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Musik wirkt Wunder… Das Interview

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Im Gespräch mit Barbara Weinzierl über die musikalische Begleitung älterer Menschen

Hallo Frau Weinzierl, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Barbara Weinzierl. Ich bin Diplom-Musiktherapeutin und arbeite seit 2009 freiberuflich als Musiktherapeutin in Institutionen in Karlsruhe, Baden-Baden, Ettlingen und Bad Wildbad. Als Dozentin in der Fort- und Weiterbildung von Pflege- und Betreuungskräften bin ich in ganz Baden-Württemberg unterwegs. Seit 2011 berate ich den SingLiesel-Verlag in der Entwicklung von Produkten für Menschen mit Demenz.
Mein Schwerpunkt in der musiktherapeutischen Arbeit – derzeit ausschließlich mit Erwachsenen – ist die Neurologie und alle Folgeerkrankungen. Das bedeutet, dass ich Menschen verschiedenen Alters und in verschiedenen Lebenssituationen begleite. Darunter fallen Menschen mit Multipler Sklerose, Parkinson, Demenz, Schlaganfall, Menschen im Wachkoma und Menschen mit einer körperlichen und geistigen Behinderung aufgrund neurologischer Erkrankungen im Kindesalter (wie z.B. Epilepsie). Darüber hinaus bin ich in der ambulanten und stationären Sterbebegleitung tätig.

Musik gilt als der Königsweg in der Seniorenarbeit, besonders bei der Begleitung von Menschen mit Demenz. Warum spielt Musik in unserem Leben eine so große Rolle und warum können wir uns durch sie so gut an etwas erinnern?

Musik begleitet den Menschen sein ganzes Leben lang – in guten und beschwerlichen Zeiten. Sie ist ein bedeutender Teil unserer Kultur und Gesellschaft – und hat auch immer schon wichtige historische Ereignisse „untermalt“.
Ein Beispiel ist das Lied „Lili Marleen“, das als Anti-Kriegslied in die Geschichte einging, da es immer zum „Zapfenstreich“ im Sender Radio Belgrad gespielt wurde. Noch heute erinnern sich viele Senioren an das Lied und können es textsicher mitsingen, selbst wenn sie sonst kaum Interesse an Musik zeigen. Das Lied ist untrennbar mit den Erlebnissen in den Kriegsjahren verbunden und gleichsam ein Symbol für Menschlichkeit in all der Grausamkeit des Krieges.
Selbst, oder vor allem dann, wenn Menschen an einer fortschreitenden Erkrankung leiden, kann Musik ein Mittel der Kommunikation und der persönlichen Ausdrucksmöglichkeit sein. In der Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz spielt Musik häufig eine entscheidende Rolle zur Verbesserung der Lebensqualität und der notwendigen Biografiearbeit.
Ausgangspunkt ist dabei die Vorstellung, dass Musik als Universalsprache nicht nur Körper und Geist berührt, sondern auch komplexe seelische Prozesse beeinflussen kann.
Darüber hinaus gibt es inzwischen zahlreiche neurophysiologische Erkenntnisse über die Wirkungsweise von Musik im Gehirn. Musik wird nicht nur in einem Areal im Gehirn, sondern in vielen Bereichen abgespeichert – sehr oft, wenn nicht sogar immer in Verbindung mit biografisch relevanten Erfahrungen. Erinnern wir uns an eine solche Begebenheit, fällt uns häufig auch das „dazu gehörende“ Musikstück ein. Umgekehrt führt aber die Musik auch in der Erinnerung zu der damit einhergehenden Erfahrung.
Ein Beispiel: Frau Meyer hat ihren Ehemann in einem Cafe kennen gelernt, als der berühmte Schlager „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ gespielt wurde. Dieses Lied wählen die beiden dann auch bei ihrer Hochzeit. Jahre später, wenn Frau Meyer diesen Schlager hört, denkt sich automatisch an ihre erste große Liebe, ihren Mann und an ihre Hochzeit.
Die Musik ist untrennbar mit diesem Erlebnis verbunden und hilft ihr – trotz ihrer Demenz – sich an dieses Detail ihres Lebens zu erinnern.

Jeder, der in der Begleitung von Menschen mit Demenz tätig ist, kennt dieses Phänomen: Menschen, die nur noch wenig und teilweise unverständlich sprechen können oder schon Jahre kein Wort mehr gesagt haben, singen aus vollem Halse fünf komplette Strophen eines bekannten Volksliedes.
Können Sie uns, als Fachfrau in dem Bereich, erklären, was in dem Moment im Gehirn passiert?

Musik wird grundsätzlich nicht nur in einem Areal im Gehirn, sondern in vielen Bereichen abgespeichert. Trotz einer fortschreitenden Demenz kann der Betroffene Musik daher noch sehr lange abrufen, auch wenn andere Gedächtnisinhalte schon verloren gegangen sind. Musik wird außerdem auch im Langzeitgedächtnis abgespeichert, da wir in der Regel schon sehr früh in unserem Leben – auch durch unser Elternhaus – mit Musik in Berührung kommen und von Musik geprägt sind.
In einer fortschreitenden Demenz ist vor allem das Kurzzeitgedächtnis betroffen. Informationen aus dem Langzeitgedächtnis aber, sind noch besonders lange abrufbar. Selbst wenn also ein Betroffener schon nicht mehr spricht oder sich schwer verbal mitteilen kann, ist es ihm durch die Musik vielleicht möglich, komplette oder fragmenthafte Gedächtnisinhalte abzurufen und widerzugeben. Das kann man sich in der Begleitung von Menschen mit Demenz natürlich zunutze machen, um besser – oder überhaupt – mit den Betroffenen zu kommunizieren.
Es gibt daher diverse Möglichkeiten der Integration musikalischer Mittel in den pflegerischen Alltag und der Betreuung von Menschen mit und ohne Demenz.

Sie sind Musiktherapeutin und arbeiten mit Senioren – mit und ohne Demenz. Wie setzen Sie die Musik bei kognitiv „fitteren“ Senioren ein? Und welche musikalischen Angebote machen Sie mit demenziell erkrankten Menschen?

Musik kann aktivieren, ist aber auch eine wichtige Entspannungstechnik. Deshalb muss im alltäglichen Einsatz von Musik – v.a. bei Menschen, die sich nicht mehr verbal ausdrücken können – auf eine akustische Mileupflege geachtet werden. Das bedeutet: Wie gestalte ich das „zu hörende“ Umfeld des Menschen, mit dem ich arbeite? Daher achte ich grundsätzlich darauf, dass es – wenn wir gemeinsam Musik hören und selbst machen – möglichst ruhig ist, also keine störenden Nebengeräusche wie Fernsehen oder Radio zu hören sind und uns ablenken könnten. Ältere Menschen haben nämlich grundsätzlich große Schwierigkeiten wichtige von unwichtigen Geräuschen zu unterscheiden. Sie hören alles gleich laut und sind den Geräuschen in ihrem Umfeld hilflos ausgeliefert. Vor allem, wenn sie an einer Demenz erkrankt sind, finden sie z.B. den „Aus-Knopf“ des Radios nicht.
Meine Aufgabe als Musiktherapeutin ist, zu aller erst ein sicheres akustisches und menschliches Umfeld zu schaffen, in dem sich der ältere Mensch wohlfühlen kann. Es geht letztlich immer um eine Verbesserung der Lebensqualität.

Bei kognitiv „fitten“ Senioren beinhaltet die Musiktherapie neben dem Singen alter Lieder und Schlager noch viele Gespräche aus der Biografie der Teilnehmer – also die Aufarbeitung alter Konflikte (z.B. mit Angehörigen), die Verarbeitung belastender Erlebnisse (z.B. Kriegserfahrungen) oder aber Erzählungen von früher – z.B. aus der Kindheit. Durch die Musik gewinnt man relativ schnell auch Zugang zu Gefühlen und die Senioren können leichter über ihre Empfindungen, Wünsche und Träume sprechen. Hier findet die Musiktherapie häufig als Gruppenangebot statt – auch mit Elementen aus dem Tanz und mit Bewegung.

Je schwächer ein Mensch wird, desto wichtiger ist die Musik für den anderen. Hier arbeite ich in der Regel im einzeltherapeutischen Kontext. Die Musik gewinnt an Bedeutung als Entspannung. Auch die atmosphärische Begleitung spielt eine entscheidende Rolle. Musik hilft uns, zur Ruhe zu kommen, sich geborgen zu fühlen. Natürlich geht es auch hier um Kommunikation, als Aktion und Re-Aktion über Musik; aber in viel sanfterer und verlangsamter, ruhigerer Weise. Der Betroffene braucht mehr Zeit um zu reagieren, mehr Zeit um sich zu äußern; und ich als Therapeutin brauche auch Zeit, um an der Körpersprache meines Gegenübers zu erkennen, welche Musik jetzt geeignet ist, um die Situation angemessen zu begleiten und eventuell schwer zu äußernde Gefühle hörbarer und sichtbarer zu machen, indem ich Musik für den anderen mache.

Der Einsatz von Musik im Pflegealltag ist oft sinn- und wirkungsvoll. Wann sollte man jedoch eher davon Abstand nehmen? Haben Sie ein paar Tipps aus der Praxis für uns, auf welche Signale man Acht geben sollte?

Wer aufmerksam sein Gegenüber beobachtet, während er Musik einsetzt, der kann sehr schnell erkennen, ob es jetzt „passt“ oder nicht. Vor allem an den Körperfunktion ist eine Reaktion auf Musik gut ablesbar. Atmet der Mensch, für den ich die Musik einsetze, z.B. entspannt und ruhig. Oder wird er plötzlich hektisch und verkrampft sich. In diesem Fall, ist die Musik möglicherweise nicht das Richtige, oder aber ich habe noch nicht die richtige Musik gefunden.
Jeder Mensch hat ganz individuelle Erfahrungen mit Musik gemacht. Nicht jeder ältere Mensch mag Volkslieder oder Schlager. Musik wirkt immer individuell und möglicherweise auch jeden Tag anders. Das bedeutet, dass ich herausfinden muss, welche Musik jetzt in dieser Situation geeignet ist, und welche nicht. Klassische Musik kann entspannend wirken, aber nur, wenn der Betroffene einen Zugang zu Klassischer Musik hat. Wenn er aber früher viel lieber Jazz gehört hat, dann kann er vermutlich damit nichts anfangen.
Soweit das möglich ist, ist es also ratsam, möglichst früh herauszufinden, welche Musik ganz individuell dem Menschen, für den ich sie einsetze, gefällt. Im besten Fall kann er es mir selbst noch sagen. Wenn nicht, dann muss ich ganz behutsam und vorsichtig vorgehen.
Und ganz wichtig: Bleiben Sie dabei, wenn Sie gemeinsam Musik hören! Verlassen Sie NICHT den Raum, denn sonst ist der ältere Mensch der Musik hilflos ausgeliefert.
Musik, die an einem Tag gut war, kann am nächsten Tag ganz plötzlich zu Angst und Anspannung führen, weil vielleicht durch die Musik plötzlich schlimme Erinnerungen hochkommen, die bisher scheinbar verloren waren. Deshalb bedarf es einer guten Einfühlungskraft, um zu verstehen, warum und wie der Betroffene jetzt reagiert. Es gibt hier kein Schema, sondern jeder Tag ist anders, jeder Tag ist aber auch eine neue Chance.

Ihr Buch heißt Musik wirkt Wunder*. Würden Sie uns eine kleine Geschichte aus Ihrem beruflichen Alltag erzählen, die verdeutlicht, welche Wunder die Musik vollbringen kann?

“Herr Zach hat schon immer die Natur geliebt. Er wuchs in einem engen, grünen Tal auf, in einem etwas abseits stehenden Haus. Die alte Mühle. Das Mühlenrad gab es noch, als Herr Zach ein kleiner Junge war. Später dann, als sein Neffe das Elternhaus übernahm, musste das Rad aus Sicherheitsgründen abgerissen werden. Herr Zach verspürt noch heute einen kleinen Stich im Herzen, wenn er daran denkt. Und wenn er mir von der alten Mühle erzählt, werden seine Augen feucht. Mit dem Mühlenrad verbindet er die Unschuld fröhlicher Kindertage, als der Vater noch als Müller arbeitete, vor dem Krieg, vor dem Elend. Wenn Herr Zach an die Mühle denkt, dann denkt er daran, wie er mit seinem jüngeren Bruder und seiner älteren Schwester durch die saftig grünen Wiesen strolchte, den Hund Edgar immer an den Fersen. Eine Kuh hatten sie und zahlreiche Hühner, daran erinnert sich Herr Zach. Als der Vater im Krieg war, übernahm die Mutter den Mühlenbetrieb, aber die Arbeit war schwer und die Kinder mussten bald schon mit anpacken. Dann kamen die Soldaten und nutzten das alte Mühlenhaus als Waffendepot. Die Müllersfamilie durfte bleiben, aber nur, weil die Mühle immer noch Geld einbrachte und der Vater im Krieg gefallen war. Auch daran kann sich Herr Zach noch gut erinnern. Wenn er versucht, weiter in Richtung Gegenwart zu denken, werden seine Erinnerungen seltsam neblig, der Erzählfluss stockt. Er weiß, dass er als junger Mann zur Lehre in die Stadt zog, und er kann sich erinnern, dass er voller Tatendrang zurückkam. Aber da hatte seine Schwester schon geheiratet und das alte Mühlenrad stand seit vielen Jahren still…

Herr Zach wird nächsten Monat 86 Jahre alt. Seit einigen Jahren schon lebt er vermehrt in seiner Gedankenwelt. Dort scheint er sich besser zurechtfinden als in der Gegenwart. Die meiste Zeit sitzt er auf einer kleinen Bank am Fenster und sieht nach draußen. Dort steht ein einzelner großer Nadelbaum; drum herum viel Asphalt. Wenn es nach Herrn Zach ginge, dann würde er vermutlich niemals von der kleinen Bank aufstehen, tagein, tagaus dort sitzen. Aber nachts soll er doch schlafen und tagsüber zwischendurch etwas essen und trinken und zur Toilette muss er auch immer wieder. Doch je mehr Zeit vergeht, desto schwerer fällt es Herrn Zach, in Aktion zu kommen, Tatendrang zu entwickeln. Er weiß, er wollte gerade etwas tun, aber bis er sich aufrafft, weiß er nicht mehr, was es war. In einem Moment der Klarheit verrät er mir unter Tränen: „Ich weiß überhaupt nicht, was ich hier soll!“ Dabei wohnt Herr Zach schon seit vielen Jahren in der Stadt und das Mühlenhaus hat er seit über vierzig Jahren nicht mehr gesehen.

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Bisher hat Herr Zach nicht an der musikalischen Aktivierung teilgenommen. Er hat mir verraten, dass er lieber hier vor dem Fenster sitzen bleiben möchte, dort, wo der Baum ist, nicht zu den anderen möchte. Nicht singen. Ich akzeptiere seinen Wunsch seit vielen Jahren. Aber an einem Tag ist es anders. An einem schönen milden Nachmittag im Frühling entscheide ich mich zusammen mit der Kollegin aus dem Sozialdienst dafür, das offene Singen heute im Garten zu gestalten – bevor die große Hitze kommt und die Bewohner nicht mehr lange nach draußen können. Mit zwei älteren Damen, Frau Salzer und Frau Buchinger, bin ich auf dem Weg zum Fahrstuhl, als wir an Herrn Zach vorbeikommen. Ich halte kurz inne und erzähle ihm, dass wir jetzt gemeinsam in den Garten gehen. „Mögen Sie denn mitkommen?“

Herr Zach wendet den Kopf. Sein Blick ist etwas verschleiert. Ich weiß nicht, ob ich ihn heute erreichen kann. Ich frage eine Pflegekraft, ob ich Herrn Zach denn mit nach draußen nehmen kann, wenn er möchte. Sie nickt und sagt „Ich hole ihm die Schuhe.“ Herr Zach sitzt meist nur in Strümpfen auf seiner heißgeliebten Bank.

Als die Kollegin mit den Schuhen aus seinem Zimmer kommt, wird es zu einer Herausforderung, Herrn Zach zu erklären, dass er nur mit Schuhen in den Garten kann. Sein Blick verrät uns, dass er nicht weiß, was wir von ihm wollen. Spontan singe ich „Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh!“ Und plötzlich habe ich Herrn Zachs Aufmerksamkeit. Ich wiederhole die Liedzeile, und die Kollegin kann ihm plötzlich ohne Weiteres die Schuhe anziehen. Zufall? Wohl kaum. Denn als die Schuhe angezogen sind, müssen wir ihn ja noch dazu bringen, dass er aufsteht. Auch hier fällt mir eine Liedzeile ein. „Auf, auf du junger Wandersmann!“ Dieses Mal ernte ich sogar eines der seltenen Lächeln von Herrn Zach. Und er steht auf und lässt sich zu den beiden Damen führen, die sehr geduldig auf uns gewartet haben. Noch im Gehen höre ich erstaunt, dass Herr Zach leise die Melodie des Wanderliedes weitersummt. Der Text scheint ihm gerade nicht einzufallen. Ich stimme in den Gesang ein, und auch Frau Salzer und Frau Buchinger singen mit. Sie sind es bereits gewohnt, dass in meiner Gegenwart immer geträllert werden kann – mit oder ohne Text. Zu viert machen wir uns also auf den Weg zum Fahrstuhl und runter in den Garten, wo die anderen schon auf uns warten. Alle sind überrascht, dass Herr Zach heute mit dabei ist. Doch er wird freudig begrüßt und sofort in die Gruppe aufgenommen. Ich sehe in sein Gesicht. Mir scheint, er weiß noch gar nicht, wie ihm geschieht. Aber seine Augen leuchten, er wendet den Kopf von rechts nach links. Überall große, wuchtige Bäume, farbig blühende Blumen und dort vorne sogar ein kleiner Springbrunnen. Nach dem zweiten oder dritten Lied beginnt er zu erzählen: „Das ist wie zu Hause in der alten Mühle. So viel Grün!“
Und auch wenn ich die Geschichte schon öfter aus seinem Mund gehört habe, so ist sie heute anders, lebendiger, fröhlicher, ohne Tränen, ohne Trauer. Schön und dennoch ergreifend. Wir singen passend dazu „Im schönsten Wiesengrunde“ und Herr Zach lässt zum allerersten Mal, seit ich ihm vor über acht Jahren begegnet bin, seine Singstimme erklingen. Er singt aus vollem Hals, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan. Danach wird er wieder etwas ruhiger, nachdenklicher, aber er summt viele Lieder mit und schient ganz aufmerksam seine Umgebung zu mustern.

Der Tag im Garten war der Wendepunkt in meiner Beziehung zu Herrn Zach. Seither war er bei nahezu jeder Singgruppe dabei. Noch immer erzählt er gerne vom alten Mühlenrad, seine Lieblingsbank am Fenster mag er nach wie vor. Doch es ist einfacher, ihn für andere Dinge zu interessieren, wenn man das richtige Lied als Handlungshelfer mit ihm singt. Inzwischen machen alle Kollegen von dieser Methode Gebrauch. Denn sie ist sehr effektiv und erleichtert den Tagesablauf. Und sie hat absolut keine Nebenwirkungen!

Neulich fragte ich Herrn Zach, ob er denn mal wieder „sein“ Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ singen möchte. Er überlegt kurz, dann lächelte er und antwortet:
„Das Lied über mein Mühlenhaus! Ja, das passt immer!“”

© Barbara Weinzierl: Musik wirkt Wunder, SingLiesel Verlag, 2017, S. 50-54.

Ich bin gedanklich jetzt etwa zehn bis fünfzehn Jahre in der Zukunft. Glauben Sie, dass die Musik für die dann 70 bis 80-Jährigen immer noch ein so hoher Anknüpfungspunkt für Erinnerungen aus der Vergangenheit bzw. der Kindheit sein wird?
Und welche Lieder werden wir dann in unseren Aktivierungen anstimmen?

Ich denke, so lange wir in unserem Leben von Musik geprägt werden, weil sie uns durch unsere biografischen Erfahrungen begleitet und sie auch teilweise noch verstärkt, werden wir auch im Alter von Musik berührt und bewegt werden.
Die Musik wird sich aber verändern, weil sie das in der Geschichte der Menschheit immer getan hat. Manche Musik ist quasi zeitlos und somit vermutlich immer von Bedeutung. Andere Musik wird in den Hintergrund treten oder durch neue Strömungen ersetzt werden. Die technischen Mittel haben sich deutlich verändern. Heute können wir Musik auch digital abspielen. Wir werden also vielleicht mit ganz anderen technischen Mitteln Musik wiedergeben können.
Trotzdem wirkt Musik vor allem live und „selbstgemacht“, denn dann sind wir durch physikalische Schwingungen der Instrumente und der Stimme tatsächlich im wörtlichen Sinn berührt von den Klängen und Rhythmen – und von der Atmosphäre im Raum.
Die Wirkungsweise von Musik wird sich glaube ich nicht verändern, aber die Hörgewohnheiten selbstverständlich. Grundsätzlich spielt vor allem die Musik der Jugend und des frühen Erwachsenenalters eine entscheidende Rolle im Alter, denn an diese Musik können wir uns eben noch besonders lange erinnern…
Vielleicht spielt dann die Musik beispielsweise der Beatles, von Michael Jackson und Herbert Grönemeyer eine wichtige Rolle. Wir werden sehen…

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?
Guy de Maupassant wird folgender Spruch zugeschrieben:

Es sind die Begegnungen mit Menschen,
die das Leben lebenswert machen.

Auch in musikalischer und musiktherapeutischer Hinsicht, gewinnt diese Aussage eine besondere Bedeutung. Ich wünsche mir in meinem beruflichen Alltag noch viele spannende und berührende Begegnungen mit anderen.

Herzlichen Dank, Frau Weinzierl!!!

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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