Liedergeschichte: Das glitzernde Schaf. Ihr Kinderlein kommet
Bei Liedergeschichten wechseln sich Erzählen und Singen ab. In dieser Geschichte sorgt das Lied „Ihr Kinderlein kommet“ für vertraute Klänge und weihnachtliche Stimmung. Die Senioren und Seniorinnen können mitsingen und sich aktiv beteiligen. So entsteht ein gemeinsames, fröhliches Erlebnis.
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Das glitzernde Schaf
Es war der Tag der Generalprobe. Gerda lief hektisch in der Kirche hin und her und bemühte sich, dass alles auf dem richtigen Platz lag, bevor die Kinder gleich kommen würden. Das alljährliche Krippenspiel stand an. Alle Jahre wieder… und obwohl sie das Krippenspiel schon etliche Male begleitet hatte, war sie doch in jedem Jahr aufs Neue immer wieder nervös, ob auch alles klappen würde.
Es duftete nach Tannenbäumen und Kerzenwachs. Die Bäume standen geschmückt in den Ecken hinter dem Altar und warteten darauf, am nächsten Tag im hellen Licht zu erstrahlen. Eine Leiter stand noch an der Seite, der Hausmeister schien nicht mit allem fertig geworden zu sein. Ein paar Stunden waren es ja auch noch bis zum Heiligen Abend.
Gerda sah sich um. Es sah alles vorbereitet aus. Was jetzt noch fehlte, könnte bestimmt schnell besorgt werden.
Aufgeregt und gut gelaunt kamen die Kinder in die Kirche. Sie begannen mit einer Runde heißem Kakao, Lebkuchen und Weihnachtsplätzchen, bis es dann ans Kostüme anziehen und die letzte Probe vor dem Heiligen Abend ging. Eine knisternde und ganz besondere Stimmung lag in der Luft. Man hatte das Gefühl, sie fast greifen zu können.
Ihr Kinderlein, kommet, o kommet doch all.
Zur Krippe her kommet in Betlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht!
„Der Stern ist verschwunden!“ Lisa, die für die Kostüme zuständig war, stand mit entsetztem Gesicht neben Gerda. „Was?!“, rief Gerda. „Welcher Stern?“
Lisa schaute sie etwas ungläubig an. „Natürlich der Stern der Weisen.“
Gerda fasste sich an die Stirn. „Der kann doch nicht verschwinden!“ Sie drehte sich zu den Kindern um, die mittlerweile aber fast alle in der Kirche unterwegs waren. Einige unterhielten sich über ihre Weihnachtswünsche. Andere spielten mit den Figuren der Holzkrippe am Eingang. Josef jonglierte mit seinem Hirtenstab, der fast in der Osterkerze gelandet wäre, wenn Gerda ihn nicht abgefangen hätte. „Das ist kein Jonglierstab.“, sagte sie mit einem bestimmten Lächeln, während sie ihm den Stab senkrecht in die Hand zurückgab.
„Wer hat den Stern gesehen?“, rief sie in die Kirche. Die Kinder hörten sie nicht. Sie versuchte es nochmal durchs Mikrofon und räusperte sich. „Hört bitte mal alle zu. Der Stern der Weisen aus dem Morgenland ist verschwunden. Hat jemand den Stern gesehen?“ Eine Weile war es still in der Kirche. Dann hob Lucie vorsichtig ihren Arm. „Tom hat ihn benutzt. Er hat Superheld damit gespielt.“ Tom wurde rot und nahm den Stern hinter seinem Rücken hervor. „Ich wollte nur ausprobieren, ob der Stern leuchtet, wenn es ganz dunkel ist.“ Gerda ging zu ihm und strich ihm über den Rücken. „Ist in Ordnung Tom, wir gucken uns gleich zusammen an, ob der Stern leuchten kann.“
„Jetzt könnt ihr alle eure Kostüme anziehen“, wandte sie sich wieder an die ganze Gruppe. Diesmal brauchte sie kein Mikrofon mehr. „Mit allem drum und dran. So, wie wir morgen das Krippenspiel aufführen werden.“
O seht in der Krippe, im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl.
In reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Engelein sind.
„Ich will kein Schaf sein.“ Gerda wickelte gerade ein weißes Tuch um eine Babypuppe, als sie hinter sich eine Stimme hörte. Sie drehte sich um. Mia stand mit herabhängenden Ohren und einem flauschigen Schafkostüm hinter ihr. „Ich will kein Schaf mehr sein. Ich möchte ein Engel sein!“ Sie nahm den Haarreifen mit den Schafohren ab. „Ach, Mia.“ Gerda sah sie mitleidig an. „Aber du warst doch so gerne ein Schaf. Ein besseres Schaf als dich kann ich mir gar nicht vorstellen.“
Mia blieb beharrlich. „Ich möchte kein Schaf mehr sein. Ich möchte ein Engel sein!“
Gerda kniete sich vorsichtig neben sie. „Wir haben so viele Engel Mia. Die Plätze sind leider alle besetzt. Deine Rolle ist doch so wichtig. Was sollen denn dann die Hirten ohne ein Schaf machen? Und wer kommt denn dann zur Krippe?“ Äußerlich schien sie die Ruhe selbst zu sein. Innerlich verzweifelte sie an dem Gedanken, wo sie jetzt noch für morgen ein Schaf hernehmen sollte.
„Die Engel haben alle glitzernde Flügel.“ Mia verschränkte die Arme vor ihrer Brust. Gerda zog ihre linke Augenbraue hoch und schaute das Mädchen an. „Hmm, lass mich mal überlegen…“ sie ging los und sagte unterdessen: „Ich glaube, ich habe hier was für dich.“
Gerda kam mit einer glitzernden Glocke an einem glitzernden Band zurück. „Wie wäre es denn hiermit?“, fragte sie vorsichtig, während sie Mia die glitzernde Glocke um den Hals hängte. Mia staunte nicht schlecht. Die Glocke bimmelte sogar. Ein Lächeln legte sich über Mias Gesicht. Gerda atmete auf. „Dann bleibst du unser Schaf…?“ fragte sie flüsternd mit einem Augenzwinkern. Mia strahlte, setzte ihre Ohren wieder auf und ging zurück zu den anderen Kindern.
Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh,
Maria und Josef betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.
Gerda atmete kurz durch. Dann bekam sie einen Streit unter den Königen mit, der sich allem Anschein nach nicht so leicht klären ließ. Sie hatte gerade vor, zu ihnen rüber zu gehen, als sie sah, dass Lea, das Mädchen, das die Maria spielte, zu den Jungs ging. Gerda lauschte.
„Ich will nicht die Myrrhe tragen, das hört sich an, wie eklige Medizin.“
„Ja, das stimmt“, sagte Anna „aber überleg mal, wie kostbar und wichtig Myrrhe damals war.“ Gerda grinste, Anna schien ihre Rolle als vernünftige Maria ganz auszuleben. „Möchtest du lieber den Weihrauch tragen? Ich hab das im vorletzten Jahr gemacht. Ich kann dir aus Erfahrung sagen, danach riechst du wie ein Räuchermännchen.“
Gerda war überrascht, dass die Situation so schnell geklärt war. Der König zuckte nämlich mit den Schultern und stöhnte kurz, sagte dann aber: „Na gut, überredet. Dann eben die Myrrhe.“
Die Sorgenfalten verschwanden, Gerdas Stirn glättete sich. Sie atmete einmal kurz durch und sammelte die Kinder ein, um mit der Probe zu starten. Die Hirten brauchten auf dem Weg noch kurz eine Erinnerung, dass sie keine Ritter waren, die mit Lanzen auf ihren Pferden ritten, sondern Hirten, die mit ihren Hirtenstäben zu Fuß auf den Feldern unterwegs waren. Und dass das Schaf schon gar nicht gejagt werden sollte.
Außerdem hatte der Esel seinen Schwanz verloren, als dieser an der Futterkrippe hängen blieb. Gerda nähte ihn mit einem grauen Faden schnell wieder an. Die Generalprobe konnte beginnen.
O beugt, wie die Hirten, anbetend die Knie.
Erhebet die Hände und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder, wer wollt sich nicht freu‘n?
Stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!
Mit Beginn der Probe waren alle wie durch ein Wunder bereit. Der Stern konnte tatsächlich leuchten und stand in einem wunderschönen Licht über dem Stall. Das Schaf glitzerte mit den Engeln um die Wette. Josef jonglierte nicht mehr und auch die Hirtenstäbe blieben da, wo sie sein sollten. Die Könige schritten ehrfürchtig durch den Gang und brachten dem Jesuskind ihre Gaben. Alle konnten ihren Text und die paar schiefen Töne des Engelgesangs fielen fast nicht mehr auf.
Gerda strahlte. „Das wird das beste Krippenspiel aller Zeiten!“
Und das wurde es. Alle Mitmachenden bekamen tosenden Beifall. Eine festliche Stimmung verzauberte die Kirche. Gerda verabschiedete glückliche Kinder zur Bescherung in ihre Familien. Mia gab ihr dankbar die glitzernde Glocke zurück. „Nächstes Jahr spiele ich aber eine Engel“, sagte sie mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. „Frohe Weihnachten!“
„Frohe Weihnachten, Mia.“ Gerda sah den Kindern lange nach. Dankbar, glücklich und auch ein wenig erleichtert…
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