EmpaKom® in der Praxis: Wenn Frau M. zu ihren Kindern nach Hause möchte

Erfahren Sie anhand einer Alltagssituation, wie Sie einen Menschen mit Demenz begleiten können, ohne sofort eine Erklärung oder eine fertige Lösung zu haben. Im EmpaKom®-Intensivlehrgang zur Kommunikationsfachkraft für Menschen mit Demenz lernen Sie, genau zu beobachten, eine Möglichkeit auszuprobieren und den weiteren Weg an der Reaktion des Menschen auszurichten.

Frau M. möchte nach Hause

Es ist später Nachmittag. Frau M. steht in der Nähe der Eingangstür. Ihre Handtasche hält sie fest unter dem Arm. Sie schaut mehrmals auf ihre Armbanduhr.

„Ich muss jetzt los“, sagt sie. „Die Kinder warten auf mich.“

Frau M. geht ein Stück durch den Flur. Dann bleibt sie stehen und schaut sich um. Nach kurzer Zeit geht sie wieder in Richtung Eingangstür. Sie setzt sich für einen Moment auf einen Stuhl, steht aber bald wieder auf.

„Ich muss nach Hause. Die Kinder kommen gleich aus der Schule.“

Wenn Sie neu in der Betreuung arbeiten, kann eine solche Situation Sie unter Druck setzen. Vielleicht möchten Sie Frau M. erklären, dass ihre Kinder längst erwachsen sind. Vielleicht möchten Sie ihr sagen, dass sie jetzt hier wohnt und nicht nach Hause gehen muss.

Doch zunächst wissen Sie nur, was Sie sehen und hören. Frau M. trägt ihre Handtasche bei sich. Sie schaut auf die Uhr. Sie geht zur Tür und spricht immer wieder von ihren Kindern.

Sie müssen den Grund nicht sofort kennen

Sie können nicht sicher wissen, was Frau M. gerade erlebt. Vielleicht sorgt sie sich um ihre Kinder. Möglicherweise fühlt sie sich für sie verantwortlich. Vielleicht sucht sie nach Orientierung. Es kann auch einen anderen Grund für ihr Verhalten geben.

Diese Gedanken sind Vermutungen. Sie können Ihnen helfen, eine Möglichkeit für die Begleitung zu finden. Sie sind aber keine sichere Erklärung.

Sie müssen Frau M. deshalb nicht davon überzeugen, dass ihre Wahrnehmung falsch ist. Sie können zunächst versuchen, ihr Erleben aufzugreifen und beobachten, wie sie darauf reagiert.

Ein möglicher Weg

Sie setzen sich ruhig zu Frau M. und achten darauf, dass Sie ihr auf Augenhöhe begegnen. Dann sagen Sie: „Ihre Kinder sind Ihnen wichtig.“

Frau M. nickt sofort.

Diese Reaktion zeigt, dass Ihre Worte sie in diesem Moment erreichen. Sie könnten nun fragen: „Möchten Sie mir von Ihren Kindern erzählen?“

Frau M. beginnt zu erzählen. Sie spricht über die Schulzeit ihrer Kinder und über gemeinsame Mahlzeiten. Sie erzählt davon, wie wichtig es ihr war, für ihre Familie da zu sein. Gemeinsam schauen Sie einige Familienfotos an.

Während des Gesprächs wird ihr Blick ruhiger. Ihre Körperhaltung entspannt sich. Frau M. bleibt eine Weile sitzen und erzählt weiter.

Das bedeutet nicht, dass Sie die richtige Lösung gefunden haben. Es zeigt nur, dass diese Möglichkeit Frau M. in diesem Moment erreicht. Ihre Familie und ihre Rolle als Mutter haben Raum bekommen.

Die Sorge kann wiederkommen

Später spricht Frau M. erneut von ihren Kindern. Sie möchte weiterhin nach Hause fahren. Das Gespräch hat ihren Wunsch nicht aufgelöst.

Trotzdem hat sich während der Begegnung etwas verändert. Frau M. konnte von einem wichtigen Teil ihres Lebens erzählen. Sie wirkte ruhiger und blieb für eine Weile im Gespräch.

Sie müssen eine schwierige Situation nicht vollständig lösen, damit Ihre Begleitung hilfreich sein kann. Manchmal entsteht ein guter Moment, obwohl die Sorge nicht verschwindet.

Beim nächsten Mal kann alles anders sein

Einige Tage später steht Frau M. wieder an der Eingangstür. Erneut sagt sie, dass ihre Kinder auf sie warten.

Sie setzen sich zu ihr und sprechen wieder über ihre Familie. Auch die Familienfotos liegen bereit. Dieses Mal geht Frau M. jedoch nur kurz auf das Gespräch ein. Sie steht wieder auf, schaut zur Uhr und möchte los.

Die Möglichkeit, die beim letzten Mal hilfreich war, erreicht Frau M. heute nicht. Das ist kein Fehler. Menschen und Situationen verändern sich. Deshalb muss auch die Begleitung offenbleiben.

Sie beginnen wieder mit dem Beobachten. Vielleicht braucht Frau M. heute eine andere Ansprache. Möglicherweise hilft ihr mehr Orientierung. Vielleicht passt Bewegung oder ein ruhiger Ortswechsel besser. Erst ihre Reaktion kann zeigen, ob ein neuer Versuch sie erreicht.

Bleiben Sie offen für die nächste Reaktion

Sie brauchen keine Lösung, die immer funktioniert. Bleiben Sie bei dem, was Sie wahrnehmen können. Probieren Sie eine Möglichkeit aus und achten Sie auf die Reaktion. Wenn der Versuch nicht hilft, dürfen Sie neu beginnen.

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