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Anders altern…


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Im Gespräch mit Dr. Marco Pulver von der Schwulenberatung Berlin

Hallo Herr Dr. Pulver, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Ich bin geborener Berliner, habe bis 2006 an der Freien Universität am Fachbereich Erziehungswissenschaften und Psychologie gelehrt und arbeite seit 2003 bei der Schwulenberatung Berlin. Man hatte damals jmd. gesucht, der spezielle Unterstützungsangebote für ältere schwule Männer entwickeln sollte und das hat mich interessiert, weil es bis dahin nichts in dieser Hinsicht gab und weil ältere Schwule ein schlechtes Image hatten; aber auch weil ich merkte, dass ich selber älter wurde. Das war eine Gelegenheit mich selber aufs Alter vorzubereiten.

Mit großem Interesse sind wir auf ihr Projekt „Anders altern“ aufmerksam geworden.
An wen richtet sich das Projekt und was möchten Sie erreichen?

Anders Altern ist inzwischen ein ziemlich großes und vielfältiges Projekt. Es umfasst Wohn- und Pflegeprojekte speziell für ältere Schwule, aber auch einen ehrenamtlichen Besuchsdienst, Beratungsangebote, einen wöchentlichen Gesprächskreis, eine schwule Kostümshow namens Gay Not Grey, eine Yogagruppe und mehr. Zurzeit kocht unser aktueller Praktikant, der aus China kommt, jeden Montag Mittag zusammen mit älteren schwulen Männern traditionelle Gerichte aus seiner Heimat. Wir sitzen seit diesem Jahr auch im Landespflegeausschuss und vertreten dort die gesamte LGBT*I*-Seniorenschaft Berlins. Ich möchte vor allem erreichen, dass es noch selbstverständlicher wird schwul, bi, trans oder inter und alt zu sein. Und es soll noch mehr Unterstützung für ältere LGBT*I*s geben. Ich meine nicht nur spezialisierte Angebote, sondern auch, dass sich die herkömmlichen Pflege- und Senioreneinrichtungen stärker als bisher für diese Menschen interessieren und öffnen.

Wie ist die Resonanz auf Ihr Angebot? Wie werden die verschiedenen Aktivitäten angenommen?

Vor 15 Jahren kamen die ersten drei älteren Männer zu einer Gesprächsgruppe. Inzwischen haben wir ca. 100 Menschen, die in irgendeiner Weise mit uns wöchentlich kontakt haben. Aber noch immer gibt es viele ältere schwule Männer die sich nicht trauen, den Fuß in unsere Tür zu setzen, weil sie noch immer Probleme mit Coming out haben, die ihr Schwulsein nie öffentlich gemacht haben und z.B. verheiratet sind. Es ist leider noch lange nicht für alle Menschen selbstverständlich, schwul zu sein.

Was sind ihrer Erfahrung nach die Dinge, die die meisten schwulen oder bisexuellen Männer im Alter beschäftigen? Und warum?

Es gibt nicht „den“ älteren schwulen Mann. Es gibt aber tatsächlich viele, die im Alter kaum noch soziale Kontakte haben. Das ist für viele an sich gar kein so großes Problem, weil viele schwule Männer, insbesondere die älteren Generationen, früh gelernt haben, auch allein gut zu Recht zu kommen. Viele Ältere haben ja in der Zeit, in der Homosexualität kriminalisiert und pathologisiert wurde, engere soziale Kontakte oder private Bindungen, Partnerschaften vermieden, um nicht aufzufallen. Es ist also oft nicht das Alleinsein, das viele unserer Klienten stört, sondern eher die Angst, eines Tages krank und pflegebedürftig zu werden und nicht mehr selbstständig leben und wohnen zu können. Man befürchtet dann, in ein herkömmliches Altersheim abgeschoben zu werden, wo man nicht weiß, auf wen man dort trifft, und man vermutet wohl zu Recht, dass Homosexualität in diesen Häusern nicht selbstverständlich ist.



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Erzählen Sie uns etwas über das Wohnprojekt „Lebensort Vielfalt“.
Wie ist es entstanden, was ist das Besondere und warum möchten so viele Interessierte dort einziehen?

Die Idee zu Lebensort Vielfalt kam aus dem Kreis unserer Klienten, aus unserem Gesprächskreis. Viele hatten Angst vor der Diskriminierung, die sie in herkömmlichen Altersheimen erwarten würde. Und weil mir klar war, dass es noch Jahrzehnte dauern würde, bis es auch in herkömmlichen Senioreneinrichtungen vollkommen selbstverständlich ist, schwul oder lesbisch oder trans oder inter zu sein, hab ich ein Konzept für eine damals noch sogenannte „Regenbogenvilla“ geschrieben und bin mit einem Architekten und einigen Stadtentwicklern jahrelang durch Berlin gestreift, um ein passendes Objekt zu finden. Die Schwulenberatung Berlin hatte selber kein Geld für den Kauf eines Hauses, was die Sache eigentlich ziemlich aussichtslos erschienen ließ. Aber mit etwas Glück und Beharrlichkeit und einem sehr engagierten Geschäftsführer bei der Schwulenberatung hat es am Ende doch geklappt. Wir haben für die Realisierung des Konzepts bzw. den Kauf eines Grundstücks in der Niebuhrstr. sowie für den Umbau des darauf stehenden Hauses, Geld von der DKLB-Stiftung, also der Berliner Klassenlotterie bekommen. Wir haben uns damals sehr ins Zeug gelegt, aber wir haben auch viel Unterstützung von vielen Menschen bekommen, die die Idee gut fanden. Jetzt ist der Lebensort Vielfalt Realität. Es gibt dort 24 Wohnungen, die zu 60% für ältere schwule Männer reserviert sind. Die anderen Wohnungen werden an jüngere Männer und an Frauen vermietet. Die Warteliste für eine frei werdende Wohnung ist inzwischen sehr lang. Die meisten Menschen, die schon in dem Haus wohnen, schätzen vor allem, dass es dort selbstverständlich ist schwul zu sein. Sie schätzen aber auch, dass es im Haus ein Restaurant und eine Showbühne gibt. Es beruhigt sie auch, dass wir, die Schwulenberatung Berlin, mit im Haus sind. Manche lieben es auch die größte schwul-lesbische Ausleihbibliothek im eigenen Haus zu haben. Und der große Garten hinter dem Haus ist auch eine Besonderheit, die die meisten sehr schätzen.

Ich habe gesehen, dass es im „Lebensort Vielfalt“ auch eine Wohngruppe für pflegebedürftige schwule Männer gibt. Was unterscheidet diese Wohngruppe von anderen Wohngruppen für Pflegebedürftige?

Es handelt sich und die einzige Wohngemeinschaft für pflegebedürftige schwule Männer in Deutschland, jedenfalls die einzige, die in ein schwules Hausprojekt integriert ist. Die Menschen dort können an allen Aktivitäten teilhaben, die von den Nachbarn oder der Schwulenberatung im Haus oder im Garten organisiert werden, Grillnachmittage, Theater, Gesprächsgruppen, Silvesterparties und so weiter. Sie bestimmen auch selbst, wer bei ihnen einziehen soll, falls mal ein Zimmer frei wird. Nicht nur ein schwules Pflegeteam, sondern auch mein Kollege, Dieter Schmidt, kümmert sich darum, dass die Bewohner entsprechend ihrer Möglichkeiten am Hausleben teilhaben. Letztes Jahr haben zum Beispiel zwei von ihnen – beide sind auf einen Rollstuhl angewiesen – an unserer jährlich stattfindenden schwulen Kostümshow Gay Not Grey teilgenommen, die jetzt übrigens gerade auch in Nürnberg auf der Altenpflegemesse aufgeführt wurde. Nach Gay not Grey kann man auch in Youtube googeln.

Können Sie vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit und dem Projekt erreichen können?

Ich freue mich immer, wenn Pfleger aus einer herkömmlichen Einrichtung bei uns anrufen und uns bitten, uns um einen ihrer schwulen Bewohner zu kümmern. Das zeigt mir, dass sich unser Projekt rumgesprochen hat. Wenn man bedenkt, dass es 2003 noch gar keine Aktivitäten für schwule Senioren gab und jetzt, seit dem wir 2012 den Lebensort Vielfalt eröffnet haben, hunderte von Besuchergruppen aus der ganzen Welt zu uns kommen, dass wir inzwischen im Landespflegeausschuss und im Seniorenbeirat vertreten sind, wird glaube ich schon klar, dass sich einiges verändert hat. Außerdem führen wir ab Juni ein vom Bund finanziertes Qualitätssiegel „Lebensort Vielfalt“ ein, dass alle herkömmlichen Senioren- und Pflegeeinrichtungen erhalten, die sich von uns entsprechend schulen lassen. Auf diese Weise wird sich also mittelfristig auch in diesen Einrichtungen etwas ändern. Ich bin da ganz zuversichtlich.

Herzlichen Dank, Herr Dr. Pulver!!!

Zur Internetseite: schwulenberatungberlin.de/alter



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin.

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