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Pflege in Bewegung – Für die Menschenwürde!

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Im Gespräch mit Marcus Jogerst-Ratzka vom Verein „Pflege in Bewegung e.V.“

 

Hallo Herr Jogerst-Ratzka, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Marcus Jogerst Ratzka, 42 Jahre, Krankenpfleger, Geschäftsführer von Pflegeeinrichtungen und stellv. Vorsitzender von Pflege in Bewegung e.V.

Der Verein „Pflege in Bewegung e.V.“ wurde im September 2016 gegründet. Was hat Sie und Ihre Vereinskollegen dazu bewegt?

Es war eine strategische Entscheidung. Viele unsere Vorstandsmitglieder waren schon bei „Pflege am Boden“ aktiv. Wir merkten aber, dass wir aus unserer passiven Haltung herauskommen mussten, um den Druck auf die Politik und die Akteure zu erhöhen. Wir haben den Eindruck, es haben sich viele Vertreter der Pflege ganz gut eingerichtet in unserem Mangel und Notstand. Die Pflegewissenschaftler sollten sich weigern neue, nicht umsetzbare Standards zu entwickeln. Vielmehr sollten sie sich mit uns zusammen für ausreichende Personaldecken einsetzen um den Druck an der Basis nicht weiter zu erhöhen.
Im Moment wird eine Scheinwelt aufgebaut und aufrechterhalten. Mit nachhaltiger pflegerischer Entwicklung hat das nichts zu tun. Ein einfaches Beispiel ist die Situation der Keimverschleppung in den Kliniken. Eine Pflegekraft müsste ca. zwei Stunden am Tag die Hände desinfizieren. Das ist der Standard, der nach vorne gehalten wird und dahinter kann die Pflegekraft nichts davon umsetzen.

Welche Ziele haben Sie? Was möchten Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Zunächst ist unser oberstes Ziel, eine hochwertige und menschenwürdige pflegerische Versorgung in Deutschland zu erreichen und auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen für Pflegende. Hierfür gibt es viele verschiedene Stellschrauben. Pflege in Bewegung e.V. hat bereits im Mai ein Strategiepapier dazu vorgestellt. Hierbei haben wir uns ganz einfach angeschaut, was in anderen europäischen Ländern besser läuft. Vor allen Dingen muss man auch prüfen wo es ähnliche Systeme gibt und wie es diesen Ländern geht. Japans Pflegeversicherung ist ähnlich aufgebaut wie die deutsche, aber Japan ist in der demographischen Entwicklung 15 Jahre weiter. Das Pflegesystem in Japan bricht gerade zusammen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die drei größten „Baustellen“, die unser Pflegesystem momentan hat? Woher kommen diese Probleme?

Es ist schwierig hier eine Rangfolge festzulegen. Wir wollen eine deutliche Erhöhung der Stellenschlüssel, eine Sanktionierung der Kostenträger bei Verzögerungen oder ungerechtfertigten Ablehnungen. Wir brauchen eine machtvolle Vertretung der Pflegenden im bundespolitischen Kontext. Dazu müssen pflegerische Belange (und schon sind wir bei Punkt 4) in die Bundespolitik zurückgeholt werden. Wir brauchen eine Pflegevollversicherung. Diese Maßnahmen würden schon einiges in Bewegung bringen. Dafür waren es jetzt auch 5.

Wenn wir Beschwerden hören oder auch Betroffene mit Sorgen über die Pflegesituation bei uns in Deutschland an uns heran treten, geraten oft die AltenpflegerInnen in den Fokus dieser Unzufriedenheit. Diese sind eben auch nah an den zu Pflegenden und ihren Angehörigen dran.
Nichts desto trotz leiden aber die meisten der PflegerInnen selbst unter den Arbeitsbedingungen in der Pflege und können nicht alles auffangen, selbst wenn sie ihren Beruf noch so gut und gewissenhaft ausführen.
Können Sie diesen Punkt noch einmal aufgreifen und erklären, was unser jetziges Pflegesystem im Alltag für die Pflegenden bedeutet?

Die Pflegenden sind Opfer eines sehr perfiden Systems. Unsere Verantwortlichen reisen durch die Lande und loben sich und ihre Maßnahmen über den „grünen Klee“. Die Vertreter der Pflege diskutieren in einem „Fantasialand“ der Pflege. Faktisch wird die Situation seit 25 Jahren kontinuierlich schlimmer.
Die Pflegekräfte bekommen den Druck der Bedürftigen, der Angehörigen und der Vorgesetzten ab. Das Ganze wird noch vor dem Hintergrund der Pflegemotivation richtig schlimm. Die Menschen entscheiden sich idealerweise aus stark sozialen und ethischen Gedanken für den Pflegeberuf. Sie merken dann vom ersten Tag in der Ausbildung, dass es hinten und vorne nicht reicht, um zu lernen oder Erlerntes vernünftig umzusetzen. Sie schaffen es noch irgendwie durch die Ausbildung und verlassen irgendwann den Beruf, oft auch nach einem Zusammenbruch. Das Wort „Pflexit“ ist inzwischen zu einem geflügelten Wort für Berufsaussteiger geworden. Wir können es uns nicht weiter erlauben geeignete und reflektierte Menschen zu verlieren.



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Was können wir, die direkt mit den pflegebedürftigen Menschen zu tun haben, im Alltag aktiv tun, um die Situation in den Pflegeheimen für ALLE Betroffenen zu verbessern?

Ich denke wir können aufhören zu tun! Und das meine ich ganz ernst! Wir können aufhören so zu tun, als könnten wir in dem bestehenden System noch irgendetwas ausbauen. Wir müssen uns damit beschäftigen für uns alle menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzufordern. Ansonsten hilft es akut im Einzelfall, sich manchen unnützen Anforderungen zu verweigern und in der Praxis auch mal den Aufstand zu proben.

Haben Sie einen Literaturtipp zu diesem gleichzeitig sensiblen und wichtigen Thema für unsere Leser?

Ich empfehle zwei Bücher zu dem Thema. Das Buch von Daniel Drepper Jeder pflegt alleine* zeigt sehr detailliert die Biografie von Pflegekräften auf und was sie in ihrem Berufsleben in Deutschland erleben. Außerdem werden Hintergründe beleuchtet, warum es so schwer ist in diesem verwobenen System etwas zu ändern.
Dann empfehle ich noch die Bücher Der Pflegeaufstand* von Armin Rieger und Pflegeheime am Pranger* von Michael Graber-Dünow. Auch dort wird sehr deutlich was sich ändern muss.

Können Sie vielleicht eine kleine Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Das Wichtigste was wir bisher erreicht haben ist es Menschen zusammenzuführen, die das System so nicht mehr tragen wollen. Dazu zählen eben auch die pflegenden Angehörigen. Wir haben mit unserer „bundesweiten Gefährdungsanzeige“ und rund 10.000 Unterschriften ein deutliches Signal für einen Systemwechsel an die Politik übergeben.
Unser Verein wächst. Wir merken, dass unsere Argumente Kreise ziehen, denn die Botschaften der Akteure werden kritischer. Viele wollen von uns, dass wir uns „feiner“ ausdrücken, weil wir zeitweise eine sehr deutliche Sprache sprechen. Das Pflegesystem in Deutschland braucht jetzt deutliche Worte. Das ist der Beginn um die wahre Dramatik bewusst zu machen.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Da bin ich jetzt ganz Bürger in diesem Land. Ich will in meiner Pflegebedürftigkeit gut und respektvoll gepflegt werden von Menschen mit denen respektvoll umgegangen wird.

Herzlichen Dank, Herr Jogerst-Ratzka!!!

Zur Internetseite: pflegeinbewegung.de



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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