Filme als Türöffner zur Biografie
Ein Interview über Filme für die Begleitung von Menschen mit Demenz
Lieber Herr Herrmann, wir freuen uns sehr, Sie als Interviewpartner bei Mal-alt-werden.de begrüßen zu dürfen! Stellen Sie sich doch bitte einmal kurz vor.
Vielen Dank, dass ich mein Projekt hier vorstellen darf. Ich bin seit über 30 Jahren in den verschiedensten Bereichen von „Film“ tätig. Filme machen ist meine Leidenschaft. Ich habe sowohl im Auftrag für Institutionen und Unternehmen Filme produziert als auch eigene Projekte wie die Kinderfilmreihe „Nochmaaal“ umgesetzt. Dabei musste ich mich immer wieder in andere Themen einarbeiten und für sehr unterschiedliche Zielgruppen Inhalte erstellen. Diese Einblicke und die Vielfalt der Themen sind für mich die größte Motivation an meiner Arbeit und das, was mir am meisten Freude macht. Jetzt sind noch Filme für Menschen mit Demenz dazugekommen – neben den Kinderfilmen ein besonders sensibles Publikum, das mich ganz neu fordert.
Wie sind Sie ursprünglich auf die Idee gekommen, ein Filmportal speziell für Menschen mit Demenz zu entwickeln? Gab es ein persönliches Erlebnis oder eine konkrete Beobachtung, die den Anstoß gegeben hat?
Die Idee entstand ganz und gar pragmatisch. Seit 2005 produziere ich besagte Kinderserie „Nochmaaal“. Filme, die Kindern zwischen 2 und 6 Jahren Dinge aus ihrem Alltag erklären. Was passiert auf einem Bauernhof, bei der Polizei, auf Baustellen usw.? Langsam erzählte Filme, die unterschiedlichste Aspekte dieser Themen aufgreifen. Vor einigen Jahren wurde ich angefragt, ob ich die Filme nicht für Pflegeheime, besonders für Menschen mit Demenz, lizenzieren wolle. Ich habe dem gerne zugestimmt, aber es kam nicht dazu.
Daraus entstand die Idee, das selbst anzugehen. Nach kurzer Überprüfung habe ich festgestellt, dass es – abgesehen von ein paar DVDs – nichts Vergleichbares im deutschsprachigen Raum gibt.
Dann habe ich mich aufgemacht und recherchiert, welche Bedürfnisse die Zielgruppe hat, was pflegende Angehörige oder Pflegende in Institutionen brauchen. Ich habe mit der Alzheimer Gesellschaft gesprochen, mein Konzept Fachleuten vorgelegt und bin auch in ein Pflegeheim gegangen, um zu sehen, was gebraucht wird. So habe ich nach und nach gelernt, wie die Filme aufgebaut sein müssen, damit sie den an Demenz Erkrankten auch guttun.
Schnell war klar, dass meine vorliegenden Filme geändert werden müssen und vor allem, dass es viel mehr werden müssen. Bislang sind 120 Filme online, bestimmt an die 50 am Schnittplatz, und Ideen für noch einmal 50 Filme liegen vor. Und mir fällt immer noch mehr ein.
Die nächste Entscheidung war, das Ganze als Online-Plattform umzusetzen.
Und da sind wir nun. Öffentlich ist Meinesweges jetzt seit ca. einem Jahr, und ich arbeite daran, das Angebot bekannt zu machen.
Was passiert Ihrer Erfahrung nach, wenn Menschen mit Demenz Filme sehen, die sie an frühere Erlebnisse erinnern?
Die bisherige Erfahrung zeigt vor allem, dass die Menschen ganz unterschiedlich reagieren – das wird vermutlich niemanden verwundern, der in der Pflege von Demenzkranken tätig ist.
Die Reaktionen hängen u.a. von der Persönlichkeit ab, vom Grad der Erkrankung, davon, ob in ihrem Leben Film und Fernsehen überhaupt eine Rolle gespielt haben und natürlich, ob es in den angebotenen Filmen inhaltlich einen Anknüpfungspunkt gibt.
Es ist wie mit Fotos: Zeigen Sie ein Bild vom Eiffelturm, entsteht vielleicht eine Erinnerung an eine Reise oder auch nur der Wunsch, mal dorthin zu kommen. Also eine Sehnsucht, eine Emotion.
Deswegen möchte ich in Zukunft auch noch mehr Filme aus dem ganz normalen Alltag einbinden. Damit der Anblick einer Situation, eines Ortes oder der Ablauf einer alltäglichen Handlung etwas auslöst – selbst etwas Banales wie Einkaufen oder Putzen.
Vor allem bei den Spaziergängen hatte ich die Idee, den Eindruck von „gemeinsamem Erleben“ zu erzeugen. Die Filme sind dramaturgisch so gebaut, als wäre man dabei. Es werden aktiv die Dinge angesprochen, die im Bild zu sehen oder im Ton zu hören sind. Deswegen verzichte ich auch meist auf Musik, obwohl mir zu deren Einsatz geraten wurde. Ton hat aber den gleichen Erinnerungswert wie ein Bild: Vogelgezwitscher, Autos, das Rauschen des Meeres oder das Gleiten von Skiern im Schnee.
Wie die Reaktion aussieht und welches Element in Bild oder Ton konkret zu einer Reaktion führt, ist wie gesagt sehr unterschiedlich. Deswegen soll man Filme auch immer gemeinsam schauen – zumindest beim ersten Mal.
Welche Inhalte oder Themen wirken besonders aktivierend und welche eher nicht?
Generell kann man sagen, dass natürlich alles, was mit Musik und Bewegung zu tun hat, eher zur Aktivierung führt.
In den normalen Filmen – wie den Spaziergängen und Reisen – sind es oft auch Details, die Aufmerksamkeit erregen und Reaktionen hervorrufen, an die ich in der Produktion gar nicht gedacht habe. Ein bestimmtes Auto, das ganz zufällig am Straßenrand steht, eine besondere Blume oder andere Details.
Generell kann man aber wohl sagen, dass je langsamer die Filme erzählt sind, je weniger Text und Schnitte vorhanden sind, desto beruhigender wirken sie auch. Bei einem Spaziergang vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz passiert naturgemäß mehr als bei einem Blick auf das Meer – und entsprechend ist auch die Wirkung, obwohl sich das – wie oben schon gesagt – nicht verallgemeinern lässt.
In welchen Situationen würden Sie Betreuenden empfehlen, mit einem Film zu arbeiten? Und wann ist es Ihrer Meinung nach nicht sinnvoll?
Ich verstehe die Plattform und die Filme in erster Linie als Beschäftigungsangebot. So ein Tag in der Pflege kann lang werden. Neben all den Aufgaben, die vor allem pflegende Angehörige zu bewältigen haben, muss es auch sinnvolle Beschäftigung für die Betroffenen geben. Eine Option kann eben das gemeinsame Schauen von Filmen sein.
Und ich nenne speziell gemachte Filme ganz explizit als Abgrenzung zu normalem, linearem Fernsehen. Hier wissen Sie nie, wann eine laute Werbung dazwischen kommt oder Nachrichten mit verstörenden Bildern.
Die Filme von Meinesweges – oder auch anderen Anbietern – sind deswegen auch entsprechend langsam geschnitten und erzählt. Die Menschen sollen Zeit haben, zu erfassen, was sie eigentlich im Bild sehen. Es soll Raum geben, mit den Begleitpersonen zu sprechen. Es ist Zeit, dem Ton zu lauschen.
Aber ein Punkt ist mir sehr wichtig: Audiovisuelle Medien sind – selbst wenn sie speziell für diese Zielgruppe gemacht sind – eine Ergänzung. Sie können einen echten Spaziergang, ein echtes Haustier, eine echte Reise oder gemeinsames Bewegen in der Gruppe unter professioneller Anleitung und Kontrolle nicht ersetzen.
Aber da, wo keine Angebote zugänglich sind oder körperliche oder geistige Einschränkungen den Gang nach draußen nicht mehr erlauben, da können diese Filme eine Unterstützung sein – ein Fenster in die Welt da draußen und in die von früher. Oder manchmal auch einfach nur Unterhaltung – was ja oft genug auch wichtig ist.
Unter diesen Voraussetzungen gehe ich davon aus, dass Filme sowohl zur Aktivierung als auch zur Beruhigung eingesetzt werden können. Das muss aber, wie gesagt, von Fall zu Fall getestet werden.
Für Betroffene, die nicht viel an Aktivität zeigen, können die Bilder Aufmerksamkeit erzeugen. Andersherum können sie bei Unruhe auch zur Beruhigung beitragen.
Man sollte natürlich keine Filme zeigen, wenn sie nachhaltig zu Verwirrung führen oder wenn offensichtlich kein Interesse besteht.
Gibt es Tipps, wie Betreuende das Filmschauen strukturieren oder begleiten sollten?
Diese Frage berührt verschiedene Aspekte. Generell gilt, wie eben gesagt: Filme schauen soll nicht dazu dienen, die Betroffenen „zu parken“, um Betreuungsaufwand zu reduzieren. Es sollte ein begleiteter Prozess sein. Wenn einmal eine Auswahl an Filmen gefunden wurde, auf die die Betroffenen positiv reagieren, kann man die Filme auch mal laufen lassen, um kurz etwas zu kochen oder die Wäsche aufzuhängen. Dafür haben wir möglich gemacht, eine persönliche Favoritenliste anzulegen. So sollen die Filme auch zur Entlastung pflegender Angehöriger beitragen.
Die Filme können unterschiedlich eingesetzt werden: Suchen Sie Themen, die zur Biografie, zu den Vorlieben der betroffenen Person passen – Orte oder alltägliche Dinge.
Waren Sie häufiger in Spanien im Urlaub? Zeigen Sie einen der Filme über Mallorca oder die Costa Blanca. Hatten Sie einen Hund? Zeigen Sie die entsprechenden Filme. Natürlich bilden die Filme nicht konkret die Orte ab, die die Betroffenen erlebt haben und natürlich ist es ein anderer Hund– aber wir versuchen, alles so allgemein wie möglich zu gestalten. Wenn es gut passt, ist das auch eine Hilfe für die Biografiearbeit.
Und noch ein Punkt – vor allem für die Pflege zu Hause: Wenn es keinen Zugang zu Angeboten gibt, wie sie in Pflegeheimen üblich sind, also zur gemeinsamen Bewegung oder ähnlichem, sind die Filme zwar kein vollständiger Ersatz, dienen aber zumindest als Inspiration und Vorlage. Auch hier will ich in Zukunft deutlich mehr Angebote einbauen.
Eine weitere Möglichkeit ist es, sich zu den jeweiligen Themen geeignetes „Zubehör“ zu verschaffen. Man kann Äste und Blätter aus dem Wald mitbringen und dann den „Waldspaziergang“ schauen. Oder Sand, wenn es ans Meer geht, vielleicht ein Stofftier zu den Tierfilmen. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Das ist alles etwas aufwendiger, unterstützt aber auf jeden Fall die Wirkung.
Gibt es typische Reaktionen von Zuschauenden, die Sie besonders berührt oder überrascht haben?
Ich habe noch nicht so viele einzelne Rückmeldungen, aber ich erzähle gerne eine Geschichte aus der Testphase. In einem Heim habe ich – in Begleitung einer Pflegerin – einer älteren Dame den Film „Kätzchen auf dem Bauernhof“ vorgeführt, den sie selbst ausgesucht hatte. Man könnte meinen, dass man damit nicht viel falsch machen kann.
Nach einer Weile fragte die Dame, wo die kleinen Kätzchen denn seien. Ich antwortete: „Auf einem Bauernhof“, und zu meinem Schrecken fing sie an zu weinen und die Kätzchen zu bedauern. Die Pflegerin nahm sie in den Arm, tröstete sie und wollte wissen, wieso sie weint.
„Der Bauer tötet die Kätzchen“, sagte sie schluchzend nach einer Weile.
Wir haben den Film dann abgebrochen, und die Dame erzählte uns, dass in ihrer Kindheit auf einem Hof der Bauer die Kätzchen immer in einen Sack steckte und in den See warf.
Ich gebe zu, ich habe dann kurz an meiner Idee gezweifelt – die Pflegerin hat mich aber beruhigt. Das war wohl die erste Emotion der Dame seit langer Zeit. Und auch solche Erinnerungen sind willkommen. Auch daraus ist ein Gespräch entstanden – und ein Gefühl der Nähe.
Das war recht intensiv und doch ist es letztendlich das, was ich mir erhoffe. Aber natürlich gerne hauptsächlich mit positiven Erfahrungen.
Was sind Ihre Pläne für die Zukunft – gibt es neue Ideen oder Projekte, die Sie verfolgen möchten?
Nichts würde mich mehr freuen, als wenn Meinesweges ein fester Bestandteil in der Liste der Betreuungsangebote wird – und vor allem den Betroffenen ein wenig Freude bringt.
Das inhaltliche Angebot soll dafür weiter ausgebaut werden. Das betrifft zum einen die „Reisefilme“ und „Spaziergänge“, damit nach und nach zumindest die großen Regionen und die größten Städte in Deutschland und vielleicht ein bisschen in Europa abgebildet sind.
Ich möchte auf jeden Fall das Angebot an Bewegungsfilmen und Musikfilmen ausbauen. Dann habe ich auch die Idee, noch mehr Aktivierungsangebote zu entwickeln – wie Online-Spiele, Basteln, Malen zum Mitmachen usw.
Wer in einem gut ausgestatteten Heim lebt, wird das seltener brauchen – aber die vielen, die zu Hause gepflegt werden, schon.
Es gibt noch mehr Ideen – lassen Sie sich überraschen!
Herzlichen Dank, Herr Herrmann!








