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Der Brief. Eine Hoffnungsgeschichte

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Wie stark eine Freundschaft sein kann, dass erfahren wir in dieser Geschichte für Senioren

Der Brief

Es war ein kühler Herbstnachmittag. Der Wind trieb die Wolken über den Himmel und blies die Blätter von den Bäumen. Regentropfen schlugen ans Fenster. Anne hatte schon die Leselampe anmachen müssen um die alten, vergilbten Fotos in ihrem abgegriffenen Album betrachten zu können. Lange starrte sie auf das Bild von Elli, wie sie lachend in die Kamera schaut und ihren Arm um Annes Schulter legt.

Elli war ihre beste Freundin. Sie kannten sich von klein auf, weil ihre Familien Nachbarn gewesen waren. Ellis Mutter musste arbeiten gehen, und deswegen verbrachte Elli viel Zeit bei Annes Familie, die Elli alle gern hatten.

Anne und Elli waren unzertrennlich. Sie saßen während der gesamten Schulzeit nebeneinander und halfen sich bei den Hausaufgaben, jeden Nachmittag verbrachten sie zusammen und teilten ihre geheimsten Geheimnisse miteinander. Später gingen sie zusammen auf Partys, trösteten sich gegenseitig bei Liebeskummer und hörten einander zu, wenn es Probleme auf der Arbeit gab.

Dann lernte Elli Jim kennen. Jim war amerikanischer Besatzungssoldat und Elli war total verknallt. Sie heiratete sogar ihren Jim. Anne befürchtete, dass Jim irgendwann wieder zurück nach Amerika gehen würde und Elli dann auch fort wäre. So kam es dann auch.

Die beiden Freundinnen waren untröstlich und weinten sehr. Sie versprachen sich, immer zu schreiben und sich mindestens ein mal im Jahr zu besuchen. Anne war kreuzunglücklich, als Elli mit dem Taxi zum Flughafen fuhr und winkte ihr lange hinterher.

Einige Jahre lang schrieben sich die Freundinnen wöchentlich und schickten regelmäßig Fotos von ihren Kindern. Zu besonderen Anlässen telefonierten sie und Elli kam sogar einmal zu Annes fünfzigsten Geburtstag aus Amerika zu Besuch.

Doch dann riss der Kontakt auf einmal ab. Es kamen keine Briefe mehr und wenn Anne die bekannte Telefonnummer wählte, kam nur die Ansage „The number you have dialed is not available.“



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Irgendwann gab Anne die Hoffnung auf. Doch sie dachte seit dreißig Jahren jeden Tag an Elli und hätte sie für ihr Leben gern noch einmal in den Arm genommen.

Und dann kam der Brief. Am nächsten Tag klapperte der Briefschlitz in der Haustür und ein dünner blauer Luftpostbrief, mit vielen Marken darauf, viel auf die Türmatte.

Annes Herz begann ganz schnell zu schlagen. Sie hob den Brief auf und setzte sich mit ihm an den Küchentisch. Sie drehte ihn in den Händen hin und her, aber sie hatte Angst, ihn zu öffnen. Es war klar, dass er von Elli war, denn ihr Name stand auf der Rückseite. Doch ihre Schrift war es nicht.

Nach einiger Zeit hatte sich Anne soweit wieder gefasst, dass sie den Mut aufbrachte, den Brief zu öffnen.

Elli schilderte in kurzen Worten, warum sie sich so lange nicht gemeldet hatte. Sie und Jim hatten einen Autounfall, bei dem Jim ums Leben kam und sie sehr schwer verletzt worden war. Sie brauchte sehr lange, bis sie körperlich einigermaßen wieder hergestellt war, doch musste sie seitdem im Rollstuhl sitzen. Auch hatte sie bei dem Unfall ihr Gedächtnis verloren und es brauchte sehr lange, bis sie ihre Erinnerungen wieder hatte. Es täte ihr sehr leid, dass Anne sich doch bestimmt Sorgen gemacht hätte. Ihre Enkeltochter hätte ihr sehr geholfen, sie wäre es auch, die den Brief für Elli schrieb. Elli hätte sich soweit erholt, dass sie sich zutraue die lange Reise nach Deutschland anzutreten und ob sie Anne besuchen dürfe?

Anne freute sich sehr, obwohl ihr auch leid tat, was geschehen war. Am Abend rief sie die Telefonnummer an, die im Brief angegeben war und sprach mit Ellis Enkelin. „Ja, die Grandma wolle unbedingt nach Deutschland und am liebsten würde sie auch in der alten Heimat ihren Lebensabend verbringen.“ Anne antwortete ganz spontan und überglücklich: „Ich habe ein großes Haus und viel Platz. Elli soll kommen.“



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Monika

© by Monika Kaiser

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