Liedergeschichte zum Mitsingen: Liebe auf den ersten Blick. Ännchen von Tharau
Manche Geschichten berühren, weil sie Erinnerungen an eigene Lebenswege wachrufen. In der Biografiearbeit mit Seniorinnen und Senioren können solche Erzählungen helfen, über Liebe, Abschied, Heimat und Wiedersehen ins Gespräch zu kommen. Wenn Sie lernen möchten, wie Sie Biografiearbeit gezielt einsetzen können, schauen Sie sich gern unsere Fortbildung zur Biografiearbeit mit Senioren an!
Die folgende Geschichte kann ein schöner Impuls sein, um Erinnerungen an Jugendlieben, Lieblingsorte oder besondere Begegnungen im Leben wach werden zu lassen.
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Liebe auf den ersten Blick
Walter schlenderte über den Marktplatz. Es war noch früh am Morgen. Nur vereinzelt waren Menschen unterwegs. Walter ging oft in den Morgenstunden durch die Stadt. Er liebte es, die Stadt beim Aufwachen zu erleben. In manchen Läden herrschte schon geschäftiges Treiben. In anderen war es noch ganz ruhig. Anhänger und Paletten klapperten. Geschirr wurde aus Spülmaschinen geräumt. Kam ein Zug am Bahnhof an, wurden die Schritte der Menschen auf dem Kopfsteinpflaster mehr. Nach ein paar Minuten wurden sie wieder weniger, bis nur noch vereinzelt welche zu hören waren.
Wie an jedem Morgen ging er auch am Café Morgentau vorbei. Die Türen standen auf, die Reinigungskraft schien die Böden zu wischen. Es duftete nach frischem Kaffee und – wonach eigentlich noch? Walter konnte den Geruch ganz schwer beschreiben. Das Café hatte einen ganz eigenen Duft. Er genoss es jedes Mal, wenn er daran vorbeiging. Es war ein schönes Gefühl, irgendwie noch an der Vergangenheit festhalten zu können. Wenn auch nur in ganz kleinen Augenblicken.
Was würde er dafür tun, Anna noch einmal wiederzusehen …
Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt.
Sie ist mein Reichtum, mein Gut und mein Geld.
Ännchen von Tharau hat wieder ihr Herz
auf mich gerichtet in Lieb und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Anna war Walters Jugendliebe. Und sie ist es bis heute geblieben. Die eine große Liebe in seinem Leben. Walter war hier in der Stadt groß geworden. Anna stand plötzlich vor ihm. Und vom ersten Augenblick an war es um ihn geschehen.
Sie war hierher gezogen, weil ihre Eltern das Café in der Sonnengasse übernommen hatten. Café Morgentau hatten sie es genannt. Das war damals ein Wagnis. Das Café Schuster, wie es zuvor über Jahrzehnte lang geheißen hatte, war eine Institution in der Stadt. Viele Menschen kannten und schätzten das Café. Doch innerhalb der Familie fand sich einfach niemand, der es übernehmen und weiterführen wollte.
Annas Eltern waren Menschen, die man wohl als Frohnaturen bezeichnete. Mit einem offenen Herzen, einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft und immer einem Ohr für die Freuden und Sorgen ihrer Gäste. Und so konnte einfach niemand lange verstimmt sein, dass aus dem Café Schuster das Café Morgentau wurde. Dafür war die Atmosphäre im Café Morgentau auch einfach zu wunderbar.
So, wie Anna …
Käm alles Wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt, beieinander zu stahn.
Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
soll unsrer Liebe Verknotigung sein.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Die Liebe zwischen Anna und Walter war Liebe auf den ersten Blick gewesen. Sie brauchten nicht viele Worte, um sich zu verstehen. Es war, als wären ihre Herzen ganz tief miteinander verbunden. Walter erinnert sich noch ganz genau an das Gefühl, das ihn in dieser Zeit getragen hatte. Noch nie hatte er das Leben so geliebt. Die beiden hatten sich geschworen, immer füreinander da zu sein. In guten und in schlechten Zeiten. Und sie lebten die guten und die schlechten Zeiten.
Irgendwann hatte das Leben andere Wege für die beiden geebnet. Anna musste raus aus der Stadt, um sich um eine Verwandte zu kümmern. Walter führte die Arbeit durch das ganze Land. Doch sie schworen sich, tief im Herzen beieinanderzubleiben. Für immer. Wo auch immer das Leben sie hintrug. Die beiden waren sich sicher, dass sie sich irgendwann einmal wieder sehen würden. Um dort für immer zusammen zu bleiben.
Walter war vor ein paar Jahren in die Stadt zurückgekehrt. Er war jetzt schon eine ganze Weile lang Witwer gewesen und es zog ihn zurück in seine Heimat. Dort war er zu Hause. Die Menschen waren älter geworden, das ein oder andere Haus hatte sich verändert. Doch die herzliche Wärme dieser Stadt war geblieben. Und seine Liebe für Anna über die Jahre hinweg auch. So wie früher …
Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,
je mehr ihn Hagel und Regen anficht,
so wird die Lieb in uns mächtig und groß
durch Kreuz, durch Leiden, durch mancherlei Not.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut.
Er war seiner Wege gegangen, hatte sie aber immer vermisst. Auch wenn er sie tief in seinem Herzen immer bei sich und an ihr Wiedersehen geglaubt hatte.
Die Runden durch die Stadt waren seine Momente mit Anna. Stundenlang waren sie früher gemeinsam diese Wege gegangen. Hand in Hand. Früh am Morgen. Anna liebte die Morgenluft. Und die Ruhe.
In diesen Momenten konnte er ihr ganz nah sein. Er war sehr dankbar für diese Fähigkeit, so mit ihr verbunden bleiben zu können.
Vor dem Café Morgentau hielt er kurz inne. Hier hatten sie oft zusammen einen Kaffee getrunken, bevor sie dann in den Tag gegangen sind. Erinnerungen kamen auf. Kurze Bilder. Vergangene Momente. Vertraute Gerüche.
Er lächelte. Auch wenn diese Erinnerungen manchmal wehtaten, hatte er sie immer als große Geschenke empfunden.
Er machte sich auf den Heimweg. Die Sonne war bereits aufgegangen und das Treiben wurde reger. Walter holte sich beim Bäcker noch zwei Brötchen und schlenderte über den Marktplatz zurück.
Würdest du gleich einmal von mir getrennt,
lebtest da, wo man die Sonne kaum kennt,
ich will dir folgen durch Wälder, durch Meer,
Eisen und Kerker und feindliche Heer.
Ännchen von Tharau, mein Licht, meine Sonn,
mein Leben schließ ich um deines herum.
Am Brunnen saß eine Frau. Sie hatte lange graue Haare. Walter näherte sich und sah sie unentwegt an. Als er ihre Augen sah, blieb er wie angewurzelt stehen. „Anna“, flüsterte er.
Sie sah ihn, zögerte einen ganz kleinen Augenblick und lief ihm in die Arme.
Sie umarmte ihn. Hielt ihn ganz fest. So, als würde sie ihn nie wieder loslassen wollen.
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