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Was früher auf den Tisch kam… Das Interview

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Im Gespräch mit Regine Stoltze über das gemeinsame Kochen mit Menschen mit Demenz

Hallo Frau Stoltze, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Ich bin 1957 in Bremen geboren, verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Nach meinem Theologiestudium habe ich in Kirchengemeinden in Hildesheim und Solingen gearbeitet, zuletzt hier im westlichen Ruhrgebiet. Vor 9 Jahren habe ich dann etwas ganz Neues gewagt und mir eine Stelle in der sozialen Betreuung in einer vollstationären Pflegeeinrichtung in Mülheim an der Ruhr gesucht. Seit dem arbeite ich überwiegend in der Betreuung Hochbetagter und Menschen mit einer Demenz. Ich habe aber weiterhin noch einen Teilzeitauftrag in einem kirchlichen Projekt, in dem Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen zusätzliche Betreuung und Unterstützung bekommen.

Ich habe vor kurzem eine kleinen Ausschnitt aus einem Video gesehen, in dem Sie mit an Demenz erkrankten Menschen gekocht haben. Es sah so aus, als hätten sie alle sehr viel Spaß dabei gehabt und als seien alle mit Leib und Seele dabei gewesen! Ich selbst habe ähnliche Erfahrungen gemacht.
Können Sie beschreiben, was diese Menschen beim Kochen so bewegt?

Menschen mit einer Demenz sind immer besonders froh, wenn sie die Erfahrung machen, dass sie noch etwas können. Besonders glücklich macht sie, dass plötzlich wieder Erinnerungen wach werden, die sie längst verloren geglaubt haben. Beim gemeinsamen Kochen machen sie diese Erfahrungen. Ihre Hände erinnern sich wieder, wie das mit dem Schälen der Kartoffeln geht, auch wenn sie manchmal nicht mehr wissen, wie sie ihr Brot richtig schmieren können. Oder der Geruch von Zwiebeln lässt sie strahlen, weil ihnen wieder einfällt, dass sie das mit ihrer Mutter immer gerne gemacht haben. Und dann der Geschmack des Essens… Die moderne, gesunde Küche achtet auf Kalorien und Nährstoffe und es wird schonend mit Dampf gegart und tief gekühlt in großen Mengen.
Beim gemeinsamen Kochen sparen wir nicht mit Speck und guter Butter. Und dieser Geschmack weckt Erinnerungen. Nicht immer nur Gute. Die Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden. Nicht jeder liebt z.B. Schweinefüße, aber alle können erzählen wie Mutter oder Großmutter die voller Hingabe verzehrt hat.

Zu dem Thema Kochen mit Demenz haben Sie bereits ein Buch veröffentlicht, in dem sie unter anderem auch beschreiben, was in der Umsetzung von solchen Angeboten für Menschen mit Demenz wichtig ist. Können Sie für uns noch einmal zusammenfassen, worauf man besonders achten sollte? Vielleicht auch, was vermieden werden sollte?
Haben Sie evtl auch Tipps, welche Gerichte sich mit Menschen mit Demenz gut selber zubereiten lassen?

Was auf jeden Fall vermieden werden sollte, ist die Demenzerkrankten zu verunsichern. Alles was sie tun ist so, wie sie es tun richtig. Das ist von Seiten der Mitarbeitenden oft nicht so schwierig. Schwierig ist, wenn Demenzerkrankte, die noch relativ selbständig mithelfen können, nicht aushalten, wenn jemand neben ihnen eine Kartoffel so lange schält, bis nichts mehr von ihr übrig ist und immer helfend eingreifen wollen. Sie sind aber selber oft schon nicht mehr in der Lage zu respektieren, dass da jemand mit am Tisch sitzt, der das nicht mehr so gut umsetzen kann, wie sie das selber noch können. Da braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl und validierende Fähigkeiten, besonders denen gegenüber, die noch etwas fitter sind, damit keine größeren Frustrationen auf allen Seiten entstehen.
Da kann es manchmal hilfreicher sein, mit den schwerer Dementen extra zu kochen und ganz einfache Gerichte zu zubereiten. Da bieten sich immer Eintöpfe an. Mit den nur leicht Erkrankten können wir aufwändigere Speisen zubereiten. In dieser Gruppe haben wir viel praktische Hilfe, dafür sind wir mehr mit unseren validierenden Fähigkeiten gefordert, weil es schon mal hoch her gehen kann, weil jede(r) früher in seiner Küche Chef war und diese Haltung in das gemeinsame Kochen mit einbringt.
Wir kochen nicht für Demenzerkrankte, sondern mit ihnen. Das bedeutet, die Erkrankten bestimmen, was wie gekocht wird. Je weiter die Erkrankung voran schreitet, um so mehr müssen wir diese Aufgabe übernehmen. Dabei ist aber wichtig, den Erkrankten immer wieder mit einzubeziehen. Ihn um Rat fragen, ob die Menge so reicht, genug Salz oder Gewürz dran ist oder noch Butter fehlt.
Mit den Fitteren bereiten wir auch schon mal moderne Gerichte zu, die es aus der Großküche nicht gibt, wie z.B. Pizza. Für die schwerer Dementen sind solche Gerichte nicht so geeignet. Da weckt der Pfann- oder der Reibekuchen weit mehr den Appetit und die Erinnerungen.
Und gerade bei solchen Gerichten, versuchen wir immer die Erinnerungen in Erfahrung zu bringen, die sich mit Eintopf, Reibe- und Pfannkuchen verbinden.

Besonders ansprechend fand ich die dem Buch beiliegenden Rezeptkarten, die fast allein von den Bildern und den tollen Farben her eine besonders anregende Wirkung haben. Welche Erfahrungen haben Sie in der Praxis mit diesen Karten gemacht? Was unterscheidet diese Rezeptkarten von üblichen Rezeptkarten?

Die Rezeptkarten kommen weitgehend ohne Text aus. Vorne drauf das fertige Gericht. Nicht immer haben Demenzerkrankte zu einem Begriff auch ein inneres Bild. Wirsingeintopf sagt ihnen was, aber sie wissen nicht mehr genau was. Das Bild füllt die Lücke aus. Und wenn dann auf der Rückseite noch alle Zutaten als Bild abgebildet sind, können leicht Erkrankte, die noch selber wirtschaften, mit Hilfe der Karte einkaufen, was sie dafür benötigen, bzw. nachsehen, ob sie alles da haben, was sie dafür brauchen. In der Regel können sie dann noch ganz selbständig kochen oder aber im Buch nachsehen, wie das gemacht werden kann.
Die Beschreibungen im Buch sind auch eher für Mitarbeitende, die sich mit Mengen, bzw. den Abläufen nicht so auskennen, oder einfach die Sicherheit brauchen.

Neben Ihrem Beruf als Pfarrerin und Seelsorgerin arbeiten Sie außerdem im Sozialen Dienst eines Altenpflegeheims.
Was ist ihrer Erfahrung nach im Umgang mit Menschen mit Demenz besonders wichtig?

Persönliche Zuwendung und das Herz der Menschen zu erreichen. Ich muss nicht wirklich verstehen, mit welcher Not der Erkrankte sich gerade abmüht und mir versucht zu erklären. Ich muss mich ihm zuwenden und versuchen zu verstehen und aus dieser Haltung für ihn da sein. Ich habe mal in einer Kindergeschichte gelesen, dass „ein Engel einer ist der bleibt. Der auch dann noch bleibt, wenn alle anderen weg gegangen sind“. Wir dürfen bei Menschen mit schwerer Demenz, die uns nicht mehr erklären können, was sie quält und die evtl. ein sehr herausforderndes Verhalten an den Tag legen, bleiben, für ihn einfach nur da sein, in den Arm nehmen oder eine validierende Haltung einnehmen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das ganz oft die Not schon wendet.

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Würden Sie uns eine kleine Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Wenn wir bei diesem herausfordernden Verhalten bleiben: Eine unserer schwer dementen Bewohnerinnen war in ein fremdes Zimmer gegangen und wollte dort etwas. Die Tochter des Bewohners, dem das Zimmer gehörte, versuchte sie liebevoll aus dem Zimmer zu drängen. Das brachte diese Frau total auf. Voller Entrüstung wollte sie mir erzählen, was vorgefallen war. Ich wurde nicht schlau daraus. Die erklärenden Worte der Angehörigen und die Worte der Bewohnerin passten gar nicht zusammen. Aber das war auch egal. Sie hatte etwas gesucht, konnte aber nicht sagen, was. Ich habe ihr angeboten,gemeinsam in ihrem Zimmer zu schauen, ob es dort zu finden sei, was auch immer. Im Zimmer angekommen haben wir gemeinsam festgestellt, dass alles am Platz war, wo es hin gehörte und dass auch sie hier hin gehörte. Die Entrüstung fiel von ihr ab. Sie fühlte sich wieder etwas mehr am richtigen Platz und ließ sich dann sogar in die Abendgruppe begleiten, an der sie nur teil nimmt, wenn es ihr gut geht.
Wir können Menschen, die sich immer mehr selbst verlieren, hier und da helfen, sich in der Welt, in der sie innerlich leben und der Welt um sie herum in den Einrichtungen oder Zuhause, wieder ein klein wenig Zuhause zu fühlen. Einen Ort zu spüren, wo sie hin gehören, wo sie sich selbst immer wieder ein wenig finden können.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir von Dementen lernen. Dass unsere Gesellschaft lernt, so authentisch und ehrlich zu sein, wie Demente es sind.
Wir können von ihnen lernen, wie wichtig es ist, die eigenen Empfindungen ernst zu nehmen und so lange wir dazu noch in der Lage sind, besonders mit unseren negativen Gefühlen bewusst und konstruktiv umgehen und sie nicht auf andere zu projizieren und dort zu bekämpfen.
Und wenn ich mal dement werde, wünsche ich mir Menschen, die mich aushalten, zu mir halten und sich mir zuwenden.

Herzlichen Dank, Frau Stoltze!!!

Das Buch von Regine Stoltze “Was früher auf den Tisch kam. Kochen mit Demenzkranken”, erschienen im Verlag an der Ruhr, haben wir Ihnen auf mal-alt-werden.de bereits vorgestellt. Zur ausführlichen Buchvorstellung gelangen Sie hier.

Das komplette Programm Altenpflege vom Verlag an der Ruhr können Sie sich hier anschauen

Und hier geht es zur Homepage der Kellerkirche Duisburg, in der Frau Stoltze wirkt

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Was früher auf den Tisch kam!

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*.

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