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Alkoholabhängigkeit im Alter


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Den Begriff Alkohol (aus dem Arabischen „Alkul“ = „das Feinste“) verwenden wir in unserer Alltagssprache für Äthanol. Gemeint ist dabei eine farblose Flüssigkeit, die entsteht wenn Kohlenhydrate, hauptsächlich Glukose, vergären. In Deutschland wird der Alkoholgehalt von Getränken in Prozent vom Gesamtvolumen angegeben (Volumenprozent). Je nach Getränk variiert der Alkoholgehalt von Getränken dabei immens. Während ein durchschnittliches Bier bei ca. 5,0 Vol. % liegt erreichen verschiedene Wein- und Obstbrände 50,0 Vol. % und mehr. Um solche hohen Werte zu erlangen, wird durch Gärung gewonnener Alkohol destilliert. Um herauszufinden, welche Masse an Alkohol in Gramm ein Getränk enthält, muss das Vol. % mit 0,8 multipliziert werden. Die Blutalkoholkonzentration wird in Promille angegeben, das bedeutet in Gramm Alkohol pro tausend Gramm Blut.

Im Körper

Durch die Schleimhäute gelangt Alkohol schnell in die Blutbahn und von dort in den gesamten Organismus. Die Zentren des Gehirns, welche für die Gefühle und das Bewusstsein zuständig sind, werden besonders im Hinblick auf die Informationsverarbeitung beeinflusst. Die Wirkung des Alkohols ist dabei am Anfang anregend, beruhigend sowie stimulierend und bei höheren Dosen betäubend sowie hemmend.

Je nach Dosis wird durch das Konsumieren von Alkohol auch Dopamin freigesetzt, dem eine „belohnende“ Wirkung des Alkohols zugeschrieben wird.

Im Alter verändern sich die Reaktionen des Körpers auf Alkohol. Durch eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Körperwasser und Körperfett kommt es bei älteren Menschen zu einer deutlich höheren Promille Anzahl, als wenn ein junger Mensch die gleiche Menge Alkohol konsumiert. Auch die Sensitivität des Gehirns gegenüber Alkohol nimmt im Alter zu .

In Kultur und Geschichte

In vielen Kulturen sind Getränke, die Alkohol enthalten, seit Jahrtausenden integriert. Schon im dritten Jahrtausend vor Christus hinterließen zum Beispiel die Sumerer detaillierte Beschreibungen für das Brauen von Bier. Für die alten Griechen war Wein nicht aus dem Alltag wegzudenken, während die Germanen Honigwein (Met) und Bier bevorzugten. In Mittel- und Nordeuropa war Bier bis zum 16. Jahrhundert ein Grundnahrungsmittel und wurde erst nach und nach von Kaffe, Tee und der Kartoffel teilweise verdrängt. Hochprozentiger Alkohol, der für die Bevölkerung erschwinglich war, verbreitete sich im 19. Jahrhundert, als man anfing, Branntwein industriell zu produzieren.

Alkohol ist ein fester Bestandteil der deutschen und vieler anderer Kulturen. Man denke dabei an das Glas Wein zum Essen, die Flasche Bier zum Grillen, das Sektfrühstück oder an Feste und Feiern generell. Wir befinden uns damit in einer Permissivkultur, in der die Menschen von Kindesbeinen an den unproblematischen Umgang mit Alkohol lernen. Gesetzlich eingeschränkt und zum Teil verboten ist der Verkauf und Konsum von Alkohol in Deutschland lediglich für Kinder und Jugendliche durch das Jugendschutzgesetz.

Am Arbeitsplatz, hinter dem Steuer und beim Gang zum Frisör oder zum Einkaufen ist Alkoholkonsum hingegen nicht gesellschaftlich anerkannt. Auch Trunkenheit und unkontrollierter Konsum wird weitestgehend abgelehnt. Es gibt also kulturelle Regeln im Umgang mit Alkohol, die wir lernen und im Normalfall einhalten.

Auch modische Erscheinungen spielen in diesem Zusammenhang eine nicht zu unterschätzende Rolle (Bsp.: das in den Medien viel diskutierte „Koma-Saufen“, welches in manchen Gruppen Jugendlicher sozial integriert und akzeptiert ist). Verschiedene Kulturen unterscheiden sich im Hinblick auf die Konsumregeln und -muster immens. In einigen Regionen trinken eher die jüngeren in anderen die älteren Mitglieder der Bevölkerung. In einigen Nationen wird eher bei den sozial Schwachen, in anderen eher in den sozial besser gestellten Bevölkerungsschichten konsumiert.

Konsum

Im Jahr 2005 lag der pro Kopf Verbrauch an alkoholischen Getränken in Deutschland bei ca. 144,6 Litern. Wenn man das auf reinen Alkohol bezieht sind das 10 Liter pro Kopf. Mit dieser Menge nimmt Deutschland innerhalb der EU und der Welt einen der vorderen Plätze ein. Dabei wird in Deutschland am häufigsten Bier konsumiert, gefolgt von Wein, Spirituosen und Schaumwein. In den letzten Jahren scheint sich dabei eine Tendenz zur Angleichung der Konsummuster sowohl zwischen Männern und Frauen als auch zwischen den verschiedenen Regionen abzuzeichnen.

Prinzipiell kann davon ausgegangen werden, dass der Alkoholkonsum im höheren Lebensalter zurückgeht. Hierfür werden verschiedene Gründe verantwortlich gemacht. Dazu gehört, dass verhältnismäßig wenige Alkoholabhängige ein hohes Lebensalter erreichen. Durch die Veränderung des Stoffwechsels tritt eine Verminderung der Alkoholtoleranz auf und chronische Erkrankungen sowie andere gesundheitliche Beschwerden führen zu einer Abnahme des Alkoholkonsums. Im Alter kommt es außerdem zu einer Reduktion von Dopamin im Gehirn. Dies könnte dazu führen, dass die „belohnende“ Funktion des Alkoholkonsums weniger wird.

Grenzwerte

Zwischen dem Pro-Kopf-Verbrauch von reinem Alkohol und der Anzahl von Alkoholbezogenen Krankheiten und Todesfällen gibt es eine Korrelation. Bei 200 einzelnen Erkrankungen sowie 80 Arten von Verletzungen und Unfällen ist bekannt, dass mit riskantem Alkoholkonsum auch ein erhöhtes Todesrisiko einhergeht.

Oft tauchen Grenzwerte auf, die einen unschädlichen Konsum garantieren sollen. Diese liegen meist bei ungefähr 20g Alkohol täglich bei Frauen und 30g Alkohol täglich bei Männern. Viele Experten halten diese Grenzwerte allerdings für zu hoch und allenfalls für gesunde Erwachsene im mittleren Lebensalter gültig. Auf Grund der abnehmenden Alkoholverträglichkeit liegen die Grenzwerte für Menschen höheren Alters in jedem Fall deutlich niedriger.

Alkoholabhängigkeit

Insgesamt sind in Deutschland ca. 1,6 Millionen Menschen alkoholabhängig, während ungefähr 2,65 Millionen Menschen Alkohol missbrauchen. Zusammen sind das in etwa fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung. Dabei sind Männer ungefähr doppelt so oft betroffen wie Frauen. Die Alkoholabhängigkeit zählt dabei als „sich selbst begrenzende Erkrankung“, die jährliche Mortalitätsrate liegt zwischen 1,6% und 3,7%. Am höchsten ist die Rate zwischen dem fünfzigsten und neunundfünfzigsten Lebensjahr mit 14%. Viele Erkrankte erreichen daher kein hohes Lebensalter. Alkohol kann sowohl eine körperliche als auch eine psychische Alkoholabhängigkeit erzeugen. Die für Alkoholerkrankungen typischen Verhaltensweisen gehen außerdem mit neuronalen Veränderungen einher.

Physisch und psychisch

Die körperliche Alkoholabhängigkeit kommt durch eine Adaption von Systemen und Organen des Körpers an den Organismus zustande. Bei einem Entzug kommt es dementsprechend zu körperlichen Symptomen (z.B. Schwitzen, übelkeit). Die psychische Alkoholabhängigkeit bezeichnet im Wesentlichen das unstillbare Verlangen einen Stoff zu sich zu nehmen. Sie hält wesentlich länger an und besteht wesentlich länger als die physische Alkoholabhängigkeit.

Alkohol wird dabei sowohl psychisch als auch physisch ein mittleres bis großes Suchtpotenzial zugeschrieben und zu den „harten“1 Drogen gezählt. Die Einteilung in „harte“ und „weiche“ Drogen ist allerdings prinzipiell umstritten.

Typen

Um den Facettenreichtum der Alkoholabhängigkeit vor Augen zu haben kann die klassische Einteilung nach Jellineck herangezogen werden. Jellineck sprach von Alpha-, Beta-, Gamma-, Delta und Epsilon- Alkoholikern.

Zu den Alpha-Alkoholikern gehören die so genannten Erleichterungstrinker. Sie konsumieren Alkohol um zu entspannen, um Angst und ärger zu vergessen und Hemmungen abzubauen. Psychisch ist dabei durchaus schon eine Alkoholabhängigkeit gegeben: Die Betroffenen sind aber in aller Regel noch dazu in der Lage das Trinken einzustellen.

Beta-Alkoholiker werden auch als Gelegenheitstrinker bezeichnet. Das soziale Umfeld hat dabei einen großen Einfluss auf das Trinkverhalten. Das Trinken wird durch einen entsprechenden Lebensstil zur Gewohnheit. Anlässe, wie Geburtstage, Einladungen, ein gemütlicher Fernsehabend häufen sich. Eine körperliche oder psychische Alkoholabhängigkeit besteht in aller Regel nicht. Eine Gefährdung ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Bei Gamma-Alkoholikern steht das eigentliche Merkmal der Alkoholabhängigkeit, der Kontrollverlust, im Mittelpunkt. Der Körper des Gamma-Alkoholikers ist bereits abhängig. Es kommen allerdings auch Perioden vor (bis hin zu einigen Monaten), in denen gänzlich auf den Konsum von Alkohol verzichtet wird.

Hinter dem Delta-Alkoholiker verbirgt sich der so genannte „Spiegeltrinker“. Er entwickelt sich häufig aus dem Beta-Alkoholiker. Um eine soziale Unauffälligkeit zu gewährleisten muss permanent eine bestimmte Alkoholkonzentration im Blut aufrechterhalten werden. Eine Abstinenz ist bei Delta-Alkoholikern nicht möglich.

Der Epsilon-Alkoholiker wird auch Quartalstrinker genannt. In zeitlichen Abständen entwickeln Betroffene einen Drang Alkohol zu konsumieren. Dieser Drang kündigt sich häufig schon Tage vorher an. Der Epsilon-Alkoholiker ist dann häufig unruhig und gereizt. Es folgen Trinkexzesse und Rauschzustände, die tagelang anhalten können. Es kommt zum Kontrollverlust, zu Hemmungslosigkeit und Gedächtnislücken. Außerhalb dieser Phasen leben sie oft über Wochen ohne Alkohol und ohne das Bedürfnis zu trinken. Epsilon-Alkoholiker sind alkoholkrank.

Verlauf

Wir haben es dabei in Deutschland meist mit dem Typ des Gamma-Alkoholikers zu tun. Die Krankheit verläuft nach Jellinek typischer Weise in vier verschiedenen Stadien.

Am Anfang steht die voralkoholische Phase, hier werden nur gelegentlich im Rahmen liegende Alkoholmengen konsumiert, um Spannungen abzubauen Es kommt häufig zu einem Ansteigen der Alkoholtoleranz und zu häufigerem Erleichterungstrinken. Betroffene und Angehörige sehen in dieser Phase meist keinen Anlass zur Beunruhigung.

Auf die voralkoholische Phase folgt die prodromale Phase. In ihr steigert sich der Alkoholkonsum auf Grund einer Toleranzsteigerung drastisch. Es folgen Räusche, in deren Folge dessen es häufig zu Erinnerunglücken kommt. Trinken ohne Gesellschaft und heimliches Trinken beginnen. Die Gedanken kreisen dabei ständig um das Thema Alkohol. Wenn Alkohol konsumiert wird, werden die ersten Gläser im „Sturztrunk“ konsumiert. Erste Schuldgefühle auf Grund des überhöhten Alkoholkonsums treten auf und Gespräche über das eigene Trinkverhalten werden abgeblockt.

In der kritischen Phase schließlich wird das Trinken zwanghaft und es kommt zum Kontrollverlust. Der Betroffene „bunkert“ Alkohol und kann den Konsum nicht mehr willentlich steuern. Oft kommt es in Folge einer ausgeprägten Gereiztheit und Affektlabilität zu Schwierigkeiten mit dem sozialen Umfeld. In Folge dessen kommt es häufig zu einem sozialen Abstieg. Hilfeangebote werden meist abgelehnt. Die ersten physischen Folgen des Alkoholkonsums treten auf.

In der chronischen Phase sind Entzugserscheinungen, vor allem morgens, an der Tagesordnung. Der Alkoholkonsum wirkt dabei wie eine Besessenheit. Wenn keine alkoholhaltigen Getränke in Reichweite sind, wird auf Dinge wie Haarwasser oder Rheumamittel zurückgegriffen. Der Abbauprozesse in allen Bereichen sind stark. Die Alkoholtoleranz sinkt auf Grund des Versagens der Leber wieder. Es kommt zu körperlichen Komplikationen wie toxischen Hirnschädigungen und Delirien.

Formen von Alkoholabhängigkeit im Alter

Bei älteren Menschen, welche an einer Alkoholabhängigkeit leiden, wird zwischen zwei grundlegenden Typen unterschieden: Late-onset und Early-onset. Der Fokus liegt bei dieser Einteilung auf dem Krankheitsbeginn Late-onset (später Krankheitsbeginn), Early-onset (früher Krankheitsbeginn). Die Einteilung variiert dabei von Autor zu Autor. Teilweise wird das 50., teilweise das 55. oder auch das 60. Lebensjahr als Grenze herangezogen. ähnlich ist das geschätzte Verhältnis von Late-onset und Early-onset von ungefähr 2 zu 1

Zu berücksichtigen ist bei einer solchen Zuordnung, dass Betroffene, welche sich in einer Therapie befinden, die Krankheit als viel länger in die Vergangenheit reichend erkennen, als am Anfang einer Therapie. Am Anfang wird das Bestehen der Krankheit häufig als sehr kurz wahrgenommen.

Die Early-onset-Alkoholiker scheinen im Vergleich zu den Late-onset-Alkoholikern psychisch instabiler zu sein. In dieser Gruppe gibt es außerdem viele geschiedene oder ledig gebliebene, männliche Betroffene. Schulbildung und berufliches Niveau sind tendenziell niedriger. Es scheint eine Tendenz zu diskontinuierlichem und exzessivem Trinkverhalten zu geben. Während es seltener zu zusätzlichem Missbrauch anderer Substanzen kommt, sind Entzugssyndrome häufiger. Die Behandlung ist gegenüber Late-onset-Alkoholikern schwieriger und die Prognose ungünstiger. Zum medizinischen Hilfesystem haben sie kaum Kontakt. Man findet sie eher in Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen.

Im Vergleich zu den Early-onset-Alkoholikern sind Late-onset-Alkoholiker häufiger weiblich und verfügen über feste soziale Bindungen. Das Niveau der Bildung ist tendenziell höher und der Trinkstil moderater und kontinuierlicher. Häufig sind sie auch im Vorruhestand. Oft kommt es zu einem zusätzlichen Missbrauch von Medikamenten. Eine Betreuung findet hauptsächlich durch den Hausarzt statt, während zu Selbsthilfegruppen kaum Kontakt besteht. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass besonders dem späten Beginn einer Alkoholkrankheit häufig kritische Lebensereignisse vorhergehen. Alkohol als Bewältigungsmittel für Konflikte einzusetzen ist jedoch eine Strategie, welche auch Late-onset-Alkoholiker meist schon aus früheren Jahren kennen. Sehr selten wird Alkohol als „Bewältigungsmittel“ erst im höheren Lebensalter entdeckt.

Nur unbefriedigend lässt sich in der Praxis eine dritte Gruppe zuordnen. Das sind Betroffene, welche nach Alkoholproblemen in jüngeren Jahren über einen langen Zeitraum abstinent lebten und erst im Alter früheres Trinkverhalten wieder aufnehmen.

Diagnose

Im Wesentlichen gibt es zwei Säulen, auf welchen die Diagnose einer Alkoholabhängigkeit ruht. Erstens die Leitsymptome und zweitens verschiedene Laborwerte. Die Leitsymptome finden wir in der ICD-10 zusammengefasst. Grundsätzlich gelten auch bei älteren Menschen die Diagnosekriterien des ICD-10 sowie des DSM IV. Etabliert haben sich außerdem geriatrische Versionen des MAST1 (sowie dessen kürzere Version, der S-MAST) und das CAGE-Interview. Die herkömmliche Version des MASTs und anderer Screeningtests, wie auch der MALT-Test1 sind schlechter geeignet. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass die abgefragten Parameter (Trinkmenge, Gesundheitsprobleme, Abhängigkeits- und Trunkenheitssymptome, soziale Auffälligkeiten) altersbedingt verändert sind.

Zu den Verhaltensauffälligkeiten, welche auf eine Alkoholkrankheit im Alter hinweisen gehören das Nachlassen von kognitiven Funktionen, Verwirrtheitszustände, Interessenlosigkeit, sozialer Rückzug, persönlichkeitsfremdes Verhalten, Vernachlässigung der Körperhygiene, Fehlernährung und daraus resultierende Gewichtsabnahme, Gangunsicherheit und Stürze, Schlafstörungen sowie Angst. Außerdem sind häufig ein riskantes Fahrverhalten, jedoch signifikant weniger häufig als bei jüngeren Betroffenen, und eine hohe Belastung der Angehörigen sowie Nachbarschaftskonflikte zu beobachten. Auftretende Komplikationen können auch in Form von affektlabilem, enthemmtem oder suizidalem Verhalten zum Ausdruck kommen oder sich in einer wahnhaften Entwicklung äußern. Die auftretenden psychischen Störungen wiegen schwerer, besonders kognitive Beeinträchtigungen, Tagesmüdigkeit, Schwächegefühl und Bluthochdruck. Delirsymptome (z.B. Tremor, schwitzen, halluzinieren) sind hingegen ähnlich häufig, wie bei jüngeren Alkoholkranken.

Zu den Verhaltensauffälligkeiten, welche auf eine Alkoholkrankheit im Alter hinweisen gehören das Nachlassen von kognitiven Funktionen, Verwirrtheitszustände, Interessenlosigkeit, sozialer Rückzug, persönlichkeitsfremdes Verhalten, Vernachlässigung der Körperhygiene, Fehlernährung und daraus resultierende Gewichtsabnahme, Gangunsicherheit und Stürze, Schlafstörungen sowie Angst. Außerdem sind häufig ein riskantes Fahrverhalten, jedoch signifikant weniger häufig als bei jüngeren Betroffenen, und eine hohe Belastung der Angehörigen sowie Nachbarschaftskonflikte zu beobachten. Auftretende Komplikationen können auch in Form von affektlabilem, enthemmtem oder suizidalem Verhalten zum Ausdruck kommen oder sich in einer wahnhaften Entwicklung äußern. Die auftretenden psychischen Störungen wiegen schwerer, besonders kognitive Beeinträchtigungen, Tagesmüdigkeit, Schwächegefühl und Bluthochdruck. Delirsymptome (z.B. Tremor, schwitzen, halluzinieren) sind hingegen ähnlich häufig, wie bei jüngeren Alkoholkranken.

Die internistisch-neurologische Untersuchung sollte sich hingegen auf Alkoholfolgeschäden und -krankheiten konzentrieren. Auch eine verminderte Krankheitsresistenz kann einen Hinweis darstellen.

Schwierigkeiten der Diagnose

In mehr als 50% der Fälle von Alkoholabhängigkeit im Alter kommt es zu Fehldiagnosen. In einer US-amerikanischen Studie wurden bei Hausärzten ca. 60% der jüngeren Alkoholiker richtig diagnostiziert aber nur 37% der älteren.

Ältere Menschen mit Alkoholproblemen klagen oft über ungenaue Beschwerden geriatrischer Art. Häufig stehen bei der Anamnese Stürze, Durchfall, Harnblasenschwäche oder Anzeichen einer Fehlernährung auf der physiologischen Seite im Mittelpunkt. Auf der psychologischen Seite wird oft Gedächtnisschwäche, mangelnde Körperhygiene, Interessen- und Antriebslosigkeit sowie ein zunehmender sozialer Rückzug beklagt. Daraus resultierend interpretieren Fehldiagnosen häufig eine beginnende Alzheimerkrankheit, depressive Störungen oder Begleiterscheinungen einer Polymedikation. Auch die Komorbidität gerade mit Krankheiten, wie zum Beispiel Depression und Demenz stellt ein selbständiges Hindernis bei der Diagnose dar. Die gravierenden Auswirkungen, welche selbst geringe Mengen Alkohol auf den Organismus älterer Menschen haben, werden von ärztlicher Seite oft unterschätzt.

Der Trinkstil älterer Menschen mit einer Alkoholabhängigkeitsproblematik unterscheidet sich, bedingt durch die schlechtere Verträglichkeit, außerdem häufig weniger deutlich von dem „sozial akzeptierten“. Zu berücksichtigen ist außerdem, dass alkoholkranke ältere Menschen und vor allem die betroffenen Frauen meist hinter verschlossenen Türen trinken, in der öffentlichkeit also nicht präsent sind. In den meisten Fällen nehmen sie nicht mehr aktiv am Erwerbsleben teil, wo Abwesenheiten, Unpünktlichkeit und Unfälle schnell auffallen. Viele haben auch das Autofahren aus verschiedensten Gründen bereits aufgegeben und sind somit nicht in selbstverursachte Unfälle oder Verkehrskontrollen involviert. Unter Alkohol Einfluss ausgeübte Straftaten fallen ebenfalls weniger ins Gewicht. Zusätzlich kommen besonders stark ausgeprägte Verleumdnungstendenzen auch auf Seiten der Angehörigen erschwerend hinzu. Nicht unterschätzen sollte man außerdem die bei ärzten aktiven Alters-Stereotype. Gesamtgesellschaftlich wird auch chronischer Alkoholkonsum bei Älteren Menschen nur selten negativ bewertet. Hinzukommt der Altersunterschied zwischen Betroffenen und Diagnosesteller. Alte Menschen empfinden es als beschämend von einem jungen Menschen der Alkoholabhängigkeit „bezichtigt“ zu werden während junge Leute ungern das „Verhalten“ Älterer kritisieren wollen. Die bei dem Verdacht auf Alkoholabhängigkeit zum Einsatz kommenden Laborparameter sind bei älteren Alkoholikern weniger sensitiv. Gamma GT1 ist zum Beispiel bei 90% der jüngeren Alkoholiker erhöht und nur bei 50% der Älteren.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Symptome oft vieldeutig, indirekt und unspezifisch sind. Es liegt häufig eine hohe Überschneidungsrate der Symptome mit geriatrischen Krankheitsbildern vor. Scham, Zurückhaltung und Stereotype auf Seiten von Diagnosesteller und Betroffenen tun ein Übriges um eine korrekte Diagnose zu verhindern. Von einer hohen Dunkelziffer ist auch aufgrund der dargestellten Schwierigkeiten bei einer Diagnose auszugehen.

Folgeschäden

Bei älteren Menschen ist aufgrund der höheren Sensibilität gegenüber Alkohol bei einer geringen Alkoholaufnahme mit einer Intoxikation zu rechnen. Entzugssymptome halten häufig länger an und haben einen schwereren Verlauf. Für die stärkeren Entzugssyndrome werden verschiedene mögliche Gründe diskutiert. Erstens ein empfindlicheres Nervensystem, zweitens der langjährige Alkoholkonsum bei Early-onset-Alkoholikern und drittens das Einsetzen eines Kindlingmechanismusses. Schäden am zentralen Nervensystem treten häufiger auf als bei jüngeren Alkoholikern.

In ca. 7% der Fälle von Alkoholabhängigkeit im Alter treten Delire und in ca. 14% der Fälle Anfälle als Entzugssyndrome auf. Seit den 60er Jahren ist bekannt, dass die Mortalität bei einem Delirium tremens bei alten Menschen signifikant erhöht ist. Sie treten bedeutend häufiger bei Early-onset Alkoholikern, als bei Late-onset Alkoholikern auf. Besondere Aufmerksamkeit ist im Alter auf jeden Fall der differential Diagnostik zu widmen, da es häufiger andere Erkrankungen gibt, welche ein Delir auslösen können. Sowohl bei Alkoholabhängigen Menschen, als auch bei älteren Menschen kommt es häufig zu Suizidalität. Interessant wäre es zu wissen wie hoch die Suizidalität ist, wenn beide Faktoren in Kombination auftreten.



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Schwierigkeiten bei einer Differentialdiagnostik kann das Auftreten eines Korsakow-Syndroms bereiten. Bei älteren Betroffenen kann es leicht mit einer Alzheimererkrankung verwechselt werden.

Schwierigkeiten bei einer Differentialdiagnostik kann das Auftreten eines Korsakow-Syndroms bereiten. Bei älteren Betroffenen kann es leicht mit einer Alzheimererkrankung verwechselt werden. Wie die Häufigkeit der Einnahme von Medikamenten nehmen auch deren Nebenwirkungen und Intoxikationen zu, was in Kombination mit einem hohen Alkoholkonsum besonders kritisch ist. Schuld daran ist vor allem die verringerte Kapazität der Leber zur Detoxikation. Bei der gleichen Trinkmenge haben Frauen mit schwerwiegenderen Folgen ihres Alkoholkonsums zu rechnen. Dies ist vor allem auf die Tatsache zurückzuführen, dass Frauen Alkohol schlechter metabolisieren können. Zwischen den Trinkgewohnheiten älterer Menschen und dem Risiko an einer Demenz zu erkranken scheint ein Zusammenhang zu bestehen. Es ist allerdings bei kognitiven Störungen aller Art eine besonders langfristige Beobachtung zu gewährleisten, da sie sich bei Abstinenz häufig noch nach Monaten oder mehreren Wochen zurück bilden.

Alkoholabhängigkeit in Alten- und Pflegeheimen

Überdurchschnittlich hoch scheint die Verbreitung von Alkoholabhängigkeit Studien zufolge in Alten- und Pflegeheimen zu sein. Ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung, die das 65. Lebensjahr vollendet hat, leben in Alten- und Pflegeheimen. Bei Heimeintritt waren davon einer Mannheimer Studie zufolge 7,5% der Bewohner alkoholkrank. Dabei war auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern vergleichsweise hoch (19,3% der Männer und 3,8% der Frauen).

Schäufele, Weyerer und Zimber (1996) sprechen in diesem Zusammenhang von „heimlichen“ Versorgungseinrichtungen für ältere Menschen mit Alkoholproblemen. Gleichzeitig bemängeln sie die mangelnden personellen Kapazitäten und fachlichen Kompetenzen für den Umgang mit Betroffenen. In Alten- und Pflegeheimen sollte eine änderung des Trinkverhaltens ein Ziel darstellen. Besonders hier ist die Verschlechterung von dementiellen Syndromen wie Stürzen und häufigeren Verwirrtheitszuständen hervorzuheben, da hieraus häufig eine erhöhte Pflegebedürftigkeit resultiert.

Alten- und Pflegeheime sind dabei in ihrer Konzeption von Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe in für Abhängigkeitserkrankte wichtigen Punkten grundverschieden. In Einrichtungen der Suchtkrankenhilfe werden Betroffene systematisch Konflikt erzeugenden Begebenheiten ausgesetzt. Hierdurch soll die Fähigkeit zur Bewältigung von Konflikten trainiert werden. In Alten- und Pflegeheimen neigen die Betreuenden, dazu ihre Bewohner vor Konflikten zu schützen. Konflikte der Bewohner können in vielen Fällen auf Grund einer eingeschränkten Kommunikationsfähigkeit nicht aufgelöst werden. Gemeinsam ist beiden Arten von Einrichtungen, dass sie versuchen ihren Klienten einen strukturierten Tagesablauf zu ermöglichen. In Alten- und Pflegeheimen gibt es jedoch häufige Leerläufe, die Platz für Langeweile und Unausgefülltheit lassen.

Essentiell für Rehabilitationseinrichtungen ist außerdem ein striktes Regelsystem, welches die Abhängigen stützt und die Abstinenz sichert. Ein solches Regelsystem widerspricht dem Grundgedanken in den meisten Alten- und Pflegeheimen. Hier sollen die Bewohner so selbstständig wie möglich leben. Eine Bevormundung entspricht zwar häufig der Realität wird aber grundsätzlich abgelehnt.

Alten- und Pflegeheime können wahrscheinlich eine gute Stütze für Alkoholabhängige sein. Der konfliktarme Raum und die Tagesstrukturierung könnten Ihnen helfen mit der Alkoholabhängigkeit umzugehen. Mit Rehabilitationseinrichtungen sind sie allerdings nicht zu vergleichen.

Quellen:
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Natali

© by Natali Mallek. Dipl. Sozialpädagogin/ Sozialarbeiterin, Gedächtnistraininerin (BVGT) und Master of Arts "Alternde Gesellschaften".

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