Anzeige

Wohlfühlmomente erleben! Das Interview

Anzeige:





Im Gespräch mit Gabriele Schumann über Entspannungsangebote für Senioren und demenziell veränderte Menschen

Hallo Frau Schumann, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Gabriele Schumann, geboren am 26.03.1952, wohnhaft in Dortmund. Von Beruf war ich Dipl.-Sozialarbeiterin mit Zusatzausbildungen für Gedächtnistraining und Entspannungspädagogik. Während der letzten annähernd 20 Jahre meiner aktiven Berufstätigkeit war ich im Bereich der Seniorenarbeit tätig. Ab 2003 habe ich freiberuflich gearbeitet als Gedächtnistrainerin im Rahmen von Kursen sowie Einzel- und Gruppenaktivierungen schwerpunktmäßig für Menschen mit Demenz. Gleichzeitig habe ich an mehreren Fachseminaren für Altenpflege unterrichtet. Später folgte das Angebot von Entspannungskursen. Aus den insgesamt damit verbundenen Erfahrungen entstanden zusätzlich Fortbildungsangebote für Pflege- und Betreuungskräfte.
Während meiner praktischen Betreuungsarbeit habe ich eigene Arbeitsmaterialien für die Beschäftigung und Aktivierung hochbetagter und an Demenz erkrankter Menschen entwickelt, da einfaches, flexibel und vielseitig einsetzbares Material, wie es meinen Vorstellungen entsprach, zu teuer oder nicht zu bekommen war. Zeitweise habe ich diese Dinge produziert, da die Sachen sich in der Praxis bewährt und sowohl Kollegen wie Kursteilnehmer immer wieder großes Interesse daran hatten. Inzwischen sind aus diesen Erfahrungen und Ideen meine Veröffentlichungen beim Verlag an der Ruhr entstanden.

Entspannungsangebote gibt es heutzutage in Hülle und Fülle. Da der Alltag immer schnelllebiger und stressiger wird, suchen viele Menschen nach Möglichkeiten, ihren Stress abzubauen und zur Ruhe zu kommen. Und auch in der Seniorenarbeit haben sich Entspannungsangebote mittlerweile fest etabliert. Wie sollten diese speziellen Entspannungsangebote grundsätzlich gestaltet sein?

Ausgehend von der Zielgruppe der älteren, hochbetagten und an Demenz erkrankten Senioren halte ich es für wichtig, dass Entspannungsangebote, wie auch andere Betreuungsangebote, grundsätzlich zur Orientierung ein Thema und eine feste, nachvollziehbare Struktur mit einem Spannungsbogen, einen eindeutigen Anfang und ebenso ein eindeutiges Ende haben.
Optimal ist es, wenn die Themen und einzelnen Aktionen inhaltlich biografisch orientiert sind, also Bekanntes aus früheren Lebensphasen beinhalten, damit die Senioren sich unter dem Thema etwas vorstellen und sich insbesondere während der Entspannungsgeschichte ein individuelles geistiges Bild davon machen können. Ebenso sollte themenzentriert gearbeitet werden und das Thema nachvollziehbar wie ein roter Faden durch die gesamte Veranstaltung führen.

Auch die äußeren Bedingungen sind von besonderer Bedeutung. Die Entspannungsangebote finden beispielsweise grundsätzlich im Sitzen in einem Stuhlkreis statt, nur bei Bettlägerigkeit im Liegen.
Schon bei der Planung gilt es, die individuelle Leistungsfähigkeit der Teilnehmer zu berücksichtigen und Störungen während der Entspannung vorzubeugen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Es muss organisiert werden, wer – falls nötig – Toilettengänge während der Runde begleitet.
Das sind nur einige Aspekte, die bei der Gestaltung von Entspannungsangeboten für Senioren Beachtung finden sollten, um sie zum Erfolg zu führen. Gelingt das, werden sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zufriedene, gelöste Menschen bis zur nächsten Runde von Ihnen verabschieden.

Die Senioren, die wir in den Pflegeheimen, in der Tagespflege oder auch zuhause begleiten, leiden für gewöhnlich nicht mehr unter beruflichem Stress oder den Anforderungen, die der Alltag, z.B. in jungen Familien, mit sich bringt.
Was führt Ihrer Erfahrung nach bei hochbetagten Menschen zu seelischer und körperlicher Anspannung?

Die zwei Lebensweisheiten „Stress macht krank.“ und „In der Ruhe liegt die Kraft.“ gelten in jedem Alter. In jedem Alter werden Belastungen und Überforderungen erlebt. Viele Senioren leiden an ihren Verlusten, altersbedingten Krankheiten und kämpfen mit Einschränkungen und sozialen, gesundheitlichen sowie finanziellen Sorgen, psychisch nicht verarbeiteten Altlasten und vielem mehr. Die Folgen sind oft innere Unruhe, Depressionen, Schmerzen, Bewegungsdrang, Schlaflosigkeit,… Welcher ältere Mensch kennt das nicht? Und das alles bedeutet Stress und macht nicht gesünder.
Führen Sie sich einmal die Situation eines Menschen mit Demenz vor Augen. Diese permanente Konfrontation mit dem Abbau und dem Verlust geistiger Fähigkeiten und deren Folgen. Sich nicht die Blöße geben zu wollen, Ausfälle kaschieren zu müssen, nicht verstanden zu werden, … Das ist Stress pur!
Im Rahmen meiner Arbeit habe ich viele Menschen getroffen, die den Stress als ihren ständigen Begleiter erlebt und nach Ruhe und Entlastung gesucht haben, getrieben von dem Wunsch, entspannen, Kraft schöpfen und Lebensfreude empfinden zu können.

Worauf sollte man bei Entspannungsangeboten mit demenziell veränderten Menschen unbedingt achten?

Lassen Sie mich bei diesen Überlegungen von der Frage ausgehen: Wann kann ein dementiell veränderter Mensch zur Ruhe kommen? Meiner Meinung nach, wenn er sich angenommen, wohl und sicher fühlt und wir es schaffen, seine Konzentration auf ein positives Erleben zu lenken, auch auf das bewusste Wahrnehmen und intensive Erleben verbliebener Fähigkeiten. Ziel ist hier nicht, die intellektuelle Verarbeitung von den Entspannungsprozessen, sondern ein intensives emotionales Erleben. „Das hat mir gut getan.“ Dann hat das Erlebte die Möglichkeit, erinnert zu werden und nachzuwirken.
Darum ist der biografische Hintergrund sowie das konsequente themenorientierte Arbeiten, das immer wieder hin zum Thema führt, für diese Zielgruppe von ganz besonderer Bedeutung. Das gibt Orientierung. Da kennt man sich aus. Eine wichtige Voraussetzung für das Wohl- und Sicherheitsgefühl.
Aus dem gleichen Grund sind Rituale so wichtig. Immer die gleiche Reihenfolge, die gleiche Handlung, immer die gleichen Worte. Für einen gesunden Menschen mag das unendlich langweilig sein, für einen Menschen mit Demenz jedoch von großer Bedeutung.
Auch die Sprache an sich bedarf der Beachtung. Je einfacher und ruhiger, je kürzer die Sätze, umso mehr wird verstanden. Und lassen Sie den Senioren Zeit. Wir wissen um die verzögerte Reizaufnahme und -verarbeitung bei Menschen mit Demenz. Das braucht oft weit mehr Zeit als bei nicht von Demenz Betroffenen. Machen Sie lieber eine Aktion weniger. Hier ist weniger wirklich mehr.
Versuchen Sie unbedingt, Störungen zu vermeiden. Störungen lassen schon bei einem gesunden Menschen die Entspannung nicht gelingen. Die Konzentration dieser Senioren ist aber ohnehin sehr gestört. Zusätzliche Störungen von außen kann hier keiner gebrauchen, denn eine wirklich tiefe Entspannung kann nur unter echter Konzentration erfolgen.
Gleichzeitig fordern Sie aber bei den einzelnen Aktionen Fähigkeiten heraus, die noch präsent sind, und vermitteln auf diese Weise Erfolgserlebnisse. Oft trauen sich Menschen Dinge nicht mehr zu, die sie eigentlich noch gut können.

Auch wenn sich das jetzt vielleicht alles sehr kompliziert anhört, gehen Sie ganz flexibel mit den Inhalten um. Orientieren Sie sich an den Bedürfnissen und Fähigkeiten der Senioren. Allein das Gefühl der Wertschätzung wird seine Wirkung tun. Und selbst wenn einzelne Senioren Inhalte kognitiv nicht mehr aufnehmen und verarbeiten können, genießen sie die wohltuende Atmosphäre.

Was sind die Aufgaben der Gruppenleitung in den Entspannungsangeboten für hochbetagte Menschen?

Zunächst einmal ist es die Aufgabe einer Gruppenleitung die Sitzung inhaltlich und organisatorisch zu planen und organisieren. Der zweite Schritt ist, selbst zu entschleunigen, um Ruhe ausstrahlen zu können.
Während der Sitzung sorgt sie für eine positive Stimmung und eine Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung, führt durch das gesamte Programm, gibt Hilfestellung oder organisiert sie, achtet darauf, dass sich keiner überfordert, gleichzeitig achtet sie darauf, dass verfügbare Kompetenzen genutzt und die Gruppenregeln eingehalten werden. Diese beinhalten z. B., dass Leistungsdruck vermieden wird, jeder ausreden darf, jedem zugehört und keiner ausgelacht wird. Darüber hinaus regelt sie Konflikte und andere Störungen.
O je! Aber im Grunde sind es die gleichen Aufgaben für die Gruppenleitung, wie sie bei jeder anderen Betreuungsrunde abverlangt werden, nur dass sie hier eventuelle Störungen besonders im Blick haben sollte.

Anzeige:



Vor etwa einem halben Jahr ist Ihr Buch Wohlfühlmomente erleben. Ausgearbeitete Entspannungsangebote für die Seniorenarbeit* im Verlag an der Ruhr erschienen. Darin stellen Sie zwölf themenbezogene und ganzheitliche Entspannungsangebote für Senioren vor.
Würden Sie uns eine kleine Entspannungsübung daraus verraten, die man gut im Alltag mit Senioren umsetzen kann?

Spontan würde ich sagen: „Singen Sie ein Lied mit den Senioren.“ Viele erleben Singen als entspannend und beglückend. Außerdem lässt es uns tiefer atmen. Und eine tiefe, beruhigende Atmung gehört untrennbar zur Entspannung.

Oder die Senioren träumen sich weg. Fordern Sie die Senioren auf, es sich ganz bequem zu machen und die Augen zu schließen oder einen Punkt im Blickfeld zu fixieren. Leiten Sie die Senioren dann zu einem Wohlfühlort, den sie mit allen Sinnen wahrnehmen: „Atmen Sie jetzt tief ein – und wieder aus. – Noch einmal tief ein – und wieder aus. – Überlegen Sie sich jetzt einen Ort, an dem Sie sich so richtig wohlfühlen können. – Gehen Sie in Gedanken in diesen Ort hinein und sehen Sie sich gut um. Sehen Sie nach rechts – und nach links, – nach oben – und nach unten. – Können Sie etwas dort hören?- Können Sie etwas riechen? – Oder schmecken? – Genießen Sie diese Eindrücke eine Weile. – – Nun kehren Sie gedanklich wieder in das Hier und Jetzt zurück. Bewegen Sie die Finger, die Arme und rekeln und strecken Sie sich nach Herzenslust.“

Wie sind die Entspannungsangebote in Ihrem Buch aufgebaut?

Ganz grundsätzliche Aspekte habe ich weiter oben bereits dargestellt. Bedenken wir, dass die Entspannung hier Mittel zum Zweck ist. Und zwar um Ruhe, Wohlgefühl und eine positive Wahrnehmung zu erreichen. Dafür braucht es eben den festen Rahmen. Wenn ich den kenne, fühle ich mich sicherer und kann mich eher auf das Angebot einlassen. Einige Aktionen sind ritualisiert mit gleichem Ablauf und gleicher Sprache, so dass sich der Wiedererkennungswert erhöht.
Inhaltlich finden zur Einstimmung und Orientierung mehr oder weniger unterschiedliche Aktivitäten statt, wie das Singen von Liedern, Vorlesen von Gedichten, Wahrnehmungsübungen, Anregungen zum Erinnern und Erzählen, Kreatives, Bewegungsangebote, Übungen zur Körperwahrnehmung und Atemübungen, die die eigentliche Entspannungsphase vorbereiten. So kann man das Thema präsent halten, den Kreislauf anregen bzw. Bewegungsdrang entgegenwirken, Erinnerungen wecken, positive Stimmung erzeugen usw. Die Senioren werden dann sprachlich detailliert in die Entspannung hinein, dadurch und wieder hinaus geführt. Die Entspannung selbst bildet den Höhepunkt. Anschließend folgen eine kleine Reflexion, für die Senioren unbedingt eine Trinkpause, etwas theoretische Information zu Aspekten der Entspannung, wie zum Wohlfühlort, dem positiven Denken oder verschiedenen Formeln des autogenen Trainings. Die Erklärung der Vorgehens- und Wirkungsweisen ist für mich als Ausdruck einer wertschätzenden Haltung wichtig. Um die Senioren wieder zu aktivieren, bilden ähnliche Aktionen wie zur Einstimmung die Nacharbeit. Anschließend folgt ein Abschiedsritual.
Auf diese Weise wird das Entspannungsangebot zu einer ganzheitlichen Aktivierung, geistig, körperlich und seelisch. Und das hat hoffentlich Spaß gemacht und etwas Lebensfreude vermittelt.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich vor Jahren, als ich in einer Tagespflege für die dortigen Gäste einen Entspannungskurs in Zusammenarbeit mit der leitenden Betreuungskraft durchgeführt habe. Ein sehr großer Anteil der Kursteilnehmer war von Demenz in unterschiedlichen Stadien betroffen, so dass ich den Teilnehmerkreis klein halten wollte. Doch bei jeder weiteren Sitzung wurde die Gruppe größer und größer, bis unser Kreis in meinen Augen riesengroß war und schließlich den Raum ausfüllte. Die Senioren waren jedoch so diszipliniert, dass wir ohne große Störungen die Sitzungen durchführen konnten. Beim nächsten Mal waren alle wieder da und hatten natürlich den ein oder anderen auch noch mitgebracht.
Nach vier Wochen mussten wir aus terminlichen Gründen eine Pause einlegen. Die Betreuungskraft erzählte mir später, dass sie die Fortsetzung des Kurses angekündigt habe und die Gäste der Tagespflege laut geklatscht hätten.
Der Gedanke daran berührt mich heute noch zutiefst, handelte es sich doch um Senioren, deren Kurzzeitgedächtnis normalerweise versagte. Offensichtlich hatten wir sie auf einer tief emotionalen Ebene erreicht, die zum Abspeichern im Gehirn kein Kurzzeitgedächtnis braucht.
Noch lange nach Beendigung des Kurses gehörte ein monatlicher Entspannungsnachmittag zum festen Bestandteil der Betreuungsarbeit in dieser Tagesstätte.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ein großer Wunsch von mir ist, dass die Betreuungsarbeit den Stellenwert erhält, der ihr zusteht. Dass dieser so wichtige Arbeitsbereich ausgestattet wird mit genügend geschultem Personal, ausreichender Zeit und adäquaten Arbeitsmaterialien. Und dass tatsächlich zugewandtes Arbeiten mit den Senioren wichtiger wird als ein unendliches Dokumentieren oder ein Fleck auf der Bluse.
In Anbetracht meines eigenen Alters denke ich oft darüber nach, was ich mir in 15, 20 Jahren wünschen würde. Natürlich, dass die Pflegesituation nicht komplett eskaliert. Ich wünsche mir Pflege- und Betreuungskräfte, die nicht ständig am Limit ihrer Leistungsfähigkeit agieren müssen, die nicht jeden Fleck auf der Bluse sofort beseitigen und mich umziehen, sondern dass sie diese Zeit nutzen, um mit mir zu reden und zu lachen.

Herzlichen Dank, Frau Schumann!!!

Zur Buchvorstellung von „Wohlfühlmomente erleben. Ausgearbeitete Entspannungsangebote für die Seniorenarbeit“

Anzeige:



Anzeige

Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


  • * Links, die mit einem Sternchen gekennzeichnet sind, sind Werbelinks / Affiliatelinks
Top