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Humor in der Begegnung mit demenziell erkrankten Menschen


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Im Gespräch mit Uta Wedemeyer

 

uta wedemeyer

 

 

Hallo Frau Wedemeyer, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Hm…am besten fang ich einfach mal mittendrin an: Bevor ich über den Clown “gestolpert“ bin, habe ich 10 Jahre an Schulen für Erzieher und in der Altenpflege unterrichtet. In der Ausbildung zum Klinik-Clown fing ich dann so viel Feuer, dass ich nach einem Jahr des Hin und Her überlegens den sicheren Beamtenstatus gegen das Unbekannte getauscht habe. Die Begegnung mit dem Clown hat mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt, nicht nur äußerlich, sondern vor allem auch in der Sicht aufs Leben.

In den ersten Jahren der Selbstständigkeit habe ich in Kinderkliniken, Seniorenheimen, in einer Klinik für Schlaganfallpatienten und auf der Straße gespielt. Heute liegen meine Schwerpunkte auf Fortbildungen und Vorträgen zum Thema Humor. Zudem bin ich seit 13 Jahren mit der Clowntherapie in einer psychosomatischen Klinik tätig, besuche mit meinem Schultherapie-Hund Schulklassen und habe vor 2 Jahren die Faszination der Ballonkunst entdeckt, die kleinen und großen Kindern viel Spaß macht. Auf den ersten Blick wirkt das Spektrum meiner Tätigkeiten bunt gemischt, aber im Kern sprudelt alles aus derselben Quelle: Es ist die kindlich unbefangene Freude am “Hier Sein”, das ich durch den Clown gelernt habe und weiter lerne. Es ist die Bereitschaft, der Situation, dem anderen und sich selbst! ohne Urteil zu begegnen, offen zu bleiben, neugierig und spontan zu sein, staunen zu können und vor allem: Sich einzuschwingen auf das, was sich im Moment zeigt. Das Spielerische des Clowns entfaltet sich mehr und mehr in allen Bereichen meines (Alltags-)Lebens. Ich bin sehr dankbar für diesen Weg, der immer neu, frisch und nie zuende ist.

 

 

Wie wichtig ist Humor in der Begegnung mit demenziell erkrankten Menschen?

Schon ein einziger Moment gemeinsamen Lachens oder eine kleine humorvolle Geste können eine ganze (Pflege-)Situation positiv verändern. Wir “Normalos“ sind ja darauf trainiert, so gut wie alles durch den Filter des Verstandes wahrzunehmen, zu bewerten, zu analysieren, zu kontrollieren etc. In der Begegnung mit demenzkranken Menschen kommen wir mit den Verstandesstrategien schnell an unsere Grenzen. Was für den demenzkranken Menschen logisch ist, erscheint uns oft völlig absurd.

Wenn wir anfangen zu diskutieren oder ihn von unserer “richtigen“ Sicht überzeugen wollen, können Aggression, Verzweiflung und Ohnmacht schmerzliche Folgen für beide
Seiten sein. Hier kann der Humor entspannend wirken, denn er baut Brücken des Vertrauens und stellt so wohltuende Nähe zueinander her. Die wichtigste Botschaft des Humors in der Begegnung mit demenziell erkrankten Menschen ist sicher diese: Im Humor der aus dem Herzen kommt, begegnen wir uns auf Augenhöhe, da ist niemand der Experte und niemand der Kranke. Ich selber habe z.B. in vielen Begegnungen mit meinem demenzkranken Vater erlebt, wie wir auch in herausfordernden oder sogar sehr traurigen Situationen einen gemeinsamen Humor gefunden haben, der das Bedrückende leichter machte. Ja, Humor ist der gemeinsame Tanz der Freude auf dem Meer des Vergessens.

 



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Sie sind seit 13 Jahren mit der Clowntherapie in der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen tätig. Was können wir uns darunter vorstellen?

Die Klinik am Korso ist europaweit die einzige Klinik, die ausschließlich Menschen mit Ess-Störungen behandelt. In der Clowntherapie können die bis zu 14 TeilnehmerInnen auf erfrischend spielerische Weise wieder Zugang zu ihrem natürlichen Sein entdecken. Unser ursprüngliches Wesen ist ja vollkommen frei von Bewertungen, Konzepten und (Selbst-)Verurteilung. Dafür steht der Clown quasi als äußerlich sichtbares Symbol. Selbst Gefühlen, die wir als „negativ“ bezeichnen wie z.B. Traurigkeit begegnet der Clown mit der Unschuld seines Herzens und verwandelt dadurch Schwere in liebevolle Leichtigkeit.
In der Clowntherapie, die Workshop-Charakter hat, spielen die TeilnehmerInnen keine Rollen und müssen auch nicht witzig oder albern sein, wie man es sich ja vielleicht vorstellt, wenn man das Wort Clown hört. Der Clown ist absolut authentisch, weil er einfach so ist wie er in jedem Moment ist. Ohne Vergangeheit oder Zukunft, ohne etwas besser zu “wissen“, ohne sich oder andere zu beurteilen. Er ist nur Hier, in diesem Moment, mit seinem ganzen Sein. Es liegt so viel Poesie, Sanftmut und ursprüngliche Freude im Wesen des Clowns, dass es berührend und heilend ist, sich selbst in diesem Spiel zu begegnen. Das “einfach Sein dürfen“ ist die Magie, die für die TeilnehmerInnen erfahrbar wird. Plötzlich bin ich nicht mehr zu dick, zu dünn, zu groß, zu dumm, zu irgendwas, sondern ich tauche ein in dieses Einfach so sein wie ich jetzt gerade bin. Und das ist überraschenderweise völlig ok! Daraus entstehen Freude und Lachen, der Ausdruck in den Gesichtern der TeilnehmerInnen verändert sich – sie werden weicher, entspannter, auch Lachmuskeln kommen wieder zum Einsatz, die gar nicht mehr vorhanden zu sein schienen.

Im Grunde aber geschieht das Wesentliche jenseits von Worten. Selbst diejenigen, die schon daran teilgenommen haben, können Mitpatienten nicht wirklich etwas darüber berichten außer: “Probier es einfach selbst mal aus.“ :o)
Oder in einer Metapher beschrieben: Die Clowntherapie ist “Schokolade für die Seele“.

 

 

Am 14.März 2015 sind Sie hier bei uns in Dortmund mit dem Seminar „Konfetti von Herz zu Herz, Humor in der Begegnung mit demenziell erkrankten Menschen“.
Auf was dürfen sich die Teilnehmer bei Ihnen freuen?

Die Teilnehmer dürfen sich auf ein sehr lebendig gestaltetes Seminar freuen, in dem die Inhalte praxisorientiert und ganzheitlich erfahrbar sind. Da Humor keine Technik und im Ausdruck individuell verschieden ist, werden die Teilnehmer viele Übungen kennen lernen, die sie aus dem Kopf in die Spontanität bringen und in denen sie sich vielleicht auch einmal ganz anders erleben. Und keine Angst, mit Rollenspielen so wie wir sie vielleicht noch aus der Schule kennen, wird niemand erschreckt. ;o)

Anhand vieler konkreter Beispiele werde ich Möglichkeiten für einen Perspektivwechsel aufzeigen, wodurch wohltuender Humor in der Begegnung mit demenzkranken Menschen erblühen kann. Mein Anliegen ist es, in entspannter Atmosphäre neue, umsetzbare Impulse zu geben, wie und in welcher Form Humor zu mehr Wohlbefinden und Freude für alle Beteiligten beitragen kann. Dazu werde ich auch über allgemeine Forschungsergebnisse der Gelotologie (Humor- und Lachforschung) berichten, denn Humor ist ja für (pflegende) Angehörige, professionell Pflegende und demenzkranke Menschen gleichermaßen wichtig. Den Humor kann man also gar nicht ernst genug nehmen :o) Und…in meinen Seminaren brauchen die Teilnehmer nichts mitzuschreiben, da sie am Ende ausführliche Unterlagen an die Hand bekommen.

 

 

Können Sie uns vielleicht eine kurze Geschichte oder Anekdote erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Als Musik-Clownin “Peppina“ spielte ich in einer Wohngruppe für demenzkranke Menschen. Eine Teilnehmerin reagierte auf keine meiner Aktionen, ganz gleich ob ich sie ansprach oder anspielte. Sie saß zusammengesunken in ihrem Rollstuhl, die Augen geschlossen. Nach einiger Zeit sang und spielte ich ein bekanntes Volkslied auf meiner kleinen Kindergitarre, tanzte dicht bei ihr vorbei und auf einmal gab sie mir einen Klaps auf den Po. Ich drehte mich um und fragte: “Na na na, wer war das denn?“ Sie lächelte mich verschmitzt an, ich sie auch. Wie jung und lebendig dieses Gesicht plötzlich wurde, so schön. Immer mal wieder kam ich nun während dieser Stunde ganz nah bei ihr vorbei, wackelte herausfordernd mit dem Po, grinste sie an und jedes Mal gab sie mir einen Klaps, den ich mit gespielter Entrüstung beantwortete. Lachende Augen waren unser Kommentar zu unserem ganz eigenen spontanen Spiel.

 

 

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir mehr und mehr den Mut finden, durch die Krankheit Demenz zum Menschen zu “gucken“, damit wir uns wirklich begegnen können. In diesem Sinne: Die Bananen in den Handtaschen, die kannst du gar nicht vergeben!
Genau!! :o)

 

 

Herzlichen Dank, Frau Wedemeyer!!!

Danke an Sie, Frau Mallek und Frau Schneider, dass Sie mir die Möglichkeit zu diesem Interview gegeben haben!
Zur Internetseite: www.uta-wedemeyer.de

 

 



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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin. Autorin des Buchs Das große Spiele-Buch für Menschen mit Demenz*

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