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Beweglichkeit bis ins hohe Alter…

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Im Gespräch mit Ute Lantelme über Bewegungsübungen für Senioren und Bettlägerige

Hallo Frau Lantelme, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Ich interessiere mich schon mein Leben lang für die ganzheitliche Begleitung und Zusammenarbeit mit Menschen jedes Alters. Das versuche ich in den verschiedenen Bereichen, in denen ich arbeiten durfte und darf, einfließen zu lassen. Ich habe Journalismus, Sprachwissenschaft und Wirtschaftsinformatik studiert und habe drei Kinder, die mich auf Trab halten und einen kleinen Hund, der mich ordentlich zum Schwitzen bringt. Nicht ganz frei von „Alterserscheinungen“ besuche ich Gymnastikkurse aller Art und probiere immer wieder gerne an mir selber aus, was gegen Schmerzen hilft und was Spaß macht.

Sie haben gemeinsam mit der Physiotherapeutin Frauke Schneider das FRAUTE-Konzept für die Altenpflege entwickelt. Wie kam es zu dieser gemeinsamen Entwicklung und was sind die Inhalte und Ziele des Konzepts?

Frau Schneider und ich kennen uns über die AbenteuerKinderWelt-Kurse, die sie bei mir besucht hat. Ich arbeitete in der Zeit gerade an einem Buchprojekt mit Bewegungsspielen für Kleinkinder. Dabei hat mich Frau Schneider fachlich beraten. Uns hat diese Zusammenarbeit sehr viel Freude gemacht und als der Verlag uns das Projekt „Bewegungsförderung für Bettlägerige“ vorschlug, haben wir nicht lange überlegt und uns in die Arbeit gestürzt. Zunächst waren wir unterwegs und haben den Alltag in der Seniorenpflege recherchiert. Wir haben ganz wunderbare Menschen kennengelernt, die uns inspiriert haben. Auf dieser Grundlage ist das FRAUTE-Konzept entstanden.
Ein zentraler Punkt für uns ist der respektvolle und achtsame Umgang miteinander und der Spaß und die Freude am Tun. Mit unseren Praxistipps und Übungen wollten wir die Umsetzung dieser Herangehensweise auch in stressigen Alltagsmomenten erleichtern.

Warum ist Bewegung für Senioren so wichtig?

Bewegung ist für Menschen wichtig, egal in welchem Alter. Nicht umsonst ist der enge Zusammenhang zwischen Verstand und Bewegung in unserer Sprache so deutlich erkennbar: Etwas begreifen – etwas verstehen – auf dem Laufenden sein usw. Für die geistige Fitness und das körperliche Wohlbefinden ist Bewegung unerlässlich. Mit dem Alter kommen u.U. Bewegungseinschränkungen, mit denen die betroffenen Menschen umgehen müssen. Die vorhandene Beweglichkeit zu stärken und möglicherweise zu erweitern ist das Ziel. Dabei ist es ganz wichtig, sich von dem Gedanken an sportliche Höchstleistungen zu lösen. Viel wichtiger ist es, bei sich selbst zu sein, zu spüren, wie gut es tut, z.B. die Organfaszien durch tiefe Bauchatmung zu lösen und durch Gespräche und gemeinsames Lachen eine gute Zeit zu verbringen.

Was sollte man bei der Gestaltung von Bewegungseinheiten für Senioren beachten? Wie sollten die Übungen aufgebaut sein?

Bei der Gestaltung der Einheiten sind mehrere Aspekte zu beachten:

• die (körperliche) Verfassung meiner Teilnehmenden
• die Ausstattung an meinem Einsatzort
• gesundheitliche Einschränkungen, die Einfluss auf die Übungsauswahl haben
• abwechslungsreiches Angebot

Bei den Übungen können Sie sich an die Anleitungen in unserem Kartenset halten. Wichtig ist, dass Sie anfangs über die Sportassoziationen eine gute Beziehung zu Ihren Teilnehmenden aufbauen und auch zwischen den Teilnehmenden fördern. Seien Sie offen und lassen Sie zu, dass sich die Gespräche frei entwickeln. Führen Sie dann die Gruppe mit den Worten „Und jetzt probieren wir gemeinsam aus, wie sich das praktisch anfühlt.“ entspannt zur Übung hin. Eine sehr fitte Gruppe denkt sich vielleicht nach einiger Zeit Varianten aus und spinnt die Sportassoziationen weiter. Eine andere Gruppe muss möglicherweise etwas gebremst werden, weil der Ehrgeiz zu groß ist und einige Teilnehmer unter Leistungsdruck geraten. Sie sollten immer Varianten vorschlagen, damit diejenigen, die weniger bzw. mehr können in ihrem Level bleiben können. Sie selber führen die Übung dann im Wechsel in den angebotenen Varianten durch.

Viele der Senioren, die wir begleiten, sind bettlägerig und/oder haben erhebliche Einschränkungen in ihrer Bewegungsfähigkeit.
Welche Möglichkeiten gibt es, immobile Menschen dennoch zu fördern?

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir uns bei Bewegung davon lösen müssen immer im Großen zu denken. Ein bettlägeriger Mensch wird keinen „Hampelmann“ springen. Wir müssen uns bewusst sein, was für den einzelnen Menschen wichtig ist. Zum Beispiel die Dehnung und Belüftung der Organe. Das erreichen wir durch eine tiefe Bauchatmung. Das ist auch eine Bewegungsübung. Oft fühlen sich bewegungseingeschränkte Menschen auch hilflos und abhängig. Wenn die Bewegungsübungen sie dabei unterstützen, dem Pflegenden beim Waschen oder Anziehen entgegenzukommen (drehen, Arm heben, damit unter den Achseln gewaschen werden kann etc.), erhöhen wir die Eigenständigkeit des Betroffenen.

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Aufbauend auf das FRAUTE-Konzept haben Sie mit Frau Schneider im Verlag an der Ruhr ein Karten-Set mit Bewegungsübungen für die Altenpflege veröffentlicht.
Würden Sie uns daraus eine (oder auch mehrere ;-)) Übungen vorstellen?

Die Übung „Gelber Ball“ kann sowohl im Sitzkreis als auch bei Bettlägerigen eingesetzt werden. Sie finden Sie im Kartenset Sitzgymnastik mit Senioren. Bewegungsübungen für die Altenpflege*, Verlag an der Ruhr 2017. Wir assoziieren zunächst die Sonne mit dem gelben Ball. Egal wie das Wetter ist, wir haben „die Sonne“ in der Hand. Im Sitzkreis wird der Ball ringsherum weitergereicht, mit dem Bettlägerigen wird der Ball hin und her gegeben. Na, spüren Sie schon, wie die Sonne Ihre Hände wärmt? Im Sitzkreis erreichen die Sonnenstrahlen jetzt nach und nach auch den bewegten Rücken und den Oberkörper. Merken Sie, wie sich die Brustwirbelsäule durch die Drehbewegung lockert? Diese Übung führen Sie 6-8-mal links herum und dann in die andere Richtung. Mit dem Bettlägerigen ändert sich der Ablauf wie folgt: Sie nehmen den Ball an der rechten Bettseite entgegen, gehen um das Bett herum und geben ihn auf der linken Bettseite wieder ab. Das machen Sie 4-6-mal in die eine, dann in die andere Richtung. Haben Sie einen Schrittzähler? Dann kommen Sie heute locker auf ihr Schrittziel…!

Damit Sie und Ihre Teilnehmenden bei dieser Übung richtig in Schwung kommen, singen Sie dazu unser kleines Lied. Die Melodie „Von den blauen Bergen kommen wir“ ist den meisten bekannt und zaubert das eine oder andere Lächeln auf die Lippen. Und mit Musik geht sowieso alles besser.

Gelber Ball
Einen gelben Ball haben wir hier
Und du übergibst ihn gleich zu mir.
Dabei drehst du dich nach links,
Ja, die Wirbeldrehung bringt’s.
Einen gelben Ball haben wir hier.

Bei Rechtsdrehung ändern Sie den Text in Zeile 3 und 4 viel folgt:
Dabei drehst du dich nach rechts,
Ja, die Wirbeldrehung ächzt.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Mit fällt bei der beschrieben Übung mit dem gelben Ball ein, dass ich, nachdem ich einige Tage schwere Überzeugungsarbeit mit den Bettlägerigen leisten musste, sich die Stimmung plötzlich gedreht hatte. Die Patienten haben gespürt, dass es ihnen leichter fiel sich im Bett selbstständig zu drehen. Und es war wie als ob sie sich verabredet hätten, mich herauszufordern. In mehreren Zimmern wollten sie gar nicht mehr mit der Übung aufhören und ließen mich einen gefühlten Halbmarathon um die Betten drehen. Solche Erlebnisse sind echte Glückmomente und inspirieren mich ungeheuer.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir noch viele gute Ideen, die ich mit alle den wunderbaren Menschen, die ich bei meiner Arbeit kennenlernen durfte und darf, teilen darf.

Herzlichen Dank, Frau Lantelme!!!

Zur Internetseite von Ute Lantelme: www.abenteuerkinderwelt.de
Zur Buchvorstellung: „Sitzgymnastik mit Senioren: Karten-Set mit Bewegungsübungen für die Altenpflege“

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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