Das kleine Geheimnis. Geschichten zum Vorlesen und Mitsingen

Diese Liedergeschichte zu dem beliebten Frühlingslied “Komm lieber Mai und mache” ist zum Vorlesen und Mitsingen!
Lesen Sie die Liedergeschichte in Gruppenangeboten oder Einzelbegegnungen mit Senioren vor und singen Sie die jeweilige Strophe des Volksliedes an der angegebenen Stelle.
Wir wünschen viel Freude!

Das kleine Geheimnis. Geschichten zum Vorlesen und Mitsingen

Anna stand an der Terrassentür und schaute in den Garten. Die Bäume waren immer noch kahl und auch die Frühlingsblumen hatten noch nicht viel unternommen, um ihre Köpfchen der Sonne entgegenzustrecken. Sie sehnte sich nach Sonne und frischen Farben. Nach frischen, grünen Blättern an den Büschen und Bäumen und saftig grünem Gras. Voller Vorfreude erwartete sie die violetten Veilchen, die im Frühling den Bachlauf neben dem Haus zierten. Sie stellte sich vor, wie das klare, bläulich schimmernde Wasser in der Sonne vor sich hinplätschern und sie ihre Füße nach einem langen Spaziergang darin kühlen würde.
Doch das alles schien noch in weiter Ferne zu liegen. Die Natur war noch blass und farblos. Anna seufzte. Sie wünschte sich so sehr den Frühling her…

Komm, lieber Mai, und mache
die Bäume wieder grün,
und lass mir an dem Bache
die kleinen Veilchen blüh’n!
Wie möcht’ ich doch so gerne
ein Veilchen wieder seh’n!
Ach, lieber Mai, wie gerne
einmal spazieren geh’n!

Trotzdem sie einen sehr schönen Winter mit Schnee, Schlittenfahren und gemütlichen Spieleabenden erlebt hatten, war sie die kalten und grauen Tage leid. Sie drehte sich um, setzte sich aufs Sofa und sah den Kindern beim Eisenbahnspielen zu. Anna nahm ihre Tasse mit frisch aufgebrühtem Tee in beide Hände und nippte vorsichtig daran. Die beiden schienen zufrieden zu sein. Das war, weiß Gott, nicht jeden Tag der Fall gewesen. Anna lächelte. Sie war froh, dass die beiden eine unbeschwerte Zeit hatten. Und insgeheim auch darüber, dass sie ihren Tee trinken konnte, solange er noch warm war. Sie nahm noch einen Schluck aus der Tasse und schaute nach draußen. Noch vor ein paar Wochen war die Wiese im Garten durch den Schnee strahlend weiß gewesen. Ein Zauber, den alle genossen haben. Und trotzdem sehnten sie sich so sehr nach Sonne, Farbe und Tagen, an denen es länger hell bleiben würde…

Zwar Wintertage haben
wohl auch der Freuden viel;
man kann im Schnee eins traben
und treibt manch’ Abendspiel;
baut Häuserchen von Karten,
spielt Blindekuh und Pfand,
auch gibt’s wohl Schlittenfahrten
aufs liebe freie Land.

Anna erinnerte sich an die Frühlingstage ihrer Kindheit. Der Bach hinter dem Haus hatte anders ausgesehen. Die Veilchen aber schmückten auch zu dieser Zeit schon die Ufer. Sie weiß noch, wie ihre Schwester und sie häufig heimlich die Schuhe ausgezogen haben und barfuß über die Wiese gelaufen sind. Für die beiden war es der Inbegriff des Frühlings, wenn sie endlich die Grashalme wieder unter ihren Füßen spüren konnten. Die lange Winterzeit war immer rasch vergessen gewesen, sobald die beiden die ersten Blüten und Knospen sahen und die Freizeit in der Natur verbringen konnten, ohne sich warm anziehen zu müssen. Dass sie schon so früh im Jahr barfuß über die Wiesen gelaufen sind, hatte nie jemand erfahren. Die erdigen und sandigen Füße hatten sie in dem Bach sauber gemacht. Zum Frühlingsanfang war das unsagbar kalt gewesen. Aber wunderschön …

Doch wenn die Vögel singen,
und wir dann froh und flink
auf grünem Rasen springen,
das ist ein ander Ding!
Jetzt muss mein Steckenpferdchen
dort in dem Winkel stehen,
denn draußen in dem Gärtchen
kann man vor Schmutz nicht geh’n.

Anna sehnte sich die unbeschwerte Zeit in der Natur zurück. Diesen Nervenkitzel, sich nicht durch erdige Füße im Bett selbst zu verraten. Dieses Einfach-in-den-Tag leben zu dürfen, ohne im Hinterkopf zu haben, noch etwas Bestimmtes tun zu müssen. Das Geschenk, den Duft nach Frühling als ein Gefühl der Zufriedenheit und der Freiheit wahrnehmen zu dürfen. Wie lange war sie nicht mehr barfuß durch die Gräser am Bach entlang gestreift? Und warum eigentlich nicht? Anna lächelte. Sie sah ihre Kinder an. Und meinte, genau in diesem Moment eine Vogelstimme wahrgenommen zu haben. Sie hielt inne. Da war sie wieder. Anna atmete auf. Sie stellte ihre Tasse auf den Tisch, ging zurück zu Terrassentür und öffnete sie. Frische Luft strömte ins Zimmer. Und Anna war sich sicher, einen Hauch Frühling vernommen zu haben…

Ach, wenn’s doch erst gelinder
und grüner draußen wär’!
Komm, lieber Mai, wir Kinder,
wir bitten gar zu sehr!
O komm und bring’ vor allem
uns viele Veilchen mit!
Bring’ auch viel Nachtigallen
und schöne Kuckucks mit!

Anna trat vor die Tür hinaus in den Garten und merkte erst, dass sie nur auf Socken unterwegs war, als sie schon auf der Wiese stand. Sie lächelte. Sie drehte sich einmal kurz um, um zu schauen, was die Kinder machten. Dann zog sie ihre Socken aus und ging bis hinten zum Gartentor. Sie schaute zum Bachlauf hinüber. Am anderen Ufer leuchteten lilafarbene Punkte. Ganz kleine Knospen aber voller Leuchtkraft. Endlich …

Weitere Liedergeschichten zu bekannten Volksliedern finden Sie in unserem Buch “Geschichten zum Vorlesen und Mitsingen”, das in Kooperation mit dem SingLiesel Verlag erschienen ist. Die Buchvorstellung dazu können Sie sich hier gerne ansehen.

Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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