Sabine Monzel erstellt Erinnerungsbücher.

Würde des Alters

Sabine Monzel

 

 

Hallo Frau Monzel, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Mein Name ist Sabine Monzel, ich bin Betreuungskraft nach §87 b SGB XI und arbeite freiberuflich. Mein Spezialgebiet ist das Erstellen von Erinnerungsbüchern, also das Aufschreiben und Gestalten von Lebenserinnerungen und Gedanken, die mir Senioren erzählen.
Meine Berufserfahrung aus früheren Tätigkeiten als Sekretärin und Lektorin kommt mir dabei zugute. Gestaltung und Layout, Fotografie und Bildbearbeitung gehörten hier zu meinen Aufgaben.
Ein weiterer Teil meiner Arbeit sind Vorträge und Fortbildungen zu verschiedenen Themen rund ums Alter, wobei mir besonders die Beschäftigung mit dem scheinbar schwierigen Thema „Würde“ am Herzen liegt. Daher auch mein Firmenname.

 

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie mit Senioren und Menschen mit Demenz arbeiten?
Schon als Jugendliche habe ich mich interessiert für Themen, die das Lebensende und Sterben betreffen. Später habe ich einige Jahre lang als ehrenamtliche Mitarbeiterin eines Hospizdienstes Menschen begleiten dürfen. Auch im engeren Familienkreis hatte ich zum Teil intensiv mit Alter und Demenz, Krankheit und Tod zu tun. Fragen nach Würde, Wertschätzung und Respekt, gerade auch am Lebensende, sind mir dabei immer wieder als zentrales Thema begegnet.
Ich habe bei all dem gemerkt, dass ich einfach gerne mit alten Menschen zusammen bin. Daraufhin habe ich mich entschlossen, als Quereinsteigerin zur Betreuungskraft umzuschulen.

 

 

Welche Bedeutung hat die Biografie für Menschen mit Demenz?
Mit oder ohne Demenz: Das Interesse anderer an dem, was ich erlebt habe, die Wertschätzung der Person, die ich bin, der Respekt vor meinem gelebten Leben mit allen Licht- und Schattenseiten – all das tut uns Menschen gut.
Ein Mensch mit Demenz erlebt, dass seine Erinnerungen ihn verlassen, sein sicher geglaubtes Lebensgefüge aus Raum und Zeit zerbröckelt. Dann kann er in seiner eigenen Biografie Ankerpunkte finden, an denen er sein „Ich“ immer wieder festmachen, wiedererkennen, orientieren kann. Diese Ankerpunkte sind meist Erinnerungen aus frühen Zeiten des Lebens, Kindheit und Jugend.

 

Was genau ist ein „Erinnerungsbuch“?
In meiner Arbeit bedeutet ein Erinnerungsbuch eine Sammlung von Gedanken und Erinnerungen, An- und Einsichten. Die Autorin oder der Autor erzählt sie mir, weil sie bzw. er sie als erinnerungswürdig erachtet – für sich selbst oder auch für seine Angehörigen.
Diese Erzählungen, zusammen mit passender Bebilderung, stelle ich in einem ganz persönlichen Buch für diesen Menschen zusammen – zum Anfassen, zum Be-Greifen und bewahren. Eine Veröffentlichung ist nicht vorgesehen.
Doch nicht nur das Buch ist wichtig. Mindestens genauso wertvoll ist der Weg dorthin: In den regelmäßigen Erzählstunden wird meinem Gegenüber Raum und Zeit zur Verfügung gestellt für sich und seine Erinnerungen. Besonders liegt mir dabei am Herzen, dass dies in einer Atmosphäre von wertschätzendem Interesse, Geduld, Respekt und Humor geschieht.
Bei Menschen mit Demenz geht es mir darum, ihnen durch die Gespräche und mit ihrem eigenen Buch dabei zu helfen ihre Persönlichkeit auszudrücken und festzuhalten, was ihrer Seele gut tut.

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Erinnerungsbücher zu erstellen?
Durch meinen Vater. Er war der erste, für den ich ein solches Buch erstellt habe. Es war das Geschenk zu seinem 80. Geburtstag. Es hat mich sehr beeindruckt, wie viel ihm dieses Buch bedeutet und gegeben hat. Dadurch wurde mir bewusst, dass so ein Werk ja auch anderen Menschen gut tun könnte. So entstand in mir die Idee und der Wunsch, diese Arbeit beruflich anzubieten.

 

Wer nimmt Ihre Hilfe bei der Erstellung von Erinnerungsbüchern in Anspruch?
Es sind Familien, die sich wünschen, dass das, was Oma, Opa, Tante oder Großonkel erzählt, mit ihrem Tod nicht verloren sein soll. Oder Menschen, die ihren Nachkommen hinterlassen möchten, wo ihre Wurzeln liegen.
Bei Menschen mit Demenz steht der Wunsch der Angehörigen dahinter, dass die Persönlichkeit noch einmal „festgehalten“ wird. Mit Hilfe von Bildern, Liedern, Geräuschen, usw. kann man hier noch ganz viel wieder entdecken.
Manchmal möchte auch ein Mensch im Alter zurückschauen und die eigenen Erinnerungen für sich selbst ordnen. Es ist sehr beglückend, auch für mich, wenn dann vielleicht sogar so etwas wie ein roter Faden sichtbar wird, der das Leben durchzieht. Besonders schön ist es, wenn sich mit Hilfe des Lebensrückblicks ergibt, dass ein Mensch seinen Weg annehmen und für sich sein Leben abrunden kann.

 

Können Sie vielleicht eine kleine Anekdote oder Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Hilfe Ihrer Erinnerungsbücher erreichen?
Eine der ersten Damen, für die ich ein Buch machen durfte, ist einige Monate später verstorben. Sehr bewegt hat mich, als ich bei der Trauerfeier sah, dass der Pfarrer ihr Erinnerungsbuch dabei hatte. Einige Textstellen hat er für die Traueransprache verwendet und die Verstorbene somit selber zu Wort kommen lassen. Nach der Feier hat er mich angesprochen und ermutigt, meine Arbeit fortzusetzen. Er habe die Dame vor ihrem Tod mehrmals besucht und gesehen, wie segensreich dieser Lebensrückblick für sie gewesen sei.

 

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?
Ich würde mich freuen, wenn mehr Menschen den Mut hätten, den Vorsatz „Man sollte es mal aufschreiben“ in die Tat umzusetzen. Es lohnt sich!

 

Herzlichen Dank, Frau Monzel!!!

 

Zur Internetseite von Sabine Monzel

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Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin, Master of Arts "Alternde Gesellschaften", Gründerin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Natali Mallek finden Sie hier. Fortbildungen mit Natali Mallek finden Sie hier.

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