Die Buche. Eine Geschichte nicht nur zum Vorlesen

Die Buche ist ein imposanter Baum, der hunderte Jahre alt wird und Schutz bietet. Eine Naturgeschichte für Senioren.

Die Buche

Auf dem Dorfplatz stand eine alte Buche. Sie hatte schon viel erlebt: Dorffeiern und Schützenfeste, Kriege und Kämpfe, Pferdekutschen und Autos fuhren um sie herum.

Sie selber wurde im Laufe der Jahrzehnte immer größer und kräftiger. Im Frühling nisteten die Vögel in ihrer Krone und zwitscherten fröhlich. Im Sommer spendete sie mit ihren Blättern kühlen Schatten. Im Herbst wuchsen die Bucheckern, die früher von den Kindern gesammelt wurden und über die heute die Autofahrer schimpften. Eichhörnchen freuten sich über die Bucheckern und flitzten den Stamm rauf und runter. Früher kam auch noch der Straßenkehrer mit dem Pferdewagen und fegte das Laub mit dem Reisigbesen zusammen. Heutzutage kehrte die Maschine das Laub auf, dass der Laubbläser mit viel Krach zu großen Haufen zusammen geblasen hatte. Wenn es im Herbst richtig stürmte, dann brachen die morschen Zweige und Äste ab. Diese wurden von den armen Leuten aufgesammelt und als Brennholz verwendet. In einem Winter war es so kalt, dass ihre Äste vereisten und sogar mit lautem Knall brachen. Zum Glück wurde aber niemand getroffen.

Und viele Menschen hatte die Buche heranwachsen gesehen. Als Babys in ihren Kinderwagen wurden sie in den Schatten unter die Buche geschoben. Die Mütter saßen auf den Bänken und sprachen über Verdauungsprobleme und die ersten Zähne. Das hatte sich im Lauf der Jahre nicht geändert. Wenn die Kinder älter wurden, spielten sie unter der Buche Verstecken und Fangen, schleckten ein Eis im Sommer oder machten eine Schneeballschlacht im Winter. Als Heranwachsende trafen sie sich abends mit ihren Liebsten, küssten sich heimlich und schnitzten Herzen in die Baumrinde. Die Menschen feierten auch gerne, sie stellten Tische und Bänke um die Buche auf, aßen und tranken und Musiker spielten zum Tanz auf. Die alten Leute ruhten sich auch gerne im Schatten der Buche auf dem Dorfplatz aus. Dort trafen sie immer jemanden und konnten reden. Mit einer Pfeife im Mund oder dem Strickzeug auf dem Schoss konnte man das Leben im Dorf beobachten und daran teilnehmen.

Doch auch so manchen Trauerzug, der von der Kirche kam und rüber zum Friedhof ging, hatte die Buche gesehen. Der Lebenskreis schloss sich um wieder von vorne zu beginnen, wenn im Frühling die jungen Vögel schlüpften und die Mütter mit den Kinderwagen unter der Buche spazierengingen.

 


Monika

© by Monika Kaiser. Buchhändlerin, Betreuungskraft, Autorin bei Mal-alt-werden.de

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