Tangotherapie bei Menschen mit Demenz

Im Gespräch mit Simone Schlafhorst vom Therapiezentrum Dortmund

tangotherapie

Foto: Scharper

Hallo Frau Schlafhorst, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Hallo, mein Name ist Simone Schlafhorst, ich bin 45 Jahre alt und tanze seit ca. 20 Jahren Tango Argentino. Tango habe ich in Buenos Aires gelernt und seit ca.9 Jahren unterrichte ich in NRW. Im Rahmen meiner Tangolehrer Ausbildung in Argentinien habe ich mich speziell auf Tangotherapie spezialisiert, weil ich beeindruckt war von den gesundheitlichen Verbesserungen und Möglichkeiten und weil ich meine eigenen Stärken der Körper- und Bewegungsanalyse sehr gut einbringen konnte.

 

Sie bieten eine Tangotherapie für Menschen mit Demenz an. Was kann die Therapie bei diesen Menschen erreichen?

Mein Konzept wendet sich an alle Menschen mit neurologischen Erkrankungen, also auch Parkinson oder MS. Zu mir kommen aber auch Menschen mit Problemen nach Schlaganfall oder Hirnblutungen. Allen ist gemeinsam, dass ein fortschreitendes Absterben der Neuronen motorische Störungen verursacht. Man muss sich das Gehirn wie ein Netzwerk vorstellen mit vielen Knotenpunkten. Fehlen einige Knotenpunkte, so können Nerven- und Informationsimpulse nicht ausreichend an den Bewegungsapparat weiter geleitet werden.
Die Tango Therapie ist eine neuro-motorische Therapie. Das heißt alle Übungen sind speziell auf die Gehirnarbeit mit dem Körper ausgerichtet. Die Menschen die zu mir kommen haben ja kein kaputtes Bein, sondern eine Störung im Gehirn, die z.B. die Gangprobleme verursacht. Daher setzen wir genau dort an. Die Liste der Beobachteten Fortschritte ist lang, wobei das Aufhalten einer Krankheit wie Demenz immer nur ein relativer Faktor ist. Wir können bei dem gleichen Menschen ja keine Aussage darüber treffen, ob er auch ohne Tango Therapie diesen oder einen schlechteren Krankheitsverlauf gehabt hätte. Trotzdem hier eine Liste der Verbesserungen, die allgemein bei neurologischen Erkrankungen festzustellen waren:
– kein „freezing“ während der Bewegung
– Rückwärtsbewegung wurde ermöglicht
– Drehbewegungen aus Hüfte und Becken
– Wohlbefinden von durchschnittlich 2 Punkten auf einer Skala von 1 – 10
– Erhöhung der Mobilität direkt nach dem Training von 2 Punkten auf einer Skala von 1 – 10
– Innere Erleichterung und sogar Lächeln bei Menschen mit Depressionen
– Energieschub für mehrere Stunden bei Menschen mit apathischer Erscheinung vor dem Kurs
– fließendere Bewegung beim Gang
– aufrechterer Gang, verbesserte Stimme und besserer Allgemeinzustand
Dieses Jahr werden wir voraussichtlich an einer medizinischen Studie mit dem Klinikum in Herdecke sowie der Universität Witten/Herdecke teilnehmen, die möglicherweise auch zeigen könnte, dass neue Neuronen beim Lernen und umsetzen der Bewegung bei der Tango Therapie in das Netzwerk des Gehirns einfließen könnten, und so körperliche und geistige Fähigkeiten im jeweiligen Rahmen der Erkrankungen verbessert wurden.

 

Warum sind Bewegung und Musik so wichtig bei der Behandlung von Menschen mit Demenz?

Musik erreicht ungefiltert die emotionale Gehirnhälfte. Sofort werden Bilder und Erinnerungen im Gehirn abgerufen und bei Gefallen der Musik (die ich danach auswähle, dass sie dies tut), positive Gefühle erzeugt. Gefühle sind der Schlüssel zu unseren Erinnerung, weil jedes Erlebnis in unserem Leben das wir behalten haben mit einem bestimmten Gefühl verknüpft ist.
Außerdem bringt der Takt der Musik nach und nach einen rhythmischen, gleichmäßigen Gang. Genauso wie der Takt Herz- und Hirnfrequenz beeinflusst, was bereits bewiesen ist, so nimmt er auch Einfluss auf die Bewegung. Egal wie stockend der Gang auch sein mag.

 

Wie können wir uns eine Kurseinheit bei Ihnen vorstellen?

Jeder Kurs beginnt in einem Stuhlkreis. Wir reden miteinander und jeder bewertet auf einer Skala von 1 – 10 wie er sich körperlich und seelisch fühlt. Dabei kommen viele locker ins Reden und manchmal sogar in eine kleine Unterhaltung. In der Regel bringe ich immer ein kleines Thema mit über das ich berichte. Positive Entwicklungen in der Forschung, Ernährungsempfehlungen, Auswirkung von richtigem Atmen, Bewegung, sozialen Kontakten, gesunder Lebensweise etc. auf den Krankheitsverlauf, um motivierend und positiv auf die Teilnehmer einzuwirken. Manchmal machen wir uns auch einen Wunschzettel den wir bei uns behalten oder vernichten einen Zettel mit einem Leiden, dass uns besonders belastet. Am Anfang eines Kurses machen wir auch Gedächtnistraining, indem wir uns einen Ball zuwerfen und den jeweiligen Namen mit einem Ball rufen z.B. Simone Sonne, Hans Haus, Lore Lachen…Jeder Teilnehmer denkt sich zuvor ein Bild zu seinem Namen aus, um das „Merken“ leichter zu machen.
Dann machen wir einige Übungen im Sitzen bei denen wir Takte dirigieren, klatschen, mit dem Fuß tippen und zählen. Diese Übungen sollen alle Gehirnareale ansprechen und so eine optimale Arbeitsleistung der Gehirntätigkeit erzeugen. Besonders das Zählen ist wichtig, da hierbei speziell die andere Gehirnhälfte, nämlich das logische Denkvermögen angesprochen werden.
Manchmal machen wir im Stehen ein paar Gleichgewichtsübungen bevor es dann endlich ans Tanzen geht. Beim Tango müssen keine Schrittfolgen auswendiggelernt werden. Es ist der einzige, improvisierte Paartanz. Dies bedeutet in der Regel gerade geradeaus oder zur Seite gehen. Die Füße sind beim Tango immer Parallel und das Gewicht in einer Körperhälfte. Dies bringt ein verbessertes Gleichgewichtsgefühl und der Teilnehmer ist in der Lage bei Problemen mit einem Bein, Schwindelgefühl oder Stolpern sein Gewicht auf einem Bein zu halten bzw. das Gewicht auf das andere Bein zu verlagern. Dies beugt schweren Stürzen vor, die im Alter oft zu monatelangen Krankenhausaufenthalten oder sogar zur endgültigen Pflegebedürftigkeit führen können.
Nicht außer acht zu lassen ist bei der Tango Therapie außerdem der Spaß! Körperlicher Kontakt mit anderen Menschen oder auch zum eigenen Partner, kommunikativer Austausch und eine nette Atmosphäre sind für die gesundheitliche Verfassung, körperlich wie seelisch, das Allerwichtigste.

 

Inwiefern kann die Tangotherapie auch pflegende Angehörige unterstützen?

Das kann individuell und je nach Krankheitsgrad unterschiedlich sein. Manche Angehörige z.B. Ehepartner oder auch Kinder genießen es mit den Erkrankten ein gemeinsames Hobby zu haben. Etwas wobei jeder lernt und der gemeinsame Umgang miteinander tangotherapeutische Auswirkungen hat. Z.B. ein erkrankter Ehemann kann wieder in eine führende Rolle durch den Tanz kommen. Das im Leben entstandene Ungleichgewicht, dass die Frau alle Erledigungen macht und die Entscheidungen trifft, wird für eine kurze Zeit außer Kraft gesetzt.

 

Wer kann an den Kursen teilnehmen und an wen können sich die Interessierten wenden?

Grundsätzlich kann jeder an den Kursen teilnehmen. Zur Zeit laufen in Dortmund 2 Kurse. Einer am Sonntag Nachmittag 15:00 im Aktivzentrum-Dortmund (Humboldtstr. 45 – im Klinikviertel) und einer montags vormittags 9:45 im Hansmannhaus Dortmund (Märkische Str. 21). Sie können mich gerne persönlich anrufen unter 0231 33 04 99 22 oder 0173 740 2000. Für Anmeldungen im Hansmannhaus bitte direkt dorthin wenden 0231 50 2 33 58.

 

Können Sie uns vielleicht eine kurze Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit der Tangotherapie erreichen können?

Besonders gerne erinnere ich mich an eine Unterhaltung mit der Ehefrau eines Parkinson erkrankten Mannes, der in einem relativ apathischen Zustand (bedingt auch durch die Medikation) zu mir kam und schon im Unterricht regelrecht aufzublühen schien mit einer äußersten Begabung für Musikalität, dessen er sich selbst bislang noch nicht bewusst war. Beim nächsten Termin erzählte mir dann die Ehefrau unter Tränen der Rührung, dass sie nach dem Unterricht 2 Stunden in der Innenstadt bummeln und Eisessen waren, was wohl schon seit Jahren nicht vorgekommen war. So wunderbar kann Tango Therapie sein.

 

Herzlichen Dank, Frau Schlafhorst!!!

 

Zur Internetseite: www.tango-therapie.com

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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin, Chefredakteurin von Mal-alt-werden.de. Bücher von Annika Schneider finden Sie hier.

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