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Was am Ende wichtig ist…

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Im Gespräch mit Marion Matt über Sterbebegleitung bei Menschen mit Demenz

 

marion_matt

Hallo Frau Matt, stellen Sie sich doch bitte kurz vor.

Mein Name ist Marion Matt, ich bin 54 Jahre alt und habe eine abwechslungsreiche, nicht schnurgerade Berufsbiografie. Sie beginnt nach meiner Schulzeit mit einer Ausbildung zur Arzthelferin, geht über ein abgebrochenes Studium hin zu 5 Jahren Helferin in der Altenpflege, hinüber zum Studium der Heilpädagogik mit anschließenden verschiedenen Tätigkeiten in der Altenhilfe, Psychiatrie und in einem Arbeitslosenprojekt.
Diverse Zusatzqualifikationen ermöglichten mir einige Jahre der Freiberuflichkeit als Dozentin und Supervisorin bevor ich wieder eine feste Anstellung als Leitung eines Sozialdienstes in einem Seniorenzentrum annahm. Daneben bin ich freiberuflich weiterhin als Dozentin und als Beraterin in einem Demenzinfozentrum tätig.

Gab es für Sie einen besonderen Moment in dem Sie entschieden haben, Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen über die Sterbebegleitung bei Menschen mit Demenz weiterzugeben?

Es war nicht ein besonderer Moment, sondern eine Entwicklung.
Ich selber habe in den Jahren als Pflegehelferin, in denen ich auch 3 Jahre als Nachtwache tätig war, viele sterbende Menschen begleitet. Mehr intuitiv. Durch mein Studium und häufiges Hinterfragen konnte ich mir viel Reflexion und Bestätigung für mein Handeln holen. Nach vielen Gesprächen und Vorlesungen mit Ethikern und Gerontopsychiatern wusste ich aber auch, dass ich häufig einfühlsamer hätte begleiten können, wenn ich besser verstanden hätte. Eines Tages unterrichtete ich einen Altenpflegekurs an einem Fachseminar. Der war wissbegierig und wollte alles wissen über die Begleitung Sterbender und vor allem über die Begleitung von sterbenden Menschen mit Demenz. Ich kniete mich rein und wir verbrachten einige Tage in einer Wanderhütte in Klausur zu diesem Thema. Da war ich entflammt und wusste, da gibt es viel weiter zu geben.
Die Sterbebegleitung von Menschen mit Demenz ist für uns Pflege- und Betreuungskräfte im Alltag allgegenwärtig. Viele fragen sich, ob sie etwas falsch und wie sie es „richtig“ machen können.

Worauf, würden Sie sagen, kommt es bei der Begleitung am meisten an? Was muss ich mitbringen, damit ich Menschen, die im Sterben liegen, achtsam zur Seite stehen kann?

Am wichtigsten erscheint mir der achtsame Umgang mit mir selbst.
Ich erlebe in der Praxis häufig Überforderung auch durch Unsicherheit und Wissensdefizite. Überforderte, unreflektierte, unsichere Pfleger erkennen die Zeichen, die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz im Sterben nur schwer. Es kommt auf die Achtsamkeit mir gegenüber selber an, ich sollte meine Grenzen kennen und viel fragen… . Ich sollte meine Kraftquellen kennen und Reflexion und Schulung als Quelle erkennen.

In Pflegeeinrichtungen kommen wir oft in die Situation, dass wir die einzigen Menschen sind, die den Sterbenden auf ihrem letzten Weg zur Seite stehen. Und obwohl man sie eng begleiten möchte, kann man nicht immer da sein…
Was können Pflege- und Betreuungskräfte für sich tun, damit sie einerseits das nötige Einfühlungsvermögen haben, andererseits aber auch die gewisse Distanz, um das Erlebte nicht mit ‘nach Hause’ zu nehmen?

Wie ich oben schon bemerkte sollte ich meine Kraftquellen kennen und nutzen.
Es gibt Situationen, da nehmen wir das Erlebte mit nach Hause, wir trauern um jeden Bewohner unterschiedlich intensiv. Oft erkennen wir die Erlösung, ab und zu verabschieden wir uns von einem sehr lieb gewordenen Gefährten, wir erleben sehr schwierige Abschiede durch Schmerz und Angst geprägt, nicht loslassen können geprägt, wieder andere gehen klar und leise. Das nehmen wir zeitweise mit nach Hause. Da gehört es nicht hin. Meiner Meinung nach sollte die Einrichtung es ermöglichen, durch Supervision, Reflexion oder Schulung das Erlebte zu verarbeiten und da zu lassen wo es hin gehört, in der Einrichtung. Zumindest sollte ein kollegialer Austausch möglich sein. Ich kann Einrichtungen nur empfehlen, ambulante Hospizdienste in die Begleitung mit hinzu zu ziehen und alle MitarbeiterInnen zu schulen. Sicherheit hilft bei der Abgrenzung und Distanz.

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Sie geben am 08. Dezember diesen Jahres bei uns in Dortmund die nächste Fortbildung zur Sterbebegleitung, insbesondere von Menschen mit Demenz. Was erwartet die Teilnehmer?

Vor allem die Möglichkeit zur Reflexion der eigenen Grenzen.
Wo sind meine Kraftquellen, um „gesund“ begleiten zu können und natürlich geht es auch um Input, um sterbende Menschen allgemein sicherer begleiten zu können und die Herausforderung bei Menschen mit Demenz besser verstehen zu können.

Gibt es ein Buch, das sie unseren Lesern zu diesem sensiblen Thema empfehlen können?

– Alzheimer Europe Report, Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz am Lebensende*
– Schmidl, m.; Nicht verlassen werden bis zuletzt – palliative Betreuung von Demenzkranken und ihren Angehörigen

Können Sie vielleicht eine kleine Geschichte erzählen, die verdeutlicht, was Sie mit Ihrer Arbeit erreichen können?

Eine kleine Geschichte ist die von einem Teilnehmer aus einem Kurs für Betreuungsassistenten nach §87b. Wir thematisierten „Letzte Wünsche“ und „Wunschkost“ bei Sterbenden. Kurz nach dieser Seminareinheit erhielt ein junger Betreuungsassistent mit türkischem Migrationshintergrund von einem Bewohner mit Demenz die Anfrage, ob der junge Mann ihm nicht mal einen Döner mitbringen könne, er habe so etwas noch nie gegessen. Der Betreuungsassistent brachte 2 Döner mit, welche von beiden in einer ganz netten Atmosphäre gemeinsam verspeist wurden. Der alte Mann starb tags darauf. Der Betreuungsassistent reflektierte das Geschehene im Unterricht und war mehr als froh, dem alten Mann diesen Wunsch erfüllt zu haben. Danach wurde das Thema „Wünsche“ am Lebensende und Symbolsprache noch einmal aktualisiert und intensiviert. Die besten Geschichten schreibt das Leben nun mal.

Was wünschen Sie sich von der Zukunft?

Wissbegierige, offene Schüler, Seminarteilnehmer, Einrichtungen und Politiker.

Herzlichen Dank, Frau Matt!!!

Zur Internetseite: www.marionmatt.de







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Annika

© by Annika Schneider. Staatlich examinierte Ergotherapeutin.

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