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SATT, SAUBER, TROCKEN. Noch Wünsche???

Ich hatte gerade ein Gespräch mit einer Betreuungsassistentin. Sie hat eine bettlägerige Dame betreut, die sehr oft und laut um Hilfe ruft. Während der Betreuung hat die Dame kurzzeitig Ruhe gefunden. Als sie das Zimmer verließ, kam ihr eine Pflegekraft entgegen, die sagte:

 

„Das lohnt sich eh nicht, die fängt gleich wieder an. Die hat gegessen, die ist sauber, die will uns nur ärgern!

 

Verständlicherweise, war die Betreuungsassistentin von der Ignoranz ihrer Kollegin geschockt und enttäuscht.

 

Was mich geschockt hat, als sie mir die Geschichte erzählte, war das ICH NICHT GESCHOCKT war. Ich fand die Situation sogar vergleichsweise HARMLOS. Ähnliche Situationen habe ich selbst schon so oft erlebt, dass ich mich gar nicht an jede einzelne erinnere. Schlimmere Geschichten höre ich oft von Kollegen, die kurz davor stehen den Beruf an den Nagel zu hängen. Das passiert so oft, dass ich mittlerweile schon einen Standardkommentar oder Rat zu dem Thema habe:

 

„Du kannst die Welt nicht retten: ABER du kannst sie ein kleines bisschen besser machen!“

 

Aber manchmal stellt man sich Fragen!

Wie ist es um unsere Pflegeheime bestellt? Wie wichtig ist Menschlichkeit, Geborgenheit, Anerkennung und die Individualität?

 

Und ich meine in der Wirklichkeit.

 

Ich meine nicht die schillernden Konzepte. Nicht die hochtrabenden Leitbilder. Nicht die aus Textbausteinen zusammengesetzten Pflegeplanungen. Ich meine nicht die Inhalte von Lehrbüchern. Nicht die glänzenden Versprechungen an Tagen der offenen Tür. Nicht die rhetorisch gefeilten Reden bei der Eröffnung einer weiteren Einrichtung.

 

 

Wie sieht es in Pflegeheimen aus?

Wenn der MDK weg ist?

Wenn die Heimaufsicht die Tür zu gemacht hat?

Wenn die Angehörigen sich verabschieden?

 

Wie entwickelt sich die Branche im Schatten des Pflegenotstands? Wenn jeder, der zwei Hände hat in eine Pflegeausbildung gesteckt wird? Wenn gute Kräfte den Beruf wechseln, weil die Bezahlung zu schlecht und die Anerkennung nicht vorhanden ist?

 

Ich bin gerade in einer Stimmung, in der ich meine eigene Meinung lieber für mich behalte. Sie ist nicht politisch korrekt.

 



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Geh hin! Mach aus dem Alleinsein ein wir.

Frau Schneider, dement, liegt schreiend im Zimmer

Sie weiß nicht wer sie ist und Angst hat sie immer

Sie liegt dort und wartet das Jemand hineinschaut

Jemand der hinsieht, Jemand dem sie vertraut

 

Felix ist 3 und wacht nachts panisch auf

„Mama, wo bist du?“ Das Licht ist aus.

Die Mama schläft fest, hört die Schreie nicht

Felix verkrampft, wo bleibt das Licht?

 

Ein Schrei ist ein Zeichen: Es geht mir nicht gut!

Sei bitte bei mir, sei da, mach mir Mut

Ob Hundert, ob dreißig, ob zwei oder vier

Geh hin! Mach aus dem Alleinsein ein wir.

 

Ein Auto kam, es war viel zu schnell

Die Bremse quietscht, das Licht ist hell

Waldi ist tot, der Hund von Herrn Sauer

Die Tränen rollen in tiefer Trauer.

 

Anna sucht ihr Kuscheltuch

Sie will keine Puppe, kein Pferd, kein Buch

Die Tränen laufen über ihr Gesicht

Papa sucht das Kuscheltuch nicht

 

Tränen sind Zeichen: Es geht mir nicht gut!

Sei bitte bei mir, sei da, mach mir Mut

Ob Hundert, ob dreißig, ob zwei oder vier

Geh hin! Mach aus dem Alleinsein ein wir.

 

Bist du ein Mensch? Bist du jung?  Bist du alt?

Fühlst du dich wohl? Ist dir warm? Ist dir kalt?

Kennst du Trauer, Panik und Angst

Was ist es, worum du am meisten bangst?

 



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Hinlauftendenzen…

Fremder Ort, fremde Gesichter,
Lange Flure, gedämpfte Lichter.
Eine Frau, die mich beim Namen nennt.
Ich weiß einfach nicht, woher sie mich kennt.

 

Ich weiß nicht, wie bin ich hierher gekommen.
Irgendwer, hat mich einfach mitgenommen.
Die Frau sagt das hier wäre MEIN Zimmer.
Glaubt die ich bleib hier? Etwa für immer?

 

Liebe Frau, wo sind meine Sachen?
Wo soll ich hin? Was soll ich machen?
Die Frau sagt, mein Betreuer kümmert sich schon!
Ein Betreuer? Für mich? Was für ein Hohn!

 

Laute Schreie im Nachbarzimmer.
Da leidet Jemand! Es wird immer schlimmer…
Die Frau sagt: „Das ist nur Frau Schmidt.“
Sie hört nicht auf. Ich schreie gleich mit.

 

Die Frau sagt, es gibt jetzt etwas zu essen.
Ich ess hier nichts, das kann sie vergessen.
Die Frau bringt mir das Essen aufs Zimmer.
Es schmeckt wie Pappe- nur etwas schlimmer.

 

Und plötzlich, fällt es mir siedend heiß ein.
Mein Mann nicht zu Hause, die Kinder noch klein.
Ich muss auf dem schnellsten Wege nach Haus!
Wo ist die Tür? Wie komm ich hier raus?

 

Die Frau meint, ich dürfte das Haus nicht verlassen.
Hat die `ne Meise? Ich kann es kaum fassen!
Meine Kinder sind doch allein!
Die sind doch ganz hilflos, sie sind doch noch klein.

 

Irgendwie, werd ich die Türe schon finden.
Irgendwie das Gefängnis hier überwinden.
Die Hände zittern, Aufregung pur.
Ich brech gleich zusammen. Was mach ich nur?

 

Die Frau bingt mir plötzlich das Telefon:
„Nehm Sie den Hörer, es ist Ihr Sohn!“
Ich schaff es, mich an die Wand zu lehnen.
„Christian“, sag ich- mir kommen die Tränen.

 

„Mama, ich höre: Es geht dir nicht gut.“
Er tröstet mich, macht mir etwas Mut
Na, dann werd ich es heute nochmal versuchen
Morgen, kommt mich Christian besuchen.

 



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Menschen sterben

Irgendwann ist das Leben vorbei
Der Tod ist am Ende des Lebens dabei
Angst, Trauer, Sorge macht mir der Gedanke
Doch will ich drüber reden, spür ich eine Schranke.

 

„Du bleibst noch lange bei uns auf der Erde!“
Hör ich wenn ich sage, dass ich mal sterbe.
„Irgendwann ja, doch heute noch nicht!“
Ist bei dem Thema nur eine Sicht.

 

Doch ich hab Angst, hab Krämpfe im Herzen:
Werde ich leiden? Geh ich unter Schmerzen?
Bin ich wenn ich sterbe vielleicht allein?
Wird einer von euch vielleicht bei mir sein?

 

Mich macht es traurig, dass ich mal gehe…
Nichts mehr rieche, schmecke und sehe.
So viele Menschen, werd ich nicht mehr treffen:
Enkel, Kinder, Nichten und Neffen.

 

Nicht zuletzt, macht mir der Tod auch noch Sorgen:
Was muss ich vorher noch machen, besorgen?
Was ist mit denen, die ich liebe und mag?
Ist für Sie gesorgt… kommt mal der Tag?

 

Angst, Trauer, Sorge lasten auf mir.
Wenn du mich lässt: Erzähl ich es dir.
Du musst wissen: Irgendwann sterbe ich.
Ich wünsche mir: Begleite mich.

 



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Eine realistische Stellenausschreibung: Alltagsbegleiter für Menschen mit und ohne Demenz

Gestern musste ich spontan laut lachen. Der Grund dafür war eine Stellenausschreibung für Alltagsbegleiter, aus einer Einrichtung, die ich sehr gut kenne. Diese Einrichtung ist nicht unbedingt schlecht, aber die Hochglanzstellenausschreibung war doch sehr weit von der Realität entfernt. „Leistungsgerechte Vergütung“, „Angenehmes Arbeitsklima“, „multiprofessionelles Team“, „hohe Qualitätsmaßstäbe“, „Umfassende Fortbildungsmöglichkeiten“: Das waren die Stichworte in der Stellenausschreibung. Nun habe ich mir überlegt, wie eine realisitsche Stellanzeige für den Job aussehen könnte. Herausgekommen ist folgendes bei meinen Überlegungen:

 

Stellenausschreibung für Alltagsbegleiter

Wir sind eine durchschnittliche Einrichtung der Altenhilfe und haben viele nette und bemühte Mitarbeiter. Für die Stelle eines Alltagsbegleiters für Menschen mit und ohne Demenz, suchen wir zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine Betreuungskraft mit Qualifikation nach §87b.

Was Sie mitbringen sollten:

  • Flexibilität. Rechnen Sie mit kurzfristigen Dienstplanänderungen, Wochenend- und Abenddiensten, Diensten an Feiertagen und Urlaubsverschiebungen.
  • Ein dickes Fell. Wir bemühen uns zwar um eine gute Schnittstellenkoordiniation, trotzdem sind nicht alle unsere Mitarbeiter so einfühlsam wie wir es gerne hätten. Auch unsere Bewohner sind teilweise agressiv und anstrengend. Ein dickes Fell und eine Prise Humor sind im Arbeitsalltag hilfreich.
  • Motivation. Die Tage sind lang, die Arbeit ist hart und die Anerkennung nicht zu allen Zeiten so hoch, wie sie es sein könnte.
  • Kompetenz. Wir wissen, dass Sie nur eine kurze Qualifizierung für die Arbeit als Alltagsbegleiter durchlaufen haben. Trotzdem müssen sie unsere breite Palette an Angeboten professionell umsetzen können: Bewegung, Kreatives, Hauswirtschaft, Entspannendes, biografierorientierte Einzelbetreuungen, Gestaltung von Festen, Sterbebegleitung, und, und, und.

Was wir nicht bieten:

  • Vollzeitstellen. Unser Credo ist: Köpfe, Köpfe, Köpfe. Aus diesem Grund besetzen wir unsere Stellen nur in Teilzeit. Bei herausragend guten Betreuungskräften, machen wir evtl. eine Ausnahme. Davon müssen Sie uns aber erstmal mit Ihrer Arbeit überzeugen.
  • Ein hohes Gehalt. Für die ausgeschriebene Halbtagsstelle bekommen Sie 800€ Brutto. Wir zahlen keine Wochenendzuschläge. Es gibt kein Weihnachtsgeld.
  • Aufstiegschancen. Ohne grundständige Ausbildung, die die Alltagsbegleiter selbst finanzieren und in ihrer Freizeit absolvieren müssen, gibt es in unserem Unternehmen keinerlei Aufstiegschancen für Alltagsbegleiter.
  • Bezahlte Vorbereitungszeit. Da Sie eine Qualifizierung durchlaufen haben, gehen wir davon aus, dass sie unendlich viele Beschäftigungsideen einfach aus dem Ärmel schütteln. Zeit sich vorzubereiten räumen wir Ihnen auf der Arbeit nicht ein.
  • Richtlinienkonforme Arbeit. Auch wenn Sie in der Ausbildung gelernt haben, dass Sie als Alltagsbegleiter für Menschen mit und ohne Demenz kein Essen anreichen dürfen: Bei uns gehört das genau so zu ihrem Aufgabenbereich wie das Ausräumen der Spülmaschine. Das dürfen Sie natürlich auf keinen Fall dem MDK erzählen.
  • Gute interdisziplinäre Zusammenarbeit. An den Schnittstellen der unterschiedlichen Professionen unserer Einrichtung, gibt es schon mal die ein oder andere Reiberei.
  • Supervision. Obwohl Sie in einem hochbelastenden Arbeitsfeld tätig sein werden und gute Teamarbeit unerlässlich ist, bieten wir keine Supervision an.

Was wir bieten:

  • Ein nettes Sozialdienstteam. Wenn Sie mal einen schweren Tag hatten oder mit Pflegekräften aneinander geraten sind, haben Sie in unserem netten Sozialdienstteam immer die Möglichkeit sich auszu…“sprechen“ und ihrem Unmut Luft zu machen.
  • Nette Bewohner. Wir haben zwar auch ein paar liebenswürdige Nörgeler dabei, aber die meisten unserer Bewohner freuen sich sehr auf die Angebote der Alltagsbegleiter. Viele werden Ihre Dankbarkeit auch zur Sprachen bringen. Sie werden strahlende Augen sehen und freundliche Menschen treffen.
  • Eine bemühte Einrichtungsleitung. Das System und die Trägervorgaben machen es ihr nicht immer leicht. Trotzdem bemüht sich unsere Einrichtungsleitung immer das bestmögliche für ihre Mitarbeiter und die Bewohner „herauszuholen“.
  • Viele Gründe zu lachen. Humor ist wenn man trotzdem lacht. Oder gerade deswegen. Bei der sinnstiftenden Tätigkeit der Alltagsbegleiter werden Sie viele Gründe finden zu lachen.

 



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Warum man Senioren ein bisschen mehr wie Kinder behandeln sollte…

…und Kinder ein bisschen mehr wie Senioren?

Sind Senioren wie Kinder?Die Überschrift ist provokant gewählt und kann so ohne Erklärungen sicher nicht stehen bleiben. Eins vorweg: Mit der Überschrift ist nicht gemeint, dass man Senioren „erziehen“ sollte und auch, dass man die Lebensleistung anerkennen muss, möchte ich nicht in Frage stellen. Es geht mir um etwas anderes.

Vor drei Wochen war ich zu Besuch in einem Altenheim und als ich über den Flur ging, hörte ich eine Frau in einem Zimmer mit vor Angst erfüllter Stimme „Hilfe! Hilfe“ Hilfe!“ rufen.

Das hat mich nicht weiter irritiert. Leider kenne ich solche Bewohner auch aus meiner eigenen Arbeit. Ich weiß auch: Kein Altenheim ist personell so gut ausgestattet, dass immer jemand bei dieser Frau bleiben kann. In gutem Glauben gehe ich davon aus, dass sich regelmäßig Mitarbeiter um diese Dame kümmern und ihr so viele Momente der Ruhe schenken, wie möglich.

Was mich irritiert hat war etwas anderes: Die Pflegekraft, die mich durch die Gänge führte, sagte zu mir: „Die hat nichts, die schreit nur so!“ Ich kenne andere Situationen, in denen Pflege- oder Betreuungskräfte sogar davon ausgehen, dass Bewohner schreien um sie zu ärgern.

Die schreit nur so?

Ich denke nicht. Ich glaube nicht, dass Menschen „nur so“ schreien. Ich glaube eher, dass diese Frau aus einer Not heraus geschrien hat. Vielleicht kann man den Grund der Not nicht immer erkennen. Vielleicht kann man nicht sehen, warum die Frau „Hilfe“ braucht. Das heißt nicht, dass die Not nicht da ist. In Generationen vor meiner hatten viele Eltern eine ähnliche Einstellung gegenüber Babys, wie die Pflegekraft gegenüber der Bewohnerin. Zum Glück kenne ich heute keine Eltern mehr, die glauben ihr Baby schreit um sie zu „ärgern“ (was leider nicht heißt, dass es sie gar nicht mehr gibt). Auch wenn man manchmal nicht weiß, was die kleinen Menschlinge haben, auch wenn man manchmal mit seinem Latein am Ende ist: Menschen schreien nicht „nur so“. Davon bin ich überzeugt.

Auch Kinder sind Individuen

Wenn man ein Baby bekommt, wird man von Ärzten, Jugendamt, Hebammen und Krankenhäusern mit allerlei schlauen Ratgebern ausgestattet. Als mein Sohn damals zur Welt kam, habe ich mir diese Ratgeber noch zu Herzen genommen. Dort stand auch ganz genau, wann Babys den ersten Brei essen sollten. Mein Sohn hatte die Ratgeber nicht gelesen und mochte mit 6 Monaten weder Möhrchen noch Banane. Jeder der Kinder hat weiß: Erziehungsrezepte gibt es nicht. Bei meiner Tochter mache ich vieles anders. Aber das wichtigste: Ich lese nicht in irgendwelchen Ratgebern was sie wann machen oder können sollte. Ich schaue sie mir an und achte auf ihre individuellen Bedürfnisse. In Ratgebern für Senioren ist der Hinweis, dass alle Menschen individuell sind mittlerweile fast immer enthalten. Bei Ratgebern für Kinder fehlt er leider noch häufig.

Sollte man also Senioren wie Kinder und Kinder wie Senioren behandeln?

Vielleicht ist das nicht die passende Beschreibung für das was ich meine. Was ich eigentlich sagen will ist: Lasst und achtsam auf die Bedürfnisse von Senioren achten. Lasst und achtsam auf die Bedürfnisse von Kindern achten. Lasst uns achtsam auf die Bedürfnisse von Menschen achten. Hinschauen, abwägen, wahrnehmen und Patentrezepte über Board werfen. Senioren sind Menschen und Kinder sind Menschen.

Lasst uns Menschen doch ein bisschen mehr wie Menschen behandeln!

Die Betreuungskraft und die permanente, latente Schuld!

Es gibt eine Wahrheit, die ich in der sozialen Betreuung schmerzlich lernen musste: Genug gibt es nicht. Fertig gibt es nicht. Was ich mache, reicht nicht.  Wahrscheinlich kennt jede Betreuungskraft, die ihren Job ernst nimmt, diese oder ähnliche Momente:

  • Frau H. liegt in ihrem Bett und schreit. Ich weiß ich kann sie beruhigen. Wenn ich bei ihr bin. Wenn ich ihre Hand halte. Ich habe keine Zeit. Ich muss zum Kegelkreis.
  • Herr J. liegt im Streben. Ich bin bei ihm, sitze da. Befeuchte zwischendurch seine Lippen. Ich weiß, dass Herr J. nicht gerne allein ist. Das mochte er nie. Ich muss in zehn Minuten gehen. Die Karnevalsveranstaltung fängt an.
  • Bei Frau P. muss noch das Essen angereicht werden. Ich habe keine Zeit zum Essenanreichen, muss pünktlich Feierabend machen, gehe ins Büro und mache die Dokumentation. Das Essen reicht Schwester Schaufelbagger an.

 

Ach, ich könnte die Liste noch endlos weiterführen und auch noch den kleinen und großen Ungerechtigkeiten des Systems einen Platz einräumen:

Ich erinnre mich noch gut an Herrn F. der so lange auf die Bewilligung eines Rollstuhls gewartet hat, dass er in der Zwischenzeit gestorben ist oder an Frau R., die so dringend eine Psychotherapie gebraucht hätte, deren Hausarzt aber befand, dass ein paar Pillen wohl auch reichen würden.

Wie viele Male habe ich mich reingehängt, gekämpft, telefoniert und geredet bis mir der Mund fusselig wurde?

Viele Male!

Wie oft habe ich es nicht getan? Wie viele Male hätte ich noch mehr geben können, hatte ich keine Kraft, Zeit, Lust zu kämpfen, habe ich Dinge einfach so stehen gelassen und hätte mehr geben können? Auch auf die Frage muss ich antworten:

Viele Male!

Der Nachteil der sozialen Arbeit ist der, dass man am Ende des Tages kein fertiges Produkt in den Händen hält, sein Tagwerk nicht von allen Seiten betrachten kann. Man kann sich fast immer noch mehr Mühe geben. Man kann fast immer noch mehr geben. Die Grenze, die man bei seiner Arbeit ziehen muss, verschiebt sich jeden Tag etwas, man muss auf seine Ressourcen achten, sich kennen, achtsam sein und sich auch dann verzeihen können, wenn man einfach mal einen faulen Tag hat. Das kommt vor. Das ist menschlich. Schuld ist kein besonders hilfreiches Gefühl. Besser ist es die vielen positiven Moment des Tages noch einmal durchzugehen, sich die vielen, lächelnden Gesichter ins Gedächtnis zu rufen, sich daran zu erinnern, wie entspannt Frau I. wirkte, nachdem wir bei ihr saßen, als sie weinte, wie dankbar die Angehörigen von Frau Z. uns anschauten, als wir halfen sie zu beruhigen.

Die Arbeit, die in der Betreuung geleistet wird, ist kein Tropfen auf den heißen Stein. Sie ist viel mehr ein Tropfen, der ein Glas immer voller macht.

Ein Glas voller Hoffnung, Zuversicht und Menschlichkeit.



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Die dunkle Seite der Biografiebögen. Oder: Das geht euch gar nichts an!

In der Seniorenarbeit lernt man in nahezu jedem Seminar wie wichtig die Biografie der Menschen ist, mit denen man arbeitet. Das stimmt. Dem ist nichts entgegen zu setzen. Was in der Praxis aus dieser Erkenntnis folgt ist manchmal allerdings mehr als wunderlich. Manchmal habe ich das Gefühl in der Arbeit mit Menschen mit Demenz wird jeder 2-Wochen-Praktikant automatisch zum Psychologen ernannt. Für viele Verhaltensweisen werden ganz einfache, logische Kausalzusammenhänge hergestellt: Herr W. mag keine Gartentätigkeiten, weil er als Kind immer gezwungen war auf dem Feld zu helfen/ Frau Y. trinkt aus der dicken Blumenvase, weil die Gläser in ihrer Heimat ungefähr so aussahen.

Manchmal mögen solche Zusammenhänge stimmen. Aber oft eben auch nicht. Was wissen wir wirklich über die Biografie der Menschen, mit denen wir arbeiten? Was erzählen und diese Menschen? Was verschweigen sie uns? Was wissen die Angehörigen wirklich? Was verschweigen die Angehörigen?

Denken Sie mal über sich selbst nach: Sind sie so einfach gestrickt? In manchen Punkten vielleicht. In anderen sicher nicht. Ob meine Kinder später wissen werden, dass ich Sitzkissen hasse, weil ich mit immer vorstellen muss, dass sie uringetränkt sind (leider zu oft erlebt 😉 )? Werden Sie es dem Pflegepersonal sagen können, wenn ich mich später im Altenheim nicht hinsetzen lasse? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Was ist mit den anderen Erlebnissen. Den ernsteren. Da gibt es die Erlebnisse, die von außen gut sichtbar sind: Ein Kind, das jemand verloren hat. Diese Information taucht mit Sicherheit in einem Biografiebogen auf. Doch dann sind da die Informationen, die an die Nieren gehen, die privat sind, die von außen nicht gut sichtbar sind. Was ist mit der Erziehung, in der das Kind zum Schreien auf den Balkon gestellt wurde, in der körperliche Züchtigung Alltag war, Haushalten mit vom Krieg traumatisierten Vätern, den Dingen die doch ganz „normal“ waren und doch so viele verletzte Seelen hinterlassen haben. „Indianer kennen keinen Schmerz“, „stell dich nicht so an“, „beruhig dich mal“, schreckliche Sätze, die Kinder zum Verstummen bringen und dazu bringen an ihren eigenen Gefühlen und Realtitätseinschätzungen zu zweifeln.  Sprüche, die Eltern auch heute noch manchmal rausrutschen. Sprüche, die früher noch nicht mal hinterfragt wurden. Das Verstummen hält oft weit über das Kindesalter an. Wird schon nicht so schlimm gewesen sein. Wenn etwas nicht so schlimm war, muss es auch nicht erzählt werden, landet es auch nicht im Biografiebogen, wissen auch die nächsten Angehörigen nix davon. Wer weiß schon, warum Frau U. manchmal ganz plötzlich nach Hilfe ruft und sich kaum beruhigen lässt.

Manchmal erhascht man einen Blick auf Geschichten, die lassen einem den Atem stocken. Menschen halten viel aus. Gehen wir lieber nicht davon aus, dass sie uns alles erzählen. Denken Sie mal über sich selbst nach? Wer kennt die prägendsten Ereignisse aus Ihrem Leben? Die unschönen? Die gemeinen Sätze, die sich tief in Ihr Gehirn gefressen haben? Wer kennt Ihre dunkle Seite?

Hoffentlich ein paar gute Freunde. Der Biografiebogen sicher nicht!



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Dieser Moment… wenn du weißt: Ich tue das Falsche!

In der Betreuung von pflegebedürftigen Senioren gehört man meist zu den „Guten“.

Jemand, der für wenig Geld viel arbeiten.
Jemand, der viel Freizeit opfert.
Jemand, der sich Mühe gibt.
Jemand, der da ist.
Jemand, der Hände hält.
Jemand, der Halt gibt.
Jemand, der zuverlässig ist.

Oft auch jemand, der kämpft.

Kämpft, für die Selbstbestimmung der Menschen.
Kämpft, gegen einen falschen Umgangston.
Kämpft, gegen Ignoranz.
Kämpft, gegen Regelverletzungen.
Kämpft, gegen Lieblosigkeit.
Kämpft, gegen Unwissenheit.
Kämpft, für die Würde.

Doch manchmal kommt der Moment:

Da ist man müde.
Da kann man einfach nicht mehr.
Da ist die Luft raus.
Da möchte man nach Hause.
Da fühlt man sich selbst klein und hilflos.
Da erscheint einem das System zu mächtig.
Da ignoriert man, was man nicht ignorieren sollte.

Man kann ja schließlich nicht die Welt retten. Und man tut doch jeden Tag so viel Gutes. Irgendwann ist ja wohl mal Schluss? Aber darf Schluss sein?

Ja, es darf. Das ist nur meine Antwort. Ob sie richtig ist? Ich gebe sie…

…weil sonst die „Guten“ gehen, entweder weg oder kaputt.
…weil sonst niemand mehr übrig bleibt, den es überhaupt interessiert.
…weil es dann keinen mehr gibt, der Worte wie Würde, Menschenrecht und Selbstbestimmung versteht.
…weil man manche Kämpfe nicht gewinnen kann.
…weil Fehler menschlich sind.
…weil die Frage schon Reflektionsfähigkeit beweist.
…weil der Tag nur 24 Stunden und das Jahr nur 365 Tage hat.

Natürlich gibt es Grenzen. Grenzen die nicht immer leicht zu erkennen sind. Grenzen, die jeder anders definiert. Grenzen, die manchmal die Welt und manchmal nichts bedeuten. Wer kann einem schon sagen…

…wo Bevormundung
…wo Gewalt
…wo Vernachlässigung
…wo Misshandlung
…wo Gemeinheit
…wo Strafbarkeit
…wo unterlassene Hilfeleistung

anfängt?

Die wenigsten Fälle werden für eine ausführliche Klärung vor Gericht landen. Da bleibt nur das eigene Gewissen. Es muss entscheiden:

Wann darf ich das Falsche tun? Und wann ist es so falsch, dass ich es nicht mehr tun (oder lassen) darf?



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Hilflosigkeit? Das kenne ich!

Hilflos, machtlos und allein
Ich fühl mich grad so klitzeklein
Nichts klappt mehr so wie ich es will
Da werd ich vor Verzweiflung still
Zu sagen was ich will klappt kaum
Allein in einem vollen Raum
Die Frau spricht glaub ich grad mit mir
Reflexhaft widersprech ich ihr
Was ich nicht gut verstehen kann
Fang ich lieber gar nicht an
Die Frau von grad wo war sie noch?
Jetzt brauch ich ihre Hilfe doch
Lass mich bitte nicht allein
Alleine kann ich nicht mehr sein!



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