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Ohne Moral. Das Interview

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Im Gespräch mit Martina Rosenberg über einen Kriminalroman zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Hallo Frau Rosenberg, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Martina Rosenberg, geb. im Jahr 1963. Mein Leben ist so bunt, dass es nicht in 3 Zeilen passt. Ich war viele Jahre in Kreta in der Touristikbranche tätig und erst zur Geburt meiner Tochter nach Deutschland zurückgekommen. Wir wohnten im Haus meiner Eltern und ich bin völlig unvorbereitet zu einer pflegenden Tochter mit 24 h Betreuung geworden. 9 Jahre habe ich meine Eltern gepflegt und im Anschluss ein Buch mit dem Titel „Mutter, wann stirbst du endlich?“ geschrieben, das im Jahr 2013 zum SPIEGEL Bestseller wurde. Es folgten weitere Sachbücher und ich durfte in über 40 Medienauftritten und weit über 100 Lesungen und Vorträgen die Interessen der pflegenden Angehörigen vertreten. Gleichzeitig war ich über 10 Jahre als Pressereferentin und Leiterin der Unternehmenskommunikation für diverse Sozialverbände tätig. Heute bin ich Gründerin und Geschäftsführerin eines Portals mit dem Namen www.pflege.pro, das pflegende Angehörige bei der Pflege unterstützen soll

Anfang des Jahres ist ihr Kriminalroman „Ohne Moral“ erschienen. Bis dahin kannten wir Sie eher als Sachbuch-Autorin und Beraterin für pflegende Angehörige. Wann haben Sie sich entschieden, Ihr Debüt als Krimiautorin zu geben und warum?

Einen Krimi zu schreiben, war schon immer ein Traum von mir. Die Pflegeindustrie hat mir dafür eine steile Vorlage geliefert, indem es durch Investigativjournalisten der Welt und dem BR bekannt wurde, wie sehr hier gelogen und betrogen wird. Mir liegt das Thema Pflege sehr am Herzen und ich dachte, mit einem Krimi dazu, kann ich mehr Menschen erreichen und sie dafür sensibilisieren.

Sie begleiten jetzt schon seit vielen Jahren pflegende Angehörige in Lebens-, Rechts- und Finanzierungsfragen. In „Ohne Moral“ geht es um skrupellose Machenschaften, die auf dem Rücken Pflegebedürftiger ausgetragen werden – von Seiten der Ärzte, der Pflegedienste und auch Mitarbeitern stationärer Einrichtungen. Wie und wo haben Sie für das Buch recherchiert? Und wie sind Sie überhaupt auf dieses brisante Thema gekommen?

Um in die Welt der Pflege einzutauchen, musste ich nicht weit reisen. Zum einen war ich selbst viele Jahre bei Trägern von Senioreneinrichtungen beschäftigt und kenne den finanziellen Druck und zum anderen hatte ich Kontakt mit dem BR Journalisten, der den Betrugsskandal mit aufgedeckt hat. Die mafiösen Machenschaften gerade in der Intensivpflege waren ja ein großes Thema in der Presse und sind es im Übrigen immer noch.

Ich habe einige Rückmeldungen von Lesern zu dem Buch bekommen, die Angst vor derartigen Entwicklungen und Umständen haben. Wie wahrscheinlich ist es heutzutage bei uns in Deutschland, in so eine Art Betrugsszenario hineinzugeraten? Müssen wir uns wirklich Sorgen machen oder „spielen“ Sie in Ihrem Buch mit unseren Ängsten vor dem Älterwerden?

Sorgen müssen wir uns auf alle Fälle machen. Immer wieder tauchen Betrugsszenarien im Pflegeumfeld in den Medien auf. Besonders in der Intensivpflege, da dort viel Geld verdient werden kann. Aber auch in den Pflegeheimen haben wir ein erwähnenswertes Risiko, da viele von ihnen gewinnorientiert sind. Wer keine Angehörigen hat, die sich um einen kümmern, hat natürlich ein höheres Risiko, Opfer von kriminellen Machenschaften zu werden. Andererseits gibt es auch Betrugssysteme, in denen die Betroffenen Teil davon sind und genauso abkassieren.
Mein Rat dazu: Sich mit dem Thema beschäftigen und nicht die Augen davor verschließen. Die Gesellschaft und somit der Staat, stehen hier viel mehr in der Verantwortung, als derzeit wahrgenommen wird.

Hanna Baer, einer der Hauptcharaktere in „Ohne Moral“, ist eine Pflegedienstleiterin, wie man sie sich oft im Alltag wünscht – engagiert, menschlich, mit Moral und einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Viele Mitarbeiter in den Betreuungs- und Pflegeberufen verlieren derzeit leider aus Überbelastung und schlechten Arbeitsbedingungen die Freude an ihrem Beruf und die Kraft für die Begleitung Schwerkranker.
Sie sind hauptsächlich in der Angehörigenberatung tätig, bekommen aber sicherlich auch aus dem praktischen Pflege- und Betreuungsalltag viele Details mit. Was müsste sich Ihrer Meinung nach in unserem Pflegesystem ändern, damit Pflegekräfte sich selbst und den Menschen, die sie pflegen, wieder gerecht werden können?

Der Hauptfaktor ist die Zeit! Die Pflegekräfte brauchen viel mehr Zeit für ihre Arbeit mit den alten Menschen. Und die bekommen sie dann, wenn die Anzahl der Fachkräfte erhöht wird und viel mehr Geld in das System gepumpt wird.
Aber so einfach ist nicht, denn mittlerweile ist durch die schlechte Bezahlung in den vergangenen Jahren und dem immensen Zeitdruck, der menschenwürdige Pflege oftmals schier unmöglich gemacht hat, und das damit verbundene schlechte Image, die Attraktivität des Berufes gleich NULL. Somit ist es auch kein Wunder, dass es immer weniger Auszubildende gibt und es immer schwerer für die Betreiber ist, gutes Fachpersonal zu finden.
Zwar hat sich die Bezahlung mittlerweile in vielen Bundesländern stark verbessert, aber der Zeitdruck durch den Personalmangel ist geblieben. Die Anerkennung in der Gesellschaft fehlt ebenso, was viele beklagen.
Wir sollten aber auch endlich mal mehr für die Pflege zuhause tun. Angehörige, die sich um die Pflegebedürftigen in ihrer Familie kümmern, müssen viel besser unterstützt werden. Nach wie vor bekommen pflegende Angehörige keine Entlohnung für ihre Arbeit. Ich verstehe nicht, dass wir Fachkräfte aus z.B. Asien holen, sie ausbilden und viel Geld reinstecken, aber die pflegenden Angehörigen zuhause überhaupt nicht entlohnen. Das ist totaler Irrsinn! Dabei würde sich das doch anbieten, in die Qualifizierung der Angehörigen zu investieren und sie für ihre Arbeit zu entlohnen.

Was sind die häufigsten Fragen und Sorgen, mit denen Angehörige an Sie herantreten?



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Meiner Meinung nach sind es sehr oft finanzielle Probleme, aber auch die Ohnmacht, die pflegende Angehörige befällt, nichts tun zu können, um den Zerfall ihrer Lieben zu stoppen.
Tatsächlich kämpfen viele Kinder auch mit der Sturheit ihrer Eltern, die keine Hilfe annehmen. Das ist auch nicht immer leicht auszuhalten.

Wir sind alle Angehörige. Und irgendwann kommen fast alle von uns in die Situation, dass Familienmitglieder oder Freunde pflegebedürftig werden.
Können Sie uns drei Tipps mit auf den Weg geben, die wir beachten sollten, und mit deren Hilfe wir unsere Angehörigen zuhause oder in Pflegeeinrichtungen gut begleiten können?

Ehrlich zu sich selbst sein und zu dem Rest der Familie. Können Sie die Belastung der Pflege alleine schaffen oder brauchen Sie Hilfe?
Besprechen Sie mögliche Wege zur Pflege mit allen Beteiligten und schließen Sie niemanden aus. Auch der Ehepartner muss damit einverstanden sein.
Verlieren Sie sich nicht aus dem Blick und schaffen Sie immer Freiräume für sich selbst. Sollten Ihnen das nicht gelingen, nehmen Sie unbedingt Hilfe an.

Würden Sie uns vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrem Engagement erreichen können?

Oh! Da gibt es viele 🙂 Gerade gestern hat mir eine junge Frau erzählt, dass aufgrund meines Vortrages, den sie in München gehört hat, sie gleich ein Gespräch mit der ganzen Großfamilie organisiert hat. Der Hintergrund: Die Familie wohnt in 3 Generationen zusammen und die Großmutter hat festgelegt, dass die auf keinen Fall ins Heim will. Durch meinen Vortrag wurde der Enkeltochter bewusst, welche Schwierigkeiten auftreten könnten und wie man dem begegnen kann. Die Großmutter war zwar nicht so begeistert von diesem Gespräch, hat aber eingesehen, dass man doch einiges im Vorfeld klären müsste.
Viele meiner Leser*innen finden auch einfach nur eine Bestätigung ihrer eigenen Gefühle in meinen Büchern und können dann viel besser damit umgehen. Wenn man plötzlich versteht, warum man dies oder jenes fühlt, dann kann das durchaus befreiend sein.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass die Krankheit Demenz besiegt wird und wir einfach nur alt und klapprig werden. Psychische Erkrankungen sind die größte Herausforderung für die Menschen selbst und für ihr Umfeld. Außerdem wünsche ich mir, dass ich selbstbestimmt sterben darf, wenn die Zeit dafür ist.

Herzlichen Dank, Frau Rosenberg!!!

Zu den Internetseiten von Martina Rosenberg:
martinarosenberg.com
www.pflege.pro

Zur Buchvorstellung von „Ohne Moral“



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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