Selbstständigkeit fördern statt herkömmlicher Pflege

Ein Interview über das Konzept der domino-coaching Stiftung.

Liebe Frau Thees, lieber Herr Karnauchow, wir freuen uns sehr, Sie als Interviewgäste bei Mal-alt-werden.de begrüßen zu dürfen!
Stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Dr. Petra Thees, Geschäftsführerin von domino-world und Vorständin der domino-coaching Stiftung.

Lutz Karnauchow: Vorstand der domino-coaching Stiftung und Gründer von domino-world.

Was ist domino-coaching? Worin unterscheidet sich Ihr Konzept von der klassischen aktivierenden Pflege?

Das domino-coaching™ ist ein rehabilitativer Pflegeansatz, der im Kostenrahmen der üblichen Pflege mit chronisch pflegebedürftigen Patienten stationär oder ambulant umgesetzt wird.

Die Patienten durchlaufen einen Prozess der Reha-Sport und Motivationspsychologie verbindet. Dadurch werden sie wieder fitter und selbständiger und fühlen sich seelisch ausgeglichener.

Der große Unterschied zu anderen Pflegemodellen besteht darin, dass das domino-coaching entwicklungsorientiert ausgerichtet ist. Denn wir wissen, dass Rehabilitation in jedem Alter möglich ist. Dem Muskel ist egal, wie alt der Körper ist, in dem er steckt.

Wie erkennen Sie, welche Fähigkeiten bei einem pflegebedürftigen Menschen wieder aufgebaut werden können?

Jeder Mensch ist reha-fähig. Und das in jedem Alter. Unsere Patienten bekommen einen speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen, individuellen Therapieplan. Dieser wird zwischen dem Patienten und dem domino-coach auf Basis der vom Patienten definierten Zielsetzung erstellt und regelmäßig überprüft.

Wir müssen unser Bild vom Alter überdenken. Bei einem jungen Menschen würde man eher nicht die Frage stellen, ob dieser rehabilitierbar ist. Bei alten Menschen akzeptieren wir den Status Quo als „So ist es nun mal, er/ sie ist eben alt“. Das muss sich ändern. Wenn wir den Alten zutrauen Fähigkeiten wieder zurückzugewinnen bzw. zu erhalten, dann verändert sich unser Umgang mit ihnen. Wir haben Patienten in unseren Einrichtungen gehabt, die bettlägerig waren und nun wieder ohne Gehhilfe laufen – sie haben ihre Selbstbestimmtheit wieder gewonnen.

Wie sieht ein Coaching-Prozess nach Ihrem Konzept aus?

Das domino-coaching wird ausschließlich von speziell ausgebildeten Mitarbeitern durchgeführt – unseren domino coaches. Sie beherrschen die Grundlagen der Physio- und Ergotherapie und verfügen über psychologische Kenntnisse.

Der Prozess kombiniert Reha-Training mit Motivationselementen. In seiner therapeutischen Beziehung unterstützt der domino-coach seinen Patienten dabei ein Entwicklungsziel zu definieren. Er fragt z. B. „was würden Sie gerne wieder einmal tun, was Sie schon so lange vermissen?“

Steht das Entwicklungsziel fest, werden daraus Therapieziele und ein individueller Therapieplan abgeleitet. Dann wird es sportlich. Unsere Patienten absolvieren z. B. Krafttraining, Gleichgewichtsübungen, Übungen zum Aufstehen und Hinsetzen etc. Diese Übungen sind speziell von uns entwickelt und zielen darauf ab, Alltagsfähigkeiten wieder herzustellen bzw. zu erhalten.

Zum Prozess gehört natürlich eine regelmäßige Kontrolle. Dazu führen der domino-coach und der Patient/die Patientin 1-mal monatlich eine Gesprächssitzung durch. Hier werden Fortschritte besprochen, es wird adaptiert und ggf. wird ein neues Ziel definiert, wenn das alte bereits erreicht wurde.

Welche Rolle spielt die Motivation der pflegebedürftigen Menschen?

Ohne Motivation ist alles nichts. Zudem wirkt unser aktuelles Altersbild eher demotivierend – „Du bist eben alt, da kann man nicht mehr viel erwarten“.

Sie glauben nicht, wie sehr sich die Haltung eines Menschen zu einer Herausforderung ändert, wenn man sagt „Ich glaube daran, dass Sie das schaffen werden.“.

Am allerwichtigsten für die Motivation ist das Entwicklungsziel. Wenn jemand z. B. unbedingt wieder einmal nach Warnemünde möchte, die Möwen hören und den Wind spüren möchte, dann setzt das ungeahnte Kräfte frei. Dann haben Muskelkater und alle Anstrengungen einen Sinn.

Gibt es Menschen oder Situationen, für die Ihr Konzept nicht infrage kommt?

Wir sagten es schon: jeder Mensch ist reha-fähig. Auch kleinere Veränderungen können große Auswirkungen auf die Selbstbestimmtheit haben. Wir haben im domino-coaching z. B. auch ein Demenzmodell, in dem wir sehr gute Ergebnisse erzielen.

Besonders deutlich werden die Fortschritte im Leuchtturmprogramm. Das sind Patienten, die nach einem Schlaganfall, einem Herzinfarkt oder Sturz zu uns kommen, weil sie nach Krankenhaus und Reha noch nicht ausreichend wiederhergestellt sind. Die Zielsetzung ist die Reduzierung der Pflegebedürftigkeit, in unseren stationären Einrichtungen ist es die Rückkehr in die eigene Häuslichkeit. 2025 haben das 85 Patienten geschafft.

Können Sie von einem Fallbeispiel erzählen?

Wir haben so viele wunderbare Beispiele von Menschen, die es zurück ins Leben geschafft haben.

Im letzten Jahr ist Frau Jacob bei uns ein- und wieder ausgezogen. Sie ist 93. Nach einer Becken- und Schambeinfraktur ging nichts mehr. Der normale Weg in Deutschland wäre gewesen, dass Frau Jacob dauerhaft in eine Pflegeeinrichtung einzieht, dort betreut wird, vielleicht noch in den Rollstuhl gesetzt wird, dort ihr letztes zu Hause findet. Frau Jacob wollte nicht in ein Pflegeheim. Also ist sie als Leuchtturm bei uns eingezogen, d. h. sie hatte das Ziel wieder auszuziehen. Dafür hat sie bis zu 4 Stunden Sport gemacht und war erfolgreich. Heute lebt sie wieder zu Hause und geht zu ihrer Tanzgruppe. Denn sie sagt: Tanzen ist ihr Leben.

Welche Veränderung wünschen Sie sich grundsätzlich im Umgang mit Selbstständigkeit in der Altenpflege?

Wir müssen den alten Menschen mehr zutrauen, ihnen die Teilhabe am Leben ermöglichen und aufhören, sie durch zu viel Pflege unselbständig zu machen. Das Stichwort ist hier: weniger Fürsorge, mehr Empowerment.

Ein selbstbestimmtes Leben ist das Ziel, was eigentlich jeder Mensch hat. Alle Pflegemitarbeiter müssen im Kopf haben, dass es eine ihrer Hauptaufgaben ist, den Pflegebedürftigen dabei zu unterstützen.

Herzlichen Dank, Frau Thees und Herr Karnauchow!

 

 

Taschen, Tassen, T-Shirts und weitere Produkte mit liebevollen und lustigen Designs. Schauen Sie sich unser Angebot an!

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bücher für die soziale Betreuung von Senioren und Menschen mit Demenz. Finden Sie Ideen aus der Praxis für die Praxis!