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Kunsttherapie für Menschen mit Demenz-


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Claudia Büeler im Interview.

 

 

 

 

 

 

 

Hallo Frau Büeler, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

 

Ich habe mit Anfang 30 Kunsttherapie studiert. Als Lehrgangsleiterin für Angehörige von alten, kranken Menschen und auch selbst familiär betroffen, beschäftigt mich die Alzheimerkrankheit schon lange, so habe ich mich auf die Arbeit mit alten Menschen spezialisiert. Kombiniert mit früheren Erfahrungen als Selbständige, konnte ich mich mit Artecura selbständig machen. Ich entwickelte das kunsttherapeutische „Artecura Projekt mit Portraits“.

 

Kunsttherapie- was ist das eigentlich?

 

Kunsttherapie ist eine Therapieform, die mit kreativen Anregungen arbeitet. Wir gehen davon aus, dass der kreative Ausdruck einer Person Hinweise auf seinen Zustand beinhaltet und dass der Mensch durch seine eigene Kreativität auf Lösungen für seine Probleme stößt.  Die Anleitung zu dieser Kreativität muss von einem künstlerisch veranlagten Therapeuten kommen, der psychologische Kenntnisse hat. Alle Formen der kreativen Arbeit kommen zum Einsatz, vom Malen über das Gestalten bis hin zum Rollenspiel im Märchen. Die „Kunst“ der Kunsttherapie liegt jedoch nicht im „ansehnlichen“ Ergebnis, sondern darin, das  kreative Mittel so zu nutzen, dass ein Ausdruck „von Innen“ kommt, also Gefühle und Erinnerungen im kreativen Prozess dargestellt und -im Erfolgsfall- verarbeitet werden. Die Werke haben ein hohes Vermittlungspotential.

 

Welche Möglichkeiten bietet die Kunsttherapie bei Menschen mit Demenz?

 

Durch die Kunsttherapie können alte Menschen an verborgene Fähigkeiten herangeführt werden, die zu Erfolgserlebnissen im Alltag führen. Wohlbefinden und die Erfüllung heimlicher Wünsche und die Stärkung des Selbstwertgefühls können gefördert werden. Menschen, für die eine Bewältigung vergangener Krisen ansteht, können im kreativen Prozess Vergebung finden und Frieden schließen, ohne ihre Seele „auszupacken“. Kunsttherapeutische Prozesse können zu der in der Sozialtherapie mit Alten erwünschten Biografiearbeit beitragen, viele Ressourcen im verbalen und nonverbalen Bereich wecken und körperliche Fähigkeiten stärken. Kognitive und emotionale Fähigkeiten, wie Gedächtnistraining und soziales Miteinander können deutlich verbessert werden, da Kreativität indirekt Denkprozesse aktiviert und Gefühlsschwankungen regulieren kann.

Ein sehr beliebtes Mittel der Kunsttherapie ist das Setzen von Sinnesreizen: haptische Reize, Aromen, Klänge und Farben. Diese Stimulation hat eine große Bedeutung in der Arbeit mit alten Menschen. Ebenso die „Validation“, die wir im (kunst)therapeutischen Kontext sogar besonders kreativ umsetzen können.

Viele alte Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, sind nach dem Projekt wieder in Gruppen gegangen. Auch körperliche Fähigkeiten, wie die Koordination beim Essen oder der täglichen Körperpflege, haben sich deutlich verändert.

Demenz ist ja unheilbar, aber der Zustand eines Menschen mit Demenz kann sehr viel positiver sein, wenn ihm eine gute Behandlung zuteil wird und der Dialog mit der Umwelt  so lange wie möglich erhalten bleibt.

In meinem kunsttherapeutischen Projekt  ist ein kreativer Dialog entstanden, der auf meinen Zeichnungen basiert und daher allein durch die farbliche Gestaltung aus der Hand der Demenzkranken viel über den Charakter der Demenz aussagt. Mir liegt sehr viel daran, den kreativen Ausdruck alter Menschen, die an Demenz leiden, so zu präsentieren, dass die Demenz für ein breites Publikum zugänglicher wird. Lichte Momente der Kranken werden individuell anerkannt und je besser wir wissen, wie es ihnen geht, desto besser können sie in Würde leben. Für betreuende Personen im Umfeld der Demenzkranken schlägt die Kreativität Brücken und bietet Hilfen zur Kommunikation.

 

Seit wann arbeiten Sie mit Demenzkranken und wie ist es dazu gekommen?

 

Als ich während meines Studiums 2001 ein Praktikum in der gerontopsychiatrischen Abteilung eines Heims absolviert habe, merkte ich wieder einmal –zum wiederholten Male in meinem Leben- , dass ich gerne mit alten Menschen arbeite. Ich habe einfach ein Händchen für Alte. Ich finde es sehr wichtig, dass wir am Ende unseres Lebens Hilfe erhalten, um  in Frieden und Würde „gehen“ zu können. Ich entwickelte die Idee für das „Projekt mit Portraits“ schon während dieses Praktikums und erhielt die beste Note dafür. Bereits der Praktikumsbericht wurde in einer Fachzeitschrift veröffentlicht.

 

Sie haben das Buch „Gesichter von Demenzkranken Menschen“ geschrieben. Worum geht es in dem Buch?

 

In meinem Buch geht es einerseits darum, in sehr persönlicher Art zu beschreiben, welche wunderbaren Gespräche in den teilweise sehr kurzen Begegnungen mit alten Menschen möglich sind. Das soll allen Menschen Mut machen, die mit Demenz irgendwie  konfrontiert sind. Außerdem zeigt das Buch die Schwierigkeiten in der verbalen Kommunikation mit dementiell veränderten Menschen auf, erörtert den kunsttherapeutischen Hintergrund des Projekts und das Potential der Kreativität im Umgang mit Demenzkranken. Ich hatte das Buch ursprünglich für Angehörige geschrieben, die sich dafür interessierten, „was ich denn da mache“. Es kam dann aber auch bald der potentielle Leser dazu, der, wie ich, der Meinung ist, dass man trotz Demenz dem alten Menschen seine Würde lassen soll und dass es Sinn macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Diesen „Sinn“ soll das Buch sachlich und rein menschlich beschreiben.

 

Können Sie vielleicht eine kleine Anekdote erzählen, die verdeutlicht was Ihre Arbeit erreicht?

 

In meinem Buch „Gesichter von demenzkranken Menschen“ sind derer viele, aber ich will Ihnen hier eine Geschichte mitteilen, die ich besonders liebe:


Kunst berührt

 

Frau K., geb 18.2.1920,

Diagnose: Demenz (G 31/8), sekundäres Parkinsonsyndrom, schlaffe Hemiplegie

 

Portraitieren als rezeptiver künstlerischer Dialog

 

Frau K. beobachtet mich beim Porträtzeichnen im Wohnbereich sehr genau und ich sie, auch wenn ich sie nicht zeichne, da ihre Angehörigen die Einwilligung dazu nicht gegeben haben. Sie verhält sich unruhig, redet unverständlich, Ärger über ihre Unfähigkeit, sich zu bewegen (Rollstuhl), vermischt sich mit Verwirrung und Resignation. Mit ihr zu sprechen, ist schwierig, jedoch scheint es nicht unmöglich und ich lasse sie immer mehr an dem Dialog teilhaben, indem ich sie in die Nähe meiner Modelle hole, die es genießen, gezeichnet zu werden. Auffallend ist ihr Krankheitsbewusstsein trotz der Verwirrung. Nicht nur, dass sie merkt, wie vergesslich und verwirrt sie ist, sondern ihr „fallen“ Fachausdrücke „aus dem Mund“, die ihr Krankheitsbild genauer bezeichnen. Ich greife dies auf und rede mit ihr darüber. Sehr aufmerksam ist sie auch für ihre Mitbewohner.

 

 

Portraits bemalen im „offenen Atelier“

 

Zwischen meinem letzten Besuch und heute liegen zwei Wochen. Frau K. gibt mir sofort zu verstehen, dass sie mich wieder erkennt. Sie nimmt aktiv am „offenen Atelier“ teil, das ich im Gemeinschaftsraum des Wohnbereichs aufgebaut habe. Beim Malen strengt sie sich sehr an und zittert mächtig. Wir lockern ihren Arm und auch ihre Ansprüche. Es entstehen mehrere Bilder, auf die sie sich jeweils an aufeinander folgenden Tagen mehr als 60 min lang konzentriert. Dabei malt sie Flächen aus (ungewöhnlich bei diesem Krankheitsbild) und wird immer ausgeglichener mit dem Spiel mit Farben. Es entstehen Gespräche, bei denen ihre Worte wesentlich gezielter herauskommen. Z.B. Sie versucht eine Linie und sagt: “Sagen Sie mir, wo es lang geht!“. Ich lasse die Antwort offen, gebe ihr Möglichkeiten zur Wahl, da sagt sie: „Na, dann seien wir mal kontaktfreudig!“ und setzt Linie an Linie, sodass eine Fläche entsteht.

Dann fragt sie nach einer Zeichnung von sich selbst. Ich erfülle ihr den Wunsch außerhalb der Projekteinheit. Doch die Zeichnung wird nicht so gut;  ich bin nach dem „offenen Atelier“ schon sehr abgespannt. Da schaut sie mich an: „Sind Sie nicht zufrieden? Ist klar: Sie sind heute nicht zum Zeichnen gekommen, sondern zum Malen, das ist etwas ganz anderes.“ Ich staune über ihr Einfühlungsvermögen. Frau K. hatte laut Biografie früher nichts mit Kunst zu tun. Inzwischen malt sie mehr mit Lieblingsfarben und weniger mit wahrnehmungsgetreuen „Portraitfarben“ und ist wesentlich entspannter beim Malen (auf´s Spielen kommt es an!). Wie komplex und tief ihr Verständnis ist, zeigt sich am letzten Projekttag. Sinnierend betrachtet sie die vielen Bilder, die an der Wand hängen, darunter ein rotes und ein gelbes Bild von ihr. Sie redet ruhig und klar: „Es geht mir besser, wissen Sie, da sehe ich, was ich noch kann.“ Eine Pflegerin bestätigt dies: „Frau K. isst jetzt wieder ganz alleine.“

Am Ende des Projekts betrachtet sie die Bilder und zeigt sie unfertige, auf extra-bunte, auf zarte Bilder: „Jetzt verstehe ich, was Sie hier machen!“  Dann deutet sie auf ihr eigenes leuchtend Rotes: „Es hat was – ist unheimlich – das macht betroffen! Das ist Kunst.“ Sie erlaubt mir ausdrücklich, das Bild öffentlich zu zeigen.

 

Stoßen Sie in Ihrer Arbeit mit Demenzkranken auch manchmal an Grenzen?

 

Sicher! Ich stoße ständig an Grenzen: Grenzen, die beim dementiell Veränderten durch die Krankheit bedingt sind. Grenzen des Verständnisses, der Kommunikation und emotionale Grenzen. Außerdem kommt man in der Arbeit mit Demenzkranken an Grenzen der Belastbarkeit, besonders wenn die Kranken noch recht „fit“ sind und alles aussprechen, was ihnen in den Sinn kommt. Das können auch sehr schwierige Themen sein, die ungefiltert, hemmungslos, zusammenhanglos und ungeachtet, wer dabei ist, in Worte gefasst werden. Ich glaube, dass die meisten, die mit Demenzkranken arbeiten früher oder später ausgelaugt sind. Wir brauchen nicht nur mehr Mitarbeiter, sondern auch eine viel bessere berufsbegleitende psychische Betreuung oder nennen Sie es Supervision.

 

An welchen Projekten arbeiten Sie zurzeit und was haben Sie für Zukunftspläne?

 

Dieses Jahr habe ich natürlich weiterhin meine kunsttherapeutischen Projekte in deutschen Seniorenheimen gehalten. Ein neues Thema hat mir besonders Spaß gemacht: Märchenwochen. Hier inszenieren und gestalten wir mit Bewohnern eines Seniorenheims ein Märchen ihrer Wahl.

Im Frühjahr  besuchte ich eine sehr liebenswürdige Gruppe alter Menschen: die Radiofamilie. Sie leben in einer einsamen Gegend in Portugal. Bei diesem soziokulturellen Projekt geht es darum zu zeigen, wie diese Menschen, die an Armut und Vereinsamung litten, eine kreative Lösung für ihr Problem angenommen haben: sie kommunizieren über Radio und  gestalten die Sendung mit immer neuen Beiträgen wie Gedichten und Liedern. Ich habe seit Jahren den Wunsch, ein möglichst umfangreiches Porträt in Wort und Bild von diesen Menschen zusammen zu stellen und dies dann zur Ausstellung zu bringen. Es soll auch andere in Europa inspirieren.

Im Spätsommer zog ich mich zurück, um die Bilder auszuarbeiten, aber dann sprach mich ein 83-jähriger Herr zufällig an, ob ich seine Biografie aufschreiben könnte. Er habe so viele Erinnerungen, die er nicht mehr selbst zu Papier bringen kann. Seitdem arbeite ich zeitweise mit ihm und merke, dass auch das ein umfassendes Projekt wird, bei dem ich kunsttherapeutische Methoden der Kunsttherapie zum Einsatz bringen muss.

Vielleicht wird aus einem der Projekte wieder ein neues Buch, inzwischen kümmere ich mich jedoch erst einmal um die alten Menschen, die mir vertrauen.

 

 

Herzlichen Dank, Frau Büeler!!!

 

zur Internetseite von “Artecura”

 

 

Das Buch von Claudia Büeler:

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Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin (BVGT) und Master of Arts "Alternde Gesellschaften". Autorin der Bücher Das große Praxisbuch - Gedächtnistraining für Senioren*, Gedächtnistraining nach Jahreszeiten für Senioren: Das große Praxisbuch*, Lücken-Geschichten in Reimen: Pfannkuchen und Muckefuck* und Maibowle und Winzerfest: Lücken-Geschichten in Reimen*.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen dank für die super strukturierten Seiten und Berichte der Arbeit.Ich starte demnächst in einem Altenpflegeheim ein offenes atelier in der Hoffnung ein wenig zur Verbesserung der Lebensqualität beizutragen.Danke für die motivierenden Dokumentationen.Das hat mich bestätigt in die Tat zu gehen.

    Antworten

  2. Liebe Frau Büeler. ich fange demnächst mit meiner Kunsttherapiearbeit bei Demenzkranken an, ichfreu mich drauf. durch meine Haupttätigkeit als Krankenschwester, hab ich diverse Erfahrungen gemacht und weiß, auch eine guten Draht zu älteren Menschen , auch mit Demenz zu finden. Ihr Beitrag hilft mir ganz großartig, mit gutem Gefühl an die Sache zu gehen. Gern würde ich weitere Ratschläge annehmen, wenn ich nach Anfangsschwierigkeiten Fragen habe.
    Vielen Dank für ihre schöne Art, Mut zu machen, sowohl den Menschen, mit denen Sie arbeiten , als auch denen , die ähnlich wichtige Aufgaben erfüllen wollen.
    Bettina Scholz

    Antworten

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