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Beratung, Behandlung und Umgang


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Die Möglichkeiten für den Umgang mit einer Abhängigkeitserkrankung sind vielfältig. Auch für den Bereich der Suchterkrankungen bei alten Menschen gibt es verschiedene Ansätze. Aus den bis jetzt behandelten Inhalten wird ersichtlich, dass es sich bei der Gruppe der älteren Abhängigkeitskranken um eine äußerst heterogene Gruppe handelt. Zu der Breite, welche das Krankheitsbild schon bei Jüngeren aufweist, gesellen sich physiologische Veränderungen, degenerative Prozesse und stärkere Varianzen im Krankheitsbeginn und -verlauf. Entsprechend breit ist das Spektrum der Meinungen über ein für ältere Menschen günstiges Betreuungs- und Behandlungssetting.

Auch die Frage, ob sich das Altenhilfesystem mit im Suchthilfesystem erprobten Methoden auseinandersetzen sollte oder umgekehrt, ist umstritten. Am sinnvollsten wird es wohl sein, wenn beide voneinander lernen. Thesen, welche von einer Therapie älterer Suchtkranker abraten, entweder aufgrund von einer geringen Lebenserwartung oder aufgrund einer Verschlechterung der Lebensqualität durch eine Therapie werden heute laut Fleischmann (1999, S.174) nicht mehr ernsthaft vertreten. Leider gibt es (auch mit der Finanzierung zusammenhängend) aber noch immer viele Suchtfachlkliniken, welche eine Altersbegrenzung von 60 oder 65 Jahren haben.

Ein Entzug verläuft bei älteren Alkoholkranken meist schwerer und über einen längeren Zeitraum hinweg.



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Prävention bei Medikamentenabhängigkeit

Bei der Medikamentenabhängigkeit ist es wichtig, dass Patienten, soweit es im Bereich des Möglichen liegt, eine gewisse Verantwortung für ihre Gesundheit übernehmen.

Gerade beim Thema Medikamentenabhängigkeit mangelt es auch noch an Aufklärung und einer Sensibilisierung für den Umgang mit Medikamenten. An erster Stelle steht hier selbstverständlich der Arzt, aber auch der Apotheker kann mit wertvollen Ratschlägen zur Seite stehen. Denkbar wäre es auch Aufklärungsvorträge in Seniorenkreisen, Frauenhilfen, Seniorenbegegnungsstätten oder ähnlichen zu veranstalten. Nicht vergessen sollte man das Pflegepersonal in Alten- und Pflegeheimen. Hier kommen sowohl Einheiten während der Ausbildung, was zum Teil schon etabliert ist, als auch Fortbildungen oder hausinterne Vorträge in Frage. Auch Menschen, die einen Angehörigen pflegen, könnte man erreichen, indem man entsprechende Angebote in Angehörigenkreisen oder Pflegeausbildungen für Angehörige anbietet.

Beipackzettel mit einer Aufzählung der Nebenwirkungen findet man bei allen Medikamenten. Für viele Laien sind sie allerdings miss- oder unverständlich. Hier wäre es manchmal angemessen eine einfachere Sprache zu wählen. Da ältere Menschen häufig in ihrer Sehfähigkeit beeinträchtigt sind, könnte auch eine größere Schrift ihnen das Lesen des Beipackzettels erst möglich machen. Die Packungsgrößen von Medikamenten könnten zum Teil noch an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden. Häufig ist diese zu großzügig. Außerdem sollte davon abgesehen werden werbewirksame Namen für Medikamente zu gebrauchen. Sie können die Wirkung verharmlosen und einen Missbrauch dadurch begünstigen (Bsp. Tagestranquilizer).

Erste Hilfe für Betroffene

Bei dem Verdacht einer Abhängigkeit stehen Betroffenen verschiedene Möglichkeiten der Beratung offen. Anlaufstellen sind in erster Linie die Hausärzte und die Suchtberatungsstellen. Aber auch der medizinische Dienst der Krankenkassen oder eine telefonische Beratung, mit der Option anonym zu bleiben, können eine Hilfe darstellen.

Ziele einer Therapie

Für die meisten Alkoholabhängigen scheint eine Abstinenz das am meisten anzustrebende und solideste Ziel zu sein. Hierbei sollten allerdings immer die Aspekte der Begründbarkeit der Vorteile einer Abstinenz und die der Erreichbarkeit berücksichtigt werden. Sehr unterschiedlich sind die Ziele einer Behandlung selbstverständlich je nach Krankheitsstadium.

So kann, wenn nur „schädlicher Gebrauch“ vorliegt, ein Beratungsgespräch im Rahmen einer Frühintervention schon zu einer deutlichen Reduktion der Konsummenge führen. Bei einer Entgiftungmaßnahme können je nach Stadium Ziele wie die Vermittlung in Selbsthilfegruppen oder ambulante sowie stationäre Behandlungen vorhanden sein.

Von einer durch Angst und Beunruhigung besetzten Perspektive zu positiven und konkreten Zukunftsperspektiven zu wechseln, ist eins der Ziele einer Therapie auch im höheren Lebensalter. Bei einer stationären Therapie sollte zudem der Abstinenzwunsch gestärkt werden.

Einer Abstinenz kann jedoch nicht immer der Vorrang eingeräumt werden. Folge- und Begleitkrankheiten psychischer und physischer Natur stehen häufig an erster Stelle. Priorität gebührt der Erhaltung oder Stabilisierung des noch vorhandenen sozialen Netzes. Besonders bei schweren Hirnorganischen Störungen ist hierbei möglichst frühzeitig die Bestellung eines Betreuers zu erwägen.

Zukunftsperspektiven aufzuzeigen leuchtet sofort ein, wenn wir an einen, bis auf den Alkoholismus in seiner Gesundheit nur leicht eingeschränkten, 65-jährigen denken. Aber was für Zukunftsperspektiven soll man einem pflegebedürftigen Multimorbiden 85-jährigen aufzeigen? Es könnte günstig sein, in solchen Fällen die Bilanzierung des Lebens in den Mittelpunkt zu stellen. In der Literatur wird Ärzten und Angehörigen oft die Haltung vorgeworfen dem Betroffenen „das Trinken zu gönnen“, da er ja sonst „nicht mehr viel vom Leben hat“. Diese Haltung ist oft Ausdruck einer falschen Einschätzung der Prognose älterer Betroffener. Sie könnte in manchen Fällen allerdings auch Ausdruck der Realität sein, wenn Kompetenzen für die Bewältigung des eigentlichen Problems fehlen.

Im Mittelpunkt jeder Intervention oder Betreuung sollte die Würde der Person stehen. Wichtig ist dabei, soweit möglich, das Alter nur in fachlich begründeten Fällen als Grund für Handeln heranzuziehen und nicht in das Nutzen von Stereotypen und Altersbildern zu verfallen. Die Lösungen, Werte und Wünsche des Betroffenen und nicht die eigenen Ideen und Wertvorstellungen sollten dabei immer Ausgangspunkt sein. Auch die Rechte, Unabhängigkeit und die Privatsphäre von Betroffenen sind an dieser Stelle zu erwähnen, da gerade bei älteren Menschen oft eine Bevormundung stattfindet. Jeder Betroffene sollte dabei in seiner Individualität und in seinen Möglichkeiten zur Eigenverantwortung wahrgenommen werden. Wenn möglich sollte der Betroffene darin unterstützt werden ein für ihn geeignetes soziales Netz zu schaffen, welches ihn stützt und zufrieden stimmt und ohne eine fachliche Betreuung auskommen lässt.

Therapiestrategien

Der Königsweg bei der Behandlung einer Alkoholabhängigkeit umfasst vier Phasen. An erster Stelle steht die Kontaktphase. In dieser Phase wird die Abhängigkeit erkannt und der Abhängige dazu motiviert eine Behandlung in Anspruch zu nehmen. Der Idealfall ist, dass der Betroffene den Kontakt aus eigenem Antrieb sucht. Dies ist in der Regel nicht der Fall. Anlaufstellen hierfür können Beratungsstellen oder Ärzte sein. Auf die Kontaktphase folgt bei einer körperlichen Abhängigkeit eine Entgiftungsphase.

Eine Entgiftung bei Alkoholismus findet, wie bei jüngeren Betroffenen auch, erstmal in einem Suchtbereich eines Allgemein- oder (geronto-) psychiatrischen Krankenhaus statt.Unter ganz bestimmten Bedingungen kann eine Entgiftung allerdings auch ambulant vorgenommen werden.

Es folgt die Entwöhnungsphase, in ihr geht es um die intensive Therapie oder Rehabilitation. Sie findet meist in speziellen Fachkliniken für Suchterkrankungen oder auf speziellen Stationen von psychiatrischen Krankenhäusern statt. Dabei wird grundsätzlich zwischen Kurzzeitbehandlungen von sechs bis acht Wochen und Langzeitbehandlungen von vier bis sechs Monaten unterschieden. Diese Therapiedauer kann aber zum Teil individualisiert werden. Zum Teil ist eine Rehabilitation ambulant bei Suchtberatungsstellen möglich. Da die Ziele sich an jüngeren Betroffenen orientieren und die Kostenträger dort die Rentenversicherungsträger sind, ist das formulierte Hauptziel die Wiederherstellung oder wesentliche Verbesserung der Erwerbsfähigkeit.

An die Entwöhnungsphase schließt sich klassischer Weise die Nachsorgephase an. In der Entwöhnungsphase erreichte Ziele sollen dabei stabilisiert werden. In dieser Phase kann der Betroffene eine bunte Palette von Hilfsangeboten annehmen. In Frage kommen dabei Hausärzte, Psychotherapeuten, Suchtberatungsstellen, Tageskliniken, betreutes Wohnen und an aller erster Stelle Selbsthilfegruppen. Die Phasen einer Therapie bei der Medikamentenabhängigkeit sind mit denen der Alkoholabhängigkeit identisch.

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die Grundbehandlung von älteren Suchtkranken mit der von jüngeren Betroffenen übereinstimmt. Es sollten jedoch einige Aspekte in der Rehabilitation besonders beachtet werden. In Suchtkliniken dominiert häufig die Zahl der jüngeren Patienten. In Therapiegruppen stehen entsprechende Themen im Mittelpunkt (z.B.: Arbeitsplatz, Beziehungsbildung, Kindererziehung). Die thematischen Prioritäten von Senioren stoßen hingegen kaum auf Interesse bei den Jüngeren. Für Senioren resultiert daraus eine weniger intensive Integration in die Gruppe und eine subjektive Isolation. Daraus ergibt sich die Empfehlung für ältere Betroffene ein eigenes Forum zu schaffen, welches sich besonders mit den für ältere Betroffenen relevanten Themen auseinandersetzt. Schön wäre es, wenn trotzdem einer „Abspaltung“ entgegengewirkt werden könnte. In dem Kontakt mit Jüngeren lernen Senioren ihre Fähigkeiten richtig einzuordnen und dadurch ein entsprechendes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Ältere Menschen weisen eine eingeschränkte Mobilität sowohl psychischer als auch physischer Art auf, weswegen auf die Gemeindenähe von Hilfsangeboten besonders zu achten ist. Auch bei eventuelle Bewegungs- bzw. Sportangeboten ist auf eventuelle Einschränkungen zu achten. Hinzu kommt, dass eine Behindertengerechtigkeit der Einrichtungen wünschenswert ist. Die Behandlung von medizinischen Befunden hat Vorrang. Vorsicht ist bei einer Behandlung der Alkoholabhängigkeit mit Benzodiazepinen angebracht, da in vielen Fällen dabei eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt wird.

Die Behandlung von medizinischen Befunden hat Vorrang. Vorsicht ist bei einer Behandlung der Alkoholabhängigkeit mit Benzodiazepinen angebracht, da in vielen Fällen dabei eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt wird. Neben stationären Behandlungen in Fachkliniken und psychosomatischen Krankenhäusern kommt sowohl bei der Medikamentenabhängigkeit und der Alkoholabhängigkeit auch eine ambulante Behandlung in Frage. Dies kann zum Beispiel eine längerfristige Beratung durch eine Beratungsstelle oder den behandelnden Arzt sein. Nicht zu unterschätzen ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Wohlfahrtsverbände. Der Anschluss an diese Verbände kann einen Weg darstellen um mit Problemen wie Angst, Trauer oder Schlaflosigkeit umzugehen ohne Medikamente zu gebrauchen.

Prognose

Schwierig gestaltet sich bei älteren Abhängigkeitserkrankten die Motivation für eine Therapie. Es scheint eine deutlich größere Therapieangst und eine geringere Therapiemotivation zu geben. In aller Regel ist dies auf drei verschiedene Gründe zurück zuführen.
1.Defizit-Modelle über das Alter sind in unserer Gesellschaft erstaunlich stark verbreitet. Das geht soweit, dass alte Menschen sie bereits in ihr eigenes Selbstbild integriert haben. Die Möglichkeit der eigenen positiven Veränderung wird dadurch unterschätzt.
2.Begriffe wie Therapie und ganz besonders Psychotherapie sind viel negativer besetzt als bei jungen Menschen. Assoziationen zu „irre“ oder „verrückt“ sind häufiger.
3.Die in der Suchkrankenhilfe überwiegend etablierte Komm-Struktur scheint besonders bei alten Menschen häufig nicht zu greifen.
Grundsätzlich hat es den Anschein, als ob die Behandlungsverläufe älterer Alkoholkranker günstiger wären. Die Erfolgsraten von stationären Behandlungsprogrammen sind denen von Jüngeren ähnlich. Prinzipiell günstiger scheint die Prognose für Late-onset-Alkoholiker zu sein.

Diese treten im Allgemeinen auch häufiger eine Behandlung an und schließen diese auch eher ab. Langfristig ist eine stabile Besserung bei 40%-50% der Betroffenen zu erreichen. Eine Komorbidität bei einer Alkoholabhängigkeit kann zu einer Verschlechterung der Erfolgsaussichten führen. Bei einem bestehendem stabilen sozialen Netz (Bsp.: Familie, Selbsthilfegruppe, Fachambulanzen) auch über eine Therapie hinaus besteht eine deutlich günstigere Prognose.

Auch bei der Medikamentenabhängigkeit spielt das soziale Netz eine entscheidende Rolle für eine günstige Prognose. Das frühe Erkennen einer Medikamentenabhängigkeit, wenig rechtliche Schwierigkeiten, eine schwächere Bindekraft des Medikaments und eine an die Behandlung angeschlossene Nachsorge begünstigen dabei die Prognose.

Quellen:

Böning , Jobst/ et al. (1991):Medikamentenabhängigkeit. Eine Information für Ärzte.3. Hamm:DHS.

Fleischmann, Heribert et al. (1998): “Therapiestrategien im Alter“. In: Havemann-Reinecke, Ursula/ Weyerer, Siegfried/ Fleischmann, Heribert (Hg.): Alkohol und Medikamente, Mißbrauch und Abhängigkeit im Alter . Freiburg: Lambertus. 128-147. llen:

Fleischmann, Heribert (1999): „Suchtprobleme im Alter”. In: Gastpar, Markus/ Mann, Karl/ Rommelspacher, Hans (Hg.): Lehrbuch der Suchterkrankungen. Stuttgart: Thieme. 170-180.

Kruse, Gunther/ Körkel, Joachim/ Schmalz, Ulla (2000): Alkoholabhängigkeit erkennen und behandeln. Mit literarischen Beispielen. Bonn: Psychiatrie-Verlag.

Mader, Petra/ Gaßmann, Raphael (2006): „Suchtprobleme kennen keine Altersgrenze“. In: ProAlter 1/2006, 7-15.

Mann, Karl/ Mundle, Götz (1997): „Alkoholismus und Alkoholfolgekrankheiten“. In: Förstl, Hans (Hg.): Lehrbuch der Gerontopsychiatrie und –psychotherapie. Grundlagen- Klinik- Therapie. Stuttgart: Thieme. 345-355.

Mundle, Götz/ Wormstall, Henning/ Mann, Karl (1996): „Die Alkoholabhängigkeit im Alter. Alcoholism in the Elderly”. In: SUCHT 43/1997/3. 201-206.

Wolter-Henseler, Dirk et al. (1997): „ Sucht und Abhängigkeit im Alter“. In: Radebold, Hartmud et al. (Hg.): Depressionen im Alter. Darmstadt: Steinkopp. 266-279.

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Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin (BVGT) und Master of Arts "Alternde Gesellschaften". Autorin der Bücher Das große Praxisbuch - Gedächtnistraining für Senioren* und Lücken-Geschichten in Reimen: Pfannkuchen und Muckefuck*.

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