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Wenn die Natur plötzlich im Pflegeheim aufblüht

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Im Gespräch mit Susanne Moser-Patuzzi über Naturerfahrungen für Pflegebedürftige und Bettlägerige

Hallo Frau Moser-Patuzzi, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Susanne Moser-Patuzzi, ich bin 46 Jahre alt, Mutter und lebe und arbeite in Wien, wo ich auch die Ausbildung zur Kunsttherapeutin absolviert habe. Bis vor einiger Zeit war ich kunsttherapeutisch mit Jugendlichen tätig, momentan widme ich mich verstärkt dem Schreiben und bin stets darum bemüht, möglichst viel Zeit im Freien zu verbringen.

In den Pflegeheimen spielen Wahrnehmungsangebote mit Naturelementen eine immer größer werdende Rolle. Bei vielen Sinnesangeboten (zum Sehen, Schmecken, Hören, Fühlen, Riechen) blühen die Senioren, insbesondere Menschen mit Demenz, förmlich auf. Warum sind besonders die ganz natürlichen Dinge in den Sinnesaktivierungen so beliebt?

Ich denke, dass natürliche Materialien so gut bei den meisten Menschen ankommen, weil sie eine Menge an Potential in sich tragen. Sie eröffnen vielfältige Möglichkeiten, mit ihnen umzugehen, sich von ihnen inspirieren zu lassen.
Ich möchte das anhand eines Beispiels veranschaulichen: nehmen wir an, Sie bringen jemandem ein Schneckenhaus mit. Das kann man zunächst mit allen Sinnen erforschen, also betrachten, befühlen, mit den Fingern den Windungen folgen, die Riefen spüren, den Finger in die Öffnung stecken oder hineinblasen. Man kann es ans Ohr halten, daran schnuppern und obendrein noch etwas daraus basteln oder damit spielen.
Über all diese Erfahrungen kann man dann sprechen. Oder man führt ein allgemeines Gespräch über Schnecken und deren Lebensweise, über eigene Erlebnisse mit diesen Tieren, über Langsamkeit, Rückzug, den Tod oder gar über den architektonischen Aufbau eines Schneckenhauses.
Ähnliches wäre bei anderen Naturmaterialien möglich. Auch ein Fichten-, Föhren- oder Lärchenzapfen kann befühlt und beschnuppert werden und Austausch über eigene Erlebnisse und Erinnerungen, Bäume, Wälder, Lebenszyklen, Umweltproblematiken usw. anregen.
Meiner Ansicht nach bieten Materialien aus der Natur einem aufmerksamen Begleiter ein sehr breites Spektrum an Möglichkeiten, Sinne zu aktivieren und einen aktiven Austausch anzuregen, daher ihre Beliebtheit.

Wir haben vor kurzem Ihr Buch Naturerfahrungen im Pflegealltag* auf Mal-alt-werden vorgestellt. Dort haben Sie sehr schön und anschaulich, wie ich finde, die Bedeutung der Naturerfahrungen für uns Menschen und unsere Verbundenheit zur Natur erläutert. Würden Sie unseren Lesern diese besondere Bedeutung der Natur hier auch noch einmal (kurz) beschreiben?

Wir Menschen sind mit der Natur untrennbar verbunden. Egal, wie städtisch unser Lebensstil, wie raffiniert unsere Nahrung und Kleidung, wie von Technologie durchdrungen unsere Arbeits- und Freizeitwelt ist: alles kommt ursprünglich aus der Natur. Wir sind von ihr abhängig, brauchen sie für unser körperliches und geistiges Überleben, und wir sind ihr ausgesetzt.
Im Laufe des Lebens macht jeder Mensch zahlreiche Naturerfahrungen – wie intensiv sie sind und wie tief sie empfunden werden, ist unterschiedlich. Tatsache ist, dass ein Zuwenig an Natur Konsequenzen hat (siehe als einfaches Beispiel Vitamin-D-Mangel) und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Natur heilsam sein kann – wer schon mal durch einen Spaziergang, Joggen, Schwimmen oder Ähnliches Stress abgebaut hat, kann das bestimmt nachvollziehen.
Hier in Mitteleuropa bietet sich uns eine wunderbare Gelegenheit, die bewusste Verbindung zur Natur wiederherzustellen: im Regelfall sind alle unsere Bedürfnisse mehr als gedeckt, wir müssen uns nicht dem täglichen Überlebenskampf stellen und können uns den Luxus leisten, uns der Natur auf sehr angenehme Art und Weise zu nähern: über ihre Schönheit.

Warum sind regelmäßige Naturerfahrungen besonders für Pflegebedürftige und Bettlägerige besonders wichtig?

Für die Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, sich in die Lage eines pflegebedürftigen oder bettlägerigen Menschen hineinzuversetzen. Stellen Sie sich vor, am Lebensende den Großteil Ihres Alltages in denselben Räumen zu verbringen. Man ist gebrechlich, krank, hat Schmerzen, kann nicht mehr so, wie man will, kann diese Räume oder sogar das Bett nicht mehr verlassen. Was ist das für ein Lebensgefühl? Können wir Jungen, Gesunden das überhaupt nachvollziehen?
Wir könnten uns vorstellen, nach einem Büroarbeitstag oder nach einem Schultag nicht raus zu dürfen, sondern drinnen bleiben zu müssen und zwar ständig. Ohne Bewegung, ohne Sonne, ohne den Wind zu spüren, ohne aus der Kälte wieder ins Warme zu kommen. Würden wir nicht nach Abwechslung lechzen wie nach Sonnenschein am Ende eines langen, dunklen Winters? Gerade für Pflegebedürftige und Bettlägerige sind Zuwendung in jeder Form und, soweit möglich, direkte Naturerfahrungen essentiell.

Welche Wirkung haben Naturmaterialien auf die Betroffenen?

Wie vorhin schon angesprochen, tragen viele Naturmaterialien ein reiches Potential an Sinneserfahrungen in sich und sind gleichzeitig Ausgangspunkte, Brücken, für tiefere Begegnungen. Im Idealfall wirken Naturmaterialien anregend, aktivieren die Sinne, bringen Erinnerungen wieder und ermöglichen einen Austausch zwischen dem Betroffenem und demjenigen, der sich ihnen zuwendet. Sie öffnen Türen und ermöglichen Lebendigkeit, ein Aufleben auf verschiedenen Ebenen.
Von größter Bedeutung ist hier allerdings die Rolle des Begleiters: er oder sie ist ein wesentlicher, wahrscheinlich DER wesentliche Faktor für die Tiefe des Erlebnisses des Betreuten. Einem pflegebedürftigen Menschen eine Schale mit Naturmaterialien in die Hand zu drücken und dann wegzugehen, bringt im besten Fall eine Zeitlang Freude, aber es braucht mehr! Es braucht einen lebendigen, präsenten, offenen Menschen, der begleitet und teilt. Das ist eine große Herausforderung für alle Pflegenden und Begleitenden, die oft mit Zeit- und anderem Druck zu kämpfen haben.

Wie schafft man Begegnungen mit der Natur im Pflegealltag? Welche Möglichkeiten haben Pflegende und Betreuende?

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Hierbei kommt es auf die Rahmenbedingungen an. Grundsätzlich gilt: je unmittelbarer die Erfahrung, desto vorteilhafter. Es ist besser, in den Garten zu gehen und unter einem Baum zu sitzen oder eine Katze zu streicheln als im Zimmer ein Bild von einem Baum oder einer Katze anzusehen. Je mehr Möglichkeiten vorhanden sind, eben ein Garten oder Tiere und je mobiler die Betreuten sind, desto einfacher.
Wenn Hinausgehen nicht machbar ist, kann man auf mitgebrachte Naturmaterialien zurückgreifen. Hier gibt es sehr viele Möglichkeiten, vom erwähnten Schneckenhaus über Federn, Zapfen, Kieselsteine, Geweihteile, Früchte und duftende Gewürze oder Öle, Samen bis hin zu Wasser, Sand, Schnee und Erde (Ton) in kleinen Mengen. Je nachdem, was sich praktisch umsetzen lässt.
Des Weiteren können Filmen, Bilder, Bücher und CDs (z.B. Naturgeräusche oder Vogelstimmen mit oder ohne Musik) angeboten werden.
Zur Inspiration kann man sich auch an den Jahreszeiten oder Jahresfesten orientieren.

Wie kann ich speziell den bettlägerigen Menschen besondere Naturerfahrungen schenken?

Bei bettlägerigen Menschen sind klarerweise die Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Auch hier kann der Großteil der oben erwähnten Naturmaterialien zum Einsatz kommen, besonders aber auch Bilder, Klänge oder Düfte. Unser Buch „Naturerfahrungen im Pflegealltag. Das Draußen drinnen erleben“, das Sie hier vorstellen, soll Begleitern eine umfangreiche Palette an gut und ohne großen Aufwand vorzubereitenden Begegnungen bieten, die sie ihren Betreuten mitbringen können.
Auch hier gilt: je eingeschränkter die Möglichkeiten des Betreuten sind, desto wesentlicher ist die Rolle des Betreuers! Er/sie trägt eine enorme Verantwortung, was leider nicht immer ausreichend gewürdigt wird.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was durch den Einsatz von Natur(materialien) im Pflegeheim erreicht werden kann?

Gerne. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte meine geliebte, hochbetagte Großmutter in einem Pflegeheim. Da es mir aufgrund der großen Entfernung nicht möglich war, sie regelmäßig zu besuchen, stand ich in Briefkontakt mit ihr, soweit es ihr Zustand erlaubte, schrieb sie zurück. Zu dieser Zeit war ich häufig an verschiedenen Flüssen unterwegs und schickte Oma einmal einen wunderschönen, runden Bachkiesel mit. Ich beschrieb ihr genau, wo ich ihn gefunden hatte, wie es dort aussah, und warum er so schön rund war. Meine Großmutter antwortete auf diesen Brief, es war einer der letzten, den sie mir schickte. Sie schrieb, dass sie sich über den Stein freute, und darüber, dass er so rund und glatt war, und so kühl auf der Haut. Kurz darauf telefonierte ich mit meiner Tante, die mir erzählte, dass Oma dauernd was von einem Stein redete und sie sich nicht erklären konnte, woher das plötzlich kam. Oma wäre momentan wohl etwas durcheinander, meinte sie. Da hatte ich mit dem Kiesel nicht nur Sinnesfreude, sondern auch ordentlich Verwirrung gestiftet. Zum Glück konnte ich das rasch aufklären und damit Oma noch weiterhin ungetrübte Freude an dem kühlen Stein ermöglichen. Diese Geschichte zeigt einerseits, wie Sinnesfreude durch Naturmaterialien möglich, andererseits aber auch, wie wichtig die Anwesenheit eines gefühlvollen Begleiters ist.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Seine Heiligkeit der Dalai Lama soll sinngemäß Folgendes gesagt haben: Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du ohnehin schon weißt, wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas Neues lernen.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir uns die Zeit nehmen, unseren Mitmenschen zuzuhören. Und darüber hinaus nicht nur den Menschen, sondern auch den anderen Lebewesen auf der Erde. Damit meine ich, dass wir uns bemühen, möglichst viel über andere Lebensformen zu erfahren, zu lernen und daraus Wege aus der Umweltzerstörung hin zu einem besseren Miteinander zu finden. Das wünsche ich mir.

Herzlichen Dank, Frau Moser-Patuzzi!!!

Zur Buchvorstellung von „Naturerfahrungen im Pflegealltag. Das Draußen drinnen erleben“.
Das Buch ist im Verlag an der Ruhr erschienen.

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Die Männer nicht vergessen!

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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