Unsere Adventskalendergeschichte 2022: 4. Dezember – Zweiter Advent

Elise zieht die Vorhänge ihres Küchenfensters zurück. Verschlafen schaut sie nach draußen. Es ist noch alles ruhig. Stille liegt über dem Engeldorf. Wunderschön war es gestern Abend. Und spät ist es geworden. Elises Blick wandert in Richtung ihrer Harfe. „Wie viele schöne Augenblicke doch durch Musik geschaffen werden können …“, denkt sie und schwelgt in Erinnerungen an die gleichermaßen verzauberte und besinnliche Stimmung des gestrigen Abends. Und obwohl das Feuer längst erloschen ist und nur noch die Holzscheite auf dem Boden liegen, meint sie noch immer das warme Licht und die Wärme der Flammen wahrnehmen zu können.
Im Nachthemd ist es frisch. Elise holt ihre weiße Strickjacke aus dem Schrank und hängt sie sich um. Sofort umhüllt sie eine angenehme und wohltuende Wärme. Das fühlt sich gut an. Langsam geht sie ins Wohnzimmer und lässt sich gemütlich in ihren Sessel sinken. Sie sieht auf die Kerze, die auf dem kleinen Tisch steht und darauf wartet, wieder angezündet zu werden.
Ein Schauer zieht sich durch ihren Körper. Von den Schultern bis in die Zehenspitzen. Mit einem Mal steht Elise kerzengerade vor ihrem Sessel. Ihre Augen sind vor Schreck weit geöffnet. Es ist Sonntag. Der zweite Advent. Adventssonntag. Die zweite Kerze kann angezündet werden. Elise hat aber noch gar keinen Adventskranz!

Da die Engel sich erst am 1. Dezember der nahe liegenden – und zwar sehr nahe liegenden – Adventszeit bewusst geworden waren, hatten sie den ersten Advent schon verpasst. Das war noch nie vorgekommen. Solange Elise denken kann, hatten sie den ersten Advent noch nie verpasst. Traurigkeit macht sich in ihr breit. Konnte denn jetzt Advent sein? So ohne die erste Kerze angezündet zu haben? Und kann sie denn heute einfach zwei Kerzen anzünden? Auf einmal? Sie wird unruhig und beginnt, nervös auf und ab zu laufen …
So plötzlich sie auch aus ihrem Sessel aufgestanden ist, so plötzlich bleibt sie auf einmal stehen und hält inne. So richtig hilft ihr die Lauferei nicht weiter. Elise fasst einen Entschluss: Sie möchte unbedingt einen Adventskranz haben. Also muss einer her. Einen Kranz hat sie nicht. Heute bekommt sie wohl auch keinen mehr.

Elise öffnet alle Schränke und Schubladen, in denen sie Dinge vermutet, die ihr bei der Gestaltung ihres Adventskranzes helfen könnten.
Da sind ein Holztablett, zwei große Kerzen, ein paar Zimtstangen, Sternanis und getrocknete Orangenscheiben. Sie wird nervös. Mehr findet sie beim besten Willen nicht. Elise schaut auf ihre Uhr … halb neun … Ob sie schon bei Emily klingeln kann? Draußen bricht der Tag an. Es ist kühl, doch der Himmel blau und die Sonne scheint in ihrem schönsten Gelb.
Elise erschrickt aus ihren Gedanken, als das Glöckchen an ihrer Tür bimmelt. Sie schließt den obersten Knopf ihrer Strickjacke, geht zur Tür und öffnet: „Emily! Dich schickt der Himmel!“, umarmt sie ihre Freundin erleichtert und bitte sie hinein. „Weißt du, was ich gerade mit Erschrecken festgestellt habe?“ Und sie erzählt, was sie seit dem frühen Morgen bewegt …
Emily hört sich alles in Ruhe an. Nach einer Pause sagt sie: „Mir ging es genauso. Und Emil, Egon und Emma auch. Wir haben alles zusammengetragen, was wir finden konnten und uns gefragt, ob du auch noch etwas für deinen Adventskranz benötigst. Wir haben zwar alle keine richtigen Kränze, dafür aber die schönsten und verschiedensten Adventskränze der letzten Jahre gezaubert. Unverwechselbar!“ Emilys Begeisterung und Erleichterung erfüllt den ganzen Raum. Elise schaut in den Korb. Da liegen Tannenzweige, Kerzen, Zitronenscheiben, kleine Holzsterne, Fichtenzapfen, verschiedenste Nüsse, Mandeln, und, und, und …
Sie traut ihren Augen nicht. „Und das ist alles noch übrig?“ Emily lächelt ihr aufmunternd zu und holt das Holztablett aus dem Wohnzimmer. Gemeinsam stellen sie noch zwei Kerzen dazu und dekorieren es ganz liebevoll. Schlicht, aber mit viel Gefühl.

Elise betrachtet ihren Adventskranz. Emily schaut sie abwartend an. Vor Erleichterung läuft eine Träne über ihr Gesicht. „Danke, flüstert sie leise „das ist der schönste Adventskranz, den ich je hatte.“
Sie setzt Wasser für heißen Früchtetee auf und kocht Milch für warmen Kakao. Dann zündet sie feierlich die ersten beiden Kerzen an. Ihre Haustür steht den ganzen Vormittag offen und jeder, der vorbeikommt, um den Adventskranz anzusehen, bekommt Kakao oder Tee und ein paar Zimtplätzchen. Es duftet herrlich nach Kerzenwachs, Schokolade, Früchten und Zimt.
Elise ist überglücklich und von Freude erfüllt. Ja. So ist der Advent.

 

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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