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Singen mit Senioren. Aktivierung leicht gemacht. Das Interview

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Im Gespräch mit Anke Kolodziej über Aktivierungsangebote für Senioren mit Musik und Gesang

Hallo Frau Kolodziej, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Anke Kolodziej, ich bin 54 Jahre alt und seit über 30 Jahren in der Altenarbeit tätig, wenngleich in unterschiedlichen Bereichen. Nach meiner Ausbildung zur Krankenschwester habe ich als Gemeindeschwester gearbeitet, bevor ich dann das Studium zur Diplom-Sozialpädagogin begonnen habe. Seitdem arbeite ich im Sozialen Dienst in stationären Einrichtungen mit alten Menschen. Um dem Geheimnis der Musik noch reflektierter und intensiver auf die Spur zu kommen, habe ich dann 2011 eine Weiterbildung zur Musikgeragogin an der Fachhochschule in Münster absolviert. Jeder Tag mit Musik ist spannend, ob beruflich oder privat…

Aktivierungen, in denen Gesungen wird, sind für die Senioren und auch die Betreuenden häufig ganz besondere Angebote, aus denen die meisten positive Gefühle mit hinausnehmen. Was geschieht beim gemeinsamen Singen, oder auch nur beim Zuhören?

Es ist nicht immer ganz leicht, eine Gruppe von unterschiedlichen Menschen zu etwas Gemeinsamen einzuladen. Beim Singen (vorausgesetzt, Sie wählen ein Lied mit einem hohen Bekanntheits – und Beliebtheitsgrad) kann jeder mitmachen, unabhängig von sozialen Prägungen, dem Alter, dem Bildungsniveau oder körperlichen Einschränkungen. Der Sänger fühlt sich als Teil eines Ganzen; das aktive Tun stärkt das Selbstwertgefühl und löst meistens Emotionen des Wohlbefindens aus. Auch das passive Zuhören stellt eine Form der Teilhabe am sozialen Geschehen dar und man kann sich zugehörig fühlen. Insbesondere für Senioren, die früher häufig und selbstverständlich bei den unterschiedlichsten Gelegenheiten mit der Familie und Freunden gesungen haben, gilt ein Angebot zum Singen als auffordernde Geste von Menschen, die es „gut“ mit ihnen meinen

Warum ziehen uns bekannte Lieder oder Melodien so leicht in ihren Bann? Warum verknüpfen wir so viele Erinnerungen mit Musik?

Das Entscheidende zur Erklärung dieses Phänomens ist die spezifische Verarbeitung von Liedern im Gehirn. Dabei sind beide Gehirnhälften und große neuronale Netzwerke beteiligt. So werden nicht nur Tonfolgen, Rhythmen, Klangfarben und Wörter gespeichert, sondern auch stets die damit verbundenen Gefühle. Wir alle nutzen diesen Zauber, z. B. wenn wir traurig sind und uns mit einem Gute-Laune-Lied wieder aufmuntern wollen. Die Kehrseite der Medaille besteht darin, dass wir mit den Klängen eines für uns mit negativen Gefühlen besetzten Liedes, z.B. der Musik beim ersten Liebeskummer, auch erneut die schmerzvollen Erinnerungen daran auslösen.

Musik hat auf demenziell veränderte Menschen eine ganz besondere Wirkung. Viele Betroffene, die nicht mehr (für uns verständlich) sprechen können, singen ein ganzes Lied mit fünf oder mehr Strophen mit. Was bewirkt die Musik in diesen Momenten?

Bei der Alzheimer Krankheit, welche die häufigste Ursache für eine degenerative Demenz darstellt, beginnt der Abbauprozess zunächst im limbischen System und breitet sich anschließend über das gesamte Gehirn aus. Die Hörrinde bleibt jedoch weitgehend frei von den neuronalen Veränderungen. Somit werden auditive Reize noch erkannt, während visuelle Stimulationen und die isolierte Sprache schon nicht mehr abgerufen werden können. Sehr wohl aber können die Texte in Kombination mit einer Melodie noch reaktiviert werden. Da auch außermusikalische Ereignisse mit dem bekannten Lied verknüpft sind, z.B. dass die Großmutter beim Singen des Abendliedes immer auf dem Bett saß, dienen diese Lieder als wesentliche Erinnerungsaktivierung. In diesen Momenten spüren demenziell veränderte Menschen ein Stück ihrer Identität und sind stolz, dass sie etwas „leisten“ können, weil sie Wiederholungen erkennen oder den Verlauf der Melodie antizipieren können. Das gibt ihnen Orientierung und Sicherheit.

Aktivierungen mit Musik kann man auf ganz viele verschiedene Arten und Weisen gestalten. In Ihrem Buch stellen Sie ganze Aktivierungsstunden zu unterschiedlichen Themen vor. Wie ist die Idee zu diesem Buch entstanden?

Die Praxis zeigt, dass die mir anvertrauten Menschen bezüglich ihrer kognitiven Fähigkeiten immer heterogener werden. So habe ich nach einem Angebot gesucht, das sowohl orientierte als auch demente Menschen auf natürliche Art und Weise verbinden kann. Mit den in meinem Buch beschriebenen Singrunden gelingt es, alle Teilnehmer zu erreichen, da sie eine Mischung aus Gedächtnistraining und Musik beinhalten. Durch den Kontakt mit dem Verlag an der Ruhr (er testet seine Produkte u.a. in unserer Einrichtung) wurde ich dann motiviert, meine gesammelten Praxiserfahrungen auch für andere Kollegen zur Verfügung zu stellen.

Wonach suchen Sie die Themen und Lieder für die Aktivierungen aus?

Ich orientiere mich u.a. an den Jahreszeiten. Die Themen „Sterne“ oder „Himmel“, die oft in Weihnachtsliedern vorkommen, werden vorrangig im Dezember verwendet, während sich zur Karnevalszeit eher das Thema „Treue“ anbietet. Das übergreifende Liedgut der jetzigen älteren Generation ist mir durch die langjährige Praxis vertraut, und dennoch glauben Sie gar nicht, wie viele „neue“ alte Lieder die Senioren selber beigesteuert haben. Wichtig finde ich, dass Lieder aus verschiedenen Gattungen (Volkslieder, Schlager, Operettenlieder, Kirchenlieder etc.) vertreten sind, da jeder Teilnehmer über bestimmte Vorlieben verfügt.



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Wie sollten Aktivierungsangebote mit Musik und/oder Gesang in der Seniorenarbeit aufgebaut sein? Gibt es etwas, das man in der Praxis beachten sollte?

Gerade beim Singen gibt es da einige hilfreiche Tipps:
Wählen Sie ein Liedgut, das Ihren Sängern vertraut ist!
Wählen Sie eine angemessene Tonhöhe, d.h. stimmen Sie das Lied 2-3 Töne tiefer als die Originaltonart an! Im Alter verändert sich die Stimme und zu hohe Töne frustrieren eher.
Wählen Sie ein angemessenes Tempo! In der Regel singen ältere Menschen lieber langsamer. Gerade bei Liedern mit schneller Wortfolge bleibt mehr Luft zum Atmen.
Lassen Sie das Lied ausklingen und verweilen Sie, damit aufkommende Stimmungen und Bilder nicht so einfach abgeschnitten werden!
Beobachten Sie Mimik und Körperhaltung der Sänger!
Singen Sie den Einzelnen Teilnehmern den Text mit Blickkontakt ins Gesicht! Dieses Ansingen motiviert auf wundersame Weise am besten.
Haben Sie selber Freude an Ihrem Tun; der Funke springt dann automatisch über!

Wie gestaltet man besondere musikalische Angebote für Menschen mit Demenz?

Demente Menschen erinnern die Lieder aus ihrer Kindheit und Jugendzeit am besten. Scheuen Sie sich also nicht, auch Kinderlieder zu verwenden! Knüpfen Sie immer an Vertrautes an – die bekannten Melodien sind wie ein Rettungsanker und dürfen auch mehrfach wiederholt werden! Natürlich ist es zusätzlich hilfreich, die Biografie der Sänger zu kennen, um eine individuelle Brücke zu ihnen zu schlagen. Bei Dementen kann man ganz auf Textvorlagen verzichten, da sie oftmals blättern, an dem Papier „nesteln“ und darüber das Singen ganz vergessen. Als Anleiter müssen Sie keine Effizienz Ihres Tuns unter Beweis stellen. Die Kraft der Musik wirkt – auch unter Umgehung aller denkerischen Prozesse.

Der Sommer nähert sich gerade in großen Schritten. Würden Sie uns zwei-drei Ideen für die Gestaltung von sommerlichen Aktivierungen verraten?

Ganz besonders wichtig bei sommerlichen Temperaturen ist das Trinken! Sie können einzeln nach warmen bzw. kalten Lieblingsgetränken fragen und dann Lieder mit dem Thema Trinken singen. Diese können Sie z. B. durch Fragen erraten lassen:
Frage: In welchem Lied zieht das Brüderchen die Stirn so kraus?
Antwort: Trink, trink Brüderchen trink…
Frage: In welchem Lied wird Wasser wie Moselwein getrunken?
Antwort: Lustig ist das Zigeunerleben…
Frage: Wie heißt das Lied, in dem ich meinen Schatz nicht rufen darf?
Antwort: Wenn alle Brünnlein fließen…
Wenn Sie die Lieder singen, können Sie die Inhalte pantomimisch darstellen.
Sie können natürlich auch nach speziellen Getränken in Liedern fragen. Z.B. Lieder über Wein, Bier etc. Die Internetrecherche erfolgt im Volkslieder- oder Schlagerarchiv mit dem eingegebenen Suchbegriff.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich träume von einem Umgang mit alten Menschen, bei dem der Begriff „Leistungsfähigkeit“ in keiner Relation zur Wertschätzung des Einzelnen steht. Der Einsatz von Musik sollte ein fester Bestandteil zur ganzheitlichen Aktivierung werden. Ein wichtiger Mosaikstein könnte die zunehmende Sensibilisierung der Pflegekräfte für die Wirksamkeiten der Musik sein. Wir dürfen diesen unvergleichbaren, unendlich großen Schatz nicht ungenutzt lassen und sollten neben den offensichtlichen, naheliegenden Reaktionen auch empfänglich für Überraschungen sein, denn Musik ist zum Teil ein Mysterium.

Herzlichen Dank, Frau Kolodziej!!!

Zur Buchvorstellung von „Singen mit Senioren. Aktivierung leicht gemacht“



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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