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Dokumentation in der Betreuungsarbeit. Das Interview

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Im Gespräch mit Bettina Greb-Kohlstedt über das neue Dokumentations- und Planungsverfahren nach dem Strukturmodell

Hallo Frau Greb-Kohlstedt, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Ich bin 52 Jahre alt, gemeinsam mit meinem Mann haben wir 4 Kinder, zwei Hunde und zwei Kater – alles gepachtworkt. Seit 2009 bin ich an der Aus- und Weiterbildung der Betreuungskräfte mit beteiligt. Gemeinsam mit Kollegen ist und war es mir immer ein großes Anliegen die Betreuungsarbeit zum Einen sichtbar zu machen und sie aber zum Anderen auch zu professionalisieren.

Die Dokumentation im Bereich der Betreuungsarbeit ist ein großes Thema, das uns tagtäglich beschäftigt. Sie haben zu diesem Thema einen praktischen Leitfaden verfasst, der uns unter anderem das neue Dokumentations- und Planungsverfahren nach dem Strukturmodell nahebringen soll. Was waren ihre Beweggründe, dieses Buch zu verfassen?

Im Jahr 2015 bot mir der bpa-Niedersachsen die Ausbildung zur Multiplikatorin für ein-STEP (Strukturmodell, Entbürokratisierung in der Dokumentation) und die Arbeit als Dozentin an. In der Lernphase zum Strukturmodell wurde mir schnell bewusst, dass die Betreuungsarbeit regelrecht vergessen worden war, aber auch, und das fand ich sehr bezeichnend, dass man offensichtlich eine vollkommen falsche Sicht auf die Betreuungsarbeit hatte. Da das Strukturmodell die personzentrierte Arbeit und besonders die Gesprächsführung nach Carl Rogers favorisiert, war klar, dass geeignete Betreuungskräfte hier einen guten Beitrag zur Erstellung der SIS® und auch zur Erstellung der Maßnahmenpläne leisten können. Ich war ebenfalls anfänglich irritiert über die Nachweispflicht für Betreuungsleistungen, die doch genauso gut wie die Grundpflegerischen und Hauswirtschaftlichen Leistungen unter den Immer-So-Beweis fallen konnten, dies ist nun möglich und erspart gerade den Betreuungskräften sehr viel unnötige Schreibarbeit. Das Buch sollte einfach eine Hilfe sein sich im Alltag zurecht zu finden und nicht mühsam alle Aspekte alleine recherchieren zu müssen. Vor allem sah ich in den letzten Jahren immer wieder, dass auf Grund von Unwissenheit umständliche Dokumentationsverfahren üblich wurden. Meine lieben Kolleginnen und Freundinnen Frau Rücker und Frau Kammmeyer haben dieses Buch mit ihren wertvollen Erfahrungen und professionellen Kenntnissen zur Organisation der Betreuungsarbeit gefüllt und lebendig werden lassen.

Mit Inkrafttreten des Pflegestärkungsgesetztes sind viele Neuerungen in den Betreuungsalltag eingekehrt, nicht zuletzt was die Begutachtungsgrundlagen, die Erstellung individueller Maßnahmenpläne (alt: Pflegeplanungen oder Betreuungsplanungen) oder die Dokumentation nach dem neuen Strukturmodell betrifft.
Können Sie unseren Lesern die wichtigsten Neuerungen hier einmal kurz erläutern?

Für die Betreuung haben sich einige Schwerpunkte verändert und Chancen eröffnet, so sie denn von Unternehmensseite gewünscht sind. Der grundsätzliche personzentrierte Ansatz in der gesamten Pflegearbeit kann als Chance dafür gesehen werden, dass Unternehmen sich von Pflegestrukturen verabschieden, die nicht den Bedürfnissen der Beteiligten gerecht werden. Starre und konforme Angebote, der Glaube einiger Verantwortlicher daran, dass Versorgung nicht angeboten, sondern durchgeführt sein muss, verhindern echte menschliche Beziehungen und eine gute Lebens- und Arbeitsatmosphäre. Arbeiten wir jedoch schon im Erstgespräch mit den Beteiligten zusammen und erkunden in der SIS® die Situation des Pflegebedürftigen und seine Bedürfnisse und Wünsche, dann kann es gelingen eine individuelle Versorgung anzubieten, ohne jemanden in das häufig vorherrschende Korsett von überfüllten Wochenplänen zu zwingen.
An Stelle von täglich mehrfach getätigten Darstellungen des Wohlbefindens und der Aktivitätsbereitschaft der Bewohner, rückt nun das Berichteblatt (das alle Versorgenden gemeinsam führen sollen) in den Fokus der Aufmerksamkeit. Hier sollen Besonderheiten und Auffälligkeiten, bzw. Abweichungen von der Regel für alle erkennbar gemacht werden.
Die Angebotsgestaltung kann wieder mehr Freiraum bekommen, indem wir in den Wochenplan Blöcke mit ungeplanter Zeit einbinden (Wir sind für Sie da!) um den aktuellen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Das setzt natürlich ein gewisses Maß an selbstständiger Arbeitsgestaltung und Verantwortung voraus, kommt jedoch den Bewohnern zu Gute.
Betreuungskräfte sollten unbedingt die Grundlagen des NBI (Begutachtung von Pflegebedürftigkeit) kennen, denn sie können so gezielter in der SIS® und in der Dokumentation auf bestimmtes Verhalten und Erleben eingehen, was Ihnen ohne diese Kenntnisse vielleicht nicht bewusst wäre. Herausforderndes Verhalten wird häufig untersagt zu dokumentieren, dies wäre einer Höherstufung abträglich.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit diesen Neuerungen in der Betreuungsarbeit? Wird die Praxis dadurch wirklich einfacher und haben wir mehr Zeit für die „eigentliche“ Betreuungsarbeit?

Ja!!! Unbedingt. Sie sparen pro Arbeitsschicht (4-5 Stunden) annähernd eine Stunde Dokumentationszeit ein (Rückmeldungen in Seminaren aus der Praxis). Diese Zeit benötigen insbesondere die bettlebigen Bewohner, die regelhaft zu kurz kommen. Eine sehr gute Konzeptarbeit und Grundsatzorganisation bildet den Rahmen um diese Zeit einzusparen. Dann kann Betreuungsarbeit auch wieder Spaß machen und …wir müssen den Bewohnern nicht ständig sagen: „Ich habe leider keine Zeit für Sie.“

Ich fand die Erläuterungen in Ihrem Buch und die praktischen Arbeitshilfen wirklich sehr gut verständlich und hilfreich. Auch die Fallbeispiele waren komplex und alltagsnah. Ich habe aber auch einige Rückmeldungen von Mitarbeitern aus der Betreuung bekommen, dass viele Systeme bzw. Betreuungskonzepte noch gar nicht auf die Neuerungen umgestellt worden sind.
Wie sind da Ihre Erfahrungen? Wie werden die Neuerungen tatsächlich in der Praxis umgesetzt?



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Noch vor einem Jahr erklärten auf meine Frage nach der Umsetzung von 20 Seminarteilnehmern höchstens eine Person, dass schon im Strukturmodell gearbeitet wird. Viele Teilnehmer berichteten, dass „da bald irgendwas kommt“ sie aber nicht eingebunden werden. Leider gab es auch Rückmeldungen über nicht nachvollziehbare und angstgesteuerte Strukturen. Besonders unglücklich finde ich die Nicht-Einbindung des sozialen Dienstes in die Gestaltung der Dokumentation. Heute jedoch erlebe ich immer häufiger gelungene Umsetzungen und ich hoffe, dass nicht zuletzt unser Buch dazu beigetragen hat.

Haben Sie von denjenigen, die bereits nach dem Strukturmodell arbeiten, schon Rückmeldungen aus der Praxis bekommen? Welche guten Erfahrungen wurden gemacht? Wo könnten die Mitarbeiter sich noch Verbesserungen vorstellen?

Die erfreulichsten Rückmeldungen sind strahlende Gesichter in Seminaren von Teilnehmern, die mir berichten wie angenehm und sinnvoll jetzt ihre Betreuungsarbeit geworden ist. Durch die Einführung einer sinnvollen und professionell fundierten Beobachtung und Dokumentation ist die Betreuungsarbeit deutlich aufgewertet worden. In diesen Teams wurde die Betreuung als wichtiger Teil der kollegialen Zusammenarbeit erkannt. Die Teilnahmen an Übergaben und Fallbesprechungen lässt häufig noch zu wünschen übrig, ebenso die Mitarbeit an den Eingangsgesprächen und der Planung, hier kann noch Entwicklung stattfinden.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche der Betreuungsarbeit, dass Sie ein berufliches Selbstverständnis als kompetenter Bestandteil der Versorgung von Pflegebedürftigen entwickelt und vertritt und…auch so wahrgenommen wird.

Herzlichen Dank, Frau Greb-Kohlstedt!!!

Das Buch „Dokumentation in der Betreuungsarbeit“ von Bettina Greb-Kohlstedt, Ute Kammeyer und Ramona Rücker haben wir hier auf Mal-alt-werden.de bereits ausführlich vorgestellt.

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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