Silvester. Eine Hoffnungsgeschichte

An Silvester lassen wir das alte Jahr Revue passieren. Was war schlimm und was hat uns gut getan? Lesen Sie diese Hoffnungsgeschichte den Senioren vor und sprechen Sie anschließend über die eigenen Erfahrungen.

Silvester

Heute war der letzte Tag des Jahres – Silvester. Gleich sollte es eine Feier geben – im Aufenthaltsraum hatten die Betreuungskräfte schon alles festlich mit Luftschlangen und Girlanden geschmückt. Aber bevor Karl-Heinz sich zu den anderen Bewohnern gesellen wollte, saß er noch ein Weilchen in seinem Sessel am Fenster und ließ das alte Jahr Revue passieren.
Erika war Anfang des Jahres gestorben. Nicht nur an Corona, es war vor allen Dingen der Krebs, den sie irgendwann nicht mehr bezwingen konnte. Da Karl-Heinz durch sein Parkinson nicht mehr gut laufen konnte, oft stürzte und sich sowieso nicht im Haushalt zurecht fand, beschlossen die Kinder, dass er in einem Pflegeheim besser aufgehoben wäre. Das Haus wurde verkauft, um den Platz in der Seniorenresidenz zu bezahlen und im Sommer zog Karl-Heinz dann hier ein.

Er hatte den Eindruck, dass er gar nicht mehr selber über sein Leben bestimmen konnte und das machte ihm sehr zu schaffen. Früher hatte er eine Firma geleitet und immer alle Fäden in der Hand gehalten. Jetzt fühlte er sich wie eine Marionette, die selber an Fäden hing.
Kaum dass er Zeit und Ruhe fand, um um Erika zu trauern. Dann kam diese heimtückische Krankheit dazu, die ihn immer hilfloser machte. Das die Kinder das Haus so schnell mir nichts dir nichts verkauften, konnte er ihnen lange nicht verzeihen. Es war sein Elternhaus. Er war dort aufgewachsen und hatte sein ganzes Leben dort verbracht. Er hatte das Haus eigenhändig renoviert und in jeder freien Minute im Garten gearbeitet. Jetzt war es pfutsch.

Das die Kinder – vor allen Dingen die Tochter – alles für ihn regelten, war zwar sehr nett von ihnen, aber er fühlte sich doch oft bevormundet. Tja und nun saß er hier in seinem Zimmer im Pflegeheim und musste sich eingestehen, dass es ihm hier gut ging.
Die Krankheit war mittlerweile so fortgeschritten, dass er ohne Hilfe nicht mehr auskam. Hier waren nette Pfleger – und auch hübsche Pflegerinnen – die sich immer gut um ihn kümmerten, mal ein Späßchen machten und trotz stressigen Zeiten ein Wort und ein Lächeln für ihn übrig hatten. Das Essen war sehr gut und immer viel zu viel. Ab und zu wurde sogar in der Küche sein Lieblingsessen gekocht. Der Krankengymnast kam dreimal in der Woche zu ihm und auch sonst fand viel Sport statt. Und immer war irgendetwas los – Spiele, Feste und Feiern. Im Garten konnte er auch mithelfen und spazieren gehen und fühlte er sich zu unsicher, fand er immer eine nette Begleitung. Die anderen Bewohner waren ganz in Ordnung. Es fand sich auf jeden Fall immer jemand, mit dem er sich unterhalten konnte. Er hatte sogar zwei Skatbrüder gefunden und oft saßen sie abends noch ein Stündchen im Aufenthaltsraum und spielten eine Runde. Sein Zimmer durfte er mit persönlichen Möbeln und Dingen ausstatten und es war ganz gemütlich geworden.
Als Karl-Heinz also so am letzten Tag des Jahres überlegte, wie es ihm ging, musste er sich eingestehen, dass er zwar traurig war, sein altes Leben verloren zu haben, aber die kommenden restlichen Jahre seines Lebens konnte er hier gut aushalten.

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Monika

© by Monika Kaiser. Buchhändlerin, Betreuungskraft, Autorin bei Mal-alt-werden.de

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