Neue Wege. Ade zur guten Nacht

Sebastian zieht aus seinem Elternhaus aus und erlebt ein Wechselbad der Gefühle zwischen der Vorfreude auf das, was kommt, und der Wehmut über das, von dem er sich für eine Zeit lang verabschieden muss.
Lesen Sie Ihren Senioren unsere Liedergeschichte in einer gemütlichen Runde vor und singen Sie an den entsprechenden Stellen gemeinsam die angegebene Strophe des Volks- und Abendliedes “Ade zur guten Nacht”.

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Neue Wege. Ade zur guten Nacht

Sebastian blieb einen Augenblick stehen und schaute aus dem Fenster in den Garagenhof. Da waren sie alle versammelt – seine Familie, seine Freunde, die Nachbarn…
Es war ein komisches Gefühl, derjenige zu sein, der umzieht. In den Jahren zuvor hatte er immer nur bei Umzügen anderer mitgeholfen. Das eigene Hab und Gut in Kisten zu verpacken und die vertrauten Möbel in der Einfahrt stehen zu sehen, weckte das ungute Gefühl, einen Kloß im Hals zu haben. Er schluckte und atmete einmal tief ein. Dann nahm er die nächste Kiste vom Stapel und trug sie nach unten zu den anderen.

Ade zur guten Nacht!
Jetzt wird der Schluss gemacht,
Dass ich muss scheiden.
Im Sommer da wächst der Klee,
Im Winter, schneit´s den Schnee,
Da komm ich wieder.

Es war beides – die Wehmut über das, was er hinter sich lassen würde und gleichzeitig die Vorfreude auf das Neue, das kommen würde. Wie viele Jahre hatte er hier verbracht? Wie viele Jahreszeiten erlebt? Auf der Treppe begegnete ihm David, der ihm zulächelte und aufmunternd auf die Schulter klopfte. Sebastian spürte, dass diese zwei Seiten – die Wehmut und die Freude – in jedem von ihnen vertreten waren. Mit den meisten seiner Freunde hatte er schon zusammen in der Sandkiste gespielt.
Unten kam ihm Teresa entgegen. Ein Lächeln zauberte sich über sein Gesicht. Teresa war eine echte Frohnatur und schaffte es eigentlich immer, ihn mit ihrer guten Laune anzustecken. Auch sie kannte er gefühlt schon Ewigkeiten. Die beiden hatten in den Frühlings- und Sommermonaten mit ihren Fahrrädern die Gegend rund um ihr Dorf erkundet. Sie waren zwischen den Feldern her gefahren, die Hügel hinauf gestrampelt und haben sich bis in die Nachbardörfer hinabrollen lassen. Im Herbst waren sie durch die Wälder gestreift, hatten Höhlen aus Ästen, Zweigen und Laub gebaut und Igeln Winterquartiere eingerichtet. Es waren wunderschöne Erinnerungen, die sie teilen durften.
„Oder steht da noch was?“ Sebastian war so in Gedanken vertieft gewesen, dass er Teresas Stimme gar nicht richtig wahrgenommen hatte. An ihrem Gesichtsausdruck merkte er aber, dass er wohl etwas verpasst hatte. „Entschuldige, wie bitte?“ Er versuchte, schnell wieder im Hier und Jetzt anzukommen. „Ich war ganz in Gedanken.“
Sie lächelte ihn an: „Dann ist oben alles weg, oder? Bis auf die Umzugskisten im Wohnzimmer? Den Rest habe ich runtergetragen.“
Sebastian dachte kurz über die Kistenstapel nach. „Ähm, ja genau, das sieht prima aus. Da stehen nur noch die Kartons.” Teresa nickte und wollte schon weitergehen, als er sie kurz anhielt. „Danke!“ Sie nickte und lächelte ihn aufmunternd an. Sie verstand, was er ihr sagen wollte. In seinen Augen stand alles geschrieben, was ihm auf dem Herzen lag.

Es trauern Berg und Tal,
Wo ich viel tausendmal
Bin drüber ‘gangen.
Das hat deine Schönheit gemacht,
die hat mich zum Lieben gebracht
mit großem Verlangen.

Obwohl es erst mittags war, hatten sie schon viel geschafft. Möbel und Kartons waren in den Autos verpackt. Die Nachbarn hatten Kartoffelsalat vorbereitet. Sebastians Mutter hatte große Platten mit Fleischwurst- und Käsebrötchen auf umgedrehte Getränkekisten gestellt. Es gab Mineralwasser und Kaffee für alle, dazu Marmor- und Butterkuchen. Alle Helfer saßen im Hof und machten ihre verdiente Mittagspause. Es wurde erzählt, gelacht und Pläne geschmiedet, wie die Möbel am besten in die neue Wohnung transportiert werden würden. Sebastian saß ganz ruhig da, knabberte an einem Fleischwurstbrötchen und genoss die Menschen um sich herum. Sie alle lagen ihm so sehr am Herzen. Er spürte, dass es ihm schwerfiel, sich vorzustellen, dass er am Abend ganz woanders schlafen würde. Doch je länger er in der Runde saß und mitbekam, dass sie alle sowohl die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit teilten als auch Pläne schmiedeten, was sie alles in Sebastians neuer Heimat mit ihm oder auch gemeinsam unternehmen würden, desto kleiner wurde seine Angst, vergessen zu werden.
Er lächelte und spürte ein Glücksgefühl, was von Augenblick zu Augenblick wuchs. In der Ferne hörte er den Niederbach plätschern, dessen Geräusche ihn Tag und Nacht begleitet hatten. Die Zweige der Holundersträucher, die er in Kindheitstagen mit seinem Onkel Peter gepflanzt hatte, wiegten sich vorsichtig im leichten Wind. Hier war seine Heimat. Und die würde es auch immer bleiben.

Das Brünnlein rinnt und rauscht
Wohl dort am Holderstrauch,
Wo wir gesessen,
Wie manchen Glockenschlag,
da Herz bei Herzen lag,
das hast du vergessen.

Doch jetzt war es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Auch wenn sich diese noch unsicher anfühlten. Er durfte so viele Erinnerungen mitnehmen, so viele Erlebnisse mit anderen teilen. Und vor allem konnte er ja jederzeit zu Besuch zurückkommen. Sebastians Blicke trafen die seiner Mutter. Sie hatte ihn immer in seinen Plänen bestärkt. Auch bei ihr vernahm er eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude auf das Neue. Sie nickte ihm dankbar zu. Es war an der Zeit weiterzugehen. Auch wenn der Abschied nicht leicht war.
Teresa setzte sich neben ihn und bot ihm ein Stück Marmorkuchen an. „Selbstgebacken!“, pries sie ihn stolz an. Sebastian lächelte dankbar und biss genüsslich hinein. „Und lecker!“, ergänzte er.
Sie hielt ihm ihre geöffnete Hand hin. Ein Schlüssel lag darin. „Falls du mal einen Platz zum Übernachten brauchst. Du bis Tag und Nacht willkommen.“
Sebastians Herz schmolz dahin. Halb vor Dankbarkeit, halb vor Glück. Mit einem leisen Danke nahm er sie in den Arm und hielt sie lange fest.

Die Mädchen in der Welt
Sind falscher als das Geld
Mit ihrem Lieben.
Ade zur guten Nacht,
jetzt wird der Schluss gemacht,
dass ich muss scheiden.

Dann gab er eine Runde Schnaps an alle aus, die mochten, und läutete den Endspurt ein. Es ging los. Los auf den Weg in die neue Heimat. Mit vertrauten Menschen an seiner Seite.

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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