Der Lindenbaum. Eine Liedergeschichte zu “Am Brunnen vor dem Tore”

Es ist ein sehr bekanntes Lied, das sich durch diese Geschichte zieht: An drei Stellen wird das Volkslied „Am Brunnen vor dem Tore“ eingebettet und kann gemeinsam gesungen werden. Die Strophen fügen sich nahtlos in die Erzählung ein.
Lesen Sie die Geschichte in kleinen Abschnitten vor. An den gekennzeichneten Stellen wird gemeinsam gesungen. Nehmen Sie sich bewusst Zeit. Lassen Sie Erinnerungen zu.

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Der Lindenbaum

Es war Helenas 40. Geburtstag. Die ganze Familie war zusammengekommen, um mit ihr zu feiern. Eigentlich hat sie im April Geburtstag. Da sie ihren Geburtstag aber so gerne im Garten feiern wollte, hatte sie die Einladungen für den Sommer verschickt.
Sie hatte großes Glück mit dem Wetter. Es war ein wunderschöner Tag. Auch die Tage zuvor waren schon trocken und warm gewesen, so dass die Vorbereitungen in aller Ruhe laufen konnten.
Sie saßen gemütlich an der großen Kaffeetafel. Die Erwachsenen unterhielten sich und genossen den selbst gebackenen Kuchen und den frisch aufgebrühten Kaffee. Die Kinder spielten unter dem kleinen Lindenbaum, den Helena vor ein paar Jahren gepflanzt hatte. Die einen ließen Autos um den Stamm fahren, die anderen spielten mit ihren Puppen und legten sie im Schatten zum Schlafen und wieder andere bauten aus Zweigen und Blättern eine Burg.
Helena genoss den vollen Garten und das volle Haus. Es war selten, dass wirklich alle beieinander waren. Irgendwer musste dann doch noch arbeiten oder wurde krank. Gerade jetzt, wo einige der Kinder noch so klein waren, war es häufig so, dass jemand wegen Fieber oder Bronchitis zu Hause bleiben musste.

Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum;
Ich träumt in seinem Schatten so manchen süßen Traum.
Ich schnitt in seine Rinde so manches liebe Wort;
Es zog in Freud und Leide zu ihm mich immer fort.

Helena war die älteste der drei Geschwister. Ihre Schwester Teresa und ihr Bruder Mark waren deutlich jünger als sie. Sie alle drei hatten jeweils drei Kinder – im unterschiedlichsten Alter.
Der Garten war voller Leben. Das war das schönste Geschenk, das Helena haben durfte. Sie beobachtete die Kinder, die so unbeschwert ihre kleinen Wege gingen. Sie war ganz in Gedanken, als Mark auf einmal sagte „Wisst ihr noch, wie wir damals unter unserem Lindenbaum zu Hause gespielt haben?“ Gedankenverloren schaute er seiner Tochter nach, die einen Kranz aus Gänseblümchen knüpfte. Seine Schwestern nickten. Ein Lächeln huschte über ihre Gesichter.
„Ja…“, Teresa schien etwas ergänzen zu wollen. „Und du bist immer darin rum geklettert und ich habe geschwitzt, dass du ja nicht runterfällst.“ Sie zwinkerte ihrem Bruder zu. Mark war schlagfertig, sie wusste, dass er etwas erwidern würde. Er ließ nicht lange auf sich warten. Na, wenn wir in den Jahren dazu gekommen wären, ein Baumhaus in die Linde zu bauen, dann hätte ich auch nicht ungesichert klettern müssen.“
„Dazu hätten wir einen Entwurf benötigt.“ Helena sah Teresa an. Die schaute etwas ungläubig, dass sie angesprochen wurde, verstand dann aber den Wink mit dem Zaunpfahl. „Naja, der sollte eben perfekt sein. So etwas dauert eben…“ Sie versuchte, unschuldig auszusehen. Der ganze Tisch lachte.
„Aber weißt du eigentlich noch, wie viele Mädchen du unter der Linde geküsst hast?“, warf Teresa ein, als es wieder etwas leiser wurde. Mark wurde rot und schien überrascht ob der Frage zu sein. Er schnappte nach Luft. Wieder lachten alle. Sein Blick war aber auch einmalig. Mark schaute seine Mutter an. Als er merkte, dass sie auch lachte, entspannten sich seine Gesichtszüge.

Ich musst’ auch heute wandern vorbei in tiefer Nacht,
da hab’ ich noch im Dunkeln die Augen zugemacht.
Und seine Zweige rauschten, als riefen sie mir zu:
Komm her zu mir, Geselle, hier findst du deine Ruh!

Helenas Mutter guckte sich das fröhliche Treiben in aller Ruhe an. Sie genoss es sehr, alle ihre Kinder, Enkelkinder und Schwiegerkinder um sich zu haben.
Sie war berührt davon, wie viele Erinnerungen die Kinder an den alten Lindenbaum hatten, der so viele Jahre bei ihnen im Garten gestanden hatte. Es tat ihr unendlich leid, den Baum dort zurücklassen zu müssen. Das Haus war, nachdem die Kinder alle ausgezogen waren, aber einfach zu groß geworden. Für sie und ihren Mann reichte auch die kleine Wohnung in der Stadt.
Dass die Kinder in den Baum geklettert waren, wusste sie natürlich. Auch, dass Mark den Baum in Jugendzeiten als romantische Kulisse genutzt hatte. Sie hatte immer gewartet, bis er nachts nach Hause kam. Vorher konnte sie nicht schlafen. Marks Abschiedszeremonien im Garten waren für sie sozusagen das Zeichen, dass er wohlbehalten nach Hause gekommen war.
Es war schön, dass Helena ihren Lindenbaum symbolisch in ihrem eigenen Garten hat weiterleben lassen. Auch wenn der neue natürlich noch nicht annähernd so groß war wie die alte Linde.
Sie lachte, als die Enkelkinder im Ringelreihen um den Baum tanzten. Ihre eigenen Kinder tauschten immer noch Geschichten der alten Linde aus und amüsierten sich köstlich.
„Ich wünsche euch so sehr, dass, wenn ihr in ein paar Jahren wieder hier sitzt und eure Kinder schon eigene Kinder haben, sie sich genau wie ihr an diese schönen Zeiten erinnern und sich davon erzählen.“ Ein dankbarer und gerührter Blick erfüllte die Runde. „Das Kleine kann so oft so wundervoll groß sein!“

Die kalten Winde bliesen mir grad’ ins Angesicht,
der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht.
Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort,
und immer hör ich’s rauschen: Du fändest Ruhe dort!

Auch in ihren Kindern machte sich ein warmes Gefühl breit. Ja, es waren wundervolle Erinnerungen, die sie in sich tragen durften. Teresa erhob ihr Glas. „Auf den Lindenbaum!“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme. „Auf den Lindenbaum!“, stimmten Helena und Mark mit ein.

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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