Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz…

Im Gespräch mit Anneke Wilken vom Kompetenzzentrum Demenz in Schleswig-Holstein

Hallo Frau Wilken, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Anneke Wilken. Ich bin exam. Krankenschwester und habe nach ca. 8 Jahren in dem Beruf Soziale Arbeit studiert mit dem Schwerpunkt Altenhilfe. Nach einigen Jahren in der Beratung bin ich seit Anfang des Jahres beim Kompetenzzentrum Demenz in SH.

Ihr Projekt „Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz“ hat die Neugier in uns geweckt! Erzählen Sie uns etwas darüber?

Das Projekt ist in Kooperation mit der Landwirtschaftskammer SH entstanden. Bis September 2017 ist es ein Projekt der Lokalen Allianzen für Menschen mit Demenz. Danach wird es ganz beim Kompetenzzentrum angesiedelt. Wir informieren, motivieren und beraten landwirtschaftliche Betriebe. Hierzu bieten wir Fortbildungen, Arbeitskreise und kommen direkt auf den Hof oder in den Betrieb, z.B. Gärtnerei und beraten vor Ort. Wir unterstützen bei der Wahl eines passenden Angebots für die einzelnen Höfe und begleiten bei der Entstehung des Projekts. Das z.B. kann die Antragstellung für ein niedrigschwelliges Betreuungsangebot, der Aufbau einer Tagespflege oder eines Wohnprojektes sein. Wir unterstützen ebenfalls beim Aufbau eines Netzwerkes, bei der Öffentlichkeitsarbeit und bei Auftaktveranstaltungen, sowie bei Jahreszeiten- und Themenkursen oder beim einfachen Besuch des Bauernhofcafés.

Warum eignen sich gerade Bauernhöfe als Orte für die Beschäftigung von Menschen mit Demenz?

Viele ältere Menschen haben ihre Wurzel auf dem Land oder sind sogar auf einem Hof groß geworden. Gerade für Menschen mit Demenz sind die Momente auf dem Bauernhof oft sehr berührend und aktivierend. Der Kontakt mit Tieren und die Landluft bringen sehr oft Gefühle zu Tage, die in den Menschen schlummern.

Welche Angebote können die demenziell veränderten Menschen auf den Bauernhöfen wahrnehmen?

Die Hofbesitzer und Ehrenamtlichen, die für das niedrigschwellige Angebot die Menschen auf dem Hof begleiten, haben ganz unterschiedliche Angebote. Sie richten sich nach den Menschen, die das Angebot nutzen und deren Empfindungen und Wünschen. Dies geht von einem Spaziergang, beobachten, streicheln und füttern der Tiere, z.B. typische Hoftiere oder exotische Alpakas, bis zu handwerklichen Anregungen wie Buttern oder basteln mit Naturmaterialien. Kaffee, Kuchen und anregende Gespräche (z.T. auf platt) sind immer mit dabei.

Wie wird das Projekt von den Betroffenen bzw. deren Familien oder Pflegeeinrichtungen angenommen?

Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Pflegeeinrichtungen sind begeistert und organisieren Ausflüge auf die Höfe. Das Angebot für Angehörige und die Menschen mit Demenz sichtbar zu machen, daran arbeiten wir. Auch hier sind die Hürden der ländlichen Räume zu nehmen und noch Aufklärungsarbeit zu leisten. Viele wissen nicht von den Geldern, die für alltagsentlastende Leistungen von der Pflegekasse zu Verfügungen stehen. Auch die Verhinderungspflege kann ein Angehöriger mit diesem Angebot nutzen.

Wie werden die Bauernhöfe bzw. die Landwirte auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Besucher vorbereitet?

Die Landwirte besuchen, ebenso wie die Ehrenamtlichen eine 30 Stunden Schulung zum Thema Demenz. Jedes Angebot braucht eine Fachkraft im Hintergrund und als Ansprechpartner. Unsere Beraterin kommt auf den Hof und unterstützt gemeinsam mit der Landwirtschaftskammer bei Fragen zu Förderung, Räumlichkeiten usw. Weiter bieten wir Fortbildungen zu unterschiedlichen Themen an, die auch besucht werden. Eine Landwirtin ist auch schon Betreuungskraft in einem Altenheim gewesen.

Wie wird das Projekt von den Landwirten angenommen? Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Gastgebern?

Das Projekt weckt großes Interesse. Zu den bisherigen Infoveranstaltungen und Arbeitskreisen kommen immer andere Neugierige. Durch die Kooperation mit der Landwirtschaftskammer kommen auch viele Bauernhofpädagogen. Dies bietet sich natürlich an. Das Angebot kann gut an ein bereits bestehendes Projekt angedockt werden.

Können Sie vielleicht eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrem Projekt erreichen können?

Ich war bei der Auftaktveranstaltung auf einem unserer Höfe. Eine Dame, die sonst nur noch wenig spricht, hat die Tiere vor Ort intensiv gestreichelt und mit ihnen gesprochen. Das war ein sehr berührendes Erlebnis, auch für die Betreuerin aus der Wohngemeinschaft. Bei dem anschließenden Spaziergang hat sie sogar ein Wanderlied mitgesungen.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ein flächendeckendes Angebot für Menschen mit Demenz, das die Landwirte ganz individuell gestalten. Weiterhin schöne Momente für die Menschen mit Demenz und freie Zeit für die pflegenden Angehörigen. Engagierte Ehrenamtliche und Hofbesitzer, die ebenfalls wunderbare Erlebnisse haben. Hierfür müssen die ländlichen Räume geschlossen und überwunden werden. Wie Sie sehen, habe ich viele Wünsche. Ich finde aber sie sind, zumindest zum Teil schon jetzt erfüllt.

Herzlichen Dank, Frau Wilken !!!

Zur Internetseite: demenz-sh.de

Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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