Der schönste Tag – Eine Geschichte zum Vorlesen im Wonnemonat Mai

Heute haben wir für die Senioren eine Geschichte zum Vorlesen zum Wonnemonat Mai eingestellt.

Der schönste Tag

Er konnte kaum schlucken und Schweißperlen traten auf seine Stirn. Lag es an der engsitzenden Krawatte oder weil er so aufgeregt war? Heute war endlich der große Tag, auf den er sich so gefreut hatte und er war der glücklichste Mann auf der ganzen Welt. Die Gäste auf den Bänken raschelten mit ihren Gesangsblättern, hüstelten und flüsterten miteinander. Ab und zu drehte sich jemand um und wagte einen Blick durch das weit geöffnete Portal. Doch noch war die Hauptperson nicht in Sicht. Er schaute auf seine blankgeputzten Schuhe und erinnerte sich daran, wie alles begann:

Beim Tanz in den Mai war er ihr vor zwei Jahren begegnet und hatte sich sofort verliebt. Sie war so schön und lustig und intelligent! Er hatte den ganzen Abend nur mit ihr getanzt und sie dann nach Hause begleiten dürfen. Zum Abschied hatte er sie sogar küssen dürfen und ihre Telefonnummer bekommen! Ein Jahr lang waren sie regelmäßig ausgegangen und hatten sich kennengelernt. Und er wusste, dass sie die Richtige für ihn war. Letztes Jahr dann hatte er ihr einen Maibaum vor das Fenster gestellt und sie gefragt, ob sie ihn heiraten wolle. Er war schrecklich nervös gewesen. Was wäre, wenn sie „Nein“ sagen würde? Oder wenn ihr Vater etwas gegen ihn hatte? Doch seine Sorgen waren nur von kurzer Dauer. Sie hatte ihn mit großen Augen angeschaut als er vor ihr kniete und sogar vor Glück geweint als er ihr den Verlobungsring an den Finger steckte. Ihre Familie hatte ihn mit offenen Armen zu sich aufgenommen.

Seine Gedanken wurden jäh unterbrochen als die Kirchenglocken anfingen zu läuten und der Pastor vor den Altar trat. Er schaute seinen Trauzeugen an, der ihm zunickte. Das sollte wohl bedeuten, dass er die Ringe nicht vergessen hatte und sie sicher in seiner Jackettasche verwahrte. Wo blieb sie nur? Die Gäste wurden auch immer unruhiger. Ob sie es sich anders überlegt hatte? Das wäre eine Katastrophe! Verstohlen wischte er sich den Schweiß von der Stirn. Das Glockengeläut verstummte und die Orgel setzte mit Bachs „Jesu, bleibet meine Freude“ ein. Alle Gäste drehten sich um und sein Herz wummerte.

Da war sie! In einem wunderschönen weißen Kleid schritt sie am Arm ihres Vaters langsam auf ihn zu und lächelte ihn an. Seine Braut, die nun gleich seine Frau werden würde! Er war der glücklichste Mensch auf Erden an diesem schönsten Tag in seinem Leben!

Monika

© by Monika Kaiser. Buchhändlerin, Betreuungskraft, Autorin bei Mal-alt-werden.de

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