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Warum ist das Bett von Mutter nicht gemacht?! Warum hat Vater sein Hörgerät nicht drin?!

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Im Gespräch mit Jörg Leukel über den Umgang mit den Angehörigen in der Betreuung von Menschen mit Demenz

Jörg Leukel

Hallo Herr Leukel, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.
Hallo Frau Schneider.
Mein Name ist Jörg Leukel und ich bin, über viele Umwege, durch meine Großmutter zur Altenpflege gekommen. Als Omi Akka an einer Demenz erkrankte, stellte sich auch mir und meiner Familie die Frage ob sie in ein Altenheim ziehen sollte oder nicht. Als sie nach fast sechs, zum Teil sehr aufreibenden, Jahren der Pflege & Betreuung zu Hause verstorben war, wollte ich mehr über diese Erkrankung wissen.
Ich lernte Altenpflege, habe in verschiedenen Einrichtungen der Altenhilfe gearbeitet und konnte mich in einer Gerontopsychiatrischen Klinik zum Fachaltenpfleger für Psychiatrie weiterbilden. Inzwischen arbeite ich freiberuflich als Dozent für psychiatrische Pflege an einem Bildungsinstitut in Gütersloh, führe InHouse
Schulungen durch, Beratungen und Projekte zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsqualität in Einrichtungen der Altenhilfe durch. Unter anderem begleite ich auch die jährlichen Nachschulungen nach § 87b, wie ja auch an Ihrem Institut.

Bei der Betreuung von Menschen mit Demenz kommen wir regelmäßig auch mit deren Angehörigen in Berührung. Diese können sehr nett und freundlich sein, aber auch fordernd und anstrengend.
Warum sind die Zusammenarbeit und der Kontakt zu den Angehörigen dennoch so wichtig?
Generell schon deshalb, weil die zu Pflegenden ja Ihre komplette Lebensgeschichte und all Ihre Erinnerungen mit in die Einrichtung bringen. Angehörige sind ein Teil dieser Lebensgeschichte und können nicht außer Acht gelassen werden. Darüber hinaus können Angehörige stabilisierend auf die neue Erfahrung Altenheim wirken, sie können beim Erinnern hilfreich sein und eine psychosoziale Stütze für den Bewohner sein. Ein weiterer, wichtiger Aspekt ist die soziale Bindung der Bewohner zu den Angehörigen. Häufig sind sie die einzige verbliebene Verbindung zu früheren sozialen Netzwerken…

Sie haben bei Ihrer Arbeit oft Kontakt mit Angehörigen und haben schon einiges miterlebt…
Warum sind, Ihrer Erfahrung nach, manche Angehörige so, wie sie sind (ohne jetzt etwas zu pauschalisieren)?
Zunächst einmal, „den“ oder „die“ Angehörigen gibt es meiner Überzeugung nach nicht. Und in der allgemeinen Pauschalisierung liegt schon eines der Probleme von Pflege & Betreuungskräften im Umgang mit Angehörigen begründet. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Beachtung und Individualität. Pauschalisieren wir „den“ Angehörigen, wird dieses Bedürfnis nicht erfüllt. Beachtet man nun noch die individuelle Situation innerhalb der Familie, also wie standen die Familienmitglieder zueinander, welche Rollen haben sie gehabt und unter welchen Bedingungen wurde vor dem Heimeinzug gepflegt und betreut, bekommt man schon eine Ahnung davon mit wie vielen Problemen und Schwierigkeiten die Angehörigen konfrontiert waren und sind.
Hinzu kommen in den meisten Fällen auch noch viele Sorgen, Ängste und Nöte die Angehörige ja zu jedem Besuch mit in die Einrichtung bringen. In der Regel machen die Angehörigen diese jedoch mit sich selbst aus, beziehungsweise machen Ihren Gefühlen in Form von Kontrolle, Vorschriften und Vorhaltungen Luft, ohne jedoch die eigentlichen Probleme zu besprechen.

Ich bin selbst in der Betreuung von Menschen mit Demenz tätig und weiß somit, was diese Arbeit im Alltag für Pflege- und Betreuungskräfte bedeutet. Nun war ich vor nicht allzu langer Zeit selbst in der Rolle einer Angehörigen und habe mit vielen Gefühlen und Situationen zu kämpfen gehabt.
Seitdem kann ich manches Verhalten vielleicht besser nachvollziehen…
Wie können wir mit Angehörigen vernünftig in Kontakt treten? Wie können wir Ihnen vermitteln, dass wir einerseits ihre Sorgen und Gedanken verstehen, andererseits aber auch alles uns Mögliche für ihre Eltern/Geschwister tun?
Eine sehr zentrale Frage. Meines Erachtens müssen zunächst wir, die Pflege & Betreuungskräfte in Kontakt treten wollen. Das heißt aber auch, dass wir differenzieren müssen und jeden einzelnen Angehörigen, individuell wahrnehmen müssen.
Bei genauerer Betrachtung fällt auch auf, das es sich in der Regel ja nur um einen geringen Anteil der Angehörigen handelt die als „schwierig“ wahrgenommen werden. Gelingt es uns diese mit Ihren Sorgen und Nöten wahrzunehmen und Ihnen zu vermitteln das sie uns interessieren, das sie wichtig für unsere Arbeit und ihre Lieben sind, ist ein erster Schritt getan. Auch die „schwierigen“ Angehörigen brauchen und wollen in der Regel eine Rolle und vor allem auch Anerkennung, ebenso wie die zu Pflegenden.

Wie kann ich Angehörige in die Betreuung und Pflege von Menschen mit
Demenz mit einbinden?
Sehr schön veranschaulicht dies der „Angehörigen – Dreisatz“:
Positive Grundstimmung = gute Kommunikation
Gute Kommunikation = gute Einbindung des Angehörigen
Gute Einbindung = Angehörige als Partner
Darüber hinaus ist die Frage gar nicht so leicht zu beantworten. Natürlich lassen sich diverse Maßnahmen oder Aktivitäten beschreiben und als „Angebote“ präsentieren. Meiner Meinung nach ist es jedoch wesentlich wichtiger mit dem einzelnen, (schwierigen) Angehörigen Angebote zu erarbeiten, die auf seine ganz individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind und ihn im Rahmen seiner Möglichkeiten und seiner Neigungen einzubinden.



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Am 11. Oktober 2017 geben Sie bei uns in Dortmund eine Fortbildung zum Umgang mit Angehörigen. Was erwartet die Teilnehmer an diesem Tag?
Wir werden uns an einem „Roten Faden“ durch die Thematik führen lassen. Wir werden Gelegenheit haben unseren Ärger loszuwerden und versuchen praxistaugliche Lösungsansätze zu entwickeln. Und, ich hoffe, das trotz der ernsthaften Thematik auch Platz für Spaß und Freude bleibt, denn Lachen macht vieles einfacher…
Wer sind denn eigentlich Angehörige und warum sind sie so wie sie sind? Welche Motive haben sie und wie kann uns das Wissen darüber hilfreich sein? Und natürlich auch die Fragen nach dem Umgang mit Angehörigen sowie die Thematik der Beteiligung von Angehörigen.

Gibt es ein Buch, das sie unseren Lesern zum Umgang mit Angehörigen in der
Praxis empfehlen können?
Viele namhafte Autoren haben sich in Ihren Veröffentlichungen mit dem Thema Angehörige beschäftigt. Und viele dieser Anregungen habe ich angenommen und teile diese Ansichten. Da es aber zunächst um die innere Haltung von Pflege & Betreuungskräften geht, möchte ich das Buch „Blickrichtungswechsel“ von Brigitta Schröder* hervorheben.

Können Sie vielleicht eine kleine Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie
mit Ihrer Arbeit erreichen können?
„Warum hat Mutter die Zähne nicht im Mund…?!“ Diese, mit Nachdruck geäußerte Bemerkung einer sehr verärgerten Angehörigen gegenüber einer verunsicherten Pflegekraft, führte zu einer Kette von Ereignissen in deren Folge die Person um die sich alle „gesorgt“ haben am meisten leiden musste…
Sie verstand nicht warum die beiden Menschen sich stritten, aber sie verstand, das es um sie ging. Noch weniger verstand Sie warum eine der beiden, die sie auch irgendwie kannte, zumindest spürte sie so etwas wie Vertrauen, ihr plötzlich weh tat. „Warum soll ich den Mund aufmachen?“ fragte Sie sich noch als das Vertrauen schwand und die Beklemmung kam. „Was geschieht hier mit mir?“ war ein Gedanke bevor die Angst zu ersticken kam und der Kiefer schmerzte.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?
Das wir Schritt für Schritt an einen Punkt gelangen an dem solche „Geschichten“ der Vergangenheit angehören. Und wir es geschafft haben uns in der Pflege & Betreuung an der Welt der Menschen mit Demenz zu orientieren und nicht erwarten das es umgekehrt ist.

Herzlichen Dank, Herr Leukel!!!
Sehr gerne.

Zur Internetseite: www.demenz-pflegeschulung.de
E-Mail: info@demenz-pflegeschulung.de



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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