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Co-Abhängigkeit


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Das Konzept der Co-Abhängigkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf die Menschen im nahen Umfeld des von einer Abhängigkeit betroffenen. Sie sind Mitleidende aber nicht selten auch Mitspieler in einem System, welches eine Abhängigkeitserkrankung ermöglicht. Seit 1996 ist das Phänomen der Co-Abhängigkeit bekannt und seit einiger Zeit wird der Blick auch auf die Suchtkrankenhilfeeinrichtungen selbst gelenkt, weil auch dort potenzielle co-abhängkeitsfördernde Strukturen entlarvt und ausgemerzt werden sollen.

Das Wort Co-Abhängigkeit selbst ist ein hartes. Abhängigkeit als Erkrankung unterstellt dem Helfer des Abhängigen selbst eine Erkrankung. Eine Abhängigkeit von der Abhängigkeit. Wie bei allen Abhängigkeiten liegt dabei die Gefahr einer Schuldzuweisung recht nahe. Co-Abhängigkeit hat dabei fast ebenso viele Facetten wie Abhängigkeit als solche. So wie beim Alkoholismus die Übergänge fließend sind, so gibt es auch bei der Co-Abhängigkeit, leichtere und schwerere Formen und eine stetige Entwicklung. Manche Autoren sprechen zum Beispiel bei vorhandenen Ansätzen erst einmal nur von Co-Verhalten und noch nicht von einer Co-Abhängigkeit.

Im Allgemeinen verstehen wir heute unter Co-Abhängigkeit bestimmte Befindlichkeiten und Verhaltensweisen von Menschen, die Abhängigkeitserkrankten nahe stehen, wenn dieses Befinden oder Verhalten im direkten Zusammenhang mit dem Erkrankten steht. Meist steht hier die Familie im Blickpunkt des Interesses. Man sollte in diesem Zusammenhang aber auch Professionelle wie z.B. Ärzte, Pflegende und Sozialpädagogen nicht außer Acht lassen. Die Co-Abhängigkeit darf auf keinen Fall unterschätzt werden, besonders innerhalb der Familie kann sie zu schweren psychosozialen Schäden führen.

Kennzeichen

Gekennzeichnet ist co-abhängiges Verhalten meist dadurch, dass Bezugspersonen dem Abhängigen Verantwortung abnehmen, indem sie Belastungen von ihm fernhalten oder für ihn übernehmen. Eine weitere wichtige Rolle spielt meist die Kontrolle über den Angehörigen. Die eigene Stimmungslage wird von dem Erkrankten abhängig. Dieses Verhalten ermöglicht es einem Teufelskreis zu entstehen. Nach dem Konsum der Droge des Interesses wird der Abhängige entlastet und ihm wird Verantwortung abgenommen, was es ihm ermöglicht erneut die Droge zu konsumieren. Von der Umwelt wird dieses Verhalten im Allgemeinen sehr positiv bewertet, man „kümmert“ sich ja so aufopfernd um den Erkrankten. Das wiederum bestärkt das co-abhängige Verhalten des Angehörigen, der mit seinen eigenen Bedürfnissen immer weiter in den Hintergrund tritt. Im Zusammenhang mit der Co-Abhängigkeit kann es auch problematisch sein, dass Abhängigkeit eine Krankheit ist. Denn der Co-Abhängige verhält sich auf eine Art und Weise, wie man es einem Kranken über erwartet: Er nimmt ihm Dinge ab und kümmert sich.

Typologie

Versuche eine Typologie der Co-Abhängigkeit zu erstellen nennen Dinge wie ein niedriges Selbstbewusstsein oder eine generelle exogene Orientierung. Eine für alle von der Co-Abhängigkeit Betroffenen geltende Typologie zu erstellen erscheint allerdings etwas fragwürdig.

Systemisch

Bei der systemischen Sichtweise der Co-Abhängigkeit steht die Frage der Funktion der Abhängigkeit für das gesamte System im Mittelpunkt. Meist übernimmt die Abhängigkeit in diesem Zusammenhang eine stabilisierende Rolle für das System ein. Dies könnte zum Beispiel sein, dass sich die co-abhängige Person nicht mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzen muss. Oft wird dem Abhängigen gegenüber die paradoxe Botschaft vermittelt, dass er selbstständig werden soll, aber das auf eine Art und Weise wie der Co-Abhängige sich das wünscht. Eine natürlich Abgrenzung gegenüber diesem wird nicht gewünscht.

Suchthilfesystem

Im Suchthilfesystem lassen sich zum Teil ebenfalls co-abhängige Strukturen erkennen. Auch hier wird Selbstständigkeit eher negativ als positiv bewertet, schließlich ist der Abhängige lebenslang betroffen und sollte deswegen im Kontakt mit dem Hilfesystem bleiben. Auch die Kostenfrage führt manchmal zu einem verschonenden Verhalten seitens des Hilfesystems. Wenn die Mitarbeiter den Abhängigen nicht verschonen, gibt es eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für einen Abbruch der Betreuung. Ein Abbruch der Betreuung bedeutet aber einen Wegfall von Geld. Also werden Abhängige oft verschont, womit Mitarbeiter des Suchthilfesystems co-Abhängiges Verhalten an den Tag legen. Bei manchen Betreuenden besteht auch eine Tendenz unverändertes Verhalten oder Rückfälle als Folgen des eigenen Versagens zu deuten. Sie intensivieren ihre Bemühungen und rutschen auf diese Weise ungewollt in die Co-Abhängigkeit.

Ältere und Co-Abhängigkeit

Sich aufopferungsvoll um die Mutter oder Großmutter zu kümmern hat in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Es scheint oft als ob eine Unterbringung in einem Alten- und Pflegeheim eine Rechtfertigung braucht (Wir haben ja so wenig Platz zu Hause, Die Demenz wurde immer schlimmer). Um Angehörige kümmert man sich nach Möglichkeit selbst. Dafür sollte man dann auch zu jedem Zeitpunkt viel Nächstenliebe aufbringen. Nicht an letzter Stelle steht dabei auch, dass wieder gut machen der Arbeit und des Aufwandes, welche die Eltern in das eigene Gedeihen und die Erziehung gesteckt haben.



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Altenhilfesystem

Auch die Angehörigen der Pflegeberufe, Sozialpädagogen, Ärzte und Therapeuten handeln gerade im Bereich der Altenhilfe selbstverständlich immer und ausschließlich aus Nächstenliebe. Im Mittelpunkt steht, dem alt gewordenen Menschen einen angenehmen Lebensabend zu bescheren. Sich zu kümmern, den Menschen etwas abzunehmen, oft auch die Verantwortung, gehört zu dem Konzept wie das Amen zur Kirche. In Alten- und Pflegeheimen kommt erschwerend hinzu, dass vieles, was der alte Mensch selbst und/oder eigenverantwortlich macht, länger dauert als wenn die pflegende Person es für ihn übernimmt.

Ungleichgewicht

In all diesen Beziehungen ergibt sich schnell ein Ungleichgewicht. Nicht selten hört man pflegebedürftige Menschen, auch solche ohne über die Norm hinausgehenden intellektuellen Einschränkungen, die betreuenden Menschen um Erlaubnis bitten. Vor allem ungeschulte Menschen legen häufig ein bevormundendes Verhalten gegenüber pflegebedürftigen alten Menschen an den Tag.

Bei Medikamenten kommt hinzu, dass die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen ihre Medikamente in aller Regel von dem Pflegepersonal gestellt bekommen. An dieser Stelle wird das Machtverhältnis unübersehbar. Entmündigende, verantwortungsabnehmende Verhaltensweisen scheint es also tendenziell gegenüber älteren Menschen zu geben. Diese Haltung lässt Vermuten, dass eine Co-Abhängigkeit von Betreuenden Angehörigen als auch von Professionellen bei Menschen mit einem höheren Lebensalter auf einen nährstoffreichen Boden stößt.

Strategien gegen Co-Abhängigkeit

Der wichtigste Aspekt bei der Bekämpfung oder Vermeidung einer Co-Abhängigkeit ist, eine Sensibilisierung und ein Bewusstsein für die Problematik zu entwickeln und auch die eigene Beziehung zum Abhängigen immer wieder kritisch zu durchleuchten. Die eigenen Gefühle und Verhaltensweisen gegenüber dem Abhängigen sollten am besten im Gespräch mit anderen ständig kritisch reflektiert werden. Im Gespräch mit anderen, am besten Fachleuten, lässt sich auch am besten abschätzen, ob das eigene Co-abhängige Verhalten schon der Unterstützung durch Fachleute bedarf oder ob es noch mit Hilfe der eigenen Ressourcen in Schach zu halten ist.

Bei der Gestaltung einer Beziehung mit Abhängigen ist es besonders wichtig klare Grenzen zu ziehen. Eine gute Nähe-Distanz Regulierung kann helfen sich für den Süchtigen zu engagieren ohne ihm Verantwortung abzunehmen. Einmal gesetzte Regeln können bei der Beziehungsbildung helfen und erfordern ein hohes Maß an Konsequenz. Besondere Bedeutung kommt auch der Anerkennung der eigenen Ohnmacht zu. Der Co-Abhängige muss sich selbst eingestehen, dass er dem süchtigen Verhalten des Betroffenen hilflos gegenüber steht.

Besonders Betreuende in Alten- und Pflegeheimen sollten sich der Gefahr der Co-Abhängigkeit deswegen bewusst sein und sich selbst und das eigene Verhalten immer wieder kritisch reflektieren.

Quellen:

Blum, Cornelia (2002): „Co-Abhängigkeit”. In: Arnold, Helmut/ Schille, Joachim: Praxishandbuch Drogen und Drogenprävention. Handlungsfelder- Handlungskonzepte- Praxisschritte. Weinheim: Juventa. 209-217.

Dietze, Klaus/ Spicker, Manfred (2007): Aklohol- (K)ein Problem?. Suchtgefahren erkennen- richtig handeln. Weinheim: Beltz.

Mendenhall, Warner (1989): „Co-dependency. Definitions and Dynamics” In: Carruth, Bruce/ Mendenhall, Warner (Hg.): Co-dependency. Issues in Treatment and Recovery. Binghamton: Haworth Press.3-18.

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Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin (BVGT) und Master of Arts "Alternde Gesellschaften". Autorin der Bücher Das große Praxisbuch - Gedächtnistraining für Senioren*, Gedächtnistraining nach Jahreszeiten für Senioren: Das große Praxisbuch*, Lücken-Geschichten in Reimen: Pfannkuchen und Muckefuck* und Maibowle und Winzerfest: Lücken-Geschichten in Reimen*.

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