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Im Gespräch mit Elisabeth Hafner über Biografiearbeit

Hallo Frau Hafner, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Gerne, mein Name ist Elisabeth Hafner, seit dreizehn Jahren bin ich als Gestaltpädagogin im künstlerisch-kreativen Bereich der Fachschule für Sozialbetreuungsberufe in Klagenfurt tätig. Das ist auch die Schule, an der ich meine Ausbildung in der Pflege absolviert habe. Während meiner Pflegetätigkeit ließ ich mich zur Validationsanwenderin ausbilden. Nach Praxisjahren im Altersheim sowie in der Hauskrankenpflege erhielt ich die Möglichkeit, als Unterrichtende an die Schule zurückzukehren.
2013 begann ich mit der Ausbildung in Biografischem Arbeiten und Begleiten. (www.lebensmutig.de)

Was ist Biografiearbeit?

Während einer biografischen Schreibwoche sprach der Lyriker Nevfel Cumart von der Einzigartigkeit, ja dem Außergewöhnlichen eines jeden einzelnen Lebensweges. Dieser Gedanke hat mir sehr gut gefallen. Natürlich teilen wir gesellschaftliche und soziale Ankerpunkte mit vielen Mitmenschen einer Generation. Doch jeder erlebt diese Momente und Lebenswendepunkte auf seine eigene Weise. Entscheidend sind die Wege, die wir gegangen sind. Und wie sind wir sie gegangen? Auf das Wie kommt es an. Die Bedingungen, die wir z.B. in der Kindheit vorfanden, die Menschen, die uns begleiteten oder die einfach mal unsere Wege kreuzten, das macht unser Leben so einmalig.
Biografiearbeit heißt, dass wir uns mit unseren Lebenswegen beschäftigen. Wir versuchen, zu beschreiben, wie wir das Leben und spezielle Situationen erfahren haben und was sie uns bedeuten. Welchen Wert schreiben wir speziellen Situationen zu. Welche Wendepunkte brachten Veränderungen mit sich. Von den ersten Schultagen und dem damit verbundenen Schulweg werden die meisten Menschen erzählen können. Die erste Lehrerin, die Mitschüler. Mit welchem Buch haben wir unsere ersten Leseerfahrungen gemacht? Und, erinnern wir uns an die Bilder darin?
Welche Lieder und Filme begleiteten uns durch die Jugendzeit? Welcher Schlager, welche Band brachte unsere Herzen dazu, schneller zu schlagen? Es ist ja bekannt, dass die Musik Erinnerungen und das damit verbundene Lebensgefühl besonders gut erwecken kann.
Gerne beschreiben Männer ihre Lebensgeschichte, oder Teile davon, anhand der Geschichte ihrer Mobilität. Erst übt man das Fahrradfahren, später braust man mit dem Motorroller davon. Erinnern sie sich an ihr erstes Auto, und daran, welche Farbe es hatte? Wohin ging die erste Fahrt?
Oder, kennen sie noch die Lieblingsgerüche aus ihrer Schulzeit? Welchen Duft liebten sie ganz besonders? Düfte sind ja besonders stark mit Erinnerungen verknüpft! Welches Essen war in den Jahren ihrer Kindheit ihr bevorzugtes, und wer konnte es so unnachahmlich zubereiten?

Warum ist die Biografiearbeit für Sie so wichtig? Was macht diese Arbeit für Sie so besonders?

Das Besondere für mich in der Beschäftigung im biografischen Feld ist der große Spannungsbogen und die Methodenvielfalt. Der Zugang zu den Themen kann frei gewählt werden. In meiner Ausbildungsarbeit habe ich die Spuren zu den Frauen in meiner Herkunftsfamilie gesucht. Ein spannendes und faszinierendes Unterfangen war das für mich.
Viele Menschen möchten die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie näher in den Blick nehmen und schreiben eine Art Familienbuch. Andere wiederum widmen ihre Aufmerksamkeit einer Person, z. B. der Mutter, der Großmutter und gehen der Frage nach, wie diese Frauen die familiäre Geschichte prägten.

Welche Formen der Biografiearbeit gibt es?

Biografisches Arbeiten kann äußerst vielfältig sein. Dennoch erfordern verschiedene Altersgruppen unterschiedliche Vorgangsweisen. Mit Kindern wird anders gearbeitet als mit Jugendlichen. Die Erwachsenenbildung kennt eigene Zielsetzungen. Die biografische Unterstützungsarbeit mit sehr alten Menschen finde ich spannend. Angeleitete Biografiearbeit kann den Menschen in Begleitung und Seelsorge, die Möglichkeit anbieten, einen Blickwechsel durchzuführen. Vielleicht müssen auch Neubewertungen von Geschehnissen zugelassen werden und eingeübt werden.

Was ist das Besondere bei der Biografiearbeit mit demenziell veränderten Menschen?

Uns Biografiebegleiterinnen geht es vor allem um die Wertschätzung und das Sichtbarmachen des gelebten Lebens. Manchmal kann der depressiv verstimmte alte Mensch selbst die schönen Erlebnisse seines Lebens nicht mehr positiv deuten. Er mag sein Leben als wertlos, ja trostlos erleben, und hat das Besondere nicht (mehr) im Blick. Da kann es helfen, gemeinsam auf Erlebtes zu schauen, um die Schätze zu finden, die sein Leben ausmachen. Ist es eine bestimmte Person, die dem alten Menschen für eine Zeit begleitet und Halt gegeben hat? Familienbücher oder Fotoalben, Briefe, Postkarten, der vergilbte Führerschein oder ein spezielles Kleidungsstück unterstützen uns dabei. Anhand dieser Materialien werden erinnerte Lebensmomente konkreter und anschaulicher.
Was wurde uns durch den Bruder, die Schwester, die Freundin, dem Mann geschenkt oder vielleicht auch genommen. Wie sind wir mit den Bereicherungen, den Verlusten umgegangen? Diese Beziehungs-Geschichten sind es wert, erzählt zu werden. „Das ist es (und noch viel mehr) was mein Leben ausmacht“.
Es sind „Meine“ Geschichten, die mich stark machen und mir das Gefühl meiner Identität geben können. Die Summe der Begegnungen hat mich zu dem Menschen werden lassen, der ich jetzt bin. In der Rückschau auf das Gewesene kann ich in der Gegenwart bilanzieren. Das ermöglicht es mir, die Schätze des eigenen Lebens bewusster zu sehen, und zeigt mir auch Wünsche für Zukünftiges auf. Auch kann mir dieses Wissen durch schwerere Zeiten helfen. „Verstehen kann man das Leben rückwärts, leben muss man es vorwärts“ hat Sören Kierkegaard geschrieben und beschreibt diesen Prozess damit recht anschaulich.
Ich meine, die Quelle der Selbstvergewisserung liegt in unserer Lebensgeschichte verborgen. Viktor Frankl sagt: „Für gewöhnlich sieht der Mensch nur das Stoppelfeld der Vergänglichkeit; was er übersieht, sind die vollen Scheunen der Vergangenheit. Im Vergangenen ist nämlich nichts unwiederbringlich verloren, vielmehr alles unverlierbar geborgen.“ In diesen Worten subsumiert sich für mich der Aspekt der Biografiearbeit mit hochaltrigen Menschen.
Lebensumbrüche, Fluchtwege und Krankheiten brauchen die besondere Begleitung durch biografisch geschulte Mentoren. Wieder gilt, im Sinne von Viktor Frankl, dass die Lebensleistung, auch das Schwierige gewürdigt und geschätzt werden muss.
Betagte Menschen möchten mit der Fülle ihrer Lebensgeschichten, mit all dem Schönen und Schwierigem, dem Bewältigten und dem noch offen gebliebenen, von uns gesehen werden.
Innerhalb der Demenzforschung zählt Biografisches Arbeiten neben der Methode der Validation, der Beschäftigung mit Musik und dem großen Themenfeld von Tanz und Bewegung zu den vier tragenden Säulen sozialbetreuerischer Prophylaxe.
Ich sehe es als große Aufgabe der Sozialbetreuung, dass sie Möglichkeiten und Räume eröffnet, in denen der alte Mensch über den Prozess des „Geworden- Seins“ reflektieren kann. Jeder Mensch hat den Wunsch, sich auszudrücken und zu gestalten. Den kreativen Möglichkeiten sind wenig Grenzen gesetzt: Malen, Zeichnen, Schreiben, (Vor)Lesen, Tanzen, Musik hören, Musizieren, Kochen und Genießen, die Natur erleben, usw. Diese Aktivitäten fördern die Zufriedenheit und stärken innerlich.

Können Sie uns vielleicht eine kleine Anekdote oder Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

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Eine alte Dame im Altersheim hatte sich in die Schweigsamkeit zurückgezogen, weil sie unter anderem mit keinem Menschen in ihrer slowenischen Muttersprache kommunizieren konnte. Ich habe versucht, musikalisch eine Brücke zu bauen und kannte dabei nur ein einziges slowenisches Marienlied, aber das stimmte ich an! Die Dame blickte mit staunenden Augen auf und sang mit!

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Mir persönlich liegt viel daran, dass wir mit unseren älteren Familienmitgliedern ein persönliches Schatzkästchen anlegen. In welcher Form auch immer, als Buch, als Fotoalbum, als Köfferchen mit CD oder Filmen. Im Fall einer Demenzerkrankung wäre dies eine wertvolle Hilfe für die biografische Unterstützungsarbeit in der Pflege.

Mein Buchtipp: Methoden der Biografiearbeit von Hans Georg Ruhe. Lebensspuren entdecken und verstehen. Beltz Juventa*
*

Haben s´Sie herzlichen Dank für die Möglichkeit, dass ich einige Aspekte des biografischen Arbeitens in der Sozialbetreuung auf eurer Seite vorstellen konnte. Sonnige Grüße sende ich aus Klagenfurt!

Herzlichen Dank Frau Hafner!!!

Zur Internetseite: www.lebensmutig.de

 

 

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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