Hinlauftendenzen…

Fremder Ort, fremde Gesichter,
Lange Flure, gedämpfte Lichter.
Eine Frau, die mich beim Namen nennt.
Ich weiß einfach nicht, woher sie mich kennt.

 

Ich weiß nicht, wie bin ich hierher gekommen.
Irgendwer, hat mich einfach mitgenommen.
Die Frau sagt das hier wäre MEIN Zimmer.
Glaubt die ich bleib hier? Etwa für immer?

 

Liebe Frau, wo sind meine Sachen?
Wo soll ich hin? Was soll ich machen?
Die Frau sagt, mein Betreuer kümmert sich schon!
Ein Betreuer? Für mich? Was für ein Hohn!

 

Laute Schreie im Nachbarzimmer.
Da leidet Jemand! Es wird immer schlimmer…
Die Frau sagt: “Das ist nur Frau Schmidt.”
Sie hört nicht auf. Ich schreie gleich mit.

 

Die Frau sagt, es gibt jetzt etwas zu essen.
Ich ess hier nichts, das kann sie vergessen.
Die Frau bringt mir das Essen aufs Zimmer.
Es schmeckt wie Pappe- nur etwas schlimmer.

 

Und plötzlich, fällt es mir siedend heiß ein.
Mein Mann nicht zu Hause, die Kinder noch klein.
Ich muss auf dem schnellsten Wege nach Haus!
Wo ist die Tür? Wie komm ich hier raus?

 

Die Frau meint, ich dürfte das Haus nicht verlassen.
Hat die `ne Meise? Ich kann es kaum fassen!
Meine Kinder sind doch allein!
Die sind doch ganz hilflos, sie sind doch noch klein.

 

Irgendwie, werd ich die Türe schon finden.
Irgendwie das Gefängnis hier überwinden.
Die Hände zittern, Aufregung pur.
Ich brech gleich zusammen. Was mach ich nur?

 

Die Frau bingt mir plötzlich das Telefon:
“Nehm Sie den Hörer, es ist Ihr Sohn!”
Ich schaff es, mich an die Wand zu lehnen.
“Christian”, sag ich- mir kommen die Tränen.

 

“Mama, ich höre: Es geht dir nicht gut.”
Er tröstet mich, macht mir etwas Mut
Na, dann werd ich es heute nochmal versuchen
Morgen, kommt mich Christian besuchen.

 

 


Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin, Master of Arts "Alternde Gesellschaften", Gründerin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Natali Mallek finden Sie hier. Fortbildungen mit Natali Mallek finden Sie hier.

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7 Antworten

  1. Sabine sagt:

    Was für ein tolles Gedicht! Wenn man es liest, spürt man am eigenen Leib die Verzweiflung. Und man begreift das Verhalten der Betroffenen besser, nicht nur vom Kopf her, sondern über das Gefühl.
    Vielen Dank, Natali Mallek!

  2. Anette sagt:

    Mir kommen die Tränen ….. sehr traurig das Gedicht, aber es ist die REALITÄT ;-(

  3. Jutta sagt:

    Ist das ein tolles Gedicht. Ich werde es sich auf einer Fortbildung vorlesen, wenn ich darf.

  4. Rammel sagt:

    Das Gedicht Fremde Gesichter macht mich sentimental,muß bald weinen.Meine Mutti befindet sich auch in einem Heim u.ist stark dement.In diesem Gedicht finde ich sie wieder.Aber so ist das Leben und keiner weiß was kommt.Vielen Dank

  5. Claudia sagt:

    Sehr schön geschrieben, es macht unendlich traurig und trifft es auf den Punkt.

  6. Anja sagt:

    Das ist sehr schön aber wenn es ein traurigen Grund beinhaltet. Gibt es noch mehr solche Gedichte und Geschichten über das Thema demenz, ob wohl ich als Betreuungskraft einiges weiss ist es interessant zu erfahren wie es den Bw im Gefühlsleben er(geht)Wer was weiss schreibt bitte….

    Vielen Dank

  7. SmillaA sagt:

    Traurig, aber wahr! Werde es kopieren und meine erwachsenen Töchter zu lesen geben! Wichtig ist, ruhig zu bleiben und das Gespräch mit ihr und dem Sohn ist Gold wert!
    Danke ♥

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