Exklusiv: Aus dem Nest gefallen. Eine Geschichte nicht nur für Senioren

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Jetzt im Frühsommer findet man schon einmal die kleinen Vögelchen, die aus dem Nest gefallen sind. Aber was tut man dann mit ihnen? Eine Natur- und Hoffnungsgeschichte für Senioren

Aus dem Nest gefallen

Erich las wie jeden Morgen seine Zeitung auf der Terrasse als er ein leises Piepsen hörte. Er setzte seine Brille ab, stand mühsam auf und schlurfte in den Garten. „Wer piepst denn da so kläglich?“, fragte er sich und versuchte das Geräusch zu orten. Unter dem Apfelbaum auf der Wiese fand er dann ein kleines graues Vögelchen, das seinen Schnabel aufriss und herzzerreißend piepte.

„Na, du armer Kerl, bist du aus dem Nest gefallen?“, Erich schaute das Vögelchen besorgt an, „was mache ich denn mit dir? In das Nest zurücksetzen kann ich dich nicht, das ist zu hoch im Baum. Und eine Leiter kann ich nicht mehr hinaufklettern. Füttern könnte ich dich vielleicht, aber ich bin nicht so gut wie deine Eltern im Fliegenfangen. Hmm, da muss ich mal überlegen,“ Erich rieb über das unrasierte Kinn. Er schlurfte zurück auf die Terrasse, setzte sich auf den Gartenstuhl und trank noch eine Tasse Kaffee. Wenn er das Vögelchen – es war eine kleine Amsel – im Gras sitzenließ, würde es die Nachbarskatze holen und sich über das gefundene Fressen freuen. Das wollte Erich nicht, denn die Katze war eh schon so dick. Das kleine Kerlchen selber aufzupäppeln würde er wahrscheinlich nicht schaffen, dafür war er zu tatterig und zu langsam.

Aber er hatte eine Idee: Im Keller stand noch ein alter verrosteter Blumenständer, der war hoch genug, so dass die Katze nicht heran kam und groß genug, um ein kleines Nest für das Vögelchen zu bauen.



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Mühsam stieg Erich die Kellertreppe herunter und suchte den ollen Blumenständer. Natürlich fand er ihn in der letzten Ecke. Es dauerte etwas, bis er die Treppe mit dem sperringen Ding wieder heraufkam. Er suchte unter dem Apfelbaum einen standhaften und geschützten Platz, entstaubte den Blumenständer und baute aus etwas trockenem Gras ein kleines Nest. Dann bückte er sich nach der kleinen Amsel und nahm sie vorsichtig auf. Das war gar nicht so einfach, denn er konnte sich nicht mit seinem Stock abstützen und wäre fast kopfüber ins Gras gefallen. Aber alles ging gut und der kleine Vogel hatte genügend Platz in seinem neuen Zuhause.

„Jetzt bin ich aber mal gespannt, ob deine Eltern kommen und dich füttern“, Erich holte sich eine Wolldecke, machte sich eine Thermoskanne mit Tee und setzte sich so in seinen Gartenstuhl, dass er den Blumenständer gut beobachten konnte. Eine ganze Weile tat sich nichts und Erich nickte zwischendurch auf seinem Beobachtungsposten auch mal ein. Die dicke Katze schlich um den Blumenständer, wohl angelockt von dem kläglichen Piepsen, das immer noch erscholl. Erich verscheuchte sie aber. Und gegen Mittag flog doch wirklich eine große Amsel mit Wurm im Schnabel zum neuen Nest, setzte sich auf den Rand des Blumenständers und fütterte das Findelkind.

Bevor Erich ins Haus ging, schaute er noch einmal nach seinem kleinen Vögelchen und er hatte den Eindruck, dass der kleine Kerl ihn anschaute und sein Piepsen „Danke“ hieß.

 
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Monika

© by Monika Kaiser. Buchhändlerin, Betreuungskraft, Autorin bei Mal-alt-werden.de

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