zeit gab es einen Trägerwechsel in der Einrichtung und mich hat es sehr bewegt, wie sich so ein ganzes Haus durch neue Strukturen und Konzepte verändern kann. Während des Studiums und der Projektpraxis habe ich dann noch weitere Einrichtungen und ihre Konzeptionen kennengelernt. Dies bot mir natürlich die Möglichkeit die Einrichtungen zu vergleichen. In dieser Zeit habe ich das Dementia Care Mapping (kurz DCM) sowie das Heidelberger Instrument zur Erfassung der Lebensqualität Demenzkranker (kurz H.I.L.DE) kennengelernt. Beide Instrumente bilden ein sehr gutes Gesamtbild über die Lebensqualität ab, weil auf den gesamten Alltag geschaut wird. Der Vorteil dieser Instrumente liegt sowohl in der Vergleichbarkeit, als auch darin, dass bestimmte Verhaltensmuster in Punkten angegeben werden. So erhält man einen Zahlenwert welcher Lebensqualität messbar macht.
Aber auch bei diesen Instrumenten muss man sich immer auf die Einschätzung und Beobachtungsgabe der Person verlassen, die diesen Punktewert bestimmt. Also auch hier gibt es am Ende keine absolute Objektivität. Diese Themen haben mich wahnsinnig fasziniert. Daher habe ich entschieden, dass ich meine Eindrücke und Gedanken in einem Konzept aufschreiben möchte. Außerdem wollte ich etwas für die Betreuungskräfte entwickeln, was auf die aktuelle Pflegesituation maßgeschneidert und damit direkt umsetzbar ist. Also habe ich auch ein ganz eigenes Betreuungskonzept entwickelt. Dokumentation ist Teil der Betreuung. Genauso wie auch die Pflegedokumentation Bestandteil der Pflege ist. Also musste auch ein Dokumentationssystem für die Betreuung her. Mir ist natürlich auch damals bereits aufgefallen, wie schwierig vielen die Dokumentation fällt und diesen Faktor wollte ich berücksichtigen. Damit sollte die Dokumentation so einfach wie möglich sein. Natürlich sollten aber auch die aus meiner Sicht wichtigen Punkte dokumentiert werden. Schließlich ist Dokumentation nicht nur ein Selbstzweck und Nachweis, sondern kann eben auch wirklich ein Hilfsmittel sein.
Mir war wichtig, dass beschrieben wird, ob die Betreuung einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden hat. Denn das ist das Wichtigste! Außerdem ist die Dokumentation auch eine Bestätigung für die Betreuungskraft, und zeigt, was sie Positives bewirken konnte. Aus dem Studium habe ich dann noch das Thema Gewaltfreie Kommunikation mitgebracht. Dabei geht es im Kern darum, Beobachtung und Bewertung bewusst zu trennen und seine Bedürfnisse präzise zu formulieren. Das fand ich so wichtig, dass ich es in mein Dokumentationsinstrument einfließen lassen wollte. Dann gibt es noch den PDCA-Zyklus – den Ursprung der vierstufigen Pflegedokumentation. Der MDK fordert in seinen Prüfkriterien, dass sich aus der Dokumentation Verbesserungsmöglichkeiten ableiten lassen und auch dieses Kriterium sollte mein System erfüllen.
Also entstand DI-ABBA.
Da das Betreuungsangebot wichtig ist, um zu beschreiben was das Wohlbefinden beeinflusst hat, war es also der erste Faktor, der beschrieben werde musste. Damit steht das Angebot immer an erster Stelle. Im zweiten Schritt beschreibt man, was man tatsächlich gesehen hat, also das tatsächliche sichtbare Verhalten. Das ist dann die Beobachtung. Aus der Beobachtung wird das Wohlbefinden abgeleitet. Also wird die Beobachtung ausgewertet. Daher der Begriff Bewertung. Im letzten Schritt entscheidet man dann, was man mit diesem Wissen macht. Also welche Aktion ansteht oder notwendig ist, um das Wohlbefinden des Pflegekunden zu verbessern. Dieser Punkt ist die Aktion. Diese kann schon erfolgt sein, weil spontan im Betreuungsangebot eine Maßnahme ergriffen wurde – oder sie muss erst beim nächsten Angebot berücksichtigt werden. Mit den vier Punkten: „Angebot, Beobachtung, Bewertung und Aktion“ hat man die Abkürzung „ABBA“. Die bekannte schwedische Band „ABBA“ ist hier natürlich eine super Eselsbrücke um sich schnell alle vier Punkte und ihre Reihenfolge zu merken. Da die Dokumentation damit ein festes System hat, handelt es sich nun um ein Dokumentationsinstrument und so nennt sich das Ganze dann „DI-ABBA“.
Der Vorteil: Sie haben ein einfaches, aber inhaltlich solides System, und durch die Trennung von Beobachtung und Bewertung ist Ihre Dokumentation transparent.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Ich habe bei einem kreativen Angebot erlebt, dass eine ältere Dame, die eigentliche keine Angebote mitmachte, auf einmal malte. Sie nahm sich meinen „Schmierzettel“ und die Stifte, die ich in meinem Angebot verwendet habe und sie begann zu malen. Es waren Bilder, die Kinderzeichnungen sehr ähnelten und nichts mit dem zu tun hatte, was ich im Angebot geplant hatte. Aber sie malte und wirkte dabei auf mich entspannt und als wäre sie froh malen zu können. Dabei war sie eigentlich eine allgemein sehr unruhige Dame, die überall
meist mal nur kurz schaute, dann aber wieder weiter ging.
Also notierte ich in meiner Dokumentation mein Angebot und meine Beobachtung, dass sie von allein die Angebotszeit nutzte um zu malen. Bei Bewertung schrieb ich natürlich, dass die Dame Freude am Malen hatte. Als Aktion schrieb ich dann den Plan auf, die Dame beim nächsten Angebot wieder zum Malen einzuladen.
Beim nächsten Angebot, an dem ich mit den Teilnehmern malte, habe ich also die Dame eingeladen mitzumachen. Ich gab ihr ein großes weißes Blatt aus einem etwas festerem Papier und Stifte – und was passierte? Die Dame schaute sich alles an, sie drehte und wendete das Blatt. Sie nahm die Stifte in die Hand und sie legte die Stifte wieder weg. Dann ging sie weiter.
Vielleicht hatte die Dame ja keine Lust heute zu malen, was ja auch völlig okay ist. Doch dann kam sie irgendwann wieder, setzte sich neben mich, nahm sich wieder meinen Schmierzettel und begann zu malen.
Meine Schmierzettel waren alte Notizen, Einkauflisten etc. Ich habe sie immer genutzt um Stifte mal auszuprobieren oder um etwas vorzumachen, damit ich so nicht das gute Papier verschwende, welches wir in der Einrichtung für kreative Angebote hatten.
Diese Erkenntnis habe ich natürlich auch wieder dokumentiert und darauf hingewiesen, dass diese Dame gerne auf Schmierzetteln malt.
Der Dame fiel es viel leichter auf den Schmierzetteln zu malen und so hat sie sehr oft bei den kreativen Angeboten mitgemacht. Leider hat diese Dame kaum gesprochen und daher habe ich nur eine Theorie, warum sie zum Malen lieber die Schmierzettel nutzte.
Ich glaube, dass die Kinder früher und in der Nachkriegszeit auch zum Malen nur die Schmierzettel bekommen haben und die guten Sachen für die Schule verwendet wurden da das Papier so etwas Kostbares war und man das nicht einfach verschwendet. Ich denke daher, dass die Dame auch nicht einfach ein weißes neues Blatt verwenden konnte. Natürlich weiß ich nicht ob das stimmt. Aber ich weiß, dass sie auf den Schmierzetteln gerne gemalt hat.
Ich habe mich entschieden Ihnen diese Geschichte zu erzählen, weil sie zeigt, dass es manchmal auf die kleinen Details ankommt.
Außerdem sieht man eine Entwicklung. Es brauchte zwei Anläufe um die Relevanz des Schmierzettels herauszufinden. Diese Erkenntnis gab es ja erst als die Dame das zweite Mal mitmachte. Gleichzeitig wäre ich aber nicht dahintergekommen, dass diese Dame lieber auf Schmierzetteln malt, wenn ich sie nicht wieder als Teilnehmerin in meinem Angebot gehabt hätte. Mich freute es sehr zu sehen, wie gerne diese Dame malte. Ich glaube, dass das Malen ihr die diese schöne Zeit der Kindheit wiedergegeben hat.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Oh, was für eine Frage, wo es gerade im Moment so viele wirklich große Probleme in der Pflegelandschaft gibt!
Großartig fände ich es natürlich, wenn ich mit meinem Buch einen positiven Beitrag für die herausragende Arbeit der vielen Betreuungskräfte leisten könnte. Aber weder die Betreuungskräfte, noch die Pflegekräfte können die Versäumnisse der Politik schultern. Der Pflegenotstand ist in Deutschland gerade ein großes Problem. Daher hoffe ich, dass es eine schnelle und vor allem gute Lösung geben wird. Aus meiner Sicht tut Deutschland viel zu wenig für seine pflegebedürftigen Bürger sowie seine Bürger mit Behinderung. Proteste gegen das Bundesteilhabegesetz und der Pflegenotstand machen das deutlich. Es gibt gerade sehr viele Baustellen und das frisch nach der Reformation der Pflege. Ich wünsche mir daher, dass es ein tatsächliches Umdenken für eine wirklich gute Pflege gibt. Für mich ist eine wirklich gute Pflege nur dann möglich, wenn die Selbstbestimmung, der Assistenzgedanke und das Wohlbefinden der zu pflegenden Personen in den Mittelpunkt der Pflege gestellt werden.
Ich glaube diesen Personenkreis kann man nur dann wirklich gut pflegen, wenn auch die Pflegekräfte und Betreuungskräfte ausreichend Zeit und eben auch die entsprechenden Hilfs- und Arbeitsmittel haben um diese individuelle und bedürfnisorientierte Pflege zu ermöglichen. In einer guten Pflege spielen natürlich auch ganz viele andere Faktoren mit hinein, die alle bedacht werden müssen. Angefangen bei der Angehörigenarbeit, über die medizinische Versorgung zu den räumlichen Ressourcen und den Einbezug des Gemeinwesens. Die Pflege muss viel weiter und größer gedacht werden.
Auch pflegende Angehörige sind eine wichtige und tragende Kraft in unserem Pflegesystem. Auch ihnen sollte daher mehr Unterstützung und Anerkennung gelten. Sich um Menschen zu kümmern sollte in keinem sozialen System zu einem Nachteil werden!

Als jemand, der Betreuungsarbeit als Beziehungsarbeit sieht, wünsche ich mir, dass man seinen Pflegekunden wirklich zuhört. Nicht nur um die Bedürfnisse zu erkennen, sondern auch um das Wissen und die Lebensleistung anzuerkennen. Der nächsten Generation muss klar sein, dass ihr Wissen verloren geht, wenn sie der letzten Generation kein Gehör gibt.

Herzlichen Dank, Frau Holtwiesche!!!

Zur Buchvorstellung von „Soziale Betreuung richtig dokumentieren“



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Singen mit Senioren. Aktivierung leicht gemacht. Das Interview

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Im Gespräch mit Anke Kolodziej über Aktivierungsangebote für Senioren mit Musik und Gesang

Hallo Frau Kolodziej, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Anke Kolodziej, ich bin 54 Jahre alt und seit über 30 Jahren in der Altenarbeit tätig, wenngleich in unterschiedlichen Bereichen. Nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester habe ich als Gemeindeschwester gearbeitet, bevor ich dann das Studium zur Diplom-Sozialpädagogin begonnen habe. Seitdem arbeite ich im Sozialen Dienst in stationären Einrichtungen mit alten Menschen. Um dem Geheimnis der Musik noch reflektierter und intensiver auf die Spur zu kommen, habe ich dann 2011 eine Weiterbildung zur Musikgeragogin an der Fachhochschule in Münster absolviert. Jeder Tag mit Musik ist spannend, ob beruflich oder privat…

Aktivierungen, in denen Gesungen wird, sind für die Senioren und auch die Betreuenden häufig ganz besondere Angebote, aus denen die meisten positive Gefühle mit hinausnehmen. Was geschieht beim gemeinsamen Singen, oder auch nur beim Zuhören?

Es ist nicht immer ganz leicht, eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen zu etwas Gemeinsamen einzuladen. Beim Singen (vorausgesetzt, Sie wählen ein Lied mit einem hohen Bekanntheits – und Beliebtheitsgrad) kann jeder mitmachen, unabhängig von sozialen Prägungen, dem Alter, dem Bildungsniveau oder körperlichen Einschränkungen. Der Sänger fühlt sich als Teil eines Ganzen; das aktive Tun stärkt das Selbstwertgefühl und löst meistens Emotionen des Wohlbefindens aus. Auch das passive Zuhören stellt eine Form der Teilhabe am sozialen Geschehen dar und man kann sich zugehörig fühlen. Insbesondere für Senioren, die früher häufig und selbstverständlich bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten mit der Familie und Freunden gesungen haben, gilt ein Angebot zum Singen als auffordernde Geste von Menschen, die es „gut“ mit ihnen meinen

Warum ziehen uns bekannte Lieder oder Melodien so leicht in ihren Bann? Warum verknüpfen wir so viele Erinnerungen mit Musik?

Das Entscheidende zur Erklärung dieses Phänomens ist die spezifische Verarbeitung von Liedern im Gehirn. Dabei sind beide Gehirnhälften und große neuronale Netzwerke beteiligt. So werden nicht nur Tonfolgen, Rhythmen, Klangfarben und Wörter gespeichert, sondern auch stets die damit verbundenen Gefühle. Wir alle nutzen diesen Zauber, z. B. wenn wir traurig sind und uns mit einem Gute-Laune-Lied wieder aufmuntern wollen. Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass wir mit den Klängen eines für uns mit negativen Gefühlen besetzten Liedes, z.B. der Musik beim ersten Liebeskummer, auch erneut die schmerzvollen Erinnerungen daran auslösen.

Musik hat auf demenziell veränderte Menschen eine ganz besondere Wirkung. Viele Betroffene, die nicht mehr (für uns verständlich) sprechen können, singen ein ganzes Lied mit fünf oder mehr Strophen mit. Was bewirkt die Musik in diesen Momenten?

Bei der Alzheimer Krankheit, welche die häufigste Ursache für eine degenerative Demenz darstellt, beginnt der Abbauprozess zunächst im limbischen System und breitet sich anschließend über das gesamte Gehirn aus. Die Hörrinde bleibt jedoch weitgehend frei von den neuronalen Veränderungen. Somit werden auditive Reize noch erkannt, während visuelle Stimulationen und die isolierte Sprache schon nicht mehr abgerufen werden können. Sehr wohl aber können die Texte in Kombination mit einer Melodie noch reaktiviert werden. Da auch außermusikalische Ereignisse mit dem bekannten Lied verknüpft sind, z.B. dass die Großmutter beim Singen des Abendliedes immer auf dem Bett saß, dienen diese Lieder als wesentliche Erinnerungsaktivierung. In diesen Momenten spüren demenziell veränderte Menschen ein Stück ihrer Identität und sind stolz, dass sie etwas „leisten“ können, weil sie Wiederholungen erkennen oder den Verlauf der Melodie antizipieren können. Das gibt ihnen Orientierung und Sicherheit.

Aktivierungen mit Musik kann man auf ganz viele verschiedene Arten und Weisen gestalten. In Ihrem Buch Singen mit Senioren. Aktivierung leicht gemacht* stellen Sie ganze Aktivierungsstunden zu unterschiedlichen Themen vor. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Die Praxis zeigt, dass die mir anvertrauten Menschen bezüglich ihrer kognitiven Fähigkeiten immer heterogener werden. So habe ich nach einem Angebot gesucht, das sowohl orientierte als auch demente Menschen auf natürliche Art und Weise verbinden kann. Mit den in meinem Buch beschriebenen Singrunden gelingt es, alle Teilnehmer zu erreichen, da sie eine Mischung aus Gedächtnistraining und Musik beinhalten. Durch den Kontakt mit dem Verlag an der Ruhr (er testet seine Produkte u.a. in unserer Einrichtung) wurde ich dann motiviert, meine gesammelten Praxiserfahrungen auch für andere Kollegen zur Verfügung zu stellen.

Wonach suchen Sie die Themen und Lieder für die Aktivierungen aus?



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Ich orientiere mich u.a. an den Jahreszeiten. Die Themen „Sterne“ oder „Himmel“, die oft in Weihnachtsliedern vorkommen, werden vorrangig im Dezember verwendet, während sich zur Karnevalszeit eher das Thema „Treue“ anbietet. Das übergreifende Liedgut der jetzigen älteren Generation ist mir durch die langjährige Praxis vertraut, und dennoch glauben Sie gar nicht, wie viele „neue“ alte Lieder die Senioren selber beigesteuert haben. Wichtig finde ich, dass Lieder aus verschiedenen Gattungen (Volkslieder, Schlager, Operettenlieder, Kirchenlieder etc.) vertreten sind, da jeder Teilnehmer über bestimmte Vorlieben verfügt.

Wie sollten Aktivierungsangebote mit Musik und/oder Gesang in der Seniorenarbeit aufgebaut sein? Gibt es etwas, das man in der Praxis beachten sollte?

Gerade beim Singen gibt es da einige hilfreiche Tipps:
Wählen Sie ein Liedgut, das Ihren Sängern vertraut ist!
Wählen Sie eine angemessene Tonhöhe, d.h. stimmen Sie das Lied 2-3 Töne tiefer als die Originaltonart an! Im Alter verändert sich die Stimme und zu hohe Töne frustrieren eher.
Wählen Sie ein angemessenes Tempo! In der Regel singen ältere Menschen lieber langsamer. Gerade bei Liedern mit schneller Wortfolge bleibt mehr Luft zum Atmen.
Lassen Sie das Lied ausklingen und verweilen Sie, damit aufkommende Stimmungen und Bilder nicht so einfach abgeschnitten werden!
Beobachten Sie Mimik und Körperhaltung der Sänger!
Singen Sie den Einzelnen Teilnehmern den Text mit Blickkontakt ins Gesicht! Dieses Ansingen motiviert auf wundersame Weise am besten.
Haben Sie selber Freude an Ihrem Tun; der Funke springt dann automatisch über!

Wie gestaltet man besondere musikalische Angebote für Menschen mit Demenz?

Demente Menschen erinnern die Lieder aus ihrer Kindheit und Jugendzeit am besten. Scheuen Sie sich also nicht, auch Kinderlieder zu verwenden! Knüpfen Sie immer an Vertrautes an – die bekannten Melodien sind wie ein Rettungsanker und dürfen auch mehrfach wiederholt werden! Natürlich ist es zusätzlich hilfreich, die Biografie der Sänger zu kennen, um eine individuelle Brücke zu ihnen zu schlagen. Bei Dementen kann man ganz auf Textvorlagen verzichten, da sie oftmals blättern, an dem Papier „nesteln“ und darüber das Singen ganz vergessen. Als Anleiter müssen Sie keine Effizienz Ihres Tuns unter Beweis stellen. Die Kraft der Musik wirkt – auch unter Umgehung aller denkerischen Prozesse.

Der Sommer nähert sich gerade in großen Schritten. Würden Sie uns zwei-drei Ideen für die Gestaltung von sommerlichen Aktivierungen verraten?

Ganz besonders wichtig bei sommerlichen Temperaturen ist das Trinken! Sie können einzeln nach warmen bzw. kalten Lieblingsgetränken fragen und dann Lieder mit dem Thema Trinken singen. Diese können Sie z. B. durch Fragen erraten lassen:
Frage: In welchem Lied zieht das Brüderchen die Stirn so kraus?
Antwort: Trink, trink Brüderchen trink…
Frage: In welchem Lied wird Wasser wie Moselwein getrunken?
Antwort: Lustig ist das Zigeunerleben…
Frage: Wie heißt das Lied, in dem ich meinen Schatz nicht rufen darf?
Antwort: Wenn alle Brünnlein fließen…
Wenn Sie die Lieder singen, können Sie die Inhalte pantomimisch darstellen.
Sie können natürlich auch nach speziellen Getränken in Liedern fragen. Z.B. Lieder über Wein, Bier etc. Die Internetrecherche erfolgt im Volkslieder- oder Schlagerarchiv mit dem eingegebenen Suchbegriff.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich träume von einem Umgang mit alten Menschen, bei dem der Begriff „Leistungsfähigkeit“ in keiner Relation zur Wertschätzung des Einzelnen steht. Der Einsatz von Musik sollte ein fester Bestandteil zur ganzheitlichen Aktivierung werden. Ein wichtiger Mosaikstein könnte die zunehmende Sensibilisierung der Pflegekräfte für die Wirksamkeiten der Musik sein. Wir dürfen diesen unvergleichbaren, unendlich großen Schatz nicht ungenutzt lassen und sollten neben den offensichtlichen, naheliegenden Reaktionen auch empfänglich für Überraschungen sein, denn Musik ist zum Teil ein Mysterium.

Herzlichen Dank, Frau Kolodziej!!!

Zur Buchvorstellung von „Singen mit Senioren. Aktivierung leicht gemacht“



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Wohlfühlmomente erleben! Das Interview

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Im Gespräch mit Gabriele Schumann über Entspannungsangebote für Senioren und demenziell veränderte Menschen

Hallo Frau Schumann, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Gabriele Schumann, geboren am 26.03.1952, wohnhaft in Dortmund. Von Beruf war ich Dipl.-Sozialarbeiterin mit Zusatzausbildungen für Gedächtnistraining und Entspannungspädagogik. Während der letzten annähernd 20 Jahre meiner aktiven Berufstätigkeit war ich im Bereich der Seniorenarbeit tätig. Ab 2003 habe ich freiberuflich gearbeitet als Gedächtnistrainerin im Rahmen von Kursen sowie Einzel- und Gruppenaktivierungen schwerpunktmäßig für Menschen mit Demenz. Gleichzeitig habe ich an mehreren Fachseminaren für Altenpflege unterrichtet. Später folgte das Angebot von Entspannungskursen. Aus den insgesamt damit verbundenen Erfahrungen entstanden zusätzlich Fortbildungsangebote für Pflege- und Betreuungskräfte.
Während meiner praktischen Betreuungsarbeit habe ich eigene Arbeitsmaterialien für die Beschäftigung und Aktivierung hochbetagter und an Demenz erkrankter Menschen entwickelt, da einfaches, flexibel und vielseitig einsetzbares Material, wie es meinen Vorstellungen entsprach, zu teuer oder nicht zu bekommen war. Zeitweise habe ich diese Dinge produziert, da die Sachen sich in der Praxis bewährt und sowohl Kollegen wie Kursteilnehmer immer wieder großes Interesse daran hatten. Inzwischen sind aus diesen Erfahrungen und Ideen meine Veröffentlichungen beim Verlag an der Ruhr entstanden.

Entspannungsangebote gibt es heutzutage in Hülle und Fülle. Da der Alltag immer schnelllebiger und stressiger wird, suchen viele Menschen nach Möglichkeiten, ihren Stress abzubauen und zur Ruhe zu kommen. Und auch in der Seniorenarbeit haben sich Entspannungsangebote mittlerweile fest etabliert. Wie sollten diese speziellen Entspannungsangebote grundsätzlich gestaltet sein?

Ausgehend von der Zielgruppe der älteren, hochbetagten und an Demenz erkrankten Senioren halte ich es für wichtig, dass Entspannungsangebote, wie auch andere Betreuungsangebote, grundsätzlich zur Orientierung ein Thema und eine feste, nachvollziehbare Struktur mit einem Spannungsbogen, einen eindeutigen Anfang und ebenso ein eindeutiges Ende haben.
Optimal ist es, wenn die Themen und einzelnen Aktionen inhaltlich biografisch orientiert sind, also Bekanntes aus früheren Lebensphasen beinhalten, damit die Senioren sich unter dem Thema etwas vorstellen und sich insbesondere während der Entspannungsgeschichte ein individuelles geistiges Bild davon machen können. Ebenso sollte themenzentriert gearbeitet werden und das Thema nachvollziehbar wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung führen.

Auch die äußeren Bedingungen sind von besonderer Bedeutung. Die Entspannungsangebote finden beispielsweise grundsätzlich im Sitzen in einem Stuhlkreis statt, nur bei Bettlägerigkeit im Liegen.
Schon bei der Planung gilt es, die individuelle Leistungsfähigkeit der Teilnehmer zu berücksichtigen und Störungen während der Entspannung vorzubeugen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es muss organisiert werden, wer – falls nötig – Toilettengänge während der Runde begleitet.
Das sind nur einige Aspekte, die bei der Gestaltung von Entspannungsangeboten für Senioren Beachtung finden sollten, um sie zum Erfolg zu führen. Gelingt das, werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zufriedene, gelöste Menschen bis zur nächsten Runde von Ihnen verabschieden.

Die Senioren, die wir in den Pflegeheimen, in der Tagespflege oder auch zuhause begleiten, leiden für gewöhnlich nicht mehr unter beruflichem Stress oder den Anforderungen, die der Alltag, z.B. in jungen Familien, mit sich bringt.
Was führt Ihrer Erfahrung nach bei hochbetagten Menschen zu seelischer und körperlicher Anspannung?

Die zwei Lebensweisheiten „Stress macht krank.“ und „In der Ruhe liegt die Kraft.“ gelten in jedem Alter. In jedem Alter werden Belastungen und Überforderungen erlebt. Viele Senioren leiden an ihren Verlusten, altersbedingten Krankheiten und kämpfen mit Einschränkungen und sozialen, gesundheitlichen sowie finanziellen Sorgen, psychisch nicht verarbeiteten Altlasten und vielem mehr. Die Folgen sind oft innere Unruhe, Depressionen, Schmerzen, Bewegungsdrang, Schlaflosigkeit,… Welcher ältere Mensch kennt das nicht? Und das alles bedeutet Stress und macht nicht gesünder.
Führen Sie sich einmal die Situation eines Menschen mit Demenz vor Augen. Diese permanente Konfrontation mit dem Abbau und dem Verlust geistiger Fähigkeiten und deren Folgen. Sich nicht die Blöße geben zu wollen, Ausfälle kaschieren zu müssen, nicht verstanden zu werden, … Das ist Stress pur!
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich viele Menschen getroffen, die den Stress als ihren ständigen Begleiter erlebt und nach Ruhe und Entlastung gesucht haben, getrieben von dem Wunsch, entspannen, Kraft schöpfen und Lebensfreude empfinden zu können.

Worauf sollte man bei Entspannungsangeboten mit demenziell veränderten Menschen unbedingt achten?

Lassen Sie mich bei diesen Überlegungen von der Frage ausgehen: Wann kann ein dementiell veränderter Mensch zur Ruhe kommen? Meiner Meinung nach, wenn er sich angenommen, wohl und sicher fühlt und wir es schaffen, seine Konzentration auf ein positives Erleben zu lenken, auch auf das bewusste Wahrnehmen und intensive Erleben verbliebener Fähigkeiten. Ziel ist hier nicht, die intellektuelle Verarbeitung von den Entspannungsprozessen, sondern ein intensives emotionales Erleben. „Das hat mir gut getan.“ Dann hat das Erlebte die Möglichkeit, erinnert zu werden und nachzuwirken.
Darum ist der biografische Hintergrund sowie das konsequente themenorientierte Arbeiten, das immer wieder hin zum Thema führt, für diese Zielgruppe von ganz besonderer Bedeutung. Das gibt Orientierung. Da kennt man sich aus. Eine wichtige Voraussetzung für das Wohl- und Sicherheitsgefühl.
Aus dem gleichen Grund sind Rituale so wichtig. Immer die gleiche Reihenfolge, die gleiche Handlung, immer die gleichen Worte. Für einen gesunden Menschen mag das unendlich langweilig sein, für einen Menschen mit Demenz jedoch von großer Bedeutung.
Auch die Sprache an sich bedarf der Beachtung. Je einfacher und ruhiger, je kürzer die Sätze, umso mehr wird verstanden. Und lassen Sie den Senioren Zeit. Wir wissen um die verzögerte Reizaufnahme und -verarbeitung bei Menschen mit Demenz. Das braucht oft weit mehr Zeit als bei nicht von Demenz Betroffenen. Machen Sie lieber eine Aktion weniger. Hier ist weniger wirklich mehr.
Versuchen Sie unbedingt, Störungen zu vermeiden. Störungen lassen schon bei einem gesunden Menschen die Entspannung nicht gelingen. Die Konzentration dieser Senioren ist aber ohnehin sehr gestört. Zusätzliche Störungen von außen kann hier keiner gebrauchen, denn eine wirklich tiefe Entspannung kann nur unter echter Konzentration erfolgen.
Gleichzeitig fordern Sie aber bei den einzelnen Aktionen Fähigkeiten heraus, die noch präsent sind, und vermitteln auf diese Weise Erfolgserlebnisse. Oft trauen sich Menschen Dinge nicht mehr zu, die sie eigentlich noch gut können.

Auch wenn sich das jetzt vielleicht alles sehr kompliziert anhört, gehen Sie ganz flexibel mit den Inhalten um. Orientieren Sie sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Senioren. Allein das Gefühl der Wertschätzung wird seine Wirkung tun. Und selbst wenn einzelne Senioren Inhalte kognitiv nicht mehr aufnehmen und verarbeiten können, genießen sie die wohltuende Atmosphäre.

Was sind die Aufgaben der Gruppenleitung in den Entspannungsangeboten für hochbetagte Menschen?

Zunächst einmal ist es die Aufgabe einer Gruppenleitung die Sitzung inhaltlich und organisatorisch zu planen und organisieren. Der zweite Schritt ist, selbst zu entschleunigen, um Ruhe ausstrahlen zu können.
Während der Sitzung sorgt sie für eine positive Stimmung und eine Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung, führt durch das gesamte Programm, gibt Hilfestellung oder organisiert sie, achtet darauf, dass sich keiner überfordert, gleichzeitig achtet sie darauf, dass verfügbare Kompetenzen genutzt und die Gruppenregeln eingehalten werden. Diese beinhalten z. B., dass Leistungsdruck vermieden wird, jeder ausreden darf, jedem zugehört und keiner ausgelacht wird. Darüber hinaus regelt sie Konflikte und andere Störungen.
O je! Aber im Grunde sind es die gleichen Aufgaben für die Gruppenleitung, wie sie bei jeder anderen Betreuungsrunde abverlangt werden, nur dass sie hier eventuelle Störungen besonders im Blick haben sollte.



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Vor etwa einem halben Jahr ist Ihr Buch im Verlag an der Ruhr erschienen. Darin stellen Sie zwölf themenbezogene und ganzheitliche Entspannungsangebote für Senioren vor.
Würden Sie uns eine kleine Entspannungsübung daraus verraten, die man gut im Alltag mit Senioren umsetzen kann?

Spontan würde ich sagen: „Singen Sie ein Lied mit den Senioren.“ Viele erleben Singen als entspannend und beglückend. Außerdem lässt es uns tiefer atmen. Und eine tiefe, beruhigende Atmung gehört untrennbar zur Entspannung.

Oder die Senioren träumen sich weg. Fordern Sie die Senioren auf, es sich ganz bequem zu machen und die Augen zu schließen oder einen Punkt im Blickfeld zu fixieren. Leiten Sie die Senioren dann zu einem Wohlfühlort, den sie mit allen Sinnen wahrnehmen: „Atmen Sie jetzt tief ein – und wieder aus. – Noch einmal tief ein – und wieder aus. – Überlegen Sie sich jetzt einen Ort, an dem Sie sich so richtig wohlfühlen können. – Gehen Sie in Gedanken in diesen Ort hinein und sehen Sie sich gut um. Sehen Sie nach rechts – und nach links, – nach oben – und nach unten. – Können Sie etwas dort hören?- Können Sie etwas riechen? – Oder schmecken? – Genießen Sie diese Eindrücke eine Weile. – – Nun kehren Sie gedanklich wieder in das Hier und Jetzt zurück. Bewegen Sie die Finger, die Arme und rekeln und strecken Sie sich nach Herzenslust.“

Wie sind die Entspannungsangebote in Ihrem Buch aufgebaut?

Ganz grundsätzliche Aspekte habe ich weiter oben bereits dargestellt. Bedenken wir, dass die Entspannung hier Mittel zum Zweck ist. Und zwar um Ruhe, Wohlgefühl und eine positive Wahrnehmung zu erreichen. Dafür braucht es eben den festen Rahmen. Wenn ich den kenne, fühle ich mich sicherer und kann mich eher auf das Angebot einlassen. Einige Aktionen sind ritualisiert mit gleichem Ablauf und gleicher Sprache, so dass sich der Wiedererkennungswert erhöht.
Inhaltlich finden zur Einstimmung und Orientierung mehr oder weniger unterschiedliche Aktivitäten statt, wie das Singen von Liedern, Vorlesen von Gedichten, Wahrnehmungsübungen, Anregungen zum Erinnern und Erzählen, Kreatives, Bewegungsangebote, Übungen zur Körperwahrnehmung und Atemübungen, die die eigentliche Entspannungsphase vorbereiten. So kann man das Thema präsent halten, den Kreislauf anregen bzw. Bewegungsdrang entgegenwirken, Erinnerungen wecken, positive Stimmung erzeugen usw. Die Senioren werden dann sprachlich detailliert in die Entspannung hinein, dadurch und wieder hinaus geführt. Die Entspannung selbst bildet den Höhepunkt. Anschließend folgen eine kleine Reflexion, für die Senioren unbedingt eine Trinkpause, etwas theoretische Information zu Aspekten der Entspannung, wie zum Wohlfühlort, dem positiven Denken oder verschiedenen Formeln des autogenen Trainings. Die Erklärung der Vorgehens- und Wirkungsweisen ist für mich als Ausdruck einer wertschätzenden Haltung wichtig. Um die Senioren wieder zu aktivieren, bilden ähnliche Aktionen wie zur Einstimmung die Nacharbeit. Anschließend folgt ein Abschiedsritual.
Auf diese Weise wird das Entspannungsangebot zu einer ganzheitlichen Aktivierung, geistig, körperlich und seelisch. Und das hat hoffentlich Spaß gemacht und etwas Lebensfreude vermittelt.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich vor Jahren, als ich in einer Tagespflege für die dortigen Gäste einen Entspannungskurs in Zusammenarbeit mit der leitenden Betreuungskraft durchgeführt habe. Ein sehr großer Anteil der Kursteilnehmer war von Demenz in unterschiedlichen Stadien betroffen, so dass ich den Teilnehmerkreis klein halten wollte. Doch bei jeder weiteren Sitzung wurde die Gruppe größer und größer, bis unser Kreis in meinen Augen riesengroß war und schließlich den Raum ausfüllte. Die Senioren waren jedoch so diszipliniert, dass wir ohne große Störungen die Sitzungen durchführen konnten. Beim nächsten Mal waren alle wieder da und hatten natürlich den ein oder anderen auch noch mitgebracht.
Nach vier Wochen mussten wir aus terminlichen Gründen eine Pause einlegen. Die Betreuungskraft erzählte mir später, dass sie die Fortsetzung des Kurses angekündigt habe und die Gäste der Tagespflege laut geklatscht hätten.
Der Gedanke daran berührt mich heute noch zutiefst, handelte es sich doch um Senioren, deren Kurzzeitgedächtnis normalerweise versagte. Offensichtlich hatten wir sie auf einer tief emotionalen Ebene erreicht, die zum Abspeichern im Gehirn kein Kurzzeitgedächtnis braucht.
Noch lange nach Beendigung des Kurses gehörte ein monatlicher Entspannungsnachmittag zum festen Bestandteil der Betreuungsarbeit in dieser Tagesstätte.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ein großer Wunsch von mir ist, dass die Betreuungsarbeit den Stellenwert erhält, der ihr zusteht. Dass dieser so wichtige Arbeitsbereich ausgestattet wird mit genügend geschultem Personal, ausreichender Zeit und adäquaten Arbeitsmaterialien. Und dass tatsächlich zugewandtes Arbeiten mit den Senioren wichtiger wird als ein unendliches Dokumentieren oder ein Fleck auf der Bluse.
In Anbetracht meines eigenen Alters denke ich oft darüber nach, was ich mir in 15, 20 Jahren wünschen würde. Natürlich, dass die Pflegesituation nicht komplett eskaliert. Ich wünsche mir Pflege- und Betreuungskräfte, die nicht ständig am Limit ihrer Leistungsfähigkeit agieren müssen, die nicht jeden Fleck auf der Bluse sofort beseitigen und mich umziehen, sondern dass sie diese Zeit nutzen, um mit mir zu reden und zu lachen.

Herzlichen Dank, Frau Schumann!!!

Zur Buchvorstellung von „Wohlfühlmomente erleben. Ausgearbeitete Entspannungsangebote für die Seniorenarbeit“



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Hunde in der Pflege. Das Interview

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Im Gespräch mit Silke Kowol über tiergestützte Aktivierungen in der Seniorenarbeit

Hallo Frau Kowol, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Silke Kowol, ich bin 41 Jahre alt und lebe mit meinem Partner und unseren beiden Hunden Snow und Frieda in Heilbronn. Hauptberuflich arbeite ich als Sozialpädagogin in der Suchthilfe. Zusätzlich bin ich nebenberuflich mit den Hunden in derzeit drei Seniorenresidenzen mit Einzel- und Gruppenangeboten aktiv.

Sie bieten jetzt schon seit mehr als zehn Jahren die tiergestützten Interaktionen mit Ihren Hunden in der Seniorenarbeit an. Was hat Sie bewegt, diesen Weg in Ihrer beruflichen Laufbahn einzuschlagen?

Für mich war das die ideale Verbindung zwischen Hobby und Beruf, um mich, damals noch ehrenamtlich, mit Besuchen bei Senioren sozial zu engagieren. Inzwischen sind es unzählig viele schöne Begegnungen und überwältigende Reaktionen der Bewohner, die mir zeigen, dass tiergestützte Interaktionen wichtig und sinnvoll sind.

Können Sie noch einmal kurz erklären, was genau tiergestützte Interaktionen sind? Welche Ziele kann man mit diesen Begegnungen verfolgen?

Unter einer tiergestützten Interaktion verstehe ich die gezielte Förderung eines Austauschs zwischen mir als Begleiter mit Hund und dem Menschen in der Einrichtung unter Berücksichtigung des sogenannten Interaktionsfelds „Mensch-Hund-Mensch“. D.h. die Begegnung wird individuell angepasst an mein Gegenüber, den Hund und die jeweilige Situation. Ich als Begleiter wäge ab, was zu dem begleitenden Menschen und zu meinem Hund in dieser Begegnung passt.
Das Hauptziel dabei ist immer, einen Zugang zum Menschen zu finden und Freude zu bereiten.
Weitere Ziele sind mehr Kontaktmöglichkeit und Nähe, die Steigerung des Wohlbefindens und des Selbstwertgefühls, der Erhalt der Sinnesfähigkeiten, der Gedächtnisleistungen, der Mobilität und der Gesundheit.

Wer kann und darf tiergestützte Aktivierungen mit Hunden in der Seniorenarbeit anbieten?

Tiergestützte Aktivierungen kann jeder verantwortungsbewusste Hundehalter anbieten, der sowohl seine eigenen persönlichen Grenzen als auch die seines Hundes kennt, und sich auf sein Gegenüber, den betagten Mensch, mit einer positiven Grundhaltung einlassen kann.
Eine standardisierte Ausbildung mit festgelegten Richtlinien oder einem Curriculum gibt es noch nicht. Empfehlenswert sind Kurse, die neben einem Grundgehorsam die Bindung zwischen Hundehalter und Hund fördern, damit der Hund in jeder Situation ansprechbar ist.

Wie sollten diese tiergestützten Besuche oder Aktivierungen gestaltet sein? Worauf muss man unbedingt achten?

Tiergestützte Interaktionen können als Besuchsdienste oder mit Veranstaltungscharakter angeboten werden, als festes und fortlaufendes Gruppenangebot oder als Einzelkontakte.
Zu beachten ist vor allem, dass sich alle Beteiligten, also auch der Hund, wohlfühlen und dass die Grenzen von jedem respektiert und geachtet werden. Manche Menschen möchten z.B. keinen direkten Körperkontakt zum Hund, andere mögen es zu streicheln, zu füttern und zu bürsten. Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit festen Ritualen, sowohl für den Menschen als auch für den Hund. D.h. die Gruppenstunden beginnen und enden immer gleich und der Hund wird mit einer bestimmten Übung auf den Einsatz eingestimmt. Die inhaltliche Ausgestaltung hängt dann davon ab, was ich als Mensch einbringen kann, z.B. mit meinem Beruf als Sozialpädagogin, und wo ich den Hund passend in die Themen einbeziehe.

Die Hunde sollten langsam an bestimmte Situationen herangeführt und gezielt auf die Einsätze vorbereitet werden, gesund sein und ihrem Wesen entsprechend im Alltag ausgelastet werden als Ausgleich.

Zudem ist es wichtig, dass die Hygienevorschriften der Einrichtungen beachtet und bestimmte Räumlichkeiten gemieden werden.
Eine gute Kooperation mit den Betreuungsfachkräften vor Ort ist hilfreich für wichtige Vorinformationen, z.B. Allergien etc.

Tiergestützte Aktivierungen werden insbesondere bei der Begleitung von Menschen mit Demenz gerne angeboten. Welche Wirkung haben die Hunde auf die Senioren? Und warum kann mit Hilfe der Tiere so viel bewegt werden?



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Tiere stellen eine Brücke ins „Hier und Jetzt“ her und schaffen dadurch einen angenehmen Bezug zur Realität für Menschen mit Demenz. Über basale Stimulation, beispielsweise durch die Körperwärme des Hundes oder die Berührung der Hände durch die Hundezunge, wird das Erinnerungsvermögen angeregt und z.B. die Sprachfähigkeit gefördert. Letztendlich wirkt es sich positiv auf das Wohlbefinden und die Gesundheit eines Menschen aus, wenn sich Orientierungsvermögen, Kommunikation, körperliches und emotionales Befinden und die soziale und gesellschaftliche Teilhabe verbessern. Darüber hinaus ist es auch ein großer Gewinn für die jeweilige Einrichtung, wenn es den Bewohnern gut geht.

Ihr Buch Hunde in der Pflege. Helfer auf vier Pfoten* ist ein Ratgeber für tiergestützte Aktivierungen und Therapien im Pflegealltag. In dem Buch stellen Sie unter anderem 30 Begegnungen zwischen Mensch und Hund vor. Würden Sie uns eine dieser Begegnungen beispielhaft vorstellen?

Eine sehr beliebte Begegnung ist z.B. ein Suchspiel mit einer schlichten Gummimatte, in die der Bewohner ein Leckerli für den Hund einwickelt und der Hund diese, vorzugsweise mit der Nase, wieder aufrollt. Vielen Bewohnern ist der Bewegungsablauf des Einwickelns bekannt, es fällt auch mit einer Hand leicht, wenn es körperliche Einschränkungen gibt. Ein Spiel mit Futter hat den wichtigen Aspekt des Gebens, so dass der Bewohner aus der Rolle des immer Nehmenden herauskommt, indem er dem Hund etwas Gutes tut. Und ein Spiel als solches bereitet immer allen eine Freude!
Als begleitendes Gespräch – welches bei jeder Begegnung IMMER im Vordergrund stehen sollte, denn es geht um die Interaktion und nicht nur um reine Beschäftigung – bieten sich dann viele Themen von der Erinnerung im Umgang mit eigenen Tieren bis hin zur Aufgabe und dem Nutzen der Sinnesorgane bei Mensch und Tier.

Welche Tiere eignen sich neben den Hunden für Begegnungen mit Senioren?

Ich selbst habe bisher nur Erfahrungen mit Hunden gemacht, weil mir die Ausbildungs- und Trainingswege mit Hunden liegen. Bekannt sind positive Erfahrungen mit Kaninchen, Meerschweinchen, Katzen, Alpakas und auch Ponys. Ich denke, das hängt auch immer davon ab, wie wir als Begleiter die Interaktionen gestalten und diese auf alle Beteiligten abstimmen.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Ich erinnere mich sehr gerne an eine betagte Frau mit fast 100 Jahren, die sich ihr ganzes Leben lang um ihre Familie und um einen Hof gekümmert hatte. Sie konnte sich nur schwer in der Residenz einleben, denn Unterstützung und Hilfestellung annehmen war für sie fremd und unvorstellbar. Als dann noch besondere Pflegemaßnahmen wegen einer Erkrankung an den Beinen erforderlich wurden, kam ihr das übertrieben vor und sie wollte diese Pflege nicht zulassen. Erst mit der Anwesenheit des Hundes und ihrer Fürsorge und Zuwendung dem Hund gegenüber, konnte sie eigene Pflege akzeptieren und annehmen, z.B. wenn sie dem Hund Wasser gab, ihn bürstete, mit ihm sprach und sich um ihn kümmerte. So wurde die gemeinsam verbrachte Zeit für alle Beteiligten, auch für das Pflegepersonal, sehr angenehm.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Noch viel mehr Möglichkeiten in unserer Gesellschaft, Menschen im Alter Zugang zu unterschiedlichen Begegnungen zu verhelfen, z.B. auch mit Tieren!

Herzlichen Dank, Frau Kowol!!!

Sehr gerne! Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an diesem Thema.

Zur Buchvorstellung von „Hunde in der Pflege. Helfer auf vier Pfoten“
Zur facebook-Seite von Silke Kowol



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„Gemeinschaft fördert Sicherheit und Vertrauen“

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Im Gespräch mit Björn Preuß über die Lebens- und Wohnraumgestaltung in Pflegeeinrichtungen für Menschen mit Demenz

Hallo Herr Preuß, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Björn Preuß, ich bin am 12.07.1972 geboren und lebe in Wattenscheid. Nach meiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann war ich Zivildienstleistender in einer ambulanten Pflege und entschied mich im Anschluß für eine neue Ausbildung zum Altenpfleger. Die Arbeit mit älteren Menschen, insbesondere mit an Demenz erkrankten Menschen, bereitet mir noch immer große Freude. Später besuchte ich die Fortbildung zur Praxisanleitung, machte die Weiterbildung „Palliative Care“ und startete 2011 als Wohnbereichsleitung mit der Aufgabe, einen Wohnbereich mit mittel- bis schwerer Demenz, sowie herausfordernden Verhalten aufzubauen.

Für viele Senioren und Menschen mit Demenz sind Pflegeeinrichtungen das Zuhause, in dem sie ihren Lebensabend verbringen. Pflegende und Betreuende haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihnen diesen Lebensabschnitt so angenehm wie möglich zu gestalten. Dazu gehören eine wertschätzende Begleitung, eine bedürfnisorientierte Beschäftigung im Alltag und auch eine angemessene Gestaltung der Wohnräume.
Was sind Dinge, die man bei der Wohnraumgestaltung für Menschen mit Demenz unbedingt beachten sollte? Welche Rolle spielt dabei die Biografie der Betroffenen?

Aus der Erfahrung des Wohnbereiches kann ich empfehlen, sich zuerst Gedanken über das Zusammensein zu machen. Gemeinschaft fördert Sicherheit und Vertrauen. Man benötigt etwas für die Bewohner/innen, wo gemeinsam gegessen, gesungen, gesprochen und geklönt werden kann. Eine lange Tafel, an denen die Bewohner sich gegenüber sitzen können, ist da sehr von Vorteil.

Im Anschluß daran, gestalten sie doch einfach das Umfeld mit Dingen / Möbeln, die für die Menschen mit Demenz wichtig waren und noch immer sind. Wenn sich Möbel aus einer bestimmten Zeit auf dem Wohnbereich befinden, trägt das zu einer angenehmen Atmosphäre bei. Große Lampenschirme, Vitrinenschränke und Sideboards sind sehr vertraute Möbel, die allerdings nur dann Sinn machen, wenn Bewohner/innen diese auch benutzen, anfassen dürfen. Unsere Möbel auf dem Wohnbereich sind jederzeit zugänglich, dürfen und sollen genutzt werden. Beliebt sind vor allem buntes Porzellan, die sogenannten Sammeltassen, die aus den Schränken genommen werden und mit dem Rollator an einen anderen Ort gelangen.

Das Thema Biografie bereitet uns zurzeit jedoch Schwierigkeiten! Ein Generationswechsel findet statt! Die Menschen die nun zu uns kommen haben die Nachkriegszeit nicht mehr oder nur zum Teil erlebt und teilen sich den Wohnbereich. Es kann dann schon mal von der jüngeren Generation vorkommen, dass über das alte Möbelstück geschimpft wird. Die Alterspanne in unserer Einrichtung liegt derzeit zwischen 68 – 103 Jahren.

Welche positiven Auswirkungen haben eine bedürfnisorientierte Lebens- und Wohnraumgestaltung auf das (Er-)Leben der Betroffenen und den Alltag in Pflegeeinrichtungen?

Es ist eine wesentlich entspannte Stimmung auf den Wohnbereichen. Die Bewohner/innen sind ausgeglichen und die Hinlauftendenzen reduziert. Selbstverständlich macht sich auch hier hin und wieder ein Bewohner auf den Weg nach Hause, aber solche Situationen kommen nicht mehr täglich vor. Für Bewohner, Angehörige und die Mitarbeiter ist das eine angenehmere Situation.

Wodurch werden, Ihrer Erfahrung nach, demenziell veränderte Menschen eher verunsichert?

Grundsätzlich sind häufig wechselnde Pflegekräfte nicht von Vorteil. Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, benötigen gleichbleibende Strukturen. Wenn jeden Tag eine neue Pflegekraft vor Ort ist, bringt das eher Unbehagen.

Ebenso wichtig ist die Atmosphäre in den Aufenthaltsräumen. Achten Sie darauf, dass die Musik nicht ununterbrochen läuft. Eine Ruhephase tut allen Beteiligten gut. Was Sie allerdings stets gut einsetzen können ist ein Fernsehgerät auf dessen Bildfläche ein Aquarium mit Fischen zu sehen ist. Dies stört nicht und kann immer mal wieder mit einer Pflegekraft zur Aufmerksamkeit genutzt werden.

Sämtliche Einrichtungen, die für einen an Demenz erkrankten Menschen neu sind, sind zuerst einmal beängstigend. Fremde Geräusche und Gerüche, viele unbekannte Gesichter und andere Tagesabläufe können Unruhe auslösen, bis hin zum Verlassen des Hauses führen. Deswegen ist es so immens wichtig, einen Menschen mit Demenz bei einem Einzug in eine Alteneinrichtung oder in ein Krankenhaus zu begleiten. Er benötigt wesentlich mehr Verständnis und Zuwendung, da er seine Umwelt nicht mehr verstehen kann. Gelingt dies in den ersten Tagen, dann wird sich der an Demenz erkrankte Mensch etwas sicherer und geschätzt fühlen.

Passend zum Thema haben Sie im Verlag an der Ruhr das Buch Lebens- und Wohnraumgestaltung in Pflegeeinrichtungen* veröffentlicht. Alles, was Sie hier im Interview oder in Ihrem Buch beschreiben, klingt so plausibel und richtig, und sollte für die Gestaltung von Pflegeinrichtungen für Senioren und Menschen mit Demenz doch eigentlich selbstverständlich sein.
Warum werden derartige Konzepte dennoch in vielen Altenpflegeeinrichtungen Ihrer Meinung nach noch nicht, oder nur teilweise umgesetzt?

Es wird viel mehr umgesetzt, als wir vermuten. Es gibt mittlerweile nicht nur Einrichtungen, die sich sehr um das Wohlergehen von an Demenz erkrankten Bewohnern kümmern, sondern auch Krankenhäuser. Ein Beispiel dazu: Eine Kollegin von mir kümmert sich um Patienten mit Demenz und die Problematik der Operation. Hier werden neue Ansätze gemacht, die sich nicht nur mit der Schwierigkeit der Voll- / Teil- Narkose beschäftigen, sondern auch mit dem Thema: Was benötigt der Erkrankte vor bzw. nach einer Operation, um sich wohl zu fühlen? Gibt es besondere Eigenarten des Erkrankten und wie können diese gelindert werden? Es wurde ein Konzept entwickelt, um den Umgang mit Demenz erkrankten Menschen von Ärzten, Pflegepersonal etc. weitestgehend zu erleichtern.

Ich bin mir sicher, dass in den nächsten Jahren viel mehr Einrichtungen, Krankenhäuser und Reha-Kliniken Konzepte vorweisen werden. Das Thema Demenz ist aktueller, als man vielleicht meint!

Wenn man Ihr Buch liest, bekommt man schnell das Gefühl, dass Ihr Beruf eine wirkliche Berufung für Sie ist, und dass Ihnen das Wohl Ihrer Bewohner und Mitarbeiter sehr am Herzen liegt.
Wann haben Sie sich dazu entschieden, in die Seniorenarbeit zu gehen? Was geben Sie Ihren Auszubildenden mit, die sich auf den gleichen Weg machen möchten?

Das war purer Zufall. Ich hatte bereits eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann gemacht und leistete im Anschluß Zivildienst. Diese Arbeit ging mir so gut von der Hand und ich spürte einfach, das ist mein Beruf. Heute gibt es, leider, den Zivildienst nicht mehr. Sicherlich würden sich dann viel mehr Menschen für den Beruf der Altenpflege entscheiden. Allerdings machen einige junge Menschen ein freies soziales Jahr. Im Anschluß daran absolvieren bei uns in der Einrichtung viele die Altenpflegeausbildung.

Wer in die Pflege möchte, der sollte unbedingt Respekt vor dem Alter, der Demenz und dem Tod mitbringen. Es ist nach wie vor ein schwerer, aber großartiger Beruf. Und es geht nicht nur um das Waschen, Bekleiden, Essen anreichen und Toilettengänge. Dieser Beruf ist so facettenreich! Man lernt über die Gabe von Medikamenten, Injektionen, Wundverbänden, weiter über Lösungsstrategien bei Konflikten mit an Demenz erkrankten Menschen bis hin zu den Grenzen der Rechtsgrundlagen. Unter anderem organisiert man Arztbesuche, arbeitet Visiten aus, ist bei Feststellung eines Gutachtens vom MDK dabei und bekommt noch Einblicke in die Bereiche ambulante Pflege, Krankenhaus und Psychiatrie. Und das ist nur eine kleine Aufzählung.

Hätten Sie für uns ein paar kleine grundsätzliche Tipps, die den Alltag für Menschen mit Demenz angenehmer machen können?

Begeben Sie sich auf die Ebene des an Demenz erkrankten Menschen. Nehmen Sie ihn wahr und erklären seine Äußerungen für gültig. Wenn Sie nicht wissen wie sie damit umgehen sollen, beobachten Sie den Menschen. Fällt Ihnen auf, dass die Person aufgeregt ist, dann sagen sie das mit den Worten:“ Sie sind aufgeregt!“ In der Regel erhalten sie eine Reaktion. Daraus kann sich ein Gespräch ergeben. Bestenfalls kommt der Mensch wieder zur Ruhe.
Das geht auch bei Menschen die Ihnen freudestrahlend entgegenkommen. Äußern sie doch einfach:“ Ihnen geht es gut. Sie strahlen über das ganze Gesicht.“ Mit diesen Sätzen werden sie wunderbare Reaktionen erfahren.



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Achten Sie darauf, dass sie den Menschen nicht überfordern, indem sie duftende Dinge spielerisch erraten lassen möchten. Der dementiell Erkrankte nimmt, als Beispiel, den Geruch von Kaffee zwar wahr, weiß aber nicht was dies ist. Angenehmer wäre es zu äußern: „Hier ist Kaffeepulver, riechen Sie mal!“

Gehen Sie mit den an Demenz Erkrankten an die frische Luft. Auch bei Regen. Sie werden überrascht sein, wie sehr das gemocht wird.

Und hier noch ein Tipp zum Mittagschlaf:
Dass die beliebte Mittagsruhe gewünscht war, kann ich nicht bestätigen. Unsere dementiell Erkrankten Bewohner waren wach und aufmerksam und ließen sich nicht zur Mittagspause bewegen. Deswegen kümmerten wir uns grundsätzlich mit Gesprächen und Spielen um unsere Bewohner. Falls doch jemand einschlief, haben wir den Bewohner auf der Couch, im Aufenthaltsraum hingelegt. Kaum jemand wollte alleine im Zimmer ruhen, die Bewohner genossen offensichtlich die Nähe und Gespräche von Mitbewohnern und Personal.

Den an Demenz Erkrankten mit seinen, für uns unverständlichen Tätigkeiten oder Aussagen, annehmen. Nicht korrigieren! Was nützt es dem Menschen, wenn er in die Realität zurückgeholt wird? Wenn man äußert, dass die Tochter 58 Jahre alt ist und kein Kind von 5 Jahre mehr. Oder das die Mutter doch schon lange tot sei. Damit können Sie sich Probleme schaffen. Und sein wir doch mal ehrlich: Wenn ein 78jähriger, dementiell Erkrankter der Meinung ist, er sei 30 Jahre alt, wer will ihm dann erzählen, dass sein Kind über 50 sein soll. Klingt doch plausibel, oder? Denken Sie mal darüber nach!

Sollten Sie jetzt einige Leser mit Ihren Ideen bzgl der Wohnraumgestaltung angesteckt haben: Welche Möglichkeiten gibt es, an gute und für den Alltag sinnvolle alte Möbel zu kommen, die nicht allzu teuer sind?

In der Regel ist es hilfreich sich vorerst in der eigenen Familie zu erkundigen. Wenn ein Angehöriger in eine Einrichtung der Pflege zieht, bleiben noch viele Möbel für den Sperrmüll über. Vielleicht gibt es dort die Möglichkeit an eine bsp. Standuhr oder Schirmlampe zu kommen.

Sämtliche Foren im Internet bieten alte Möbelstücke an. Hier war es uns allerdings wichtig, dass die max. Kosten von 150 € nicht überschritten werden.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Es gibt immer wieder erstaunliche Beobachtungen, wenn man mit Menschen mit Demenz arbeitet.

Zum Frühstück gibt es zu den „normalen“ hellen Brötchen auch dunkle Brötchen (6-Korn-Brötchen). Eine an Demenz erkrankte Dame ergriff ein dunkles Brötchen und begann sodann mit dem Messer, die dunkle Farbe des Brötchens abzukratzen. Sie war der Meinung, es sei verbrannt. Sie kratzte so emsig und ärgerte sich immer mehr, weil das Verbrannte sich nicht lösen ließ. Wir entschieden uns nach einer kurzen Weile, das dunkle Brötchen durch ein helles zu ersetzen. Die Situation entspannte sich umgehend.
Sehr viele an Demenz erkrankte Menschen erleben größtenteils dunkle Lebensmittel wie dunkle Brötchen, Bratensoße, Rinderbraten oder ähnliches als verbrannt. Bei Kaffee, Nußnougatcreme oder Schokolade haben wir das allerdings nicht festgestellt.

Ein weiteres Beispiel: In unsere Wohnküche schimpfte ein älterer, an Demenz erkrankter Herr lautstark über sein Frühstück. Als ich mich zu ihm gesellte verstand ich sein Problem. Er hatte Erdbeergelee auf dem Toastbrot, und der ältere Herr wollte die kleinen festen Stücke gleichmäßig verteilen. Allerdings landete das Gelee entweder auf oder neben dem Teller, jedoch nicht gleichmäßig auf seinem Toast. Der Mann schaute mich an und sagt immer wieder: „Schau Dir das an, schau Dir das an. Alles Mist. Es bleibt einfach nicht liegen. Da, schon wieder.“ Dieses Problem ärgerte den Herrn so stark, dass ich ihm einfach eine Erdbeermarmelade anbot um den Stressfaktor zu senken. Und der Erfolg kam umgehend. Die Marmelade ließ sich verstreichen, der Mann war glücklich und frühstückte mit dem Satz: „Geht doch.“

Es sind manchmal die, für uns, banalsten Dinge, die es einem an Demenz erkrankten Menschen so schwer machen.

Und noch ein letztes kleines Beispiel im Umgang mit der Kommunikation:

Es war Mittagszeit auf dem Wohnbereich. In einer Ecke saß eine Alltagsbegleiterin, die einer Bewohnerin mit schwerer Demenz das Essen reichte. Mir fiel die Situation sofort auf, da die ältere Dame offensichtlich was erzählte und die Alltagsbegleiterin sie ansah und lauschte. Das Gesagte der Dame konnte man nicht verstehen, so ein Durcheinander war es. Aber durch die direkte Aufmerksamkeit der Alltagsbegleiterin war unmissverständlich klar, hier wird etwas Wichtiges erzählt. Es war ein wunderbares Bild und ich gesellte mich kurz dazu. Die Bewohnerin sah mich an und ich wünschte ihr einen guten Appetit. Die Bewohnerin nickte und erzählte sofort in „ihrer Sprache“ irgendetwas Interessantes. Dann zeigte sie nach Draußen. Ich äußerte: „Herrliches Wetter!“, worauf die Dame wieder unablässig, mit viel Gestik erzählte. Dabei fiel das Wort „hoppeln“, dass ich sofort aufschnappte und nachdem die Bewohnerin mit ihrer Aussage stoppte sagte ich: „Draußen flitzen auch ganz viele Hasen über den Rasen. Da ist richtig was los!“ Die Dame nickte und lachte und zeigte mit ihrem Finger auf das Fenster. Meine Kollegin äußerte dann: „Die schmecken auch gut! Im Backofen wird das ein herrlicher Braten.“, worauf die Bewohnerin entrüstet etwas schimpfte.

Wir brauchen viel mehr Menschen, die mit ihrem Herzen Aufmerksamkeit und Wertschätzung an Menschen mit Demenz verschenken.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Eine Änderung im Pflegegesetz. Wir benötigen dringend für zwei an Demenz erkrankte Bewohner, eine Vollzeitpflegefachkraft sowie eine Betreuungskraft.
Ich gebe zu, das war wirklich ein herrlicher Wunsch. Jedoch fällt heute mehr als noch vor fünf Jahren auf, wie groß der Bedarf an Pflegekräften ist. Wie soll gute und verantwortungsvolle Pflege geschehen, wenn immer mehr gekürzt wird? Das geht zu Lasten aller, in erster Linie aber leiden die älteren Menschen darunter.

Herzlichen Dank, Herr Preuß!!!

Zur Buchvorstellung von „Lebens-und Wohnraumgestaltung in Pflegeeinrichtungen“

Zur Verlagsseite: verlagruhr.de



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Wenn die Natur plötzlich im Pflegeheim aufblüht

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Im Gespräch mit Susanne Moser-Patuzzi über Naturerfahrungen für Pflegebedürftige und Bettlägerige

Hallo Frau Moser-Patuzzi, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Susanne Moser-Patuzzi, ich bin 46 Jahre alt, Mutter und lebe und arbeite in Wien, wo ich auch die Ausbildung zur Kunsttherapeutin absolviert habe. Bis vor einiger Zeit war ich kunsttherapeutisch mit Jugendlichen tätig, momentan widme ich mich verstärkt dem Schreiben und bin stets darum bemüht, möglichst viel Zeit im Freien zu verbringen.

In den Pflegeheimen spielen Wahrnehmungsangebote mit Naturelementen eine immer größer werdende Rolle. Bei vielen Sinnesangeboten (zum Sehen, Schmecken, Hören, Fühlen, Riechen) blühen die Senioren, insbesondere Menschen mit Demenz, förmlich auf. Warum sind besonders die ganz natürlichen Dinge in den Sinnesaktivierungen so beliebt?

Ich denke, dass natürliche Materialien so gut bei den meisten Menschen ankommen, weil sie eine Menge an Potential in sich tragen. Sie eröffnen vielfältige Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, sich von ihnen inspirieren zu lassen.
Ich möchte das anhand eines Beispiels veranschaulichen: nehmen wir an, Sie bringen jemandem ein Schneckenhaus mit. Das kann man zunächst mit allen Sinnen erforschen, also betrachten, befühlen, mit den Fingern den Windungen folgen, die Riefen spüren, den Finger in die Öffnung stecken oder hineinblasen. Man kann es ans Ohr halten, daran schnuppern und obendrein noch etwas daraus basteln oder damit spielen.
Über all diese Erfahrungen kann man dann sprechen. Oder man führt ein allgemeines Gespräch über Schnecken und deren Lebensweise, über eigene Erlebnisse mit diesen Tieren, über Langsamkeit, Rückzug, den Tod oder gar über den architektonischen Aufbau eines Schneckenhauses.
Ähnliches wäre bei anderen Naturmaterialien möglich. Auch ein Fichten-, Föhren- oder Lärchenzapfen kann befühlt und beschnuppert werden und Austausch über eigene Erlebnisse und Erinnerungen, Bäume, Wälder, Lebenszyklen, Umweltproblematiken usw. anregen.
Meiner Ansicht nach bieten Materialien aus der Natur einem aufmerksamen Begleiter ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten, Sinne zu aktivieren und einen aktiven Austausch anzuregen, daher ihre Beliebtheit.

Wir haben vor kurzem Ihr Buch auf Mal-alt-werden vorgestellt. Dort haben Sie sehr schön und anschaulich, wie ich finde, die Bedeutung der Naturerfahrungen für uns Menschen und unsere Verbundenheit zur Natur erläutert. Würden Sie unseren Lesern diese besondere Bedeutung der Natur hier auch noch einmal (kurz) beschreiben?

Wir Menschen sind mit der Natur untrennbar verbunden. Egal, wie städtisch unser Lebensstil, wie raffiniert unsere Nahrung und Kleidung, wie von Technologie durchdrungen unsere Arbeits- und Freizeitwelt ist: alles kommt ursprünglich aus der Natur. Wir sind von ihr abhängig, brauchen sie für unser körperliches und geistiges Überleben, und wir sind ihr ausgesetzt.
Im Laufe des Lebens macht jeder Mensch zahlreiche Naturerfahrungen – wie intensiv sie sind und wie tief sie empfunden werden, ist unterschiedlich. Tatsache ist, dass ein Zuwenig an Natur Konsequenzen hat (siehe als einfaches Beispiel Vitamin-D-Mangel) und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Natur heilsam sein kann – wer schon mal durch einen Spaziergang, Joggen, Schwimmen oder Ähnliches Stress abgebaut hat, kann das bestimmt nachvollziehen.
Hier in Mitteleuropa bietet sich uns eine wunderbare Gelegenheit, die bewusste Verbindung zur Natur wiederherzustellen: im Regelfall sind alle unsere Bedürfnisse mehr als gedeckt, wir müssen uns nicht dem täglichen Überlebenskampf stellen und können uns den Luxus leisten, uns der Natur auf sehr angenehme Art und Weise zu nähern: über ihre Schönheit.

Warum sind regelmäßige Naturerfahrungen besonders für Pflegebedürftige und Bettlägerige besonders wichtig?

Für die Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, sich in die Lage eines pflegebedürftigen oder bettlägerigen Menschen hineinzuversetzen. Stellen Sie sich vor, am Lebensende den Großteil Ihres Alltages in denselben Räumen zu verbringen. Man ist gebrechlich, krank, hat Schmerzen, kann nicht mehr so, wie man will, kann diese Räume oder sogar das Bett nicht mehr verlassen. Was ist das für ein Lebensgefühl? Können wir Jungen, Gesunden das überhaupt nachvollziehen?
Wir könnten uns vorstellen, nach einem Büroarbeitstag oder nach einem Schultag nicht raus zu dürfen, sondern drinnen bleiben zu müssen und zwar ständig. Ohne Bewegung, ohne Sonne, ohne den Wind zu spüren, ohne aus der Kälte wieder ins Warme zu kommen. Würden wir nicht nach Abwechslung lechzen wie nach Sonnenschein am Ende eines langen, dunklen Winters? Gerade für Pflegebedürftige und Bettlägerige sind Zuwendung in jeder Form und, soweit möglich, direkte Naturerfahrungen essentiell.

Welche Wirkung haben Naturmaterialien auf die Betroffenen?

Wie vorhin schon angesprochen, tragen viele Naturmaterialien ein reiches Potential an Sinneserfahrungen in sich und sind gleichzeitig Ausgangspunkte, Brücken, für tiefere Begegnungen. Im Idealfall wirken Naturmaterialien anregend, aktivieren die Sinne, bringen Erinnerungen wieder und ermöglichen einen Austausch zwischen dem Betroffenem und demjenigen, der sich ihnen zuwendet. Sie öffnen Türen und ermöglichen Lebendigkeit, ein Aufleben auf verschiedenen Ebenen.
Von größter Bedeutung ist hier allerdings die Rolle des Begleiters: er oder sie ist ein wesentlicher, wahrscheinlich DER wesentliche Faktor für die Tiefe des Erlebnisses des Betreuten. Einem pflegebedürftigen Menschen eine Schale mit Naturmaterialien in die Hand zu drücken und dann wegzugehen, bringt im besten Fall eine Zeitlang Freude, aber es braucht mehr! Es braucht einen lebendigen, präsenten, offenen Menschen, der begleitet und teilt. Das ist eine große Herausforderung für alle Pflegenden und Begleitenden, die oft mit Zeit- und anderem Druck zu kämpfen haben.

Wie schafft man Begegnungen mit der Natur im Pflegealltag? Welche Möglichkeiten haben Pflegende und Betreuende?



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Hierbei kommt es auf die Rahmenbedingungen an. Grundsätzlich gilt: je unmittelbarer die Erfahrung, desto vorteilhafter. Es ist besser, in den Garten zu gehen und unter einem Baum zu sitzen oder eine Katze zu streicheln als im Zimmer ein Bild von einem Baum oder einer Katze anzusehen. Je mehr Möglichkeiten vorhanden sind, eben ein Garten oder Tiere und je mobiler die Betreuten sind, desto einfacher.
Wenn Hinausgehen nicht machbar ist, kann man auf mitgebrachte Naturmaterialien zurückgreifen. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten, vom erwähnten Schneckenhaus über Federn, Zapfen, Kieselsteine, Geweihteile, Früchte und duftende Gewürze oder Öle, Samen bis hin zu Wasser, Sand, Schnee und Erde (Ton) in kleinen Mengen. Je nachdem, was sich praktisch umsetzen lässt.
Des Weiteren können Filmen, Bilder, Bücher und CDs (z.B. Naturgeräusche oder Vogelstimmen mit oder ohne Musik) angeboten werden.
Zur Inspiration kann man sich auch an den Jahreszeiten oder Jahresfesten orientieren.

Wie kann ich speziell den bettlägerigen Menschen besondere Naturerfahrungen schenken?

Bei bettlägerigen Menschen sind klarerweise die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Auch hier kann der Großteil der oben erwähnten Naturmaterialien zum Einsatz kommen, besonders aber auch Bilder, Klänge oder Düfte. Unser Buch „Naturerfahrungen im Pflegealltag. Das Draußen drinnen erleben“, das Sie hier vorstellen, soll Begleitern eine umfangreiche Palette an gut und ohne großen Aufwand vorzubereitenden Begegnungen bieten, die sie ihren Betreuten mitbringen können.
Auch hier gilt: je eingeschränkter die Möglichkeiten des Betreuten sind, desto wesentlicher ist die Rolle des Betreuers! Er/sie trägt eine enorme Verantwortung, was leider nicht immer ausreichend gewürdigt wird.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was durch den Einsatz von Natur(materialien) im Pflegeheim erreicht werden kann?

Gerne. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte meine geliebte, hochbetagte Großmutter in einem Pflegeheim. Da es mir aufgrund der großen Entfernung nicht möglich war, sie regelmäßig zu besuchen, stand ich in Briefkontakt mit ihr, soweit es ihr Zustand erlaubte, schrieb sie zurück. Zu dieser Zeit war ich häufig an verschiedenen Flüssen unterwegs und schickte Oma einmal einen wunderschönen, runden Bachkiesel mit. Ich beschrieb ihr genau, wo ich ihn gefunden hatte, wie es dort aussah, und warum er so schön rund war. Meine Großmutter antwortete auf diesen Brief, es war einer der letzten, den sie mir schickte. Sie schrieb, dass sie sich über den Stein freute, und darüber, dass er so rund und glatt war, und so kühl auf der Haut. Kurz darauf telefonierte ich mit meiner Tante, die mir erzählte, dass Oma dauernd was von einem Stein redete und sie sich nicht erklären konnte, woher das plötzlich kam. Oma wäre momentan wohl etwas durcheinander, meinte sie. Da hatte ich mit dem Kiesel nicht nur Sinnesfreude, sondern auch ordentlich Verwirrung gestiftet. Zum Glück konnte ich das rasch aufklären und damit Oma noch weiterhin ungetrübte Freude an dem kühlen Stein ermöglichen. Diese Geschichte zeigt einerseits, wie Sinnesfreude durch Naturmaterialien möglich, andererseits aber auch, wie wichtig die Anwesenheit eines gefühlvollen Begleiters ist.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Seine Heiligkeit der Dalai Lama soll sinngemäß Folgendes gesagt haben: Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du ohnehin schon weißt, wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas Neues lernen.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns die Zeit nehmen, unseren Mitmenschen zuzuhören. Und darüber hinaus nicht nur den Menschen, sondern auch den anderen Lebewesen auf der Erde. Damit meine ich, dass wir uns bemühen, möglichst viel über andere Lebensformen zu erfahren, zu lernen und daraus Wege aus der Umweltzerstörung hin zu einem besseren Miteinander zu finden. Das wünsche ich mir.

Herzlichen Dank, Frau Moser-Patuzzi!!!

Zur Buchvorstellung von „Naturerfahrungen im Pflegealltag. Das Draußen drinnen erleben“.
Das Buch ist im Verlag an der Ruhr erschienen.



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Kreative Bastelideen quer durch das ganze Jahr…

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Im Gespräch mit Susanne Vogt über Bastelangebote mit Senioren

Hallo Frau Vogt, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Mein Name ist Susanne Vogt. Ich bin 40 Jahre jung und lebe in der Schweiz. Beruflich bin ich nicht in der Seniorenarbeit oder Altenpflege tätig, ich bin Lehrerin. Aber in meiner Freizeit bin ich gerne kreativ, für und mit Jung und Alt.

Bastelarbeiten begeistern Jung und Alt. Ob jemand gerne bastelt, hat nichts mit dem Alter zu tun. Anleitungen und Ideen gibt es in Hülle und Fülle. In der Seniorenarbeit sollte man trotzdem einige Dinge beachten und auf mögliche Einschränkungen der Teilnehmenden Rücksicht nehmen.
Was ist das Besondere an Bastelangeboten für Senioren? Worauf sollte man unbedingt achten?

Man neigt gewiss dazu, sich bei älteren Menschen auf die Einschränkungen zu fokussieren. Doch für mich ist es viel wichtiger, die Fähigkeiten herauszustellen. Sicherlich spielen eingeschränkte Motorik oder Sehfähigkeit oder auch Demenz eine nicht unwesentliche Rolle bei der Planung. Deshalb gilt es gerade beim Basteln mit älteren Menschen, ganz genau hinzusehen und zu erspüren, welche Bedürfnisse, Vorlieben oder auch Wünsche sie haben. Basteln sollte ja Lust sein, nicht Frust. Wie Sie sagen: es gibt Angebote zuhauf. Aber nicht alle berücksichtigen diese in meinen Augen wichtigen Aspekte.
Umso mehr bin ich dem Team vom Verlag an der Ruhr und allen, die an meinem Senioren-Bastelbuch beteiligt waren, dankbar fürs Mitdenken, Kritisch-Sein, Nachfragen, Beraten und dafür, dass sie das Buch zu einem sehr durchdachten Ganzen gemacht haben.

Wie sollten Bastelangebote in der Seniorenarbeit generell aufgebaut sein?
Ganz wichtig ist, dass niemand zum Basteln genötigt wird. Meine Angebote sollten Aufforderungscharakter haben. Senioren-Bastelangebote sollten als „Angebot“ formuliert sein, nicht als zu erfüllende „Musterlösung“. Die Ideen sollten zwar den Betreuern eine Hilfestellung geben und auch Schritt für Schritt beschreiben, wie auch weniger bastelaffine Menschen Senioren zu schönen Ergebnissen anleiten können. Die Bastelangebote wollen aber nicht einschränkend sein. Sie sollten Freiräume lassen und eigene Ideen ermöglichen und Anstoß sein, abgewandelt zu werden. Im Tun entstehen oft neue Ideen oder Möglichkeiten für Abwandlungen. Kurz gesagt, sollte das Bastel-Erlebnis im Vordergrund stehen, nicht nur das Ergebnis. Und ganz nebenbei sollte das Basteln auch den Betreuern eine Freude machen.

Wie findet man das richtige Thema für seine Bastelangebote?
Im Lauf des Jahres ergeben sich viele Themen ja ganz von selbst: Blumen, Sonnenschein, Schmetterlinge oder Vögel im Frühling. Schneeflocken, Engel und Weihnachtskrippen im Winter. Aus meiner Sicht ist es wichtig, auch hier die Beteiligten mit einzubeziehen und genau abzuschätzen, woran diese wohl Freude hätten. Schaut man dann die Bastelangebote mit wachen Augen und einem offenen Herzen an, so findet man sicher das Richtige.

Welche Materialien sind für das kreative Gestalten mit Senioren besonders gut geeignet? Womit sollte man im Seniorenbereich vielleicht eher nicht, oder nur in speziellen Angeboten arbeiten?
Besonders gut geeignet sind Materialien, die SINN-volle Erlebnisse ermöglichen. Dinge, die riechen (Orangen im Winter). Weiche Dinge mit einer angenehmen Haptik (z. B. Wolle). Farbige Dinge. Einfache Dinge, die Anlass für Gespräche sind. Man vergisst immer wieder, dass auch Alltagsgegenstände sehr wichtige Bastelmaterialien sind. Das Titelfoto zu meinem Senioren-Bastelbuch habe ich gemacht. Darauf ist eine 97-Jährige Seniorin mit ihrem weniger als halb so alten Betreuer, der auch ihr Enkel sein könnte. Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie viel Spaß schon eine einfache leere WC-Rolle beim Basteln machen kann?

Wie sollten Bastelangebote für Menschen mit motorischen Einschränkungen gestaltet sein?
Motorische Einschränkungen können sehr vielfältig sein. In Bastelangeboten muss auf mögliche Schwierigkeiten hingewiesen werden. Dadurch sollte den Betreuenden bewusst werden, wann sie gegebenenfalls helfend eingreifen müssen.

Was sollte man bei Bastelangeboten speziell für Menschen mit Demenz beachten?
Auch bei Menschen mit Demenz gibt es ganz große Unterschiede (z. B. Stadium und Ausprägung der Krankheit). In meinem Senioren-Bastelbuch habe ich darauf hingewiesen, wenn eine Bastelidee für Menschen mit Demenz höchstwahrscheinlich nicht geeignet ist. Bei den anderen Bastelideen sind wieder aufmerksame Betreuer gefragt, die ihre Senioren genau kennen und selbst abwägen, welche Basteleien von welchen Teilnehmern bewältigt werden können.

Sie haben im letzten Jahr selbst ein Bastelbuch speziell für Bastelangebote mit Senioren veröffentlicht. „Das große Bastelbuch für Senioren“ ist im Verlag an der Ruhr erschienen. Was hat Sie dazu bewegt, dieses Buch zu schreiben? Und an wen richtet sich das Buch?
Ja, „Das große Bastelbuch für Senioren“, erschien im November 2017 beim Verlag an der Ruhr. Zum Verfassen dieses Buches haben mich ganz verschiedene Dinge bewegt: Besuche bei Verwandten in Seniorenheimen, das Gestalten von Seniorennachmittagen, das Basteln mit Senioren in meiner Freizeit und nicht zuletzt meine Arbeit mit Kindern in der Schule. Ich bin der Meinung, dass die Freude am aktiven Tun kein Alter kennt. Was man erlebt, wenn man erkennt, dass man selbst zu etwas (Kreativem) fähig ist, wenn aus vielen kleinen „Puzzleteilchen“ bei einer Gemeinschaftsarbeit ein farbenfrohes und wunderbares Kunstwerk entsteht, ist unbezahlbar. Das Lächeln, das diese Erkenntnis erzeugt, ebenso. Mit meinem Buch möchte ich einen kleinen Beitrag dazu leisten, Farbe in den Alltag von (älteren) Menschen zu bringen. Das Buch richtet sich also an alle Menschen, die sich darauf einlassen …

Würden Sie uns eine Idee für das Basteln mit Senioren verraten, die man im Alltag mit gemischten Gruppen gut umsetzen kann?
Gar nicht so einfach, das in Form eines Textes und mit möglichst wenigen Bildern zu machen! Aber ich versuche es. Ich formuliere die Idee für eine Gruppe.
Meine heutige Bastelidee ist ganz einfach und hier in Form einer Gruppenarbeit beschrieben. Man braucht dafür nur etwas Zeitung/Seiten einer Zeitschrift, etwas transparentes Klebeband und pro Person ein Rundholz (oder einen stumpfen Bleistift). Jeder Teilnehmer legt das Blatt vor sich auf den Tisch, legt das Rundholz auf das Papier und beginnt, das Holz einzurollen wie eine Zigarre. Auf diese Weise entstehen viele Papierrollen, die mit etwas Klebestreifen fixiert werden. Nach Herzenslust rollen schnellere Personen mehrere solcher Rollen, anderen können die Betreuer währenddessen helfen. Diese Rollen drückt dann jeder Teilnehmer mit der flachen Hand zu einem Papierstreifen. Die Aufgabe des Betreuers ist es nun, die Papierstreifen zu einem ganz langen Band zusammenzukleben. Dieses Band wird dann zu einer Schnecke gerollt und am Ende gut fixiert. Durch das Eindrücken der Schneckenmitte entsteht ein kleines Körbchen, das die Gruppe als Dekoration oder auch als kleine Schale verwenden kann.



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Würden Sie uns eine kleine Geschichte oder Anekdote über das Basteln mit den Senioren erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?
In meinem Bastelbuch findet man eine Bastelidee, für die altbekannte Pompons aus Wolle hergestellt werden. Im „großen Bastelbuch für Senioren“ entsteht daraus ein Engel, als Alternative Idee ist eine Eistüte mit einer „Pompon-Eiskugel“ gezeigt.
Eine Bekannte arbeitet in einem Aktivierungsteam in einem Altersheim und hat diese Idee mit ihren Senioren umgesetzt. Weil die Teilnehmer so viel Freude daran hatten, wurden sie selbst kreativ. Es entstand ein weißes Schäfchen mit schwarzen Beinen und schwarzem Kopf. Das kam dann wieder zu mir und bereitet mir viel Freude. So etwas beweist mir, dass man mit ganz einfachen Basteleien so viel Positives erreichen kann, und dass es gerade die kleinen und einfachen Dinge sind, die so viel Großes bewirken. Davon bin ich überzeugt.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?
Das ist eine große Frage! Ich wünsche mir Gesundheit und täglich offene Augen und ein offenes Herz für die kleinen und großen Wunder. Ich wünsche mir, dass ich Freuden sehe und die Fähigkeit des Staunens nicht verliere. Und ich wünsche mir, dass ich anderen eine aufmerksame Begleiterin bin und in Würde und selbstbestimmt altern kann.

Herzlichen Dank, Frau Vogt!!!
Vielen Dank Ihnen!

Zur Buchvorstellung: „Das große Bastelbuch für Senioren“
Zur Verlagsseite: Verlag an der Ruhr



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